Inhalt
Einleitung 1
1. Die Figur 1
1.1 Eine kurze Einführung 1
1.2 Strukturalistische vs. mimetische Ansätze 3
1.2.1 Strukturalistische und formalistische Ansätze 3
1.2.2 Mimetische Ansätze 4
1.2.3 Versuche der Versöhnung der Ansätze 5
1.2.4 Figurenbegriff dieser Arbeit und Parameter der Figurenanalyse 8
1.3 Figurenanalyse und Mittel der Charakterisierung 9
2. Die Erziehungsinstanzen in Christa Wolfs Kindheitsmuster - Eine Figurenanalyse 12
2.1 Die Besonderheiten des Romans 13
2.2 Herr Warsinski - Mädchenschule III 14
2.3 Dr. Juliane Strauch - Oberschule 18
Fazit 23
Einleitung
Christa Wolfs Kindheitsmuster beschäftigt sich mit einem Erzähler-Ich, das 1929 in Deutschland geboren wurde und somit seine Kindheit im nationalsozialistischen Deutschland verbrachte. Im Gegensatz zu anderen Romanen, die sich mit dem zweiten Weltkrieg beschäftigen, setzt Kindheitsmuster demnach bereits mit der Kindheit des Erzähler-Ichs ein, nämlich etwa in dem Jahr 1932, in dem das Kind zum ersten Mal „Ich“ denkt. Der Fokus, der somit auch auf die Erziehung in den Vorkriegsjahren gelegt wird, legt es nahe, diese etwas genauer zu betrachten, um nachvollziehen zu können, mit welchen Erziehungsinstanzen Kinder im nationalsozialistischem Deutschland konfrontiert waren und inwiefern diese ihre Entwicklung zu einem systemkonformen Bürger beeinflusst haben. In dieser Arbeit sollen demnach die schulischen Erziehungsinstanzen analysiert werden, um ihren Einfluss auf das Kind Nelly Jordan zu untersuchen. Um dieses reflektiert tun zu können, beschäftigt sich die Arbeit jedoch zunächst theoretisch mit der narratologischen Entität der Figur, um anschließend die Figuren des Lehrers Warsinski und der Lehrerin Dr. Juliane Strauch zu analysieren.
1. Die Figur
Da sich diese Arbeit mit den schulischen Erziehungsinstanzen des NS-Regimes in Kindheitsmuster 1 und deren Einfluss auf eine faschistisch geprägte Kindheit Nellys, des kindlichen Erzähler-Ichs, beschäftigen soll, ist es zunächst einmal notwendig, den Diskurs über Figuren in der Forschung zu skizzieren, um anschließend den Umgang mit der Entität der Figur in dieser Arbeit festzulegen. Des Weiteren soll diskutiert werden, wie eine Figurencharakterisierung aussehen könnte und welche Aspekte bei der Betrachtung der Erziehungsinstanzen in den Vordergrund rücken sollen.
1.1 Eine kurze Einführung
Betrachtet man die Entität der Figur in der Erzählwelt, ist es zu Beginn interessant zu reflektieren, welche Rolle Figuren in einer Erzählung einnehmen. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass sich in der Forschung die Auffassung durchgesetzt hat, dass die Voraussetzung einer Erzählung eine Zustands- oder Situationsveränderung und somit ein Ereignis ist. So fasst zum Beispiel Peter Hühn in seinem Artikel im Living Handbook of Narratology ein Ereignis folgendermaßen zusammen: “The term ‘event’ refers to a change of state, one of the constitutive features of narrativity” (Hühn LHN: Paragraph
1 Im Folgenden abgekürzt mit KM
