Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Stricker-Mären in der Forschungsliteratur 1
2.1 Die Ordnungsdiskussion 1
2.2 Die Funktion der Stricker-Mären 4
2.3 Die Epimythia 5
3. Eine Untersuchung anhand des Märe „Das heiße Eisen“ 7
3.1. Die gottgewollte Ordnung und der Ordnungsverstoß 7
3.1.1 Die Typisierung 7
3.1.2 Der Ordnungsverstoß 8
3.1.3 Die Restitution der Ordnung 11
3.2 Die Intention 12
3.3 Das Epimythion 13
4. Schlussbemerkungen 15
Literaturverzeichnis 16
1. Einleitung
In der folgenden Arbeit soll die gottgewollte Ordnung in den Stricker-Mären betrachtet werden. In einem Großteil der Forschungsliteratur wird die Propagierung einer gottgewollten Ordnung durch den Stricker diskutiert. Dieses geschieht durchaus auch kontrovers. Im ersten Teil der Arbeit soll also diese Diskussion in der Forschung zusammenfassend dargestellt werden. Hierbei wird zunächst untersucht werden, ob und wie sich die gottgewollte Ordnung gemäß der Forschung in den Stricker-Mären darstellt. Anschließend soll betrachtet werden, ob die Funktion der Stricker-Mären mit der Propagierung dieser Ordnung übereinstimmt und ob die Epimythia diese Funktion aufnehmen und unterstützen.
Im zweiten Teil wird die konkrete Literaturanalyse unter der Berücksichtigung der Zusammenfassung der Forschungsliteratur Gegenstand sein. Hierbei soll anhand der Struktur des ersten Teils überprüft werden, inwiefern sich die Ergebnisse der Forschung in dem Märe „Das heiße Eisen“ wiederfinden. Die abschließende Diskussion soll die Ergebnisse der Untersuchung in Bezug zur Literatur zusammenfassend darstellen.
2. Die Stricker-Mären in der Forschungsliteratur
Vielfach wurde in der Forschung versucht, den Typus des Stricker-Märe genauer zu definieren bzw. die Merkmale der Stricker-Mären herauszuarbeiten, diese zu kategorisieren und ihre Funktion zu bestimmen. Inwiefern die Beiträge zu diesem Forschungsbereich übereinstimmen und welche Kontroversen die Debatte mit sich bringt, soll Ge-genstand des folgenden Abschnitts sein.
2.1 Die Ordnungsdiskussion
Hanns Fischer formulierte 1968 in seinen Studien zur deutschen Märendichtung Übereinstimmung in den Merkmalen des gesamten Korpus der deutschen Märendichtung. Hierbei unterscheidet er gemäß der Merkmale der Texte drei Grundtypen, die er „das schwankhafte, das höfisch-galante und das moralisch-exemplarische Märe“ (Fischer 1968:101) nennt. Die Mären des Strickers ordnet er hauptsächlich den schwankhaften Mären und zu einem geringeren Teil den moralisch-exemplarischen Mären zu (vgl. Fischer 1968:145). Über diese grobe Kategorisierung der Grundtypen hinaus spricht Fischer (1968:125) außerdem bereits von normierten Figuren sowie auch von „typisierten Standesvorstellungen“, die auch immer wieder in den späteren Forschungsbeiträgen Thema sind.
Die erste Monographie, die sich mit dem Gesamtwerk des Strickers befasst und die den Fortgang der Forschungsdebatte wesentlich prägte, erschien 1981 von Hedda Ragotzky. Ragotzky (1981:85) fasst das Konzept der Stricker-Mären unter dem Begriff der „ge- vüegiukündikeit“ zusammen. Der Begriff kündikeit tauchte in diesem Sinne zum ersten
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und auch zum einzigen Mal im Epimythion des klugen Knechts auf. Als Merkmal der Stricker-Mären - wie bereits bei Fischer angedeutet - erkennt auch Ragotzky (1981:89) eine exemplarische, normierte Figurenkonstellation, die „ständisch fixiert“ sei und auf der die Handlung des Märes aufbaue. Weiterhin sei typisierend, dass eine Verhaltens-norm, die sich aus den Rollen der Figuren ergebe, durch einen der Akteure verletzt werde, woraufhin das Recht wiederhergestellt werden müsse. Hier setzt das von Ragotzky entwickelte Konzept der gevüegiu kündikeit an. Auch wenn kündikeit im ursprünglichen Sinne in der Spruchdichtung negativ verstanden werden müsse, nämlich als „die Fähigkeit, falsche Absichten und Handlungsweisen so geschickt zu tarnen, daß die Umwelt in ihrem Urteil fehlgeleitet wird“ (Ragotzky 1981:83-84), beobachtet Ragotzky eine Umdeutung des Begriffs durch den Stricker. Durch die Kopplung mit den Begriffen vriuntlich und rehte vuoge (vgl. Ragotzky 1981:88) erhalte der Begriff im klugen Knecht