Inhalt Seite
1. Einleitung 2
2. Der Vampir als Phänomen des Volksglaubens 5
2.1 Definition und Etymologie des Vampirs 5
2.2 Vorläufer und verwandte Phänomene 7
2.3 Die Historie des Vampirmythos 8
2.3.1 Der Ursprung des Vampirglaubens 8
2.3.2 Christliche Einflüsse 9
2.3.3 Die Vampirhysterie und ihre Folgen 11
3. Der literarische Ursprung des Vampirgenres 13
4. Die Behandlung des Vampirstoffs im Zeitalter der Aufklärung 15
5. Die Romantik als Blütezeit des Vampirs 17
5.1 Die Schwarze Romantik und ihre Schauerliteratur 17
5.2 Das Vampirmotiv in der Epoche der Romantik 18
5.3 Die Darstellung der literarischen Vampirfigur im 19. Jahrhundert 26
5.4 Die sexualpsychologische Dimension des Vampirs 29
5.4.1 Der männliche Vampir 33
5.4.2 Der weibliche Vampir 34
6. Eine Suche nach vampiristischen Motiven in Goethes Braut von Korinth 36
6.1 Antike Quellen der Ballade 38
6.2 Der Vampir in der Braut von Korinth 40
6.3 Kontrastierende Interpretationsansätze 45
7. The Vampyre von John William Polidori oder Lord Byron? 47
7.1 Eine schwarzromantische Entstehungsgeschichte 47
7.2 Der byroneske Vampir in Polidoris Erzählung 50
7.3 Der Vampir als gesellschaftskritisches Instrument 53
7.4 Der Vampir in der romantischen Oper 57
8. Der Upyr von Alexej Konstantinowitsch Tolstoi 59
8.1 Analyse des Vampirischen und Unheimlichen in Tolstois Upyr 62
9. Die Entwicklung der Vampirliteratur im 20. Jahrhundert 67
10. Schlussbetrachtung 77
11. Literaturverzeichnis 82
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1. Einleitung
„Es ist Nacht. Eine dunkle Gestalt, nur schemenhaft zu erkennen, schleicht sich im Dunkeln unbemerkt an einen Menschen heran. Im Mondlicht kann man nur die spitzen,
scharfen Zähne erkennen…“ 1 Unweigerlich handelt es sich hierbei um die Schilderung eines Vampirangriffs. Doch woher stammt diese? Sie könnte aus einer Erzählung eines antiken Geschichtenerzählers aus Homers Zeiten entnommen oder von einem Romanautor des 19. Jahrhunderts verfasst worden sein oder aber gleichfalls aus einem Kinofilm des letzten Sommers hervorgehen. Es treffen viele Möglichkeiten zu, welche die Annahme
verstärken, dass das Motiv des Vampirs 2 die Jahrhunderte überdauert hat. Die Gestalt des blutsaugenden Wiedergängers hat sich zu einem beliebten literarischen Motiv entwickelt. Als angsteinflößendes Monster, erotisches Ungeheuer oder auch bleiche Gestalt, die seine Opfer zähnefletschend verfolgt, wandelt es durch zahlreiche Filme, Gruselgeschichten, Lieder, Comics, Werbungen oder PC-Spiele. Doch worin fundiert sich eine solche Faszination des Vampirmythos? Die Gesellschaft nimmt den Urglauben des Wiedergängers als gegeben hin, doch stellt sich dabei die Frage, was ein Vampir überhaupt ist und wie sich der Glaube an solche Wesen erst entwickeln konnte. Besonders die fiktive Literatur wurde vom Vampir weltweit erobert. Als literarisches
Motiv nahm die Vampirgestalt bereits in antiken Dichtungen ihren Anfang. 3 Während der ausbrechenden Vampirpanik im 18. Jahrhundert fand die Thematik in der Belletristik jedoch keine Geltung, dafür allerdings in der Wissenschaft. Lediglich Heinrich August Ossenfelders Gedicht Der Vampyr aus dem Jahre 1748 bildete als literarische Reaktion auf die Vampirberichte die Ausnahme und galt gleichzeitig als erster fiktionaler Text in Europa, der diese Motivik aufgriff. Erst auf der Schwelle zum 19. Jahrhundert und mit dem Beginn der Romantik nahm der Vampir eine herausragende Stellung in der fiktiven Literatur ein und bildete ein besonders spektakuläres Instrument der sogenannten Schwarzen Romantik, welche darauf bedacht war, die Nachtseiten der menschlichen Natur darzustellen. Mit der Figur des Vampirs „verbindet sich ein komplexes Bündel an Vorstellungen über die Abgründe der menschlichen Psyche, über das Verhältnis der
1 Döring, Ramona: Vom Monster zur Identifikationsfigur: der Vampirmythos im Wandel. In: Mythen in der Kunst. Hrsg. von Hans Körner. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004 (= Mythos No. 1). S. 281.
2 Hinweis: Im Folgenden wird vornehmlich das generative Maskulinum gebraucht, jedoch gilt dieses für beide Geschlechter.
3 Beispiele für antike Dichtungen mit vampirischen Motiven bilden Ovids Fasti oder Homers Odysee. Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 23.
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Geschlechter, über Liebe, Sexualität und Tod und deren Beziehung zur Kunst.“ 4 Besonders starke Aufmerksamkeit beim Publikum erreichte der Vampir mit Abraham „Bram“ Stokers Dracula von 1897, welcher wohl als der berühmteste Vampirroman gelten kann. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Figur des Blutsaugers weiter zu einem bedeutungsvollen Element der Horrorliteratur, wurde jedoch gleichzeitig Opfer von
Trivialisierungsversuchen. 5 Die Verwendung des Sujets erfährt auch im 21. Jahrhundert enormen Zuspruch, wie beispielsweise an der Biss-Jugendbuchreihe (2005-2009) der amerikanischen Autorin Stephanie Meyer deutlich wird.
