I. ò
Die österreichische Bildungsdebatte über die Neue Mittelschule spitzt sich immer mehr zu. Bundesministerin Dr. Claudia Schmied (Sozialdemokratische Partei Österreichs) versucht weiterhin Druck für eine einheitliche Gesamtschule aller zehn- bis 14-Jährigen auszuüben. Die Österreichische Volkspartei (ÖVP) blockiert derzeit noch dieses Vorhaben, da sie der Meinung ist, dass das Unterstufengymnasium weiterhin neben der Neuen Mittelschule bestehen bleiben soll.
Warum braucht Österreich überhaupt ein neues Schulsystem? Anlass dazu liefern die seit Jah-ren alarmierenden Ergebnisse der PISA Studie. PISA 1 führt internationale Schulleistungsuntersuchungen der OECD Mitgliedsstaaten durch und hat das Ziel, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten von 15-Jährigen zu messen. Bei diesem Ranking befindet sich Österreich weit entfernt vom Spitzenfeld.
„Häufig finden wir in der Debatte eine Erklärung von Bildungsunterschieden über biologische, von Natur und/oder Gott gegebene »Intelligenz- und Begabungsunterschiede«. Vergessen wird in dieser Diskussion über Hoch- und Minderbegabte gerne, dass Bildungskategorien soziale Konstrukte sind. Während bildungsbürgerliches Können hoch geschätzt wird, werden »Begabungen« bildungsferner Schichten, beispielsweise im handwerklichen Bereich, niedriger bewertet. Ausgeblendet wird in der Begabungsideologie auch, dass, wenn »Bildungserfolg« von Gott oder der Natur vorgegeben wurde, das Bildungssystem eigentlich die Anstrengungen des Lernens und nicht die »geschenkte Begabung« bewerten müsste“ (Erler 2007: 8). Das neue österreichische Schulsystem soll eine Kopie des finnischen Gesamtschulsystems werden, da sich dieses jährlich im Spitzenfeld der PISA Studie befindet. Ziel der Gesamtschule ist es, dass sich alle SchülerInnen mit unterschiedlichen Schulleistungen in derselben Klasse befinden. Laut diesem Konzept können leistungsschlechtere SchülerInnen von den leis- 1 PISAist Teil des Indikatorenprogramms INES (Indicators of Educational Systems) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
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tungsbesseren SchülerInnen profitieren. Jedoch bedarf es dafür noch der Zustimmung der ÖVP.
Die ÖVP spricht sich gegen die Gesamtschule aus, da sie der Meinung ist, dass leistungsstärkere Schüler dadurch unterfordert werden. Der Unterricht wird durch die leistungsschwächeren Schüler verzögert was wiederum ein Vorankommen am Unterrichtsstoff verhindert. Zusätzlich kann ein erweitertes Bildungsangebot nicht präsentiert werden, da leistungsbessere Schüler dazu angehalten werden, den leistungsschwächeren Schülern während des Unterrichts Nachhilfe zu geben.
Derzeit werden alle Hauptschulen auf die Neue Mittelschule umgestellt. Unterstufengymnasien existieren weiterhin parallel. Die Neue Mittelschule ist dadurch eine abgespeckte Version der Gesamtschule. Der Unterricht der Neuen Mittelschule wird durch Teamteaching und Kleingruppenbetreuung verändert.
Für die Etablierung der Neuen Mittelschule werden bis zum Ende der Umstellung insgesamt geschätzte 233 Millionen Euro investiert (www.presse.com).
Das Projekt läuft bereits seit 2008, wird insgesamt zwischen sieben und acht Jahre in Anspruch nehmen und soll die Bildung und Schulleistung der Kinder verbessern. Es wird hier also ein enormer Aufwand betrieben, um im Ranking der PISA Studie nach vorne zu kommen und das Bildungsniveau zu steigern. Doch bewirkt die Veränderung des Schulsystems wirklich die erwünschten Erfolge? Hat die Regierung und somit auch das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bm:ukk) hier wirklich alles beachtet? Öffentliche Erziehung und Familie sind zwei Institutionen, in denen Kinder erzogen, gebildet und sozialisiert werden. Als primäre und sekundäre Sozialisationsinstanzen sind sie für Kinder und Jugendliche bedeutsame Orte des Aufwachsens, der Orientierung und Identitätsfindung, wobei sich in manchen Bereichen beide Institutionen gegenseitig ergänzen und decken. Dadurch können schwierige Verhältnisse aufgrund der verschiedenen sozialen Typisierungen entstehen (vgl. Ecarius / Wahl 2009: 13).