eine neue positive Bedeutung. Im umgedeuteten Sinn bezeichne er vielmehr ein „Interpretations- und Handlungsvermögen, das die eigene Rolle im Netz der Sozialbeziehung, in das sie einbezogen ist, in der richtigen Weise realisiert“ (Ragotzky 1981:88). Der von der Normverletzung Betroffene solle also der eigenen sozialen Rolle entsprechend aktiv werden und das Recht innerhalb der Grenzen seiner Rolle wiederherstellen (vgl. Ragotzky 1981:90). Dieses könne auch anhand eines Negativbeispiels demonstriert werden, nämlich anhand der ungevüegiu kündikeit, wie es z.B. in „Der begrabene Ehemann“ der Fall sei (vgl. Ragotzky 1981:90). Die Opfer der üngevüegiu kündikeit hätten keine „Erkenntnisfähigkeit und damit kein situationsspezifisches Interpretations- und Handlungsvermögen“ (Ragotzky 1981:90), sondern würden vielmehr dem „wân“(Ragotzky 1981:90) erliegen. Sie würden also ihrer Situation unangemessene Mittel verwenden, um die Restitution der Ordnung zu erlangen. Das ideologische Konzept, das Ragotzky als konstitutiv für den Typus des Stricker-Märe beschreibt, sei also, so Haug (2006:18), „die Stabilisierung der bestehenden Ordnung […], der Eheordnung, der Ständeordnung, der Weltordnung“. Dass diese Ordnung nicht lediglich eine rein weltliche Ordnung darstellt, sondern vielmehr einen gottgewollten Ordo bezeichnet, klingt bereits bei Ragotzky an. Sabine Böhm (1995) betrachtet dieses in ihrer Monographie „Der Stricker - Ein Dichterprofil anhand seines Gesamtwerkes“ tiefergehend. Die mittelalterlichen Autoren waren, so Böhm (1995:38), häufig der Ansicht, dass ein harmonisches Zusammenleben nur durch die Beachtung der Ordnung gewährleistet sei, sodass Verstöße gegen diese, insbesondere bei Dichtern des Frühmittelalters, als Sünde angesehen wurden. Aber warum wurde diese Ordnung als gottgewollt betrachtet? Böhm (1995:38) erklärt dieses Phänomen mit der Ansicht des Mittelalters, nach der „natur und art“ gottgewollte Bereiche darstellten. Betrachte man das Gesamtwerk des Strickers, erkenne man, dass der Stricker der Auffassung war, dass niemand „seine angeborene (=von Gott bestimmte) Natur“ (Böhm
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1995:38) verleugnen könne. Diese umfasse somit unter anderem auch die Position im Ständesystem. Böhm (1995:38) erkennt in diesem Zusammenhang eine „fast radikal konservative Haltung des Strickers“ da Verstöße gegen die göttliche Ordnung, z.B. gegen Standesschranken, in seinem Gesamtwerk immer wieder mit „Erziehung oder Niederlage korregiert“ (Böhm 1995:37) oder sogar mit Schande geahndet würden. Hier erkennt man Parallelen zu Ragotzky, die, wie bereits erwähnt, auch eine Restitution der Ordnung durch Anwendung der gevüegen kündikeit/ungevüegen kündikeit als charakterisierendes Merkmal der Stricker-Mären erkennt. Böhm (1995:79) zweifelt jedoch an der tatsächlichen Bedeutung des Begriffs kündikeit, da dieser in der Kleindichtung des Strickers so selten auftauche, dass er nicht als Gattungsmerkmal verwendet werden könne. Dennoch sieht Böhm (1995:79) eine Berechtigung der Thesen von Ragotzky, da die Stricker-Mären durchaus das Konzept, das der kündikeit übergeordnet sei, oder auch lediglich die Verstandesleistung als Prämisse für ein „gutes gesellschaftliches Zusammenleben“ propagieren würden.
Auch Haug (2006:19f.) zweifelt an Ragotzkys positiviertem Gebrauch der kündikeit, da unter anderem eine semantische Analyse von Elfriede Stutz diesen widerlege und außerdem, wie bereits von Böhm erwähnt, der Begriff zu selten in den Stricker-Mären auftauche, um diese positivierte Bedeutung zu belegen. Dennoch prüft auch Haug, ob das Konzept der kündikeit trotzdem Geltung haben kann und kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis als Böhm. Er belegt anhand seiner Ergebnisse, dass eine Ordnung nur ausnahmsweise wiederhergestellt wird. Nur selten, so Haug (2006:23), gebe es eine Lösung, die „nicht nur äußerlich rehabilitier[e] und straf[e], sondern auch innerlich die Situation in Ordnung“ bringe. Zudem finde eine vollständige Restitution nur dann statt, wenn die Ordnungsverstöße relativ harmlos seien. Tatsächlich versöhnliche Lösungen sieht Haug (2006:23) ansonsten „so gut wie nie“.
