Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
2 Formmerkmale des expressionistischen Dramas 2
2.1 Dramenform 2
2.2 Szenenanweisungen 3
2.3 Figurenkonzeption 5
3 Sprache und Stil 7
3.1 Farbemblematik 7
3.2 Neologismen 9
3.3 Sprachbilder 10
4 Interpunktion 14
4.1 Ausrufe- und Fragezeichen 14
4.2 Gedankenstriche 15
4.3 Doppelpunkt 16
5 Dynamik und Tektonik 16
5.1 Symmetrie und Antithetik. 16
5.2 Gesetz der Dreimaligkeit 17
5.3 Sprachrhytmus 20
5.3.1 Stille 20
5.3.2 Stichomythie 21
6 Schlussbetrachtung 23
7 Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
Erst im Spätexpressionismus wurde das Drama zu der dominierenden Gattung. Zu den Höhepunkten der expressionistischen Bühnenproduktion gehören die Gas-Dramen, welche zwischen 1916 und 1919 entstandenen. Dabei bilden die Die Koralle, Gas und Gas II eine Trilogie, wenn auch der Autor sie nie zu einer solchen zusammengefasst hat. Aufgrund der komplexen sprachlichen Gestaltung aller drei Werke wird in dieser Arbeit nur Gas, die „schwärzeste und misanthropischste Menschheitsvision des gesamten expressionstischen Dramas“ 1 , untersucht. Gas wurde am 28. November 1918 im Neuen Theater in Frankfurt/ Main uraufgeführt.
Kaiser thematisiert in diesem Drama die Möglichkeit der Etablierung eines sozialistisch orientierten Systems in der Gesellschaft des Industriezeitalters. Zu der Handlung wurde Georg Kaiser vom Streik der Munitionsarbeiter 1918 in Kiel inspiriert. Das Drama ist dementsprechend von dem damaligen Zeitgeist und somit von der expressionistischen Idee einer universalen Revolution geprägt, die durch die Erlöserfigur des Neuen Menschen ausgelöst wird. Kaisers Neuer Mensch gestaltet sich konkret in der Figur des Milliardärsohns, obwohl er im Verlauf des Stückes nie so benannt wird. Der Dramaturg erhebt mit seinem Werk Kritik an der Entmenschlichung durch die Arbeit in Fabriken, das daraus entstehende soziale Elend und gegen den Militarismus. Das Ziel der Arbeit ist es die linguistischen Besonderheiten des Dramas herauszuarbeiten. Dabei wird nicht chronologisch, sondern nach verschiedenen Ebenen der Analyse vorgegangen. Dazu werden zunächst der Aufbau des Dramas und dessen formale Konzeption untersucht. Anschließend werden die Sprache und der Stil, die Interpunktion und das Zusammenspiel von Dynamik und Tektonik im Kontext des expressionistischen Dramas analysiert.
1 Benson, Renate: Deutsches expressionistisches Theater. Ernst Toller und Georg Kaiser. New York: Lang 1987 (=Kanadische Studien zur deutschen Sprache und Literatur; Bd. 38). S. 223.
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2. Formmerkmale des expressionistischen Dramas
2.1 Dramenform
Die für den Expressionismus typische Dramenform ist das Stationendrama. Der Bruch mit der traditionellen Dramenform steht für den Bruch mit der vorhergehenden Generation, mit deren Wert- und Moralvorstellungen sich die jungen expressionistischen Künstler nicht mehr identifizieren können. Kaisers Bühnenstück Von morgens bis mitternachts von 1912 trägt eindeutig die dramatische Form eines Stationendramas. Bei Gas fehlen jedoch grundlegende Charakteristika, die für diesen Dramentyp sprechen.
Die typische dramatische Bauform des Stationendramas ist die Reihung einzelner Handlungssequenzen und deren szenisch unverbundene Elemente oder Bilder. So verläuft die Handlung nicht in einer geordneten Reihenfolge. Folglich wird das Simultanitätsprinzip der Lyrik nicht von Kaiser, im Gegensatz zu vielen anderen expressionistischen Dramatikern, übernommen. Er hält an den Einheiten von Handlung, Ort und Zeit fest. Zwar durchläuft der Milliardärsohn mehrere Stationen hinsichtlich der Tatsache, dass er unterschiedlichen Figuren begegnet, die eine andere Position vertreten. Es findet jedoch kein Schauplatzwechsel statt, denn die Handlung spielt sich ausschließlich auf dem Fabrikgelände ab.
Ein weiteres Merkmal des Stationendramas ist die Entwicklung des Helden in Konfrontation mit anderen Figuren. 2 Der Dramenverlauf zeigt, dass der Milliardärsohn auf seiner Meinung beharrt. Obwohl seine Arbeiter und die der umliegenden Werke streiken und handgreiflich gegen ihn werden, ist er zu keiner Alternative als zu seiner „Schrebergartenvision“ 3 bereit. Die einzige Entwicklung, die der Protagonist erfährt, wird durch die Explosion ausgelöst. Sie hat für ihn die Funktion eines Bekehrungserlebnisses.
