Inhalt
Einleitung 1
1. Gawans Einführung (Buch VI) 1
2. Gawan und Obîlot (Buch VII) 3
3. Gawan und Antikonie (Buch VIII) 6
4. Gawan und Orgeluse (Buch X-XIII) 9
4.1 Orgeluse - Psychologisierung vs. Modell 10
4.2 Kritik am Minnekonzept und Minnerittertum 12
4.3 Die Ambiguität der Minne - verderbliche vs. heilende Minne 15
5. Funktion der Minnebeziehungen - Ein neues Gesellschafts- und
Geschlechtermodell ? 18
Fazit 20
Bibliographie 21
Bibliographie 21
Bibliographie 21
Einleitung
Parzival und Gawan, die beiden Helden in Wolframs Parzival, sind im Verlauf des Romans in eine Reihe von Minnebeziehungen verwickelt, sodass die Minne im gesamten Roman eine zentrale Rolle einnimmt. Bereits im Prolog wird die Frau als Orientierungspunkt für das ritterliche Verhalten genannt (vgl. Sieverding: 166). Es wird also bereits anfänglich deutlich, dass die Beziehung zwischen Männern und Frauen eine zentrale Rolle spielen wird. Immer wieder sind Minnebeziehungen Ursache und Lösung von bestehendem Leid und können zum einen eine gesellschaftsstabilisierende oder gesellschaftsstörende Funktion einnehmen, sodass also eine gewisse Ambiguität in der Darstellung von Minne im Parzival entsteht. Thema dieser Arbeit soll nun also vornehmlich eine Untersuchung der Ambiguität der Minnedarstellung in den Gawan-Büchern sein, denn auch wenn Parzival in mehrere Minnebeziehungen verwickelt ist, so bleiben diese eher im Hintergrund, während jedoch in den Gawan-Büchern, insbesondere ab dem X. Buch mit der Orgeluse-Episode, Minne das zentrale Thema ist (vgl. Emmerling: 7). Dieses könnte darauf zurückgeführt werden, dass Gawan, der vorbildlichste aller Artusritter, für seine Affinität zur Minne bekannt ist. Dennoch bleibt zu hinterfragen, warum Wolfram, die Ansätze, die es für die Minnebeziehungen bei dem Quelltext von Chrétien gibt, erweitert und zum Hauptthema der Gawan-Bücher weiterentwickelt bzw. welche Interpretationsansätze diese Erweiterungen mit sich bringen. Wolfram ergänzt zum Beispiel die Minnebeziehung zwischen Orgeluse und Gawan, für die es bei Chrétien keine Anhaltspunkte gibt. In Wolframs Parzival dominiert jedoch genau diese Minnebeziehung einen Großteil der Handlung der Gawan-Büchern. Im Folgenden soll nun also neben der mehrdeutigen Darstellung von Minne untersucht werden, mit welcher Funktion Minnebeziehungen von Wolfram in den Gawan-Büchern vorgeführt bzw. ergänzt werden. Bei der Analyse ist es sinnvoll die Struktur der Bücher beizubehalten, da die verschiedenen Minneabenteuer bzw. Minnebeziehungen auch strukturell durch die Aufteilung in verschiedene Bücher voneinander getrennt sind.