Inwiefern die Ordnungsdiskussion und der Stellenwert, der der göttlichen Ordnung in dieser zugschrieben wurde, Gültigkeit hat, untersuchte auch Egerding bereits 1998. Hierzu betrachtet er fünf Texte des Strickers, darunter drei Mären „Der kluge Knecht“, „Das heiße Eisen“ und „Der Richter und der Teufel“. Anhand seiner Textanalysen entwickelt Egerding (1998:140) eine Gegenthese, die besagt, dass in den Texten des Strickers eben gerade nicht die Bewahrung oder Restitution der Ordnung im Vordergrund stehe, sondern der Stricker eine Welt vorführe, die eben nicht zu ordnen sei. Grubmüller (2006) ignorierte diese Kritik an der ordnungsorientierten Lesart der Stricker-Texte und formulierte den Typus des Stricker-Märe, indem er wiederum den Ordnungsverstoß und die Replik als entscheidendes Charakteristikum der Stricker-Mären anführte. Die Figurenkonstellation sei modellhaft, die Figuren selbst seien typisiert und würden als „Vertreter einer gesellschaftlichen Gruppe“ (2006a:81) auftreten. Sie seien somit, wie auch bei Fischer, Ragotzky und Böhm bereits erwähnt, ständisch fixiert. Wie
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schon Ragotzky 1981 formulierte, sieht auch Grubmüller (2006a:83) als Auslöser der Handlung einen Ordnungsverstoß gegen das zu erwartende Verhalten der Figuren, bzw. ein Verhalten wider der „nach Gottes Willen eingerichteten Welt“. Das Ziel sei es, den „göttlichen Ordo“ (Grubmüller 2006a:83) wiederherzustellen. In der Regel geschehe dieses durch „die schrittweise Hinführung zur ‚Vernunft‘ durch listige Arrangements“ (Grubmüller 2006a:84). Diese Formulierung legt nahe, dass Grubmüller das Konzept der gevüegiu kündikeit dieser Aussage zugrunde legt, er spart jedoch dieses Thema komplett aus. Als weitere Möglichkeiten der Restitution der Ordnung nennt Grubmüller (2006a:85) außerdem noch die Erkenntnis, dass gar keine tatsächliche Störung vorlag, und die Verspottung des Störers. Blamage und Schande würden sich außerdem mehrfach in den Mären als Bestrafung wiederfinden.
Deutlich wird, dass die Ordnungsdiskussion in der Forschung seit Fischer (1968) immer wieder auf die Typisierung der beschriebenen Welt und eine fest bestehende Ordnung in den Stricker-Mären rekurriert. Seitdem Ragotzky (1981) ihr Konzept der gevüegiu kündikeit vorstellte, scheint der Ordnungsverstoß und die standesgemäße Restitution der Ordnung als Charakteristikum der Stricker-Texte aus der Forschungsdiskussion nicht mehr wegzudenken, auch wenn einige Kritiker dieses versucht haben zu widerlegen.
2.2 Die Funktion der Stricker-Mären
Nachdem die Ordnungsdiskussion in der Forschung dargestellt wurde, soll im Folgenden kurz zusammengefasst werden, wie sich die Debatte zur Funktion der Stricker-Mären in der Forschung darstellt und wie auch hier die Propagierung einer gottgewollten Ordnung thematisiert wird.
Ragotzky (1981:133) beschreibt die Strickerschen Märe als „Medium der Erkenntnis von wârheit“. Hierbei unterscheidet sie zwischen dem „rehte[n] maere“ und dem „gelogen maere“ (Rgotzky 1981:134). Beim rehten maere bestehe die Leistung der Rezipienten darin, diese wârheit zu erkennen und auf die eigene Situation zu übertragen. Das Ziel des Märe sei also erreicht, wenn sich die Erkenntnis von wârheit in einem „situationsgerechte[n] bzw. rechtmäßige[n] Verhalten“ (Ragotzky 1981:134) konkretisiere. Das gelogen maere jedoch, möchte den Rezipienten von der Realität entfernen (vgl. Ragotzky 1981:134). Beide Typen von Mären würden allerdings eine Deutungsaktivität des Rezipienten fordern und seien erkenntnisstiftend.
Böhm (1995:78) betrachtet die Definition des Märe als ein wahrheitsvermittelndes Medium als problematisch. Vielmehr erkennt sie in den Mären die Anlage, ambivalente Reaktionen hervorzurufen. Die Moral der Mären müsse der Rezipient eigenständig herauslesen und die Deutung sei zwar auch von den „idealen Normvorstellungen“ (Böm 1995:78) eines göttlichen Ordos abhängig, aber auch von persönlichen Erfahrungswerten und Normvorstellungen des Rezipienten. Folglich sieht Böhm (1995:85) die Funktion der Märe darin, Ratschläge zu vermitteln, die sich jedoch die Rezipienten kritisch
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Arbeit zitieren:
Kirsten Hinzpeter, 2010, Die gottgewollte Ordnung in den Strickermären, München, GRIN Verlag GmbH
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