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Der französische Soziologe Pierre Bourdieu versucht mit Hilfe von verschiedenen Kapital-formen die Ungleichheit der schulischen Leistungen von Kindern aus unterschiedlich sozialstatuierten Klassen zu begreifen. Er ist der Meinung, dass bildungsbezogene Fertigkeiten, Werte, Vorstellungen, aber auch Umgangsformen und Geschmackspräferenzen, welche er als kulturelles Kapital bezeichnet, schon vor dem Schulalter verinnerlicht werden. Die Familie prägt beispielsweise die Bildungsaspiration des Kindes so stark, dass die Schule dies nur noch verstärken, jedoch nicht mehr verändern kann.
Über Geschmack lässt sich streiten. Pierre Bourdieu zeigt, dass Geschmack in letzter Konsequenz keineswegs eine Frage von individuellen Präferenzen ist, sondern ein Produkt von spezifischen Umständen, in denen ein Mensch aufwächst und sozialisiert wird (vgl. Sinnreich 2007: 136).
Bourdieu meint, dass Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, Geschmacksempfinden und ästhetische Einstellungen, welche in den Habitus-Begriff fallen, durch die Familie reproduziert werden. Damit ist nicht gemeint, dass eine exakte Kopie von der Familie an die Kinder weitergegeben wird, jedoch die Grundlagen dieser Einstellungen und Wahrnehmungsmuster verinnerlicht werden. Dazu gehören auch Einstellungen und Werte im Bereich der Bildung.
„Dass Kinder aus gutem Hause gute Schulabschlüsse machten und die höchsten Titel erwarben, war nicht durch das ökonomische Kapital ihrer Eltern zu erklären, sondern durch ihr kulturelles Kapital: beispielsweise Bildung, Vertrautheit mit höherer Kultur, Hochsprache, Besitz von Kulturgütern“ (Fröhlich / Rehbein 2009: 135).
Das kulturelle Kapital bzw. Bildungskapital wird bei Bourdieu primär in der Familie intergenerationell weitergeben und angeeignet, womit die Familie als Hauptträgerin der Reproduktion erscheint.
Was bedeutet das in Bezug auf die aktuelle Bildungsdebatte? Wäre es demnach nicht produktiver, primär in der Familienpolitik anzusetzen, um die Leistungen der Schüler zu erhöhen und um die Bildungsmotivation zu steigern?
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Eine Untersuchung aus Deutschland zeigt, dass Kinder aus der oberen Dienstklasse gegenüber Kindern von Facharbeitern und un- oder angelernten ArbeiterInnen eine 4,28-fach höhere Chance eines Gymnasialbesuches haben (vgl. Ditton / Krüsken / Schauenberg 2005: 287). Beide Institutionen, sowohl Familie als auch Schule, bearbeiten den kindlichen und jugendlichen Geist und beeinflussen somit Denken, Handeln und Wahrnehmen (vgl. Ecarius / Wahl 2009: 22).
Doch inwiefern hat die Schule Einfluss auf den bereits bestehenden Familienhabitus? Kann die Schule diese in Fleisch und Blut übergegangenen Formen von Einstellungen und Denkweisen noch verändern? Kann man die Schule in diesem Zusammenhang mit einem Computer vergleichen, wobei die Schule die Festplatte des Kindes formatiert und mit neuen Daten überschreibt?
In dieser Arbeit möchte ich mich speziell auf die Reproduktion von kulturellem Kapital nach Bourdieu konzentrieren. Meine Forschungsfrage für diese Arbeit lautet daher:
Welche Rolle spielt die Institution Schule in Bezug auf die Reproduktion kulturellen Kapitals?