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2). Es ist zudem festzuhalten, dass nach Hühn solche Ereignisse normalerweise in Bezug zu einer oder mehreren Figuren als „agent[s] or patient[s]“ (Hühn LHN: Par.5) stattfinden, also eine Erzählung ohne Figuren nicht möglich wäre. Auch bereits Jurij M. Lotman befasst sich mit der Zustandsveränderung als konstitutives Element einer Erzählung. Lotman gebraucht jedoch den Begriff sujethaft, der besagt, dass ein Text erst sujethaft und somit narrativ wird, wenn die Grenze zwischen zwei komplementären Teilräumen überschritten wird. (vgl. Martinez/Scheffel 2009:140) Interessant ist es nun zu betrachten, aus welchen drei Elementen sich laut Lotman ein Sujet zusammensetzt:
1. ein bestimmtes semantisches Feld, das in zwei sich ergänzende Teilmengen geglie-
dert ist; 2. eine Grenze zwischen diesen Teilen, die unter normalen Umständen un-
überschreitbar ist, sich jedoch im vorliegenden Fall (ein Sujet-Text spricht immer von
dem vorliegenden Fall) für den Helden als Handlungsträger doch als überwindbar er-
weist; 3. der Held als Handlungsträger. (Lotman 1972: 341)
Es wird also auch bei Lotman deutlich, dass der Held als Handlungsträger eine der drei Voraussetzungen eines Sujets und somit auch Voraussetzung für einen sujethaften, also narrativen Text ist. Bei der Betrachtung der beiden oben aufgeführten Definitionen wird demnach bereits deutlich, dass Figuren eine wichtige Position in der Ereignishaftigkeit von Texten einnehmen und allein deshalb in den meisten Erzählungen nicht wegzudenken sind. Hierbei müssen die Figuren jedoch nicht ausschließlich menschlich sein, sondern können auch lediglich „human-like“ (Jannidis LHN: Par.2), so zumindest nach einem mimetischen Ansatz, sein.
Neben dieser konstitutiven Besonderheit von Figuren, ist es jedoch auch interessant zu betrachten, welche Rolle Figuren für den Leser einnehmen. Es ist vermutlich jedem bewusst, dass Erzählungen ohne Figuren für den Leser wenig interessant wären. Wir erhoffen uns beim Lesen Einblicke in zumindest eine Figur zu bekommen, um so eine gewisse Nähe zu der Figur aufzubauen. Wie dieses Gefühl der Nähe erzeugt wird, kann jedoch verschiedenste Gründe haben und muss somit im Einzelfall betrachtet werden (vgl. Lahn/Meister 2008: 232). Festzuhalten ist jedoch, dass die Figur für den Leser eine ganz besondere Rolle in einer Erzählung einnimmt und eine starke Faszination ausübt. Der Leser betrachtet diese faszinierende Entität nun häufig als Individuum, also als menschenähnliche Instanz, die somit auch analysiert und durchschaut werden kann. Dieser Aspekt der Psychologisierung der Figuren führte in der Forschung zu kontroversen Diskussionen bezüglich der Behandlung von Figuren. Diese Debatte soll im Folgenden kurz dargestellt werden.
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1.2 Strukturalistische vs. mimetische Ansätze
Wie bereits oben erläutert, gibt für die Figurenbetrachtung in der Forschung unterschiedliche Ansätze. Die entscheidende Frage ist hierbei, ob man die Figuren als anth-ropomorph oder lediglich als reines sprachliches Konstrukt auffasst. Die zwei wichtigsten Ansätze, die sich in diesem Punkt unterscheiden, sollen im Folgenden kurz dargestellt werden.
