Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 2
2. Die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ nach Cederman et al. 3
2.1. Die Grundlagen des „Ethno-Nationalismus“ 4
2.2. Die Hypothesen des „ethnischen Nationalismus“ 5
3. Der Darfur-Konflikt in der Analyse 8
3.1. Included and Excluded Groups“ und ihre geographische
Verbreitung im Sudan 8
3.2. Testung der Hypothesen zur Motivation der marginalisierten
Bev ölkerung im Darfur-Konflikt 11
3.3. Testung der Hypothese zum Mobilisierungspotenzial
der Rebellenorganisationen im Darfur-Konflikt 14
3.4. Testung der Hypothese zur Konfliktvergangenheit im Sudan
und der Darfur-Region 15
4. Fazit 17
Abbildungsverzeichnis 19
Quellenverzeichnis 20
Anhang 23
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1. Einleitung
Am 14.07.2008 wurde ein Haftbefehl vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag gegen den sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir erlassen. Luis Moreno-Ocampo war dabei der Chefkläger und Antragsteller. Dies stellte ein Novum in der Geschichte des internationalen Gerichtshofes dar, da zuvor noch nie ein im Amt befindliches Staatsoberhaupt angeklagt worden ist. Dem sudanesischen Präsidenten wird seitdem zur Last gelegt, persönlich mit verantwortlich zu sein für die Verbrechen in der Darfur-Region. Der Haftbefehl beinhaltet die Anklagepunkte „Verbrechen gegen die Menschlichkeit in sieben Fällen“, sowie „Kriegsverbrechen“ (www.zeit.de 2009, vgl. www.amnesty.org 2009).
Der Darfur-Konflikt ist im Frühjahr 2003 international in das Blickfeld der Medien geraten. Als Beginn der Auseinandersetzungen wird oftmals der Überfall von Rebellenorganisationen auf den Militärflughafen Al-Fashir im April 2003 genannt (vgl. Khalafalla 2005: 44, vgl. Agence France Presse 2003a). Andere Berichte sehen mit der Besetzung der Stadt Gulu durch die Rebellenorgansation „Darfur Liberation Front“ 1 im Februar 2003 bereits den Startpunkt des Konfliktes (vgl. www.rp-online.de 2009, Agence France Presse 2003b). In den Nachrichten und Pressemeldungen wurden zu dieser Zeit immer meist kurzfristige Ursachen für den Ausbruch der Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und den Anhängern der Rebellengruppe SLM/A genannt. Die eigentlichen Gründe, weshalb es in Ländern zu Konflikten dieser Art kommt, liegen jedoch meist in längerfristig angelegten Umständen, die Aufstände und ausufernde Gewalt befördern. Für den Sudan und insbesondere die Region Darfur trifft dies ebenfalls zu, da es bestimmte Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten gegeben hat, die einen Ausbruch des Bürgerkriegs begünstigt haben. Im Fokus dieser Hausarbeit stehen eben diese Ursachen.
Folgend wird gezeigt werden, dass die Hauptursache des Darfur-Konflikts in der anhaltenden politischen Exklusion bestimmter ethnischer Gruppen der Region von der Regierungsmacht liegt. Dies wird anhand der Theorie des „Ethno-Nationalismus“ von Lars-Erik Cederman, Andreas Wimmer und Brian Min dargelegt werden, die sie aus dem „Ethnic-Power-Relations-Datensatz“ entwickelt haben.
Unter Ethnizität selbst verstehen die Autoren dabei jede Art von subjektiv wahrgenommener Gemeinschaft, die auf dem Glauben einer geteilten Kultur und Herkunft basiert, wie eine gemeinsame Sprache, gleiche phänotypische Eigenschaften, gemeinsames Schicksal, etc. (vgl. Cederman et al. 2010: 98, bez. auf. Weber 1978: 385-398).
1 Die „Darfur Liberation Front“ benannte sich im März 2003 um in „Sudan Liberation Movement/Army (im
Folgenden abgekürzt als „SLM/A“) (vgl. Agence France Presse 2003b).