Um diese Frage zu beantworten, versuche ich daher nochmals, die aktuelle Bildungsdebatte zu erläutern, um darauf aufmerksam zu machen, welcher Aufwand betrieben wird, um die Leistungen der Schüler zu verbessern. Empirische Ergebnisse werden seitens der Regierung vernachlässigt und die Familienpolitik als Bildungsinstitutionen wird nicht in Betracht gezogen.
Da die Ansichten Pierre Bourdieus Grundlage der vorliegenden Arbeit sind, möchte ich anschließend dessen Theorie und Kapitalbegriffe vorstellen. Seine Begriffsdefinitonen ziehen sich nicht nur durch diese Arbeit, sondern auch durch die gesamte Bildungssoziologie. In ei-
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nem seiner größten Lebenswerke untersuchte Bourdieu das französische Bildungswesen in Bezug auf die Leistungen der Kinder aus unterschiedlichen sozialen Milieus. Der Fokus dieser Arbeit wird auf die verschiedenen Bildungsinstitutionen gelegt, die Einfluss auf die Reproduktion kulturellen Kapitals haben. Die Familie wird dabei zuerst dargestellt, da diese in der Entwicklung des Kindes eine erste Einwirkung auf den Habitus hat. Im nächsten Kapitel folgt der Einfluss der Institution Schule.
Abschließend soll ein Fazit gezogen und ein Ausblick für zukünftige Forschung gegeben werden.
Um die Forschungsfrage zu beantworten, habe ich mich bei der Methodenwahl für eine reine Literaturrecherche entschieden. Zu diesem Thema gibt es einige Studien und Theorien, welche zwar das Thema nicht direkt behandeln, jedoch anhand der einzelnen Teile auf ein ausreichendes Gesamtergebnis schließen lassen.
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Im Vorfeld möchte ich anmerken, dass es mir bei den aktuellen Debatten nicht um die Vor-und Nachteile der Neuen Mittelschule geht. Bei der Recherche dieses Kapitels handelt es sich ausschließlich um Internetartikel der Tageszeitung Die Presse, der offiziellen Internetseite der Neuen Mittelschule (www.neuemittelschule.at) und der offiziellen Internetseite des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur (www.bmukk.gv.at).
Die derzeitige Bildungsdebatte über die Neue Mittelschule ist beinahe seit über drei Jahren tägliches Thema der Tageszeitungen. Mit Beginn des Schuljahres 2008/09 startete der Modellversuch Neue Mittelschule (NMS) in den Bundesländern Burgenland, Steiermark, Vorarlberg und Oberösterreich.
Hierbei handelt es sich um ein Bildungsprojekt der SPÖ, bei dem alle Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen für zehn- bis 14-jährige Schulpflichtige umgestellt werden. Nach einer ÖVP Blockade zur Gesamtschule macht nun Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied (SPÖ) vom Unterrichtsministerium für Unterricht, Kunst und Kultur Druck, sie möchte eine flächendeckende Umstellung mittels Stufenplan bis zum Herbst 2015/16 durchsetzen. Das Ziel ist, dass sämtliche Schulmodelle für zehn- bis 14-Jährige zu einer einzigen Gesamtschule zusammengeführt werden. Das würde bedeuten, dass die derzeitige Hauptschule und die AHS-Unterstufe in einer Schule vereint wären. Leistungsschwächere SchülerInnen sollen von leistungsbesseren SchülerInnen profitieren. Der Leistungsunterschied soll durch Eigenmotivation und Nachhilfe durch die leistungsbesseren SchülerInnen ausgeglichen werden. Dr. Claudia Schmied bezeichnet dies als Lernen miteinander und voneinander, wobei nach Meinung der ÖVP nur leistungsschwächere SchülerInnen profitieren können. Leistungsschwächere und leistungsfähigere SchülerInnen werden dadurch auf eine einheitliche Ebene gedrückt. Die ÖVP beharrt derzeit darauf, dass die AHS-Unterstufe weiterhin neben der Neuen Mittelschule bestehen bleiben soll. Somit wird eine Zusammenführung mit der Gesamtschule ver-
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hindert. Es ist jedoch den AHS-Unterstufen selbst überlassen, eine Neue Mittelschule zu werden, um somit dem Projekt Gesamtschule näher zu kommen.
