Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Der Begriff Verschollenheit 3
2. Das zeitliche Erinnern 5
2.1. Die verschiedenen Zeiteinheiten 5
2.2. Das Erinnern der Herkunft 6
2.3. Das kulturelle Dispositiv des Vergessens - ein Nicht-Erinnern 8
3. Das räumliche Vergessen 10
3.1. Raummodelle 10
3.2. Das rhetorische Dispositiv des Vergessens 14
4. Das Zusammenspiel von Zeit und Raum 15
5. Abschließende Bemerkung 17
6. Literaturverzeichnis 18
7. Anhang 20
2
1. Einleitung - Der Begriff Verschollenheit Verschollenheitsgesetz
in der im Bundesgesetzblatt Teil III, Gliederungsnummer 401-6, veröffentlichten bereinigten Fassung, das zuletzt durch Artikel 55 des Gesetzes vom 17. Dezember 2008 (BGBl. I S. 2586) geändert worden ist:
[…] Verschollen ist, wessen Aufenthalt während längerer Zeit unbekannt ist, ohne daß [sic!] Nachrichten darüber vorliegen, ob er in dieser Zeit noch gelebt hat oder gestorben ist, sofern nach den Umständen hierdurch ernstliche Zweifel an seinem Fortleben begründet werden. Die Todeserklärung ist zulässig, wenn seit dem Ende des Jahres, in dem der Verschollene nach den vorhandenen Nachrichten noch gelebt hat, zehn Jahre […] verstrichen sind.[…] Vor dem Ende des Jahres, in dem der Verschollene das fünfundzwanzigste Lebensjahr vollendet hätte, darf er nach Absatz 1 nicht für tot erklärt werden. 1 Durch diesen Gesetzesauszug wird sehr deutlich, dass es anscheinend in der Bedeutung des Begriffes liegt, dass eine Person nur durch eine andere als verschollen er- klärt werden kann. Beziehtman den von Kafka, seiner Tagebucheinträge zufolge, gewählten Titel nun auf Karl Roßmann, die Hauptperson des Romans „Der Verschollene“, wird schnell klar, dass sich dieser zwar getrennt von seiner Familie in Amerika befindet, für den Leser jedoch bis zum Ende gegenwärtig und in seinen Taten verfolgbar bleibt. Kafka spielt also auf eine besondere Weise mit dem Begriff der Verschollenheit, der ausschließlich im Titel des Romans Erwähnung findet. 2 Die Figur Roßmann befindet sich immerfort in einem Zwischenzustand und kann selbst vom Leser am Ende weder als tot, noch als lebendig erklärt werden, weil sein Reiseziel zwar bekannt ist, jedoch innerhalb des Romans nicht erreicht wird. Dennoch bleibt es ein paradoxes Verfahren, einen stetig Anwesenden als Verschollenen zu bezeichnen. Genau aber mit jenen paradoxen Schreibverfahren Kafkas soll sich diese Arbeit ein Stück weit auseinander setzen, denn Kafka setzt seinen Hauptcharakter durchaus noch anderen Zwischenzuständen aus. So befindet sich Karl Roßmann auch zwischen einem Erinnern und Vergessen und somit in einem Spannungsfeld von Zeit und Raum. Auf die Untersuchung des Verhältnisses dieser Konzepte und ihrer Ver- knüpfung mitdem Begriff der Verschollenheit ist diese Arbeit ausgerichtet. Überprüft werden soll also im Folgenden die These, ob Kafkas paradoxe Zeit- und Raumstruktur zwangsläufig zum Verschellen des Charakters führt und inwieweit dies am Text belegt werden kann. Dazu wird zuerst das Erinnern mit der Zeitstruktur des Romans in Verbindung gebracht, wobei der Fokus immer auf dem Begriff der Verschollenheit liegt. Anschließend sollen verschiedene Raummodelle des Romans und
1 Gesetze im Internet, Online, a.a.O.
2 vgl. Delfosse und Skrodzki (1993)
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ihre Verbindung mit dem Begriff des Vergessens untersucht werden. Entsprechende Textstellen sollen auch hier zur Verdeutlichung analysiert werden. Danach soll es einen Versuch der Zusammenführung der beiden Themengebiete geben, um so die anfangs aufgestellte These hinsichtlich Kafkas paradoxer Zeit-und Raumordnung zu beweisen oder aber auch zu widerlegen. Abschließend folgt ein kurzes Resümee.
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2. Das zeitliche Erinnern
Im folgenden Abschnitt soll die Perspektive des Erinnerns, die einen dominanten Part in „Der Verschollene“ einnimmt, näher betrachtet werden. Hierzu werden Textstellen aufgezeigt und ihre Funktion für den Text im Zusammenhang mit dem Begriff der Verschollenheit näher erläutert.