1. Gawans Einführung (Buch VI)
Die Gawan-Handlung wird in Buch VI mit der sogenannten Blutstropfenszene eingeleitet, in der Gawan den von der Macht der Liebe gefesselten Parzival aus seiner Trance befreit. Parzival, der durch die Blutstropfen im Schnee an Condwîramûrs Schönheit erinnert wird, verfällt in einen tranceartigen Zustand. Als nun ein Bote Parzival mit seiner Lanze zur Tjost aufgestellt sieht, berichtet er den in der Nähe
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lagernden Artusritter von dieser Begebenheit, woraufhin mehrere Ritter eine Tjost gegen diesen Fremden reiten wollen. Segremors, der laut Wolfram „ie nâch strîte ranc“ (285,2) und später auch Keie reiten also zu dem Fremden und tjostieren Parzival, dem es nur gelingt, die beiden zu besiegen, da jeweils kurz die Blutstropfen verdeckt werden und er so für einen kurzen Moment den Verstand wiedergewinnt. Lediglich Gawan, der sich dem Unbekannten unbewaffnet nähert, ist emphatisch genug, um zu erkennen, dass Parzival im Bann der Liebe gefangen ist (vgl. Dallapiazza: 113) und erlöst ihn aus dieser Trance, indem er die Blutstropfen mit einem Tuch bedeckt. Im Vergleich zu den anderen Artusrittern erscheint Gawan hier also als ein erfahrener Ritter, der sich nicht übereilt in einen Kampf stürzt, sondern erst einmal die Situation beobachtet und versucht unnützes Kämpfen zu vermeiden (vgl. Gibbs: 23), weshalb unter anderem Keie ihm den Vorwurf der Feigheit macht (vgl. 298,11-299,14). Hier findet sich also indirekt auch Kritik an den übereilten Kampfeshandlungen der anderen beiden Artusrittern, die kein Verständnis für Gawans Zögern haben. Außerdem wird an dieser Stelle Gawans Affinität zur Minne erstmals deutlich, da er sofort in Erwägung zieht, dass Parzival im Bann der Liebe gefangen sein könnte, wie auch Gawan es bereits erlebt hat, als er sich mit einem Messer durch die Hand stach (vgl. 301,8ff.). Jones hält nun zwei Eigenschaften Gawans fest, nämlich seine „aversion to unnecessary aggression and a secure sense of his own worth which enables him to maintain self-control in the face of abuse“ (41), welche für die weitere Analyse wichtig sein werden.
Bei dem ersten Auftreten Gawans, seit der kurzen Erwähnung als Kind mit seinem Vater beim Turnier von Kanvoleis (vgl. 66,14), nimmt also die Minnethematik bereits einen großen Raum ein. Nicht nur sieht sich Parzival mit der Macht der Liebe konfrontiert, woraus sich im weitesten Sinne die beiden Tjosten ergeben, sondern der Erzähler führt auch eine Anklagerede gegen frou minne, die sich über 76 Verse (291,1ff.) ausstreckt. In dieser Rede beklagt der Erzähler die „verderbliche Gewalt“ (Bumke 1997: 114) der Minne, gibt jedoch auch zu bedenken, dass es darum geht, herauszufinden, wie die Liebe in einem nicht destruktiven Charakter erhalten werden kann (vgl. Bumke 1997: 114; 292,20ff.). Die Minne wird in der Anklagerede sowie auch an Parzivals Beispiel als unvereinbar mit Vernunft und Ratio beschrieben. Parzival gewinnt immer nur dann kurzzeitig seine Vernunft wieder, wenn er durch das Verdecken der Blutstropfen seiner Liebestrance entkommen kann. So beklagt der Erzähler: ir sît slôz ob dem sinne. […]
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Frou minne, ir tâtet ouch gewalt, dô Parzivâl der degen balt durch iuch von sînen witzen schiet, als im sîn triwe dô geriet. (292,28ff.)
Festzuhalten ist demnach, dass die destruktive Gewalt der Minne beklagt wird, hier also zunächst ihr negativer Charakter hervorgehoben wird. Im Folgenden soll nun betrachtet werden, wie dieser Aspekt weiterentwickelt wird, bzw. ob und wie dem der positive Charakter der Minne entgegengesetzt wird.