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Die folgend vorgestellte Theorie des „Ethno-Nationalismus“ wurde auf Grundlage von Aggregatdaten von 124 ethnischen Konflikten zwischen 1946 und 2005 entwickelt (Cederman et al. 2010: 101). Andere Erklärungsansätze und Daten sind nach Ansicht der Autoren aufgrund verschiedener Umstände kritikwürdig. Diese Kritik wird im nächsten Gliederungsabschnitt kurz zusammengefasst dargelegt, bevor sich dann das eigentliche theoretische Konstrukt anschließt. Relevant für die Anwendung auf den Darfur-Konflikt sind dabei insbesondere die von Cederman et al. entwickelten Hypothesen des „Ethno-Nationalismus“.
In der eigentlichen Analyse des Konflikts wird dann geprüft, ob die Vermutungen der Forscher auch in diesem Einzelfall zutreffen, beziehungsweise ob die Theorie von Cederman als Erklärungsmuster insgesamt dienen kann oder nicht. Das Forschungsdesign ist darauf ausgerichtet, die in der Theorie von den Autoren angenommenen Kausalitäten in Form von „Process Tracing“ zu analysieren. Am Ende wird dann noch einmal ein zusammenfassendes Fazit gezogen, inwieweit die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ im Falle des Darfur-Konflikts eine gute Erklärungsgrundlage bietet oder nicht.
2. Die Theorie des „Ethno-Nationalismus“ nach Cederman et al.
Cederman et al. haben ihre Theorie auf Grundlage eines neuen Datensatzes, dem “Ethnic-Power-Relations-Data-Set“, entwickelt. Die Autoren beurteilen in ihrem Artikel „Why Do Ethnic Groups Rebel?“ viele bestehende Ansätze zu Ursachen ethnischer Konflikte kritisch, da sie Ergebnisse hervorgebracht haben, die sie nicht unterstützen. Eine ganze Reihe von Theorien argumentieren im Kern mit der Schwäche und dem Scheitern eines Staates. Nach Cederman et al. könne ein daraus resultierendes Sicherheitsdilemma zwar zu kommunalen Konflikten führen, als Ursache für voll entfachte Bürgerkriege reiche die neorealistische Argumentation aber nicht aus, da hier die wichtige Rolle staatlicher Akteure übersehen werde (vgl. Cederman 2010: 88,89, vgl. Posen 1993: 27). Genauso könne man nicht einfach nur damit argumentieren, dass Konflikte primär aufgrund starker ethnischer Fraktionalisierung oder Polarisierung eines Landes entstehen (vgl. Fearon/Laitin 2003: 75, vgl. Cederman 2010: 87). Der ihrer Meinung nach zentrale Faktor ist, in welchem Verhältnis der staatliche Apparat eines Landes seiner Nation und ihren einzelnen ethnischen Gruppierungen, sowie deren partikularen Interessen gegenübersteht (vgl. Cederman 2010: 87). Als Begründung, warum sie keinen der bisherigen Datensätze verwenden, erklären sie, dass hier zum einen teilweise inadäquates Datenmaterial verwendet worden sei und zum anderen die Daten teilweise auch widersprüchliche Ergebnisse hervorgebracht haben (vgl. Cederman 2010: 89, bez. auf
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Fearon/Laitin 2003, bez. auf Gurr 1993). Das erklärte Ziel der Autoren ist es, mit ihrer Theorie des „Ethnischen Nationalismus“ zu zeigen, dass der staatlichen Ebene und den dort agierenden Akteuren von ethnischen Gruppierungen eine zentrale Rolle dabei zukommt, ob es in einem Land zu Konflikten kommt oder gar zu einem Bürgerkrieg zwischen verschiedenen Volksgruppen führt oder nicht.