AHS-Unterstufen würden bei der Umstellung durch eine höhere Klassenschülerzahl, weniger finanzielle Mittel und Containerklassen benachteiligt werden. Die Freiwilligkeit der Umstellung hält sich somit bei den AHS-Unterstufen in Grenzen. Derzeit werden elf Gymnasial Unterstufen als Neue Mittelschulen geführt.
Was ändert sich also, außer der Namensänderung von Hauptschulen zu Neuen Mittelschulen? Laut der offiziellen Internetseite der Neuen Mittelschule sollen AHS-LehrerInnen eine gewisse Anzahl an Unterrichtsstunden anwesend sein und selbst den Unterricht gestalten. Zudem werden die Hauptschulen durch Teamteaching und Kleingruppenunterricht in Neue Mittelschulen umgewandelt.
Die Umstrukturierung führt eine neue LehrerInnenausbildung mit sich. Für den dauerhaften Einsatz wird eine Masterausbildung aller zukünftigen LehrerInnen vorausgesetzt. Für die Neue Mittelschule gilt der Lehrplan der AHS-Unterstufe, dieser orientiert sich an den Bildungsstandards. Für den gesamten Entwicklungszeitraum werden die Standorte der Neuen Mittelschule vomBIFIE (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens) wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die Neue Mittelschule ist mit dem Paragraphen 7a des Schulorganisationsgesetzes gesetzlich verankert und verfügt über eine Bestandsgarantie - das heißt, jedes Kind kann die einmal begonnene Schullaufbahn in der Neuen Mittelschule auch beenden (www.neuemittelschule.at). Mit dem diesjährigen Schuljahr gibt es nun 434 neue Mittelschulstandorte in ganz Österreich. Insgesamt werden für die Etablierung der Neuen Mittelschule 233 Millionen Euro investiert. Den Anlass für die Umsetzung eines solchen Großprojekts liefern keine empirischen Daten, welche eine Überlegenheit der Gesamtschule nachweisen, sondern PISA Studien aus den vergangenen Jahren. Österreich orientiert sich mit dem neuen Schulmodell an Finnland, welches sich jährlich in den Spitzenrängen positioniert.
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Laut der Tageszeitung Die Presse sind die Gründe für Finnlands Spitzenränge kleinere Klassen und Schulen, eine strengere Selektion von LehramtskandidatInnen und ein Migrationsanteil von unter zwei Prozent.
Die Gesamtschule ist es nicht; das zeigen Studien des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Deutschland, denen zufolge Kinder in Bundesländern ohne Gesamtschule ihren Altersgenossen in Bundesländern mit Gesamtschule im Bildungsniveau um bis zu zwei Jahre voraus sind. Deutsche Gesamtschulen bringen AbsolventInnen hervor, deren Lese-, Schreib-und Rechenfähigkeiten für jeden späteren Beruf ungenügend sind (www.diepresse.at).
Dass sich Österreich nicht in den Spitzenrängen der PISA Studie einfindet, ist unumstritten. Die Presse hat zwar mögliche Gründe für Finnlands Spitzenpositionen genannt, jedoch möchte ich in dieser Arbeit andere Gründe nennen, die bessere Ergebnisse begünstigen würden. Der Bildungserfolg steht auch bei Pierre Bourdieu eng im Zusammenhang mit dem Erwerb und der Reproduktion kulturellen Kapitals.
Im nächsten Kapitel möchte ich mich speziell mit der Theorie von Pierre Bourdieu beschäftigen, da sich auch der Begriff kulturelles Kapital von seiner Theorie ableitet. Dabei wird dieser Begriff näher erklärt und eventuell auch die Bildungsdebatte in ein anderes Licht gerückt.
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Arbeit zitieren:
Florian Katterbauer, 2011, Die Reproduktion kulturellen Kapitals, München, GRIN Verlag GmbH
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