2. Gawan und Obîlot (Buch VII)
Buch VII beginnt mit einem Prolog, der Gawan nun endgültig als Protagonist der Handlung festlegt und somit die Gawan-Handlung endgültig eingeläutet wird. Auch in dem Prolog wird Gawan, wie bereits anhand des sechsten Buches analysiert, als besonnener, aber dennoch mutiger Ritter beschrieben:
Gâwân der reht gemuote,
sîn ellen pflac der huote, sô daz diu wâre zageheit an prîse im nie gefrumte leit. sîn herze was ze velde ein burc, gein scharpfen strîten wol sô kurc, in strîts gedrenge man in sach. (339,1-7)
Gawan macht sich nun also zu Beginn des siebten Buches auf den Weg nach Schanpfanzun zu dem Gerichtskampf mit Kingrimusel, der behauptet Gawan habe seinen Vater erschlagen, als er auf ein Heer trifft. Ein Knappe klärt ihn über den Grund des Angriffes auf. Obîe, die Tochter von dem Fürst Lyppaut hat das Minnebegehren von König Meljanz mit der Begründung er müsse erst noch weitere fünf Jahre für sie dienen, bevor er ihren Lohn empfangen könne und selbst das sei noch zu früh (345,26ff.), abgelehnt, obwohl sie seine Liebe erwidert. Auch wenn Meljanz das System von Minnedienst und Minnelohn akzeptiert, hält er jedoch Obîes Forderung für übertrieben und führt dies auf ihren Vater zurück, gegen den er nun in den Krieg ziehen will. Diese bringt nun aber Gawan, so Johnson (1970) in einen „conflict of duties“ (100), denn wenn er bleibt und den Kämpfen nur zuschaut, verliert er seinen Ruhm, wenn er jedoch mitkämpft und aufgehalten wird, verliert er jeglichen Ruhm, weil er dann den Zweikampf mit Kingrimusel verpassen würde. So entschließt Gawan sich erst einmal dem Zweikampf zu stellen (349,28-350,10).
Bei dieser Ausgangssituation ist es nun wiederum interessant zu betrachten, in welcher Gestalt die Minne erscheint. In dieser Obîe-Meljanz-Episode wird erneut der
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gesellschaftsstörende, also destruktive Charakter der Minne dargestellt. Obîe und Meljanz, die sich eigentlich lieben, bewirken durch ihre Meinungsverschiedenheit sogar einen brutalen Krieg, der durch das massenweise Pferdesterben unterstrichen wird (vgl. Emmerling: 17). Die Ursache, so ist zumeist in der Forschung zu finden, ist Meljanz Unverständnis für die Minnedoktrin (vgl. z.B. Reichert: 123), da er der Meinung ist bereits genug gedient zu haben und Obîes Dienstforderungen für übertrieben hält (Emmerling: 10). So beschreibt auch Jones die Situation folgendermaßen: “Although she was really in love with Meljanz, Obîe refused him. He was, after all, still an untested knight, and it was only Obîe’s duty to withhold her minne in order to spur him on to chivalrous deeds.” (101) Die Ursache der Störung liegt also auch in dem System von Minnelohn und Minnedienst, das hier anscheinend von beiden nicht richtig angewandt wird. Auf der einen Seite fühlt sich Meljanz in seinem Stolz verletzt, da er der Meinung ist genug gedient zu haben und aus enttäuschter Liebe sowie aus dem Missverständnis der Minnedoktrin gegen Obîes Vater in die Schlacht zieht. Auf der anderen Seite, sind eventuell auch Obîes Dienstforderungen übertrieben, die fünf Jahre des Dienstes als eigentlich auch noch zu wenig beschreiben. Wolfram beschreibt die Situation der beiden folgendermaßen:
Obîe unt Meljanz,
ir zweier minne was sô ganz und stuont mit solhen triuwen, sîn zorn iuch solde riuwn, daz er mit zorne von ir reit des gab ir trûren solhez leit daz ir kiusche wart gein zirne balt. (365,11-17)
Trotz an sich vollkommener Liebe schaffen die beiden Liebenden es also nicht sofort zueinander zu finden. Der Verstand, der für eine friedliche Lösung benötigt würde, ist also durch die Minne ausgesetzt. Während Meljanz enttäuscht und zornig in den Kampf zieht, wird Obîe wild, feindlich und erbittert. Beide Persönlichkeiten erscheinen also entstellt. Diese Episode kann einerseits als Kritik des Systems von Minnedienst undlohn gelesen werden, da diese gesellschaftliche Konventionen in diesem Fall von den beiden Liebenden eine zunächst unüberwindbare Hürde darstellen sowie überflüssig erscheinen, da die gegenseitige Zuneigung bereits gewonnen ist. Andererseits könnte diese Darstellung als Kritik an der falschen Anwendung dieses Systems gelesen werden, die dazu führt, dass die unerfahrenen Liebenden, dass System bis zum „breaking-point“ (Jones: 47) testen.
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Arbeit zitieren:
Kirsten Hinzpeter, 2011, Die Ambiguität der Minne in den Gawan-Büchern des "Parzival", München, GRIN Verlag GmbH
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