angepasst zu sein, wollen sie nicht scheitern und an den sozialen Rand der Gesellschaft gedrängt werden (vgl. Sennett). Und eine zusätzliche Erhöhung des individuellen Drucks wird durch die anhaltende Idealisierung wirtschaftlichen Wachstums und des gesellschaftlichen Wohlstands verursacht.
In diesem Kontext weist Arne Schäfer 2007 in seinem Aufsatz Jugend im Wandel der Arbeitsgesellschaft auf Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hin, die immer wieder den „Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Humankapital“ (vgl. Schäfer) verdeutlichen. So betont er die Erkenntnis der OECD, dass sie „die Verfügbarkeit über qualifizierte und hochqualifizierte Fachkräfte als einen der Hauptfaktoren für gute Wachstumszahlen“ (vgl. Schäfer) betrachtet. Das bedeutet, dass sehr gut, nach Möglichkeit rasch ausgebildete und äußerst wandlungsfähige Arbeitskräfte notwendig sind, die im Rahmen des internationalen Wettbewerbs als unentbehrliche Schlüsselgröße eingesetzt werden müssen. Und wo, wenn nicht in den Bildungseinrichtungen eines Landes sollen die Menschen die nötige Wettbewerbsfähigkeit erhalten? Es sind hier also diejenigen Institutionen angesprochen, denen die Aufgabe zugewiesen wird, für die oben erwähnte Arbeits- und Wirtschaftswelt tatkräftige Arbeitnehmer auszubilden.
Es lässt sich deutlich erkennen, dass es Anstrengungen in der Bildungspolitik gibt, die versuchen sich den neuen Erfordernissen anzunehmen, indem sie sich bemühen, die Bildungssysteme anzupassen. „Dazu gehören zunächst die Bemühungen um eine Verkürzung der schulischen und hochschulischen, zum Teil auch der beruflichen Ausbildung“ (vgl. Lüders ). Damit ist die immer wieder virulent werdende Bildungsdebatte in Deutschland berührt. Ständige Veränderungen in den einzelnen Bundesländern, die aufgrund des Föderalismus in der Bildungspolitik für flächendeckende Uneinheitlichkeit sorgen, führen immer wieder zu Auseinandersetzungen. In diesen wird von einer zunehmend größer werdenden Zahl von Menschen eine Vereinheitlichung der Bildungslandschaft zugunsten höherer Bildungsqualität in der Bundesrepublik gefordert - Laut einer aktuellen Forsa- Umfrage sind es 80 Prozent der Bundesbürger. Erst im Juli 2010 hat die Entscheidung gegen einen gemeinsamen
Grundschulunterricht bis Klasse sechs in Hamburg erneut gezeigt, dass tatsächlich die Mehrzahl der Menschen mit zahlreichen Bildungsplänen der Landesregierungen nicht einverstanden ist. Ein weiterer Versuch einer Vereinheitlichung im Schulsystem auf Bundesebene, die bis zum Jahr 2016 in allen Ländern umgesetzt sein soll, ist Gy8. Die Schüler werden nach diesem Modell in allen Ländern das Abitur nach zwölf Jahren ablegen. Auch die Diskussion über eine frühere Einschulung
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von Kindern hat hier ihren Platz.
Enorme Veränderungen können nach Beginn der Bologna - Reformen ebenso an den Hochschulen beobachtet werden, „also die Einführung von Studiengebühren, von Bachelor- und Masterstudiengängen und die Modularisierung [die] unter anderem ausdrücklich auf eine Verkürzung der Ausbildung [hinwirken]“(Lüders). Hier mag die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens eine sinnvolle Idee sein. Doch zeigten die Bildungsstreiks in der vergangenen Zeit nicht nur auf Deutschlands Straßen, dass Studierende mitunter unzumutbaren Studienbedingungen ausgesetzt sind. Als Reaktion der Betroffenen zeigt sich dann nicht selten ein Studierverhalten, dass sich darin äußert, unter schlicht rationalen Überlegungen zu den erforderlichen Scheinen zu kommen oder schnell ein Auslandssemester in das Studium einzubauen, was sich äußerst gut in der Bildungsbiografie macht, da es darum geht, andere Konkurrenten bei Bewerbungen um Arbeitsplätze auszustechen. Es wird also deutlich, dass jungen Menschen in einer wenig zufriedenstellenden Bildungslandschaft und in immer kürzer werdenden Bildungsgängen mehr Wissen vermittelt werden soll. Teilweise überholtes Schul-Wissen wird mit vermeintlich moderneren, auf die realen Bedingungen zugeschnittenen Inhalten angereichert und muss nun von den Lehrenden vermittelt und von den Lernenden verarbeitet und reproduziert werden. Daraus resultieren für die Lernenden nicht selten Wochenstundenzahlen, wie man ihnen in der Arbeitswelt der Erwachsenen begegnet. Und wenn, wie zum Beispiel im Jahre 2003 bei der Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft über „eine verstärkte Ausrichtung des Bildungssystems an wirtschaftliche Erfordernisse bis hin zu einer weitgehenden Ökonomisierung der Steuerung des Bildungssystems“ (Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft 2003, S. 324) nachgedacht wird, sollte nicht vergessen werden, darüber zu reflektieren, welche langfristigen Konsequenzen das für junge Menschen, die später zu den Erwachsenen der Bevölkerung werden, haben wird. Schäfer weist in einem Aufsatz darauf hin, dass diese Konsequenzen von der Soziologie noch zu wenig erforscht worden sind, als dass sie gedankenlos in Kauf genommen werden können (vgl. Schäfer).