Zu Beginn der vorliegenden Untersuchung soll zunächst der Vampir als ein Phänomen des Volksglaubens analysiert werden. Hierbei findet nicht nur eine etymologische Betrachtung und Definition des Begriffes statt, nebst einer Darstellung von verwandten Phänomenen. Ebenfalls soll der Vampirmythos hinsichtlich seiner Historie, seinen Einflüssen und Folgen erläutert werden. Anschließend gilt es, die Figur des Vampirs im Laufe der Literaturgeschichte darzustellen und zu untersuchen, denn der Vampir des Volksglaubens ist klar von dem literarischen Vampir zu unterscheiden. Es stellt sich die Frage, ob der literarische Ursprung des Vampirgenres tatsächlich in der antiken Dichtung liegt oder es schon früher Werke mit vampirischen Motiven gab. Des Weiteren soll die Verwendung des Vampirmotivs im Zeitalter der Aufklärung vorgestellt werden. Das besondere Augenmerk der bevorstehenden Analyse wird dabei jedoch auf die Epoche der Romantik gerichtet werden, innerhalb welcher der Vampir ein stark verbreitetes literarisches Aufkommen erfuhr und von dieser Zeit an bis ins 21. Jahrhundert hinein einen regelrechten Vampir-Boom auslöste. Im 19. Jahrhundert erlangte der Vampirmythos in der Dichtung eine enorme künstlerische Bedeutung, weil er von da an nicht mehr nur ausschließlich historisches, sondern gleichfalls ästhetisches Interesse erweckte. Dabei gilt es herauszufinden, warum sich erst die romantische Schule für die Aufnahme des Vampirstoffes bereit zeigte und wie sie die Figur des Vampirs darstellte und in der Literatur verwendete. Zudem soll die erotische Dimension des Vampirs, wie sie besonders bei seinen Angriffen oder seiner Vernichtung zu bemerken ist, eruiert werden. Hierzu wird eine differenzierte Beleuchtung des weiblichen und des männlichen Vampirs in der Literatur des 19. Jahrhunderts stattfinden.
4 Claes, Oliver: Fremde. Vampire: Sexualität, Tod und Kunst bei Elfriede Jelenik und Adolf Muschg. Bielefeld: Aisthesis 1994. S. 30.
5 Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 23ff.
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Um das Vampirmotiv in der romantischen Epoche exemplifizierend zu veranschaulichen, sollen ein deutsches, ein englisches und ein russisches Werk herangezogen werden. Für die Analyse des Sujets wurden Die Braut von Korinth (1797) von Johann Wolfgang von Goethe, The Vampyre (1816) von John William Polidori und Upyr (1841) von Graf Alexej
Konstantinowitsch Tolstoi ausgewählt. 6 Bei Goethes Ballade soll besonders der Frage nachgegangen werden, was den Weimarer Dichter zu seinem „Vampyrische[n] Gedicht“ 7 inspirierte. Da die Forschungsansichten bezüglich des vampirhaften Sujets stark divergieren, wird ebenfalls dieser literaturwissenschaftliche Diskurs kurz aufgezeigt werden.
Die Entstehungsgeschichte zu Polidoris The Vampyre ist beinah genauso romanhaft und phantastisch wie die Erzählung selbst. Sie wird, neben einer gesellschaftskritischen Analyse des Werkes, eine flüchtige Betrachtung erfahren. Polidori hatte viele Nachahmer, besonders im Bereich des musikalischen Genres, weshalb die Bühnenadaptionen des Werkes und sein vampiristischer Einfluss auf die romantische Oper erläutert werden sollen. Tolstois Novelle weist eine sehr komplizierte und verschachtelte Erzählweise auf, bei welcher nicht nur der Protagonist, sondern auch der Leser kaum „Trug von Wahrheit [zu]
unterscheiden“ 8 vermag. Sein Spiel mit dem vampirischen Thema vermischt sich mit zahlreichen verschiedenen Elementen des Horrorgenres, welches aufgezeigt und analysiert werden soll.
Um eine umfassende literaturgeschichtliche Analyse der Verwendung der Vampirfigur in der Literatur erstellen zu können, ist es ebenfalls Aufgabe, auch das 20. Jahrhundert zu betrachten und dem einen Ausblick auf das Vampirmotiv im 21. Jahrhundert folgen zu lassen.
Seit dem beginnenden 19. Jahrhundert interessierte sich sowohl die Leser- als auch die Autorschaft für die Motive der Phantastik, wie Gespenster, Monster, Teufel und auch
6 Der Fokus der Untersuchungen wird ausschließlich auf die Darstellung des Vampirmotivs in den literarischen Werken der romantischen Epoche gelegt. Im Rahmen dieser Arbeit wird daher allein die Untersuchung des Sujets und keine vergleichende Analyse der Werke vorgenommen. Ein Vergleich würde vorwiegend Differenzen statt Konvergenzen deutlich machen und somit ausschließlich den Kontrast der Dichtungen betonen. Die einzige Gemeinsamkeit der Werke ist nämlich die Tatsache, dass die Autoren auf eine Darstellung der vampirischen Figur nach der festen Ikonographie, mit der der slawische Volksglaube die Vampirgestalt ausstaffierte, verzichteten. Dies lässt sich jedoch auch in genügend anderen romantischen Schauerromanen, wie zum Beispiel Die liebende Tote von Théophile Gautier oder Carmilla von Sheridan Le Fanu, vorfinden.
7 Goethe ueber seine Dichtungen. Versuch einer Sammlung aller Aeusserungen des Dichters ueber seine poetischen Werke. Theil 3: Die lyrischen Dichtungen. Band 1. Hrsg. von Hans Gerhard Gräf. Frankfurt a. M.: Rütten & Loening 1912. S. 274f.
8 Tolstoi, Alexej K.: Der Vampir. (Aus dem Russ. übers. v. Werner Creutziger). Berlin/ Weimar: Aufbau-Verlag 1972 (= BB 239). S. 77.
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Vampire. Diese Arbeit greift das schwarzromantische Motiv des Vampirs heraus und setzt sich grundlegend das Ziel, dessen Verwendung in der Literaturgeschichte und besonders zur Zeit der Romantik aufzuzeigen. Gleichfalls verfolgt die Analyse den Zweck, die Figur des Wiedergängers den Kritik- und Trivialisierungsversuchen nicht völlig anheimfallen zu lassen. Der Vampirmythos verlor niemals seinen Platz in der menschlichen Phantasie und seine literarische Bearbeitung ist auch heute noch von enormem Interesse. Somit darf er der modernen literaturwissenschaftlichen Analyse keinesfalls entzogen werden. Vielmehr sollte der kausalen Frage nachgegangen werden, warum er bis in das moderne Zeitalter hinein immer noch so starke Präsenz aufweist.