Gas lässt sich also nicht als Stationendrama bezeichnen, da wesentliche Kriterien nicht eingelöst werden. Aufgrund des einmaligen und extraordinären Ereignisses, welches den Konflikt nach sich zieht, hat das Drama jedoch einen leichten Novellencharakter.
2 Vgl. Schlapp, Peter: Georg Kaisers "GAS I". Frankfurt am Main/Bern [u.a.]: Lang 1984. S.93.
3 Vgl. Vietta, Silvio und Hans-Georg Kemper: Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag 1975. S. 94.
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2.2 Szenenanweisungen
Obwohl die Szenenanweisungen in Gas nur wenige Sätze umfassen, können auch sie als Merkmalsträger des Expressionismus ausgemacht werden. So sagt Mühlbauer: „Erst von den Expressionisten wird sie [die szenische Anweisung] auch sprachlich dem gesprochenen Wort gleichgeordnet d.h., in derselben dichterischen Sprache formuliert, wie das gesprochene Wort. […] Im expressionistischen Drama erreichte die Emanzipation der Bühnenanweisung, die mit dem Naturalismus eingesetzt hatte, ihren Höhepunkt.“ 4 Folglich wird seit dem Expressionismus der Nebentext mit dem Haupttext gleichgestellt. Auch Kaiser behandelt die Szenenanweisungen als literarischen Text und verfasst sie in dichterischer Sprache.
Betrachtet man die Szenenanweisungen, so fällt auf, dass besonders auf die Ausgestaltung der Raumformen Wert gelegt wurde. Die vier abstrakt geometrischen Raumformen im expressionistischen Drama sind der geschlossene, der horizontal grenzenlose, der vertikal grenzenlose und erlöste Raum. 5 Die Vertikale betont die Erlösersehnsucht nach dem Neuen Menschen. Bildhaft konkretisiert Kaiser die Abgrenzung des Expressionismus vom Naturalismus mit der Szenenanweisung des ersten Aktes: „Quadratischer Raum, dessen Hinterwand Glas ist: Arbeitszimmer des Milliardärsohn. Rechts und links auf den Wänden vom Fußboden bis an die Decke hoch Papptafeln, die Tabellen tragen“ (11) 6 . Sie läuft auf das Prinzip der Guckkastenbühne hinaus. 7 Die strenge Architektonik ist eine Auswirkung des Kubismus und Futurismus und kann auch ein Hinweis auf die nach mathematischen Formeln folgende Technisierung sein. So spielt die Handlung des dritten Aktes in einem ovalen Raum, der ebenfalls eine statisch perfektionierte Form darstellt. Im Expressionistischen Drama kommen als Zeichen der Isolation häufig Spielräume wie Kerker oder Fabriken vor. Somit ist auch der Schauplatz von Gas, das Fabrikgelände und insbesondere die Betonhalle, ein Mittel um die Isolation der Arbeiter, aber auch des Milliardärsohnes darzustellen. Sie sind räumlich sowie ideologisch nicht aus ihrer Position zu bewegen und somit in gewisser Hinsicht gegenüber ihren Kontrahenten isoliert. 8 Eine weitere Funktion des isolierenden
4 Zitiert nach Schlapp 1984, S. 20.
5 Viviani, Annalisa: Dramaturgische Elemente im expressionistischen Drama. Bonn: H. Bouvier u. Co. Verlag 1970. S. 97.
6 Im folgendem wird zitiert aus: Huderer, Walther (Hg.): Georg Kaiser. Werke II. Stücke 1918 - 1927: Gas. Frankfurt am Main [u.a.] : Propylaeen Verl. 1971.
7 Vgl. Schlapp 1984, S. 18.
8 Vgl Viviani, S. 113.
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Bühnenraums ist, dass die Aufmerksamkeit auf den im Zentrum stehenden Menschen gelenkt wird.
Bei einer Untersuchung der Verben und ihrer Form fällt auf, dass sie häufig in der Partizipialform gebraucht werden oder sogar ganz entfallen. Dementsprechend heißt es in der Szenenanweisung des ersten Aktes: „Draußen Schornsteine dicht und steil, in geraden Strahlen Feuer und Rauch vorstoßend. Tanzmusik einschallend“ (11). Dieses Prinzip der Verknappung lässt sich in fast allen Szenenanweisungen finden. Das Bühnenbild des vierten Aktes wird ohne ein einziges Verb beschrieben:
Betonhalle; rund, dunsthoch. Von der Kuppel stäubendes Bogenlampenlicht. In der Mitte schmale steile eiserne Tribüne. Arbeiter in Versammlung; viel Frauen. Stille. (39)
Anhand des Verwendens von Sätzen im Nominalstil wird ebenso eine sprachliche Verknappung erreicht.