2.1. Die Grundlagen des „Ethno-Nationalismus“
Für die Autoren stellt „Nationalismus“ einen Kernbestandteil ihrer Argumentation in ihrer Theorie dar. Aus diesem Grund ist es zunächst einmal wichtig diesen Begriff zu definieren. Hierzu greifen sie auf die Definition von Ernest Gellner aus dem Jahre 1983 zurück:
„Nationalism is primarily a political principle, which holds that the political and the national unit should be congruent“ (Gellner 2006: 1)
Der souveräne Staat mit seiner Regierung kann dabei als „political unit“ verstanden werden, unter „national unit“ fällt die sozial konstruierte Gemeinschaft einer Nation, die auf eine imaginäre gemeinsame Herkunft und Geschichte zurückblicken kann. Für den Fall, dass eine Gesellschaft gegenüber der „political unit“ Inkongruenz aufweist, kann es zu „ethnonationalistischer“ Mobilisierung kommen. Laut Cederman et al. liefert die wissenschaftliche Literatur zu diesen Mechanismen und ihren Umständen jedoch kaum Erklärungen, insbesondere fehlen präzise Analysen, wann oder in welchen Fällen diese Art der Mobilisierung in gewalttätigen Konflikt ausarten (vgl. Cederman et al. 2010: 92). Sie sind deshalb der Meinung, dass der entscheidende ursächliche Faktor von ethnischen Konflikten darin besteht, ob Repräsentanten bestimmter ethnischer Gruppen die Exekutive eines Staates unverhältnismäßig zur Gesamtbevölkerung besetzen und dominieren. „Included Groups“ sind dabei in der institutionalisierten Politik vertreten und haben Einfluss. „Excluded Groups“ hingegen sind von der institutionellen Macht ausgeschlossene Gruppierungen, die jedoch normalerweise versuchen, ihre politische Bedeutung zu verstärken, um nicht von anderen Ethnien regiert zu werden (vgl. Cederman et al. 2010: 93). Dies führt bei Cederman et al. zu einer Abstufung der verschiedenen Grade von Machtteilhabe der Eliten ethnischer Gruppierungen:
Es gibt zunächst einmal zwei Fälle, in denen die Macht absolut den Repräsentanten einer ethnischen Gruppe zufällt. Entweder gibt es in der Exekutive nur Vertreter einer ethnischen Gruppierung, womit eine alleinige Monopolbildung von Repräsentanten einer ethnischen Gruppierung in einem Staat vorliegt („Monopoly“). Der zweite Fall ist der, dass zwar kein
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reines Monopol vorliegt, aber eine Gruppierung die klar dominierende Position einnimmt („Dominance“).
Im Falle von geteilter exekutiver Macht kann es eine Ethnie geben, deren Repräsentanten vorwiegend die Chefpositionen besetzt und andere Ethnien, die zwar beteiligt werden an exekutiver Macht, aber eher die niedrigeren Positionen einnehmen („Senior Partner“ und „Junior Partner“).
Hinzu treten dann die „Excluded Groups“, deren politische Führer keinen Zugang zu der zentralen Staatsmacht haben (vgl. Cederman et al. 2010: 100,101). Diese werden unterschieden in Gruppierungen, deren Eliten regional Einfluss haben oder separatistischen Bewegungen, die sich meist selbst von der Exekutive eines Staates fernhalten, um die Unabhängigkeit eines Territoriums zu erklären von der Zentralregierung („Regional Autonomy“ und „Separatist Autonomy“). Dazu treten dann aber noch Ethnien, die weder auf nationaler, noch auf regionaler Ebene Eliten haben, die politische Macht ausüben können und offensichtlich gezielt diskriminierte ethnische Gruppen („Powerless“ und „Discrimination“) (vgl. Cederman et al. 2010: 100,101).
Die Autoren entwickeln auf dieser Grundlage ihre Hypothesen, unter welchen Bedingungen manche Gruppen eine höhere Motivation aufweisen eine Rebellion zu starten und inwieweit die Motivation, das Mobilisierungspotenzial, sowie frühere Konflikte einer Gruppierung eine Rolle spielen (vgl. Cederman et al. 2010: 94).