2. Der Vampir als Phänomen des Volksglaubens
2.1 Definition und Etymologie des Vampirs
In der Volkskunde galt ein wiederkehrender Toter, der nachts aus seinem Grabe stieg und den Lebenden das Blut aussog, als Vampir. Sie waren als Blutsauger bekannt, da sie Blut benötigten, um ihr halbtotes Leben fortführen zu können. Der „Saft des Lebens“ - das Blut - besaß angeblich besondere Eigenschaften, wodurch er zum Objekt der Begierde wurde, denn mit ihm konnten die Vampire sich das Prinzip des Lebens einverleiben und damit die
Endgültigkeit ihres Todes unterlaufen. Des Weiteren wurden sie auch als „Wiedergänger“ 9 oder „Nachzehrer“ 10 bezeichnet. Während die Wiedergänger als dem Grabe entstiegene Gespenster Angst und Schrecken verbreiteten, blieben die Nachzehrer in ihrem Grab und verzehrten dort ihr Totengewandt und nagten ihren Körper an. Diese beiden Klassen von Untoten galten als böswillig und als Auslöser von Krankheiten und Tod. Der Vampir
bildete als Blutsauger eine Abart der Wiedergänger. 11 Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens besagt, dass der Nachzehrer es vermochte, andere Menschen auf gewisse Weise nach sich in den Tod zu ziehen. Wenn der Vampirangriff erfolgreich war, so waren seine Opfer mit der Vampirkrankheit angesteckt und ebenfalls zu einem Dasein zwischen Leben und Tod verdammt. Ein Nachzehrer konnte
9 [Art.] Nachzehrer. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band VI. Hrsg. von E. Hoffmann-Krayer. Berlin/ Leipzig: de Gruyter 1934/35. S. 812.
10 Ebd.
11 Vgl. Kroner, Michael: Dracula. Wahrheit, Mythos und Vampirgeschäft. Heilbronn: Johannis Reeg Verlag 2005. S. 57.
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daran erkannt werden, dass bei ihm keine Totenstarre einsetzte und seine Augen sowie sein
Mund, bei welchem die Lippen noch rot waren, geöffnet blieben. 12 Der Volksglaube unterschied zwischen dem lebenden Vampir, der nach seinem Tod zu einem gefürchteten Blutsauger mutierte und dem vampirischen Gespenst, das von dem Leichnam ausging, um sich das Blut der Lebenden zu holen. Wenn der Verdacht bestand, dass ein Vampir umherging, so wurde der verdächtigte Leichnam ausgegraben und untersucht. Konnten keinerlei Verwesungsmerkmale festgestellt werden, sondern Auffälligkeiten wie rosige Haut oder Blut am Mund, so wurde die Leiche, um weiterem Unheil entgegenzuwirken, geköpft, mit einem Holzpflock in die Brust gepfählt oder verbrannt. Alte Berichte sprechen von einem großen Blutfluss der Leichname während der Vampirexekution oder gar einem Röcheln, als der Pfahl durch das Herz geschlagen
wurde. 13
Historische Schriften besagen außerdem, dass der Vampir in verschiedenen Gestalten erscheinen konnte. Neben den Möglichkeiten als Mensch, Wolf, Ziege, Pferd, Frosch, Hund, Katze, Schlange oder Schmetterling in Erscheinung zu treten, war die bekannteste Variante, die der Fledermaus. Eine Fledermausart aus Südamerika ist sogar unter dem Namen des Vampyrs bekannt. Diese Art ist allerdings ungefährlich, ernährt sie sich doch
allein von Insekten und Früchten. 14
Die Bezeichnung Vampir für einen blutsaugenden Toten trat in Deutschland zum ersten Mal 1732 in medizinischen und philosophischen Abhandlungen auf, die sich mit Fällen
von Vampirismus auf dem Balkan beschäftigten. 15 In Schlesien und Preußen kannte man neben Blutsauger auch die Bezeichnungen Gierrach, Gierhals und Unbegier. Johann Christoph Harenberg hegt in seinem 1733 erschienenen Buch Vernünftige und christliche Gedancken über die Vampirs die Vermutung, dass sich das Wort Vampir aus dem griechischen vam für «Blut» und dem altdeutschen piren für «begierig nach einer Sache trachten» zusammensetzt. Michael Ranft polemisiert in seinem Traktat Von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern von 1734 gegen diese unhaltbare etymologische Erklärung, da sie das Wort aus zwei unterschiedlichen Sprachen herzuleiten versucht. Stefan Hock schreibt in seinem Werk Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der
12 Vgl. [Art.] Nachzehrer. In: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band VI. Hrsg. von E. Hoffmann- Krayer. Berlin/ Leipzig: de Gruyter 1934/35. S. 812ff.
13 Vgl. Equiamicus, Nicolaus: Vampire damals und heute: eine Chronologie. Diedorf: Ubooks-Verlag 2010. S. 45.
14 Vgl. Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Hrsg. von Dieter Sturm u. Klaus Völker. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003 (= Phantastische Bibliothek, Band 306) S. 525.
15 Vgl. Ebd. S. 506.
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Literatur, das Wort Vampir käme vom Serbischen вампир, kann allerdings keine Wortbedeutung angeben. Eine eindeutig etymologische Herkunft des Wortes Vampir lässt sich demnach nicht nachweisen. Die serbische Bevölkerung gebrauchte es für den
Blutsauger und diese Bedeutung soll ihm auch in dieser Arbeit zugemessen werden. 16 Es ist wichtig zwischen den Vampiren, wie sie im Volksglauben existieren, und Vampiren, die sich in der Literatur und im Film als blutsaugende Gestalten entwickelt haben, zu unterscheiden. Es herrschte nicht immer ein einheitlicher Vampir-Typus und wie oben festgehalten, unterscheidet selbst der Volksglaube nicht immer klar zwischen den verschiedenen Arten von Untoten.