Besonders im vierten Akt wird diese Methode auffallend häufig verwendet. Auf die Anweisung „Wühlende Bewegung nach Ausgängen - Tumult in Brausen“ folgt zuerst eine „Totenstille“, dann „Summendes Suchen nach ihm“, „Bewegung in Wachsen“ und endet schließlich in der Nominalphrase „Schon Gasse vor ihm“ (45). Durch das Abwechseln von kurzen Redeanteilen des Milliardärsohnes und den knappen Szenenanweisungen werden die Hektik und die Aufregung der Masse sprachlich dargestellt.
Die Szenenanweisungen des fünften Aktes weichen deutlich von den vorhergehenden Akten ab, denn sie sind sprachlich-formal uneinheitlich gestaltet. Hier kommt expressionistische Stilistik mit naturalistischer Detailtreue vor. Der Akt wird folgendermaßen eingeführt:
Backsteinmauer - von der Explosion teilweise abgetragen und geschwärzt. Darin breites Eisentor - halb aus den Angeln geworfen. Schutthalde. Draußen Soldat mit Bajonett auf dem Gewehr. Milliardärsohn - im Schutz der Mauer stehend - Tuch um den Kopf. Hauptmann wartet mitten. (52)
Das Prädikat entfällt in den ersten beiden Sätzen. Stattdessen werden die Gegenstände mit Partizipialkonstruktionen beschrieben. Der dritte Satz ist bis zum Wortsatz verknappt und besteht folglich aus nur einem Wort. Der vierte Satz enthält kein Verb. Der folgende Satz wird mithilfe einer Partizipialform verkürzt. Diese bis auf das Nötigste reduzierte Darstellung ist typisch für den Expressionismus. Die Verknappung der Form und die Konzentration auf das Wesentliche hat eine Verdichtung der
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inhaltlichen Aussage zur Folge, die auf das ablaufende Geschehen hinweist. 9 Zusätzlich
bildet der sprachlich verkürzte Ausdruck die Prinzipien technischer und ökonomischer
Rationalit ät nach.
Einen Gegensatz dazu bilden sprachlich weit ausholende Szenenanweisungen, die
naturalistisch wirken: „Draußen wird der Soldat von einem anderen Soldaten abgelöst.
L ärm erhebt sich von tausend Stimmen.“ (52) Geradezu bildlich wird die
b ürgerkriegsähnliche Streitversammlung dargestellt: 10 „Von neuem hat sich von
drau ßen der Tumult erhoben und tobt, bis der Regierungsvertreter vom Tor weggeht“
(53)
Auch das Gebärdenspiel ist genau vorgeschrieben. In der Szenenanweisung wird die
Gestik des weißen Herren folgendermaßen beschrieben: „DER WEISSE HERR bläst
durch die hohle Hand“ (12) Dadurch wird die Nichtigkeit der menschlichen Versuche
durch den technischen Fortschritt sich Glück zu verschaffen bildlich dargestellt. Ebenso
ist die Gebärde des Offiziers zu Beginn des dritten Aktes aufschlussreich: „Er sucht
nach den Türen - pocht an die Teile der Vertäfelung“ (28) Dies kann als ein Anzeichen
auf seine Gefangenheit im Ehrenkodex des Militärs ausgelegt werden, aus welcher er
sich nicht mehr befreien kann. 11
2.3 Figurenkonzeption
Die obersten Gebote des expressionistischen Dramas sind, wie anhand der
Szenenanweisungen schon gezeigt wurde, die Abstraktion und Reduktion bei
gleichzeitiger Ausdruckssteigerung. Auch die Figuren aus Gas sind dieser Maxime
folgend konzipiert.
Anhand des Figurenverzeichnisses werden die Typisierung und die eindimensionale
Gestaltung deutlich. Die handelnden Figuren tragen keine Eigennamen, sondern
lediglich geschlechtstypische und genealogische Merkmale oder Berufsbezeichnungen,
wie „Schreiber“ oder „Mädchen“ Es werden keine Personen oder Menschen im
herk ömmlichen Sinne, sondern überindividuelle Figuren dargestellt. Dies ist mit der
Auffassung zu begründen, dass den Expressionisten nicht das Individuum wichtig war,
sondern die Bruderschaft, das Kollektive.
9 Vgl. Schlapp 1984, S. 20.
10 Ebd., S. 85.
11 Vgl. Diebold, Bernhard: Der Denkspieler Georg Kaiser. Frankfurt: Frankfurter Verlags-Anstalt 1924.
S. 374.
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Arbeit zitieren:
Saskia Guckenburg, 2011, Georg Kaisers "Gas", München, GRIN Verlag GmbH
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