Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
1.1 Problemstellung 2
1.2 Fragestellung 3
1.3 Literatur 3
1.4 Aufbau 4
2. Vorbemerkungen zur Flucht der Exulanten 5
2.1 Die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges 5
2.2 Der Grenzraum 8
2.3 Immigranten 10
2.4 Der Exulantenbegriff 12
2.5 Erinnerungskultur und Identitätsstiftung 14
3. Sichtweise des 19. Jahrhunderts 16
3.1 Religiöse Darstellung 17
3.2 Wirtschaftliche Darstellung 20
3.3 Exulanten als politische Flüchtlinge 22
4. Schlussbetrachtung 23
5. Literaturverzeichnis 27
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1. Einleitung
1.1 Problemstellung
Mit der Niederlage der böhmischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg am
8. November 1620 unter ihrem König Friedrich V. von der Pfalz gegen die katholische Liga begann in Böhmen die Gegenreformation. Nachdem der überwiegende Teil der böhmischen Bevölkerung bereits zum protestantischen Christentum übergetreten war 1 (besonders in Richtung der Lutheraner und Hussiten 2 ), wurde nun mit Zwangsmaßnahmen 3 die Rekatholisierung vorangetrieben. 1621 wurde der Majestätsbrief von 1609, in dem den böhmischen Ständen Religionsfreiheit gewährt wurde, von Kaiser Ferdinand II. aufgehoben. 4 Wer nicht zum Katholizismus konvertieren wollte, musste das Land verlassen, oftmals ohne die Möglichkeit, den Besitz zu veräußern oder die bewegliche Habe mitnehmen zu können. 5 Viele zehntausend 6 Böhmen verließen daraufhin ihr Land und fanden im protestantischen Kurfürstentum Sachsen eine Zuflucht. Durch die meist recht überstürzt erfolgende Flucht verloren die meisten ihr gesamtes Hab und Gut und mussten in Sachsen ein neues Leben beginnen. Zunächst waren besonders die Träger der Gesellschaft, wie beispielsweise Pfarrer und Lehrer, von der Verfolgung in Böhmen betroffen 7 , später mussten dann auch Handwerker und Bauern fliehen. Diese Flüchtlinge waren erheblich am Neuaufbau Sachsens, das vom Dreißigjährigen Krieg und der Pest wie die meisten Teile Deutschlands stark betroffen war, beteiligt. Um ihren Status als Glaubensflüchtlinge deutlich zu machen, erhielten
1 Vgl. Pescheck, Christian Adolf: Die böhmischen Exulanten in Sachsen, Zur Beantwortung der
von der Fürstlichen Jablonowski’schen Gesellschaft gestellten historischen Preisfrage, Leipzig
1857, S. 3.
http://books.google.de/books?id=4M5WAAAAMAAJ&printsec=frontcover&dq=Pescheck
2 Vgl. Sieber, Siegfried: Geistige Beziehungen zwischen Böhmen und Sachsen zur Zeit der
Reformation, Teil 2: Pfarrer und Lehrer im 17. Jahrhundert. In: Bohemia, Zeitschrift für
Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. 7, 1966, S. 129.
3 Vgl. Pescheck: Die böhmischen Exulanten in Sachsen. S. 5f.
4 Vgl. ebd. S. 4.
5 Vgl. Ruhland, Volker: Böhmische Exulanten in Kursachsen und der Dreißigjährige Krieg. In:
Dresdner Hefte. 48, 1996, S. 15.
6 Eine genaue Angabe der Flüchtlingszahlen ist nicht möglich. Siehe dazu: Wäntig, Wulf:
Grenzerfahrungen, Böhmische Exulanten im 17. Jahrhundert. Konstanz 2007, S. 14f.
7 Vgl. Sieber, Siegfried: Geistige Beziehungen zwischen Böhmen und Sachsen zur Zeit der
Reformation, Teil 1: Pfarrer und Lehrer im 16. Jahrhundert. In: Bohemia, Zeitschrift für
Geschichte und Kultur der böhmischen Länder. 6, 1965, S. 146f; ebenso in: Ruhland:
Böhmische Exulanten. S. 15.
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sie wie alle protestantischen Flüchtlinge zu dieser Zeit die Bezeichnung Exulanten.