2.2. Die Hypothesen des „ethnischen Nationalismus“
In modernen Nationalstaaten gibt es einen entscheidenden Unterschied im Vergleich zu älteren Herrschaftssystemen, bei denen politische Führer beispielsweise legitimiert waren aufgrund dynastischer Erbfolge, göttlicher Fügung oder Ähnlichem. Von der politischen Elite, die die Regierung inne hat, wird erwartet, dass sie sich primär für die Interessen ihrer eigenen Ethnie einsetzt (vgl. Wimmer 2002: 4,5). Dies kann dazu führen, dass sich das gesamte politische System eines Landes aufgrund von ethnischen Begünstigungsstrukturen zu einer regelrechten Vetternwirtschaft entwickeln kann. Damit soll vermieden werden, dass irgendeine andere ethnische Gruppierung strategisch dazu in die Lage gebracht wird, die eigene Ethnie zu dominieren (vgl. Cederman et al. 2010: 94). Die Folge davon kann sein, dass es komplett von der Exekutive ausgeschlossene Gruppen gibt. Diese sind dann einfacher zu gewinnen für Organisationen, wie bewaffnete Rebellionen, deren Ziel es ist, die Regierung abzusetzen, da Groll und Abneigung gegenüber der Regierung in diesen Ethnien besonders stark ist. Die
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Motivation an derartigen Aufständen teilzunehmen ist einfach größer (vgl. Cederman et al. 2010: 95). Die Autoren postulieren daraus zusammenfassend die folgende Hypothese:
- H1a: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, je mehr Repräsentanten einer ethnischen Gruppe von der zentralen exekutiven Macht ausgeschlossen sind. (Cederman et al. 2010: 95)
Sie gehen weiter davon aus, dass ethnische Gruppen und ihre Führer insbesondere dann dazu neigen, Rebellionen und Aufstände zu organisieren, wenn sie in jüngerer Zeit einen relativen Verlust an Macht in der Exekutive ihres Landes erfahren mussten. Bei einem solchen „Downgrading“ kann Frust, Missgunst und Wut entstehen und die Schuld wird dann oftmals bei anderen gesucht. In solchen Fällen können dann Eliten der betroffenen ethnischen Gruppierungen sehr gut diese Gefühle in der Anhängerschaft bündeln und kanalisieren, was ebenfalls eher zu organisierten, bewaffneten Aufständen führen kann (vgl. Cederman et al. 2010: 95). Dies führt zu der folgenden Hypothese der Autoren:
- H1b: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, wenn es einen Rückgang im Machtstatus einer ethnischen Gruppierung gegeben hat und dadurch der Zugang zu exekutiver Macht für Repräsentanten der Ethnie zurückgegangen ist. (Cederman et al. 2010: 96)
Verletzt wird das Prinzip der ethnischen Repräsentativität moderner Nationalstaaten zudem, wenn ethnische Gruppierungen, die eine Beteiligung an der exekutiven Macht haben, im relativen Vergleich stark unterrepräsentiert sind gegenüber einer/den anderen ethnischen Gruppierungen. Die unverhältnismäßige Dominanz eines oder mehrerer Partner in der Exekutive wird dann als unfair betrachtet und kann Ängste schüren bei den Benachteiligten, was die Motivation eines Aufstandes weiter stärkt. Die daraus resultierende Hypothese der Autoren ist deshalb Folgende (vgl. Cederman et al. 2010: 96):
- H1c: Die Wahrscheinlichkeit eines „ethno-nationalistischen“ Konfliktes erhöht sich, wenn in der Exekutive Vertreter einer relativ großen ethnischen Gruppierung verglichen zu kleineren ethnischen Gruppierungen unterrepräsentiert sind. (Cederman et al. 2010: 96)
Damit ein bewaffneter Aufstand wirklich zustande kommt, ist ein weiterer Faktor neben der Motivation der entsprechenden ethnischen Gruppierung sehr entscheidend. Das Mobilisierungspotenzial eines Kollektivs trägt maßgeblich dazu bei, ob es tatsächlich zu einer
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Arbeit zitieren:
Florian Meier, 2011, Warum ist der 2003 ausgebrochene Darfur-Konflikt eine Folge von politischer Exklusion?, München, GRIN Verlag GmbH
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