2.2 Vorläufer und verwandte Phänomene
Der Ursprung des Vampirglaubens lässt sich bis in die
antike Welt zurückverfolgen. Die griechisch-römische Zivilisation kannte zwar noch nicht die aus ihren Gräbern zurückkehrenden Toten, wohl aber die blutsaugenden Nachtgeister Lamien (siehe Abbildung 1) und Empusen, welche ihre menschlichen Opfer im Schlaf verfolgten und töteten. Sie besaßen die Fähigkeit, dem Menschen, dem sie nachstellten, Dinge vorzugaukeln, welche gar nicht existierten und ihre Gestalt so zu ändern, dass sie wie Menschen aussahen. In ihrer Vorgehensweise sind sie jedoch zu unterscheiden. Während die Empuse verführerisch ist und mit ihrer Beute spielt, ist die Lamia hingegen meist weniger sensibel und holt sich sofort, was sie benötigt. Die
Empusen stellten vornehmlich jungen Männern nach, indem sie sich in schöne Frauen verwandelten, jene verführten und ihnen beim Geschlechtsakt die Lebenskraft raubten, wodurch diese anschließend erkrankten und starben. Sie töteten Männer aber auch sofort
und fraßen ihnen das Fleisch von den Knochen. 17
16 Vgl. Equiamicus, Nicolaus: Vampire damals und heute: eine Chronologie. Diedorf: Ubooks-Verlag 2010. S. 43f.
17 Vgl. Ebd. S. 17f.
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Auch die Lamien waren gespenstische Frauen, die schöne Jünglinge und ebenso Kinder mit Hilfe ihres Blendwerkes anlockten, um ihnen das Blut auszusaugen und ihr Fleisch zu genießen:
Schon einzelne Motive der Sage von Lamia, jener Geliebten des Zeus, die durch die eifersüchtige Hera dem Wahnsinn verfiel, ihre Kinder tötete und vor Kummer häßlich wurde und schließlich in schlaflosen Nächten anderen Müttern die Kinder raubte, weisen deutlich genug auf den alten Vampirglauben hin. In nachklassischer Zeit vermischen sich die Lamien mit den Vampiren der slawischen Einwanderer. 18 Jedoch unterscheiden sich die Lamien und Empusen von der slawischen Ausprägung des Blutsaugers insofern, als ihnen das entscheidende Kriterium des Wiedergängers fehlt: Sie sind nicht als Phantom eines bestimmten Verstorbenen konkret identifizierbar, sondern
existieren als abstrakte gesichtslose Spuk- und Fabelwesen, 19 wie beispielsweise in der Walpurgisnacht im II. Teil des Fausts von Johann Wolfgang von Goethe. 20
2.3 Die Historie des Vampirmythos
2.3.1 Der Ursprung des Vampirglaubens
Der Glaube an wiederkehrende Tote und Blutsauger war seit der Frühzeit der Menschen in allen Kulturkreisen bekannt. Die älteste Darstellung solcher Wesen ließ sich bereits auf babylonischen Zylindersiegeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. finden (siehe Abbildung 2). Und sogar die alten Mythen der Inder, Chinesen, Juden, Araber und Römer enthielten schon vampirähnliche Wesen. Die auffallendste Parallele war jedoch in Afrika anzutreffen. Dort wurde der Glaube vertreten, dass Zauberer nach ihrem Tod zu Blutsaugern
18 Von denen Vampiren oder Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Hrsg. von Dieter Sturm u. Klaus Völker. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2003 (= Phantastische Bibliothek, Band 306) S. 508.
19 Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 15.
20 Vgl. von Goethe, Johann Wolfgang: Faust. Zweiter Teil. In: Goethes Sämtliche Werke. Jubiläums-Ausgabe. 14. Band. Hrsg. v. Eduard von der Hellen. Stuttgart/ Berlin: Cotta 1906. S. 120ff.
8
werden und anschließend Tieren und Menschen das Blut aussaugten sowie Leute im Schlaf
durch Aufhocken quälten. 21
Die Vorstellung von blut- und fleischverzehrenden Ungeheuern war genauso stark verbreitet wie die Angst vor einer möglichen Rückkehr der Toten in das Reich der Lebenden. In vielen Gebieten Europas fürchtete sich die Bevölkerung vor Wiedergängern, die ihre Opfer heimsuchten. Bereits Ende des 12. Jahrhunderts ließen sich in England
vereinzelt Fälle von Revenants 22 nachweisen, während derartige Wesen in Deutschland erst im Jahre 1337 auftraten. Dokumente dieser Zeit berichten von Verstorbenen, die einige Zeit nach ihrer Bestattung aus ihren Gräbern stiegen, einzelne Bewohner des Dorfes beim Namen riefen und somit den Tod der genannten Person herbeiführten. In Schlesien soll als Variante des Wiedergängers besonders der Nachzehrer vertreten gewesen sein. Er zog seine Verwandten ins Grab, indem er unter lautem Kauen und Schmatzen im Sarg sein Leichentuch und Teile seines Körpers vertilgte. Da diesen Untoten jedoch die charakteristische Eigenschaft des Blutraubens fehlt, können sie bloß als Verwandte oder Vorläufer des Vampirs eingestuft werden. Erst im Volksgauben der Balkanländer, die als politisches und religiöses Grenzgebiet zwischen Europa und Asien jahrhundertelang unterschiedlichen Kultureinflüssen ausgesetzt waren, entstand durch die Verschmelzung der europäischen Figur mit der des orientalisch-antiken Blutsaugers die besondere Gestalt des blutrünstigen Revenants. Von dort aus verbreitete sich der Mythos in ganz Ost- und
Mitteleuropa. 23
2.3.2 Christliche Einflüsse
Bei der Verbreitung des Vampirglaubens spielte auch die römisch-katholische Kirche eine nicht unerhebliche Rolle. Um unter der islamischen Bevölkerung des Balkans ihre eher unbedeutende Position behaupten zu können, machte sie sich um 1600 die dort verstärkt herrschende Furcht vor blutsaugenden Revenants zunutze, indem sie derartige Wesen zu Verbündeten des Teufels erklärte, welche das menschliche Seelenheil bedrohten. Somit wurden die ideologiefreien Schreckensfiguren ihrem heidnischen Umfeld enthoben und als
21 Vgl. Kroner, Michael: Dracula. Wahrheit, Mythos und Vampirgeschäft. Heilbronn: Johannis Reeg Verlag 2005. S. 59.
22 Geist, der aus einer anderen Welt wiederkehrt. Vgl. [Art.] Revenant. In: Meyers Konversations-Lexikon. Eine Encyclopädie des allgemeinen Wissens. Band 13: Phlegon - Rubinstein. 4. Auflage. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts 1888. S. 765. In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff des Revenants synonym für den des Vampirs verwendet.