1.2 Fragestellung
Die Aufnahme vieler Flüchtlinge musste unweigerlich Auswirkungen auf das Kurfürstentum Sachsen haben. Jedoch sollte man die Exulanten nicht als eine einheitliche Gruppe betrachten. Sie zerfällt in viele kleine Einheiten, die besonders durch ihre Herkunft und durch ihre Sprache zu unterscheiden sind. Außerdem erfolgte ihre Auswanderung über einen Zeitraum von ungefähr 300 Jahren, was die Homogenität noch zusätzlich als sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt. Wie wurden nun diese unterschiedlichen Gruppen in der sächsischen Gesellschaft erlebt und wie verhielten sie sich in ihrer neuen Umwelt? Wie änderten sich die Sichtweisen im Verlauf der Zeit und inwiefern beeinflussten die eingewanderten „deutschen“, bzw. „tschechischen“ Böhmen dieses Bild in der sächsischen Bevölkerung durch ihr Verhalten? Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf der Sichtweise des 19. Jahrhunderts liegen. Wo legten die Historiker dieses Jahrhunderts ihre Schwerpunkte bei der Betrachtung der böhmischen Exulanten in Sachsen und welche Ungenauigkeiten sind ihnen unterlaufen? Ziel all dieser Betrachtungen ist, letztendlich zu klären, ob es die Exulanten als eine homogene Gruppe überhaupt gab.
1.3 Literatur
Die Aufzeichnungen über die so genannten Exulanten aus dem 17. Jahrhundert in Sachsen sind erstaunlich gut. Viele der Flüchtlinge sind registriert worden und es stehen sogar Listen mit deren Namen sowie weiteren Informationen über die flüchtenden Protestanten zur Verfügung. 8 Besonders gut können die Schicksale der Vertriebenen aus der Zeit um das Jahr 1630 verfolgt werden; bei
8 Vgl. Digitalisierung der „Bergmann'schen Exulantensammlung“, Eine Kooperation zwischen
der Ludwig-Maximilians-Universität München und dem Hauptstaatsarchiv Dresden
http://www.exulanten.geschichte.uni-muenchen.de/index.php?module=welcome
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ihnen handelte es sich vielfach um Menschen aus den höheren Schichten. Durch das Auftreten der Namen in unterschiedlichen Stadtregistern wurde es möglich, die Lebensläufe teilweise zu rekonstruieren und Rückschlüsse auf das Leben in Sachsen zu ziehen. 9 Dabei fallen die Interpretationen je nach eigenem geschichtlichem Umfeld unterschiedlich aus. So fallen die jüngeren Arbeiten dem Geschehen gegenüber erheblich kritischer aus als die Arbeiten ein Jahrhundert zuvor. Dabei existieren nur wenige Monographien, welche die Thematik der Exulanten eingehend behandeln. Zu nennen wären die Arbeiten von Pescheck aus dem 19. Jahrhundert, Loescher aus der Mitte des 20. Jahrhunderts und Wäntig als Gegenwartsautor.
1.4 Aufbau
Diese Arbeit gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten Kapitel sollen die allgemeinen Rahmenbedingungen in der Zeit des 17. Jahrhunderts beschrieben werden, um die politischen und religiösen Zustände der Zeit deutlich zu machen. Außerdem wird beschrieben wie sich der Begriff "Exulanten" definiert und wie sich die verschiedenen Gruppen der Exulanten in die sächsische Bevölkerung eingefügt haben. Im zweiten Teil wird die komplexe Thematik der Exulanten, besonders die Inhomogenität dieser Gruppe, im Vordergrund stehen. Die Instrumentalisierung der Flüchtlinge in der protestantischen Literatur des 19. Jahrhunderts soll hier deutlich gemacht werden. Im letzten Kapitel erfolgt eine zusammenfassende Bewertung der unterschiedlichen Sichtweisen zwischen der Gegenwart und dem 19. Jahrhundert. Dabei geht diese Arbeit davon aus, dass die heutigen Überlegungen näher an einer realen Darstellung der Geschehnisse zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges liegen als die des 19. Jahrhunderts.
9 Vgl. Wenzel, Cornelia: Exulanten in Görlitz im 17. Jahrhundert. In: Die Besiedlung der
Neißeregion: Urgeschichte, Mittelalter, Neuzeit. Zittau 1995, S. 109.