1.2.1 Strukturalistische und formalistische Ansätze
Strukturalisten, so Rimmon-Kenan, können Figuren natürlich kaum in ihre Theorie aufnehmen, welche den Inhalt als zweitrangig und Menschen als dezentral ansieht und sich somit auch gegen die Ansicht von Individualität und einer psychologischen Tiefenstruktur wendet. (vgl. Rimmon-Kenan 1997: 30) Mit dieser Feststellung einhergehend, vertraten Strukturalisten wie Roland Barthes, Vladimir Propp oder Boris Tomasevskij bis ins 20. Jh. hinein die Auffassung, dass die Besonderheiten literarischer Texte vernachlässigt würden, wenn die Figuren als Abbild realer Menschen betrachtet würden. (vgl. Lahn/Meister 2008: 233) Wie der Name bereits verrät, legen Strukturalisten also den Fokus auf die Struktur von Texten. Figuren werden daher als Knotenpunkt in einem Text aufgefasst, an dem Ereignisse und Kräfte aufeinandertreffen und zusammenwirken; die Individualität sowie der anthropomorphe Charakter werden jedoch negiert. (vgl. Rimmon-Kenan 1997: 30) Aus diesem Grund werden den Figuren in strukturalistischen Abhandlungen vielfach Funktionen zugeschrieben. Außerdem werden die Figuren als ihren Handlungen untergeordnet angesehen. Bereits bei Aristoteles, der die Figuren lediglich als „‘agents‘ or ‘performers‘“ (Rimmon-Kenan 1997: 34) für notwendig hielt, kann man diese Unterordnung finden. Einer der ersten, der ein Modell für die Funktionen von Figuren entwarf, war Vladimir Propp. Propp ordnet in seinem Modell Figuren ihren „Handlungskreisen“ (Martinez/Scheffel 2009: 139) unter und schreibt ihnen folgende mögliche Rollen zu: „the villain, the donor, the helper, the sought-for-person and her father, the dispatcher, the hero and the false hero.“ (Rimmon-Kenan 1997: 34). Auch Greimas verfasste ein ähnliches Modell, sein sogenanntes Aktantenmodell, welches sich auf die Funktionen der Figuren „in Bezug auf die Gesamthandlung“ (Lahn/Meister 2008: 244) bezieht. Toolan fasst die strukturalistische Position wie folgt zusammen: „In short, the text of the person, in narrative, belies individuality and discloses at every turn their typicality.“ (Toolan 1988: 90) Es wird also bereits an diesem sehr kurzen Überblick deutlich, dass sich die Strukturalisten gegen die Betrachtung von Figuren als reale Menschen oder menschähnliche Individuen richten und vielmehr abstrakte, strukturalistische, funktionale Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen
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stellen. Durch diese Ablehnung der Psychologisierung der Figuren umgeht man zwar zum einen die Gefahr einer falschen Interpretation von Figuren durch "anthropological, biological or psychological theory of persons“ (Jannidis LHN: Par.12), zum anderen, so argumentieren die Vertreter des mimetischen Ansatzes, vernachlässigt diese rein strukturalistische Betrachtung der Figuren wesentliche Aspekte, wie zum Beispiel den „wirkungsästhetische[n] Gesichtspunkt“ (Lahn/Meister 2008: 234).
1.2.2 Mimetische Ansätze
Während nun der strukturalistische Ansatz Figuren als rein sprachliche Phänomene betrachtet, hat der mimetische Ansatz die anthropomorphe Auffassung der Figuren als Grundannahme, die es dem Leser und literaturwissenschaftlichen Betrachter erlaubt, die Figuren zu psychologisieren. Rimmon-Kenan fasst die mimetische Theorie folgendermaßen zusammen:
[…] the so-called ‚realistic‘ argument sees characters as imitations of people and tends
to treat them -with greater or lesser sophistication- as if they were our neighbours and
friends, whilst also abstracting them from the verbal texture of the work under consid-
eration. (Rimmon-Kenan 1997: 32)
Demnach beschäftigt sich der mimetische Ansatz nicht mit rein handlungslogischen Zusammenhängen, wie es der Strukturalismus häufig tut, sondern befasst sich zum Beispiel auch mit psychoanalytischen Untersuchungen der Figuren - wie z.B. Freuds Analyse von Hamlet (vgl. Jannidis LHN: Par.12) - sowie mit psychologischen Phänomenen, wie zum Beispiel der Bildung von Sympathien und Antipathien, kurz mit den wirkungsästhetischen Aspekten (vgl. Lahn/Meister 2008: 233).
In den letzten Jahrzehnten fand die mimetische Theorie wieder mehr Zuspruch, da unter anderem die Reduzierung der Figuren auf rein sprachliche Konstrukte auch praktische Probleme in der Literaturwissenschaft mit sich brachte. (vgl. Jannidis LHN: Par.14) So stellt sich das Aktantenmodell Greimas in der Anwendung auf moderne Literatur als problematisch dar, weil viele Figuren nicht mehr durch ihre Funktion und Motive definiert sind, sondern auch rein „abstrakte bzw. syntaktische […] Subjekte“ sein können und somit eine rein (handlungs-)logisch orientierte[..] Figurenkonzeption“ (Lahn/Meister 2008: 246) nicht mehr ausreicht.