23 Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 15f.
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warnendes Mahnmal in einen christlichen Kontext gesetzt. In der volkstümlichen Vorstellung genügte es zum Beispiel bereits mit einem Zahn auf die Welt zu kommen, als siebtes Kind einer Familie geboren zu werden oder Opfer eines nicht gerächten Mordes zu sein, um sich nach dem Tod in einen Vampir zu verwandeln. Nachdem sich die römische Kirche des slawischen Mythos angenommen hatte, drohte auch derjenige als Vampir aus seinem Grab zurückzukehren, der in irgendeiner Form gegen die kirchlichen Gesetze verstoßen hatte. Dazu gehörten neben Verbrechern, Exkommunizierten und Toten ohne Sterbesakramente auch Personen, die sich okkulten Wissenschaften oder der schwarzen Magie verschrieben hatten. Sowohl die Vernichtungs- als auch die Schutzmöglichkeiten erhielten in dem modifizierten Aberglauben eine speziell christliche Bedeutung. In erster Linie galten zum Beispiel lediglich Personen als sicher vor einem Vampirangriff, die ein frommes Leben führten und die Gesetze der Kirche befolgten. Auch die endgültige Zerstörung eines Wiedergängers war ohne die Kirche unmöglich, da nur ein Priester, als
ein Diener Gottes, die Exekution erfolgreich vornehmen konnte. 24 Weiterhin stellte der Vampirismus durch seine Hauptmerkmale, wie Unverwesbarkeit und dem Weiterleben nach dem Tod, wichtige Grundsätze der christlichen Lehre über die Auferstehung des Menschen beim Jüngsten Gericht durch die Gnade Gottes in Frage. Der Benediktinermönch Augustin Calmet schrieb 1744 in der ersten Auflage seines Werkes Gelehrte Verhandlungen von den sogenannten Vampiren oder zurückkommenden Verstorbenen, dass der Vampirglaube nicht gegen christliche Glaubensgrundsätze verstoße, weil Gott die Menschen durch Vampire strafen wollte. Als Papst Benedikt XIV. 1749 den Vampirismus jedoch zur Wahnvorstellung erkrankter Menschen erklärte, änderte auch Calmet in der zweiten Auflage seines Buches 1749 seinen Standpunkt und erklärte nun alle Berichte über Vampire als Blendwerk und gab als Ursache die schlechte Ernährung bei den
Balkanvölkern an. 25
Somit nutzte die Kirche den Vampirglauben zwar für sich, um ihre Machtstellung auszubauen. Doch nachdem sie die blasphemische Umkehrung des Mythos, zum Beispiel in Hinsicht auf die Auferstehung, erkannte, wollte sie das christliche Modell schützen und sah sich gezwungen die abergläubischen Vorstellungen zu widerlegen.
24 Vgl. Ebd. S. 16f.
25 Vgl. Kroner, Michael: Dracula. Wahrheit, Mythos und Vampirgeschäft. Heilbronn: Johannis Reeg Verlag 2005. S. 62f.
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2.3.3 Die Vampirhysterie und ihre Folgen
Die blutraubende Vampirgestalt fand ihre klassische Erscheinung besonders im 17. und 18. Jahrhundert. Laut Untersuchungen Calmets sollen Vampire auf dem Balkan um 1680 aufgetreten sein. Auch für die in Südosteuropa umhergehende Pestepidemie 1709 wurden Vampire verantwortlich gemacht. Infolgedessen kam es in den 20er- und 30er-Jahren des 18. Jahrhunderts zu einer regelrechten Vampirpanik. Der Vampirglaube wurde durch die Todesfälle zweier Männer in Serbien enorm verstärkt. Es handelte sich hierbei um Peter Plogosovitz, verstorben 1725 in Kislova, und Arnold Paole, verstorben 1732 in Medvegia. Nach ihrem Tod brach eine unbekannte Krankheit aus, die mehrere Menschen dahinraffte. Es fanden sich in beiden Fällen Zeugen, die behaupteten Plogosovitz und Paole nachts als Vampire gesehen zu haben und dass diese ihnen Blut entzogen hätten. Daraufhin wurden ihre Gräber geöffnet und man fand die Leichen unverwest sowie angefüllt mit Blut vor. Beiden Leichnamen wurde daraufhin ein Pfahl ins Herz getrieben, um sie als Vampire
unschädlich zu machen. 26
Das Zeitalter der Aufklärung sah sich mit zahlreichen
weiteren Vampirberichten, etliche davon aus Deutschland stammend, konfrontiert. Die gelehrte Welt der Professoren, Mediziner, Philosophen und Theologen versuchte die anscheinend offensichtlichen Vampirerscheinungen zu erklären oder zu widerlegen. Nicht wenige neigten sogar dazu, dem Glauben an Vampire zu verfallen. So zum Beispiel Jean-Jacques Rousseau: „Wenn es jemals in der Welt eine bewiesene und geprüfte Geschichte gab, dann die der Vampire. Es fehlt an nichts: Offizielle Berichte, Zeugenaussagen von Gewährspersonen, von Chirurgen, von
Priestern, von Richtern: Die Beweise sind vollständig.“ 27 Im Jahre 1734 veröffentlichte der Diakon Michael Ranft erstmals sein Traktat Von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern (siehe Abbildung 3) und lieferte damit
26 Vgl. Ebd. S. 60.
27 Steinhauer, Eric W.: Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs. Hagen-Berchum: Eisenhut-Verl. 2011 (= Bibliothope, Bd. 1). S. 48f. „S’il y eût jamais au monde une histoire garantie et prouvée, c’est celle des vampires. Rien ne manque: rapports officiel, témoignages de personnes de qualité, de chirurgiens, de prêtres, de juges: l’evidence est complete.”, Vgl.: Valls de Gomis, Estelle: Le vampirs au fil de siècles. Enquête autour d’un mythe. Cheminements 2005. S. 68.