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2. Vorbemerkungen zur Flucht der Exulanten
Um die verschiedenen Interpretationen der Geschichte der Exulanten verstehen zu können, müssen zunächst einige allgemeine Untersuchungen angestellt werden. In diesem Kapitel sollen die Beziehungen der böhmischen und sächsischen Bevölkerung in der Zeit der Verfolgung betrachtet werden sowie die Sichtweisen der sächsischen Bevölkerung auf die Flüchtlinge. Außerdem sollen die Rahmenbedingungen, unter denen die Flucht aus Böhmen erfolgte, näher beschrieben werden.
2.1 Die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges
Nach dem Sieg am Weißen Berg begann man, die Rekatholisierung Böhmens voranzutreiben. Unter dem Deckmantel der Entschädigung für Kriegskosten wurden von den aufständischen Fürsten große Vermögen beschlagnahmt und sie wurden zum Verkauf ihrer Güter gezwungen. 10 Insgesamt konfiszierte die böhmische Krone etwa vierzig Millionen rheinische Gulden, wodurch „praktisch fast die Hälfte der ganzen Ständegemeinde an den Bettelstab gebracht wurde“. 11 Zudem begann man im Dezember 1621 damit, alle nichtkatholischen Geistlichen zunächst aus Prag und später aus ganz Böhmen zu vertreiben. Mit einem Beschluss aus dem Jahre 1624 wurde die katholische Religion zur einzigen erlaubten Religion in Böhmen und Mähren erklärt. 12 Insbesondere die Jesuiten drängten zu diesen Maßnahmen, um wieder ein Religionsmonopol in Böhmen zu errichten. Sie erhielten das Recht, alle Druckschriften zu zensieren und die Oberaufsicht über das böhmische Schulwesen. 13 Damit sicherte sich die Katholische Kirche die wichtigsten Positionen innerhalb Böhmens, um die Bevölkerung in ihrem Sinne zu beeinflussen.
10 Vgl. Alter, Friedrich: Die Aufnahme der böhmischen Exulanten in Dresden. In: Verein für
Geschichte Dresdens (Hrsg.): Dresdner Geschichtsblätter. 4. Jahrgang, Nr. 3, 1895. S. 205.
11 Vgl. Bosl, Karl (Hrsg.):Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder. Band II. Die
böhmischen Länder von der Hochblüte der Ständeherrschaft bis zum Erwachen eines
modernen Nationalbewußtseins. Stuttgart 1974, S. 285f.
12 Vgl. ebd. S. 285f.
13 Vgl. ebd.
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Die Durchführung der Katholisierung in den einzelnen Landesteilen wurde zunächst stark durch den Kriegsverlauf bestimmt. Fiel eine katholische Region in die Hände der Protestantischen Union, so wurde ein neuer protestantischer Pfarrer für diese Region bestimmt. Im umgekehrten Fall geschah es ebenso. Deshalb verlief die Rekatholisierung Böhmens zunächst nur sehr langsam und viele protestantische Gläubige konnten in ihrer Heimat bleiben oder kurzzeitig zurückkehren, ohne Repressionen befürchten zu müssen. 14 Nach Kriegsende 1648 änderte sich jedoch die Situation erheblich. Die habsburgischen Könige begannen nun verstärkt, ihre Religionspolitik durchzusetzen. Durch diese Bestimmungen verschärfte sich nun zusehends der Druck auf alle Nichtkatholiken in den Ländern. 15 Wegen der Repressionen, die nun folgten, wurden viele Menschen, die ihren Glauben nicht ändern wollten, gezwungen, in das Kurfürstentum Sachsen auszuwandern, in der Hoffnung, dort ihren Glauben frei ausüben zu können. In Prag kam es als Abschreckungsmaßnahme bereits nach dem Sieg am Weißen Berg zu Hinrichtungen von Protestanten, die während des Aufstandes eine wichtige Rolle gespielt hatten. 16 Wer weiterhin in Böhmen unbehelligt leben wollte, war gezwungen, den katholischen Glauben anzunehmen oder wenigstens einen Wechsel glaubwürdig darzulegen. Selbst der Besitz protestantischer Schriften wurde unter Strafe gestellt; diese wurden in Sachsen gedruckt und über die Grenze geschmuggelt. 17 Um die zunächst im Land verbliebenen Protestanten von ihren Gottesdiensten abzuhalten, wurde das Militär eingesetzt, das mit Gewalt die protestantischen Gläubigen in katholische Kirchen brachte. Auch Beerdigungen für Nichtkatholiken mussten ohne angemessenes religiöses Zeremoniell durchgeführt werden. Besonders auf dem Land, wo es schwieriger war, die Menschen zu überwachen, wurden Soldaten in den Familien einquartiert. 18 Die Soldaten unterstützen und beschützten Kommissionen, die in den Dörfern für den Fortgang der Rekatholisierung eingesetzt worden waren. 19 Diese Maßnahmen ermöglichten dem böhmischen König, die Macht der
14 Vgl. Ruhland: Die Exulanten in Sachsen und in der Oberlausitz. In: Sachsen und Böhmen im
Wandel der Geschichte. Protokollband der internationalen Konferenz in Usti nad Labem am
10./11.11.1992, S. 13.