2.1. Die verschiedenen Zeiteinheiten
Der in dieser Arbeit analysierte Roman bietet eine komplexe Zeitstruktur, die in ihrer Zusammensetzung durchaus etwas zur Interpretation des Romans hinsichtlich des von Kafka angedachten Titels beitragen kann. In der Forschungsliteratur wird im Zusammenhang mit den Romanen des Schriftstellers oft von einer „prinzipiellen Aussparung vergangenheitsorientierter Perspektiven“ 3 gesprochen, was bedeutet, dass abgeschlossene Ereignisse nie einen Vergangenheitscharakter tragen. Durch die Verschiebung von „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf eine Zeitebene“ 4 muss der literarische Zeitbegriff neu definiert werden. Durch die Reduktion auf nur eine zeitliche Ebene muss zudem jede Zeitstruktur des Romans genau gedeutet werden.
Bereits der Romantitel selbst ist ein Inbegriff dieser beschriebenen Verschiebung zeitlicher Strukturen, da er, wie bereits erwähnt, ein „paradoxal strukturierter Zeitbegriff“ 5 ist. Verschollenheit kennzeichnet hier nämlich keinen abgeschlossenen Vorgang, worauf man durch allgemeines Weltverständnis schließen könnte, sondern zeigt den Weg des Hauptcharakters in eine (ungewisse) Verschollenheit.
Weiterhin sind Erinnerungen im Roman nicht etwa als Einschnitte, die den Erzählfluss stören, sondern vielmehr als Perspektivierung zu sehen, die „im gegenwärtigen Erzähl- und Auslegungsprozeß [sic!] nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die als Vorerinnerung in die Nachträglichkeit des Erzählens virtuell schon aufgenommene Zukunft in sich einschließt“ 6 . Beispielhaft für diese paradoxe Strukturierung der Zeit sind nicht nur Erinnerungen, auf die sich der nächste Abschnitt noch ausführlicher beziehen soll, sondern sogar Beschreibungen von Orten, beispielsweise die Schilderung des Landhauses bei New York:
3 Rothemann (2000), S. 170
4 ebd., S. 176
5 ebd., S. 171
6 ebd., S. 177
5
Da nur der untere Teil des Hauses beleuchtet war, konnte man gar nicht bemessen, wie weit es in die Höhe reichte. Vorne rauschten Kastanienbäume, zwischen denen - das Gitter war schon geöffnet - ein kurzer Weg zur Freitreppe des Hauses führte. […] Im Dunkel der Kastanienbäume hörte er eine Mädchenstimme […] 7
Karl Roßmann, der zum ersten Mal das Landhaus besucht, kommt im Dunkeln und leicht verschlafen an. Unter diesen Umständen ist das Rauschen zwar wahrnehmbar, auch die Assoziation mit den Bäumen ist nachvollziehbar, allerdings kann man im Dunkeln keineswegs die Baumart feststellen. Es werden dementsprechend Raumverhältnisse beschrieben, die zu dieser Zeit gar nicht wahrnehmbar sind, sondern die man nur „bei Helligkeit sehen kann“ 8 . Ganz klar treten somit erneut verschiedene Zeiteinheiten auf eine Ebene, d.h. es findet wieder ein Bruch mit traditionellen Erzähltechniken statt. Diese ungewöhnliche Zeitstrukturierung findet man unter Anderem auch im zweiten Romankapitel. In der entsprechenden Szene rät der Onkel Karl „sich vorläufig ernsthaft nicht auf das Geringste einzulassen“ 9 . Nach dem Vergleich der ersten Tage in Amerika mit der Geburt berichtet er ärgerlich von Neuankömmlingen, die sich von den neuen Eindrücken gefangen nehmen ließen. Gleich nachdem der Onkel seinen Unmut über diese Untätigkeit ausgedrückt hat, folgt der Zeitpunkt in dem er Karl untätig auf dem Balkon erwischt:
Und tatsächlich verzog der Onkel immer ärgerlich das Gesicht, wenn er bei einem seiner Besuche, die immer nur einmal täglich undzwar [sic!] immer zu den verschiedensten Tageszeiten erfolgten, Karl auf dem Balkone antraf 10 .
Hier wird so lang von einem Ereignis gesprochen, bis es tatsächlich eintritt. Auf die Warnung folgt direkt der Verstoß gegen den Rat, obwohl zeitlich gesehen die Ereignisse nicht direkt aufeinander folgen, sondern Tage, und somit diverse Kontrollbesuche des Onkels, zwischen den Ereignissen liegen. Dementsprechend wird auch hier wieder mit den unterschiedlichen Zeitebenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gespielt. Die Geschichten anderer Neuankömmlinge stehen auf einer Ebene mit der Belehrung Karls und dessen Untätigkeit auf dem Balkon.
2.2. Das Erinnern der Herkunft
Die eben erläuterte paradoxe Zeitordnung des Romans setzt sich auch in den Erinnerungen Karls an seine Heimat fort. Dieses Erinnern an die hinter ihm liegende Vergangenheit erfolgt in der Gegenwart des Textes und zwar häufig zu den ungelegens-
7 Kafka(1997), S. 54
8 Rothemann (2000), S. 198
9 Kafka (1997), S. 40
10 ebd., S. 40f
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Arbeit zitieren:
Susann Dannhauer, 2010, Paradoxe Zeit- und Raumordnung in Franz Kafkas „Der Verschollene“, München, GRIN Verlag GmbH
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