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das erste Standardwerk zum Vampirglauben. Er tat die Vorkommnisse nicht von vornherein als Aberglauben ab, bemühte sich aber zumindest um eine natürliche Erklärung der Phänomene. So erklärte er zum Beispiel das Kauen und Schmatzen durch Tiereinflüsse an Gräbern, die unzulänglich abgedeckt worden sind. Die plötzlich auftretenden Todesfälle in der Umgebung eines angeblichen Vampirs seien durch die Pest verursacht worden. Und für die verlangsamte Verwesung sah er die Ursache in chemischen Vorgängen oder besonderen Eigenschaften der Erde. Demnach war er bereits der Ansicht, dass vom
Stadium des Leichnams bis zu seiner Verwesung noch gewisse Kräfte am Werk sind. 28 Im 18. Jahrhundert entstanden zahlreiche Theorien über das Vampirwesen, doch eine sollte ganz besonders an Bedeutung gewinnen. Es handelt sich hierbei um die Annahme, dass zwischen dem Hexenwahn, genauer dessen Schwinden, und der Vampirhysterie ein enger Zusammenhang bestand. Der Niedergang der Hexen soll durch den Aufstieg der Vampire nahtlos abgelöst worden sein. Nicht die aufklärerischen Bemühungen sollen den Hexenwahn beendet haben, sondern vielmehr die Suggestionskraft der Vampire soll zu
seiner Verdrängung geführt haben, nachdem erste Skandalfälle publik wurden. 29 In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts flaute die Vampirpanik allmählich ab. Damit der unbändige Vampirglaube endlich aus dem öffentlichen Diskurs verschwinden konnte,
wurde von Maria Theresia 30 ein Verbot ausgesprochen. Sie schickte 1755 ihren Leibarzt nach Mähren, um die dortige Vampirplage aufzuklären. Sein nüchterner, erklärender Bericht veranlasste sie zu einem Vampir-Erlass, der alle traditionellen Prozeduren untersagte und verfügte, dass Hinweise auf auferstandene Tote nicht länger der Kirche,
sondern den Behörden zu melden seien. 31
Doch trotz dessen verschwand der Glaube an untote Wiedergänger keineswegs aus den Köpfen der Menschen. Rituelle Hinrichtungen von vermeintlichen Vampiren sind noch bis in unsere Tage nachweisbar. Etwa 1870 erregten in Westpreußen, Pommern und Mecklenburg eine Reihe von sogenannten Vampirprozessen Aufsehen. Aufgrund mehrerer Fälle von Leichenschändung und Friedhofsentweihung, hatte die ländliche Bevölkerung Untote in den Gräbern vermutet. 1913 wurde in einem Dorf bei Danzig die Leiche einer Frau, nach
28 Vgl. Ranft, Michael: Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern, worin die wahre Beschaffenheit derer Hungarischen Vampyrs und Blut-Sauger gezeigt, auch alle von dieser Materie bißher zum Vorschein gekommene Schrifften recensiret werden. Leipzig: Teubner’s Buchladen 1734. I. Teil § 47. II. Teil § 19, 20.
29 Vgl. Borrmann, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München: Diederichs 1998. S. 57f.
30 Maria Theresia (1717-1780): Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen.
31 Vgl. Meurer, Hans: Vampire. Die Engel der Finsternis. Der dunkle Mythos von Blut, Lust und Tod. Freiburg i. Brsg.: Eulen-Verlag 2001. S. 54.
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deren Tod sieben Menschen verstarben, von ihren Angehörigen ausgegraben und geköpft. Im Jahre 2003 wurde in Rumänien von dem Wissenschaftler Peter Mario Kreuter der Dokumentarfilm Der Vampirjäger erstellt. Darin wurden Fälle von Pfählungen und Toten genannt, von denen man annahm, dass sie Vampire seien. Sogar ein 15-Jähriger soll 2002 in dem Dorf Lipov exhumiert und gepfählt worden sein. Wie stark sich der Aberglaube auch im 21. Jahrhundert noch hält, zeigte der Vorfall einer jungen Nonne, die 2005 in einem rumänischen Kloster bei einer Teufelsaustreibung ums Leben kam. Der Prior des orthodoxen Klosters hatte mit vier weiteren Nonnen die angeblich Besessene an ein Holzkreuz gekettet und geknebelt. Nach drei Tagen am Kreuz, ohne Nahrung und Wasser, verstarb die 23-Jährige am 15. Juni 2005. Deutsche Zeitungen vermeldeten im gleichen Jahr die Nachricht, dass die katholische Kirche den Kampf gegen den Teufel verschärfte. Die Faszination des Teufels sei auf dem Vormarsch, weswegen die Priester durch
Exorzismus-Seminare gründlich vorbereitet werden müssten. 32 Angesichts solcher Nachrichten ist es nicht verwunderlich, dass der Vampirkult bis zur heutigen Zeit anhält. Doch nach seiner Ablehnung als Aberglaube schlief der Vampir keineswegs den Schlaf der normalen Toten. Spätesten mit dem Auftakt der Romantik sollte sich dies offenbaren: Nun erobert er die fiktive Literatur und hält darin seine herausragende Stellung bis in unsere Gegenwart. Seine heutige Position kann er überdies durch die modernen Medien ausbauen, in denen er glänzt wie kein anderes Geschöpf der Nacht neben ihm, woraus ersichtlich wird, daß weder Aufklärung, noch Pflock und Scheiterhaufen dem Vampir ernsthaft schaden können! 33
3. Der literarische Ursprung des Vampirgenres
Das Vampirprinzip weist eine sehr umfassende Präsenz auf, was es durchaus erschwert, die fiktive Vampirliteratur vollständig zu überblicken. Es erscheint geradezu unmöglich präzise festzulegen, wann und wo sich das Vampirgenre entwickelt hat. Heutzutage wird die Vampirliteratur vorwiegend der phantastischen Literatur zugeordnet. Roger Caillois liefert eine überzeugende Definition zu dieser Kategorie: Im Phantastischen […] offenbart sich das Übernatürliche wie ein Riß in dem universellen Zusammenhang. Das Wunder wird dort zu einer verbotenen Aggression, die bedrohlich wirkt und die Sicherheit einer Welt zerbricht, in der man bis dahin die Gesetze für allgültig und unverrückbar gehalten hat. Es ist das