Aber auch der mimetische Ansatz wurde immer wieder kritisiert, da er, so die Kritiker, das spezifisch Narrative außer Acht lasse (vgl. Rimmon-Kenan 1997: 34). Die Figuren sind, so wird immer wieder betont, unvollständig in dem Sinne, dass nur ein Ausschnitt ihres Lebens und ihrer Psyche in der Erzählung gezeigt wird. Strukturalisten betonten nun immer wieder, dass eine Figur sich auch ausschließlich nur aus diesen Informationen zusammensetzt, während in der mimetischen Theorie, die Figuren häufig als trotz-
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dem ganzheitlich betrachtet wurden oder sogar Leerstellen ergänzt wurden. So analysierte Bradley (1902) Shakespeares Figuren wie reale Menschen und ergänzte sogar eine Vorgeschichte und eine Zukunft für die jeweiligen Figuren. Diese sehr extreme Ausformung des mimetischen Ansatzes verdeutlicht noch einmal die Gefahr, durch die Behandlung der Figuren als reale Personen und die rein psychologische oder psychoanalytische Analyse spezifisch narrative Aspekte zu vernachlässigen und sich in Spekulation zu verlieren, wie zum Beispiel an Knights (1933) spöttischer Frage „‘How many children had Lady Macbeth?‘“ (zitiert in 2 Jannidis LHN: Par.14) deutlich wird. Die Aufgabe, die sich nun also die Kritiker in der Forschung stellen mussten und müssen, war/ist es, einen Ansatz zu entwickeln, der die beiden vorgestellten Ansätze so vereint, dass weder das rein textuelle Konstrukt noch eine rein menschliche Betrachtung im Vordergrund steht. Einige Vorschläge für eine solche Figurenbetrachtung sollen im folgenden Abschnitt beschrieben und die Behandlung der Figuren in dieser Arbeit geklärt werden. Hierbei soll der Fokus auf Jannidis (2004) und Rimmon-Kenan (1997) liegen, da der Rahmen dieser Arbeit eine weiter reichende Betrachtung nicht zulässt.
1.2.3 Versuche der Versöhnung der Ansätze Jannidis fasst zusammen:
Figuren lassen sich weder als bloße textuelle Bezüge noch als direkte Wiedergabe von
realen Personen auffassen, aber ganz offensichtlich haben sie von beidem etwas. Die-ses ‚Etwas‘ genauer zu bestimmen ist das eigentliche Problem. (2004: 172) Auch Rimmon-Kenan beschreibt, dass die große Aufgabe in der Figurenforschung „the elaboration of a systematic, non-reductive but also non-impressionistic theory of character“ (1997: 29) sei. Das bedeutet, dass eine systematische Theorie verfasst werden muss, die weder rein strukturalistisch noch rein mimetisch arbeitet und die zusätzlich auch genre- und epochenübergreifend funktionieren muss (vgl. Lahn/Meister 2008: 246). Weder der strukturalistische noch der mimetische Ansatz, so Rimmon-Kenan, vermag es, das Spezifische der fiktionalen Figuren (vgl. 1997: 33) zu erfassen. Sie versucht nun also einen Mittelweg zu finden, der beide Theorien vereint und der das spezifisch Narrative, bzw. das Spezifische fiktionaler Figuren, berücksichtigt. Nach Rimmon-Kenan ist es möglich, die Figuren einerseits als „persons“ und andererseits als „parts of a design“ (1997: 33) zu betrachten. Dies sei möglich, wenn man einerseits den Figuren eine Knotenfunktion auf der sprachlichen Ebene, aus der sie nicht herauszulösen sind, zuschreibt, andererseits jedoch die Figuren in der story, in der die Figuren aus der sprachlichen Ebene herausgelöst werden, nicht als sprachliche Konstrukte begreift, sondern vielmehr
2 im Folgenden abgekürzt mit „zit. in“ 5
Arbeit zitieren:
Kirsten Hinzpeter, 2011, Die schulischen Erziehungsinstanzen in Christa Wolfs "Kindheitsmuster", München, GRIN Verlag GmbH
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