Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort 3
2. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit 4
2.1 Die „Aura“- Walter Benjamin 4
2.2 Technische Reproduzierbarkeit - Walter Benjamin 7
3. Der Kunstwerkaufsatz und seine Auswirkung auf die Bild- und Medientheorie 10
4. Andy Warhol und Walter Benjamins These vom Auraverlust 13
4.1 Andy Warhol 13
4.2 Andy Warhols Reproduktion der Mona Lisa 16
5. Douglas Crimp 20
5.1 Die „angeeignete Aura“ 18
6. Schlussbemerkungen 25
7. Literaturverzeichnis 27
2
1. Vorwort
Das Bedürfnis der Menschheit nach Reproduktion von Gegenständen oder gar der Imitation von Verhaltensweisen scheint eine im menschlichen Organismus selbst manifestierte Eigenschaft zu sein, die uns das Überleben in einem bestimmten und abgegrenzten Raum erleichtern soll. Die Herstellung uniformer Werkzeuge, militärischer Waffensysteme und die stilistischen Gemeinsamkeiten im Bereich der Baukunst zeugen schon früh vom menschlichen Trieb zum Rationalismus, ganz im Sinne der McLuhan`schen Prothesentheorie. 1 Sich dieser historischen und jüngst sogar medienwissenschaftlichen Ereigniskette bewusst, unterscheidet Walter Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz 2 explizit zwischen Original, Nachbildung und technischer Reproduktion. Die Darlegungen Benjamins, welcher vom Haus aus als Kunstkritiker gilt, verleiten nur allzu leicht dazu, den Überblick zu verlieren. Daher bietet es sich an, die von ihm aufgeführten Begrifflichkeiten separiert zu analysieren und im Anschluss verstärkt auf die Auswirkungen seines Aufsatzes in Bezug auf die heutige Kunst-, Medien- und Bildtheorie einzugehen. Ob und in welcher Art und Weise seine Arbeit noch heutzutage Aktualität besitzt, soll im Folgenden an Hand von kritischen Denkansätzen und den Arbeiten von Andy Warhol und Douglas Crimp betrachtet werden. Um in angemessenem Maße den medienrevolutionären Charakter seiner interdisziplinären Werke hervorzuheben, wird der unabstreitbaren Relevanz der Erfindung Gutenbergs bezüglich technischer Reproduktion, zumindest in dieser Arbeit und entgegen der gängigen Praxis, kein bis wenig Platz zur Erörterung bereitgestellt.
1 McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle: „Understanding media“/Marshall McLuhan. [Übers. von
Meinrad Amann]. - Düsseldorf; Wien; New York; Moskau; ECON Verl., (1:1968) 1992.
2 Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit in: Kursbuch
Medienkultur, 5. Auflage, Hrsg. Claus Pias, Düsseldorf 2004
3
2. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
2.1 Die „Aura“- Walter Benjamin
„Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eins aus:
das Hier und Jetzt des Kunstwerks- sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet. An diesem einmaligen Dasein aber und an nichts sonst vollzog sich die Geschichte, der es im Laufe seines Bestehens unterworfen gewesen 3 ist.“
Unter dem Begriff der Aura versteht Benjamin also nicht nur das „Hier und Jetzt“, in welchem ein Kunstwerk jeglicher Natur entsteht, sondern ebenso die Einbettung in seine Geschichte und Tradition. Hinter dieser geradezu banal anmutenden Formulierung steckt jedoch mehr als man auf den ersten Blick zu erfahren vermag. Ein Kunstwerk in seiner vollendeten, aber auch in seiner unvollendeten Art repräsentiert in einzigartiger Weise den Zeitgeist der jeweiligen Epoche, des jeweiligen Künstler und fungiert buchstäblich als Transporteur von Leben und Hintergrund derselbigen. Der Physiker vermag durch Wiederholbarkeit in seinen Experimenten die Zeit als Faktor zu verdrängen, doch muss auch er erkennen, dass nicht einmal die kleinste Zeiteinheit reproduzierbar ist. Somit nährt die Einzigartigkeit der Sekunde die Aura des Kunstwerks.
3 Benjamin 2004, S.20.
4
„Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst von Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommermittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Betrachter wirft, bis der Augenblick oder die Stunde Teil an ihrer Erscheinung hat - das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“ 4
Auf diese Weise wird von Walter Benjamin in der „Kleinen Geschichte der Photographie“, die 1931 dreigeteilt in der Zeitschrift „Die literarische Welt“ veröffentlicht wurde, die Aura definiert. Demzufolge verbindet die Aura also zwei Komponenten, Raum und Zeit, mit welchen der Betrachter verschmelzen muss, um die Aura wahrzunehmen. Da Benjamin das „Gespinst“ als „sonderbar“ bezeichnet, gesteht er sich selbst an dieser Stelle ein, dass die Aura für den menschlichen Verstand schwer zu erfassen ist und nicht selbstverständlich wahrgenommen wird.