So also verändert die globalisierte Wirtschaft die Arbeitswelt. Diese Arbeitswelt benötigt flexiblere Menschen, welche in den Bildungseinrichtungen eine an die neuen Bedingungen angepasste Ausbildung erhalten sollen. Zwar gibt es in der Bildung Unternehmungen, Anpassungen vorzunehmen, die Betroffenen äußern aber in Protesten ihren Unmut, unter anderem über die auf den föderalen Strukturen basierende Bildungspolitik der Länder sowie den europaweiten Veränderungen im Hochschulwesen. Des Weiteren herrscht in der Soziologie noch weitgehend
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Unklarheit über die Folgen für die betroffenen Menschen, die eine weitere Ausrichtung des Bildungssystems an den Bedürfnissen der Ökonomie nach sich ziehen wird. Strukturveränderungen der Bildungs- und Ausbildungsinstitutionen sind keine isolierten Vorgänge, sie geschehen nicht entkoppelt von den Menschen die sie durchlaufen, sondern wirken sich auf sie aus.
Das führt zu der Frage, ob und zu welchem Preis sich die von der Politik und der Wirtschaft erhofften positiven Resultate bei der gegenwärtigen und geplanten Struktur der Bildungsgänge überhaupt einstellen. Erwacht dann nicht die Sorge, dass es den Menschen, die in einem zunehmend marktideologischen Bewusstsein aufwachsen nicht an Eigenschaften mangeln könnte, die ein menschliches Miteinander in einer immer rauer werdenden Umwelt erst ermöglichen? Die Vorstellung von einer Jugend, die ihre Zeit vornehmlich dafür aufwenden muss, ein ökonomisch erfolgreicher Faktor der Gesellschaft zu werden, und der zusehends weniger Zeit bleibt, sich selbst zu entdecken und über sich und die Welt in der sie lebt nachzudenken, ist meiner Ansicht nach wenig Zuversicht erweckend. Dass das weltweit bestehende und mehr oder weniger erfolgreiche kapitalistische
Wirtschaftssystem, auf deren Basis all diese Vorgänge sich abspielen und wir integriert sind, nicht einfach umgekrempelt werden kann, ist offensichtlich und von den herrschenden Eliten auch nicht beabsichtigt. Den Verantwortlichen sollten aber auch die dem Menschen drohenden psychosozialen Folgen bewusst gemacht werden, wenn er auf die oben beschriebene Weise die Kindheit und Jugendzeit durchläuft, mit dem primären Ziel, als vermeintlich perfekt gebildeter Lebensorganisator in die Arbeitswelt entlassen zu werden.
Auch dieser Mensch, ist Mensch, kann scheitern oder hat mal weniger Erfolg und wird dann menschlichen und sozialstaatlichen Zuspruch benötigen. Auf der anderen Seite wird es auch erfolgreiche Menschen geben, denen ehrliche Anerkennung für ihre erbrachte Leistung nicht vorenthalten werden darf. Wenn allerdings Egoismus, Narzissmus, Neid und Ängste die vorherrschenden Persönlichkeitsmerkmale werden sollten, wird es zwangsläufig vermehrt zu unerwünschten menschlichen Verhaltensweisen kommen, deren Konsequenzen sich in ihrem Ausmaß in den heutigen Industriemetropolen bereits andeuten.
Zusammenfassend kann man auch fragen: Haben Politik und Wirtschaft gute Aussichten auf Erfolg, bei der Umsetzung des Vorhabens, in allen gesellschaftlichen Bereichen und vor allem in der Bildung, die Ökonomie zur bestimmenden Größe zu machen? Wenn ja, ist dieser Erfolg nicht möglicherweise zu einseitig ökonomisch und führen diese Pläne aufgrund ihrer Ausrichtung nicht
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2010, Jugend - Verlierer des 21.Jahrhunderts?, München, GRIN Verlag GmbH
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