32 Vgl. Kroner, Michael: Dracula. Wahrheit, Mythos und Vampirgeschäft. Heilbronn: Johannis Reeg Verlag 2005. S. 64ff.
33 Borrmann, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München: Diederichs 1998. S. 58.
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Unmögliche, das unerwartet in einer Welt auftaucht, aus der das Unmögliche per definitionem verbannt worden ist. 34
Diese Definition ist hilfreich, wenn man sich der Vampirliteratur seit der Romantik nähern möchte, jedoch fehlt der Bezug zum Ursprung des Genres. Denn an seinem Anfang standen die Sage und der Mythos. Diese wurde bei ihrer Ausformung wohl kaum als Riss in der Wirklichkeit empfunden, sondern als durchaus real.
Erste Spuren des Vampirgenres ließen sich in fast allen alten Hochkulturen finden: In China sollen bereits 600 v. Chr. Vampirgeschichten erzählt worden sein und aus Indien sind die Abenteuer von König Vikram, der ein Vampir gewesen sein soll, überliefert. Die Sagen und Mythen, denen der Vampir entsprungen war, standen immer schon in enger
Verbindung zu den heiligen Schriften der Völker. 35
Die antike Dichtung nahm das Vampirmotiv in Form von blutsaugenden Striges, Lamien und Empusen, welche bereits in Kapitel 2.2. erläutert wurden, auf. So ist in den Fasti des Ovid (ca. 8 n. Chr.) von Striges die Rede, die den fünf Tage alten Königssohn von Alba überfielen. Und auch in Homers Odyssee (8. Jh. v. Chr.) soll im 11. Gesang Odysseus die Toten mit Blut aus ihrem Reich gelockt haben. Das Motiv des Revenants wurde wiederum zum Beispiel von dem griechischen Schriftsteller Phlegon in einer Episode seines Buches der Merkwürdigkeiten (1. Jh. n. Chr.) aufgenommen, welche 1797 noch Einfluss auf
Goethes Braut von Korinth nehmen sollte. 36
In diesen frühen Dichtungen verbanden sich historische Erinnerungen mit neu erfundenen Elementen. Für die damals lebenden Menschen stellten jene Epen mit ihrer phantastisch erscheinenden Welt keine freie Dichtung dar, sondern verdichtete Realität. Bis zu einem gewissen Grad galt dies auch für die Märchen und Geschichten des Orients wie Tausendundeine Nacht. Bevor der abendländische Vampir in literarischer Form auftreten konnte, mussten erst zahlreiche Versuche unternommen werden, um das Phänomen mit Hilfe historischer Berichte wissenschaftlich zu erklären. Eine Ausnahme bildete hierbei der phantastisch-satirische Roman L’autre monde, ou les États et Empires de la Lune des französischen Schriftstellers Cyrano de Bergerac aus dem Jahre 1657. Darin herrschten auf dem Mond vampirische Sitten und einige Mondbewohner statteten der Erde als Lamien
34 Callois, Roger: Das Bild des Phantastischen. Vom Märchen bis zur Science Fiction. In: Phaїcon I. Almanach der phantastischen Literatur. Hrsg. von Rein A. Zondergeld. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag 1974. S. 46.
35 Vgl. Borrmann, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München: Diederichs 1998. S. 60.
36 Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 23.
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und Blutsauger einen Besuch ab. 37 Doch trotz dieser geringen Anzahl schriftlicher Zeugnisse war der Vampir in mündlich überlieferten Geschichten immerzu präsent. Die Völker Europas erzählten sich über Jahrhunderte hinweg Sagen von Nachtalpen, wiederkehrenden Gatten oder nachzehrenden Toten. Auf diesen Sagenkreis griffen einige Dichter des 19. Jahrhunderts zurück, wie zum Beispiel Prosper Mérimée in seiner
Gedichtsammlung La Guzla (1827). 38
4. Die Behandlung des Vampirstoffs im Zeitalter der Aufklärung
Die vermeintlichen Vampirepidemien des 18. Jahrhunderts lösten zwar eine Flut an wissenschaftlichen Schriften aus, doch schenkte die Belletristik dem Thema keinerlei Beachtung. Stefan Hock schrieb in seinem Werk Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der Literatur, dass die Dichtung völlig teilnahmslos blieb, während „die gelehrte Literatur
über die wunderbaren Dinge ins Ungeheure wuchs“ 39 . Die Kunsttheorie versuchte den Stoff des Wunderbaren aus der Literatur zu verbannen. Demnach entsprach es dem idealistischen Charakter der damaligen Poesie einfach nicht den Zeitgeist zu besingen. Der zeit- und weltfremde Roman Insel Felsenburg (1731-1743) Johann Gottfried Schnabels führte den Leser in weite Ferne, um dort das irdische Paradies zu suchen und stellte gleichzeitig eine Kritik an den Zuständen in Europa dar. Aber auch der ersten Kunstrichtung des Jahrhunderts, dem bürgerlichen Trauerspiel, welche sich mit dem Zeitgeist beschäftigte, lag eine Behandlung jenes Stoffes fern. Hinzu kam, dass seit 1755 selbst das Interesse an der Vampirsage abnahm und so ging die Dichtung im Zeitalter der
Aufklärung achtlos am Vampirstoff vorüber. 40
Lediglich das anakreontische Vampirgedicht Heinrich August Ossenfelders aus dem Jahre 1748 bildete als fiktionaler Text, der auf die Vampirberichte reagierte, die Ausnahme (siehe Abbildung 4). Dieses Werk repräsentiert laut Hock die Unfähigkeit der Dichtung des 18. Jahrhunderts, den Vampirstoff sinnvoll zu bearbeiten, da das Dämonische sofort eine Entmystifizierung erfuhr und der allgemeinen Mode angepasst wurde. Der Wissenschafts-
37 Vgl.Bergerac, Cyrano de: Die Reise zu den Mondstaaten und Sonnenreichen. Zwei klassische Sciencefiction-Romane. (Aus dem Frz. übers. v. Martha Schimper) München: Heyne 1986 (= Heyne-Bücher: 06, Heyne Science Fiction & Fantasy: Bibliothek der Science-fiction-Literatur 56).