Im allgemeinen Sprachgebrauch wird eine Aura als eine persönliche Ausstrahlung oder Wirkung auf Mitmenschen verstanden. Überraschend nahe an dieser fast esoterischen Definition befindet sich auch Benjamin. Persönlichkeit, genetischer Aufbau und Denkweise sind individuell und durchaus mit der Aura eines Kunstwerks vergleichbar, jedoch nicht identisch. Ausgehend von der Annahme, jeder Mensch sei ein Unikat, darf vermutet werden, dass der Mensch seine Aura auf sein Kunstwerk überträgt und es so vermenschlicht. Ein Objekt an sich kann keine Aura besitzen, sofern es nicht durch menschlichen Einfluss auratisiert wurde. 5
In der Welt der Massen und der Technik verliert das Werk das Merkmal seine Einmaligkeit, seine Verankerung am Ort und im Augenblick, seine Wurzeln im Mythos und im Ritual, sein Kultwert wird säkularisiert, es ist nicht mehr an ein einzelnes Hier und Jetzt gekettet: Es verliert seine Aura. 6
4 Benjamin 2004, S. 309.
5 Das Objekt zu „sehen“ eingeschlossen
6 Vgl. Palmier 2006, S.1034.
5
„Die Aura ist gezeichnet von den Spuren der Geschichte. Durch die Vervielfältigung der Exemplare verwandeln die Reproduktionstechniken das Einmalige in ein Massenphänomen. Sie ersetzen die unwillkürliche Erinnerung durch die Vertrautheit der Bilder, schaffen zugleich jede Distanz zum Werk und seine Einbettung in die Tradition ab. Aufgrund seiner Bilder gehört das Werk nicht mehr dem Vergangenen an, sondern ist immerwährend gegenwärtig, freilich in einer leeren Zeit.“ 7
Es scheint, als spräche auch Angst aus Benjamin, wenn er sich beklagt: „ Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, ist seine Aura.“ 8 Es wäre vermessen zu behaupten, Benjamin hätte Angst oder gar Ehrfurcht vor der voranschreitenden technischen Entwicklung gehabt, dennoch lässt sich ein gewisser Respekt in seinen Augen erkennen.
7 Palmier 2006, S.1053.
8 Benjamin 2004, S.21.
6
2.2 Technische Reproduzierbarkeit - Walter Benjamin
„Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was
Menschen gemacht haben, das konnte von Menschen nachgemacht werden. […]. Dem gegenüber ist die technische Reproduktion des Kunstwerks etwas Neues, das sich in der Geschichte intermittierend, in weit auseinander liegenden Schüben, aber mit wachsender Intensität durchsetzt.“ 9
Benjamin unterstreicht, dass die Reproduktion von Werken keine moderne Erscheinung ist, denn schon in der Antike sind Werke zu Übungszwecken kopiert, ohne dass es an der Natur des Originals etwas geändert hätte. 10 Das radikal Neue ist das Phänomen der technischen Reproduktion in der Benjamin eine Gefahr für die Grundfeste der Kunst im Allgemeinen sieht. Denn „ die technische Reproduktion modifiziert die Wahrnehmung des Originals radikal, sie ist von ihm unabhängiger als die manuelle Reproduktion.“ 11 Laut Benjamin gelingt es der technischen Reproduktion sogar, das Original zu überflügeln. „Die Reproduktionstechnik, so ließe sich allgemein formulieren, löst das Reproduzierte aus dem Bereich der Tradition ab. Indem sie die Reproduktion vervielfältigt, setzt sie an die Stelle seines einmaligen Vorkommens sein massenweises.“ 12 Eine eingängige These, beachtet man die Wirkungskraft moderner digitaler Fotografie. Obschon die Betrachtung des Turms von Pisa mit eigenen Augen durch keine Fotografie der Welt ersetzt werden kann, wird deren Einzigartigkeit durch die massenhafte Vervielfältigung eines Abzugs des Turms beeinträchtigt, ja geradezu reduziert. Gleichsam aber lässt sich tatsächlich eine überlegene Seite der technischen Reproduktion erkennen. Wozu einst lange Reisen nötig waren, um etwa Bauten oder Gemälde vor Ort zu betrachten, benötigt es heutzutage ein einfaches Foto, um selbst die chinesische Mauer zu uns, in unser Wohnzimmer zu holen. Man stelle sich den
9 Ebd., S.19.
10 Vgl. Palmier 2006, S. 1035.
11 Palmier 2006, S. 1035.
12 Ebd., S.21.
7
Arbeit zitieren:
Daria Rybalov, 2011, Was versteht Walter Benjamin unter Aura und was unter technischer Reproduzierbarkeit? Wie lässt sich der enorme Einfluss des Kunstwerkaufsatzes auf die gegenwärtige Kunst anwenden?, München, GRIN Verlag GmbH
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