15 Vgl. Pescheck, S. 12.
16 Vgl. ebd. S. 11.
17 Vgl. Ruhland: Die Exulanten in Sachsen und in der Oberlausitz. S. 129.
18 Vgl. Pescheck, S. 7f.
19 Vgl. ebd. S. 12.
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böhmischen Landstände wieder in erheblichem Maße auf sich zu vereinigen. 20 Die Macht des böhmischen Adels war weitestgehend gebrochen und die wichtigsten Führer des Aufstandes waren entweder in den Schlachten gefallen, geflohen oder wurden gefangen genommen. 21
Doch nicht in jeder Region wurden die befohlenen Maßnahmen genauso in die Realität umgesetzt. Viele Fürsten waren sich bewusst, dass die Durchführung einen erheblichen Verlust an Einwohnern zur Folge haben würde. Besonders in den grenznahen Regionen wurde die Rekatholisierung nur sehr vorsichtig vorangetrieben. Durch die stetige Abwanderung nach Sachsen wurde auch die Regierung in Prag alarmiert und sie versuchte, mit Anreizen die Bevölkerung zum Bleiben zu bewegen, denn der wirtschaftliche Schaden in Böhmen war immens. 22
Somit ergibt sich eine eindeutige Trennung zwischen den Interessen der weltlichen Fürsten und denen der geistlichen Vertreter. Die Kirche wollte ihren Willen um jeden Preis durchsetzen, wohingegen die weltlichen Fürsten sensibler gegenüber den negativen Auswirkungen einer radikalen Katholisierung waren. Doch können aus heutiger Sicht keine Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen bezüglich der Fluchttendenzen festgestellt werden. 23
Die Fluchtbewegung aus Böhmen nach Sachsen zog sich durch das gesamte
17. Jahrhundert und betraf nach Schätzungen zwischen mehreren zehntausend und einhundertfünfzigtausend Personen. Eine genaue Zahl kann nicht ermittelt werden, da sie bereits zur Zeit des 17. Jahrhunderts für propagandistische Zwecke missbraucht und weit überhöht wurde. Für Böhmen bedeutete diese Abwanderung einen starken Verlust, da das Land sowohl unter dem Dreißigjährigen Krieg als auch unter der Pest litt und bereits einen Großteil der Bevölkerung verloren hatte. „…[D]enn Böhmen hatte vor [dem Dreißigjährigen
Krieg] 3 Millionen und nach demselben nur 780,000 Einwohner.“ 24 Somit scheint sich der Monarch der Religion bedient zu haben, um seine Machtposition in den böhmischen Ländern zu erhalten und darüber hinaus
20 Vgl. Bosl, S. 287.
21 Vgl. Ruhland: Böhmische Exulanten. S. 14f.
22 Vgl. Ruhland: Die Exulanten in Sachsen und in der Oberlausitz. S. 129.
23 Vgl. Wäntig, Wulf: „Exulanten" aus dem böhmischen Niederland in den angrenzenden
Gebieten Kursachsens und der Oberlausitz, in: Michaela Hrubá (Hrsg.): Víra nebo vlást? Exil v
českých dějinách raného novověku. Usti nad Labem 2001, S. 111.
24 Pescheck. S. 7.
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Christian Schultze, 2008, Exulanten in Sachsen, München, GRIN Verlag GmbH
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