38 Vgl. Borrmann, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München: Diederichs 1998. S. 61.
39 Hock, Stefan: Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der deutschen Literatur. Berlin: Alexander Duncker 1900 (= Forschungen zur neueren Literaturgeschichte 17). S. 64.
40 Vgl. Ebd.
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journalist Christlob Mylius hatte die Gepflogenheit, in seiner Zeitschrift naturwissenschaftlichen beizufügen, welche den entsprechenden Stoff behandelten. Nachdem er im 48. Stück des Jahres 1748 über Vampire berichtete, ließ er das Gedicht von Heinrich August Ossenfelder folgen, dass dieser
offenbar auf seinen Wunsch hin verfasst hatte. 41 Susanne Pütz begründet das fehlende Interesse der Literaten am Vampirstoff gleichfalls mit dem historisch ungünstigen Zeitpunkt, in dem der Vampir in das Bewusstsein der Menschen Westeuropas drang. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Dichtung Englands, Frankreichs und Deutschlands von einer rationalistischen Geisteshaltung geprägt, die sich in einem starken Glauben an unbegrenzte Möglichkeiten vernunftgelenkten Denkens äußerte. Die Kunst sollte der sittlichen Erziehung und intellektuellen Fortbildung dienen, was sich in zahlreichen Lehrgedichten von Alexander Pope, James Thompson, Barthold H. Brockes oder Ewald von Kleist
niederschlug. Elemente irrationaler Natur, wie Phänomene des Okkultismus, erfuhren zwar eine rationalistische Kritik, konnten jedoch nicht zu einem genuin literarischen Thema
avancieren. 42
Somit bleibt es ein auffälliges Faktum, dass die Literatur der Aufklärung dem Vampir gegenüber indifferent blieb:
Zu wenig dürfte sich der lebende Tote mit dem aufklärerischen Ästhetik-Kanon schöner, vernünftiger und nützlicher Texte getroffen haben, als daß sich dieser Randgang literarisch gelohnt hätte. Es bedurfte offensichtlich erst der Etablierung eines Marktes für (phantastische) Unterhaltungsliteratur im späteren 18. Jahrhundert sowie eines romantischen Zeitgeistes, um dem marginalisierten Vampirismus als
41 Vgl. Ebd. S. 64f.
42 Vgl. Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992. S. 24.
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Thema bzw. Motivtableau eine steile Konjunktur in den europäischen Literaturen zu bescheren. 43
5. Die Romantik als Blütezeit des Vampirs
5.1 Die Schwarze Romantik und ihre Schauerliteratur
Die Romantik bildete eine Hauptströmung der europäischen Kulturgeschichte für die Zeit von ca. 1795 bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und bezeichnete eine Haltung der Idealisierung und Vermittlung, die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischte und sich von realistischen und klassizistischen Tendenzen abgrenzte. Die Autoren der romantischen Strömung befassten sich mit einer Poetik des Phantastischen und einer Theorie der Imagination, die es durchaus von aufklärerischen Mimesis-Konzepten, wie sie
bei Naturnachahmungen vorkamen, zu unterscheiden galt. 44
Das Zeitalter der Aufklärung bedachte jede Ausprägung traditionellen Aberglaubens mit Kritik und Spott. Doch diese Haltung änderte sich mit dem Beginn der Romantik: Mit der Zivilisationskritik gegen Ende des 18. Jahrhunderts entdeckten die Gelehrten aber das Ideal des einfachen Menschen. In Volksgeist und Volkspoesie fanden die Romantiker die Magie und Mystik des alten Aberglaubens wieder. […] Aberglaube war nicht länger ein Verstoß gegen das erste Gebot und auch nicht ein der Vernunft und dem Fortschritt widerstrebender Glauben, sondern Ausdruck der Volkspoesie und damit eines Naturzustandes der Unschuld. 45
Der Vampir als zentrales Element des Volksglaubens konnte in der Literatur neben anderen Fabelwesen und phantastischen Motiven der sogenannten Schwarzen Romantik zugeordnet werden. In dieser Unterströmung der Romantik, die auch gleichzeitig Subgenre der phantastischen Literatur darstellte, tauchten vermehrt schaurige, böse oder dämonische Charaktere auf. Der blutdürstende Revenant bildete ein spektakuläres Instrument, um die Schattenseiten der menschlichen Psyche aufzuzeigen. Gero von Wilpert definiert die Schwarze Romantik als Schauerromantik und irrationale Tendenz der Romantik zum Phantastisch-Abseitigen, Unheimlich-Gespenstischen, und Dämonisch-Grotesken, sowie
43 Ruthner, Clemens: Untote Verzahnungen. Prolegomena zu einer Literaturgeschichte des Vampirismus. In: Poetische Wiedergänger. Deutschsprachige Vampirismus-Diskurse vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Julia Bertschik u. Christa Agnes Tuczay. Tübingen: Francke 2005. S. 22.
44 Vgl. [Art.] Romantik. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte. Band III. Hrsg. von Jan-Dirk Müller. Berlin/ New York: de Gruyter 2007. S. 326f.
45 Vieregge, André: Nachtseiten. Die Literatur der Schwarzen Romantik. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang 2008 (= Europäische Hochschulschriften, Deutsche Sprache und Literatur, Reihe 1). S. 298.
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Rebecca Tille, 2011, Der Vampir als literarische Figur der Romantik, München, GRIN Verlag GmbH
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