1 Einleitung
Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Der Ausspruch ist den meisten Menschen in dieser oder einer ähnlichen Form weitgehend bekannt und findet in einer aufgeklärten Gesellschaft wohl ohne große Widerworte Akzeptanz. Das subjektive Empfinden von Schönheit oder Hässlichkeit ist ebenso unumstritten wie der subjektive Ansatz in der gegenwärtigen psychologischen Wissenschaft im Problembereich der Stressforschung. Stress wird von jeder Person unterschiedlich wahrgenommen, weshalb jeder Mensch anders auf Stress reagiert und diesen zu bewältigen versucht. Dieser hervorgebrachte Ansatz mag in seiner oberflächlichen Formulierung und nach dem heutigen Erkenntnisstand der Psychologie trivial erscheinen, wurde jedoch nicht seit jeher vertreten. Der Pionier auf dem Feld der psychologischen Stressforschung, der sich erstmalig auf das Individuum konzentrierte, war Richard Stanley Lazarus. Das von ihm entwickelte „transaktionale Stressmodell“ revolutionierte die Forschung der Stresssituationen und leitete die so genannte kognitive Wende ein. Der nachfolgende Essay wird zunächst einen biografischen Abriss über den Psychologen Lazarus offerieren um anschließend auf das von ihm entwickelte Stressmodell Bezug nehmen zu können.
2 Zur Person: Richard Stanley Lazarus
Richard Stanley Lazarus wurde am 3. März 1922 in New York City geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, was seinen frühen Wunsch auf eine höhere Bildung in weite Ferne rücken ließ. Dessen ungeachtet fasste er nach dem Schulabschluss den Entschluss, die noch in den Kinderschuhen steckende Wissenschaft der Psychologie zu studieren. Im Jahr 1938 begann er das Studium der Psychologie und Soziologie in seiner Heimatstadt New York, welches er mit einfachen Hilfsarbeiten finanzierte und im Jahr 1942 abschloss. Indem er die nachfolgenden dreieinhalb Jahre in der us-amerikanischen Armee diente, eröffnete sich für Richard Lazarus die Möglichkeit der Promotion an der University of Pittburgh. Nachdem er im Jahr 1948 promoviert wurde, war er als Assistenzprofessor an der John Hopkins University von 1948 bis 1953 sowie Leiter des Clinical Training an der Clark University von 1953 bis 1959 tätig. Die letzte Station seiner akademischen Laufbahn begann er im Jahr 1959 an der University of Berkeley, an welcher er im Jahr 1991 zum Professor Emeritus ernannt wurde. Auch nach seiner Pensionierung war er als Referent in den USA, Asien, Afrika und Europa aktiv. Bis zu seinem Tode am 24. November 2002 veröffentlichte Richard Lazarus über 150 wissenschaftliche Artikel und Bücher. 1
1 Ekman, Paul; Campos, Joseph: Richard Stanley Lazarus. S. 757.
1
3 Historischer Hintergrund der psychologischen Stressforschung
Durch die Rückkehr der Soldaten aus dem 2. Weltkrieg und dem sich damit eröffnenden Problem, dass viele Kriegsteilnehmer an posttraumatischen Belastungsstörungen litten, wurde sich in den fünfziger Jahren zunehmend dem psychologischen Problembereich der Stressforschung gewidmet. Die Untersuchungen sollten die Gründe ermitteln, warum einige Soldaten vor, während und nach dem Kampfeinsatz eine verminderte Leistungsfähigkeit, psychotische Fehlhandlungen sowie motorische Mängel aufzeigten. Die Stressforschung sollte zum einen das ökonomische Risiko des Militärs vermindern und zum anderen die Möglichkeit eröffnen durch effektivere Trainingsmethoden und Rekrutierungsmaßnahmen „besser funktionierende“ Soldaten auszubilden. Ende der fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre erfolgte eine Öffnung der Stressforschung in zivile Bereiche und man rückte von strikt militärischen Zielstellungen ab. Fortan wollte man auch den Zivilisten eine bessere Vorbereitung auf Alltagssituationen, wie Schwanger- und Elternschaft beziehungsweise Prüfungssituationen, ermöglichen, indem man versuchte, bestimmte Stresssituationen zu analysieren und mögliche Bewältigungsstrategien zu erschließen. 2 Durch das weit verbreitetet Lager der Behavioristen war der Untersuchungsgegenstand zunächst die Stresssituation an sich, sodass man dem Individuum, welches den Stress erlebte, kaum Beachtung schenkte. Nach Ansicht der Behavioristen war Stress demnach auf zwei Faktoren, dem Stressreiz und der Stressreaktion, und deren Beziehung untereinander, beschränkt. Richard Lazarus bemerkte in seinen frühen Forschungsansätzen als Einer der Ersten, dass Stress durch eine weitere wesentliche, nicht beobachtbar-psychische Komponente bestimmt wird. Er stellte die Annahme auf, dass Stress ebenfalls von dem Individuum, auf das der Stressreiz einwirkt, bestimmt wird und führte mit seinem Kollegen Eriksen zur Belegung jener Annahme Experimente an Studienanfängern durch, was im Nachfolgenden kurz erläutert werden soll.
Bei dem Experiment wurden Studienanfängern Intelligenztests ausgehändigt, die bei den Probanden Stressreaktionen hervorrufen sollten. Vor der Bearbeitung der IQ- Tests wurde die Situation verschärft, indem den Probanden die Weiterleitung der Testergebnisse an ihre jeweilige Fakultät angekündigt wurde. Nachdem die erste Teilaufgabe durch die Studierenden gelöst wurde, folgte die Kontrolle der Arbeitsergebnisse sowie ein geheimes Aufteilen der Probanden in eine Experimental- und Kontrollgruppe. Unabhängig vom tatsächlichen Resultat wurden der Experimentalgruppe ein schlechtes- und der Kontrollgruppe ein gutes Abschneiden nach der ersten Teilaufgabe bescheinigt.
2 Schützewohl, Achim: Die kognitive Evolutionspsychologie von Richard S. Lazarus. S. 2.
2
Nach der Rückkopplung des Erfolges beziehungsweise Misserfolges, das bei der Experimentalgruppe einen ersten Stressreiz setzen sollte, wurden die Studierenden aufgefordert mit der zweiten Teilaufgabe des IQ-Tests fortzufahren. Während der Bearbeitung dieser Aufgabe wurde den Teilnehmern als erneuter Stressreiz die bisher erbrachte Leistung nochmals in das Gedächtnis gerufen. Die Auswertung des Experimentes ergab, dass das Hervorrufen eines Stressreizes bei den Teilnehmern der Experimentalgruppe kein einheitliches Auftreten einer Stressreaktion bewirkte. So zeigte sich, dass Studienanfänger mit einer relativ schlechten Schulabschlussnote sich durch das Setzen eines Stressreizes von der ersten zur zweiten Aufgabe verschlechterten, während sich Studienanfänger mit einer verhältnismäßig guten Abschlussnote von der ersten zur zweiten Aufgabe verbesserten. Als Ergebnis lag demnach vor, dass die gleiche Situation respektive der gleiche Stressreiz zu unterschiedlichen Reaktionen bei den Teilnehmern der Experimentalgruppe führte. Lazarus und Eriksen nahmen somit an, dass nicht beobachtbare psychische Prozesse seitens des Individuums die unterschiedlichen Reaktionen auf die gegebenen Stressreize hervorriefen, was beifolgend eine Abkehr vom Behaviorismus mit sich brachte. In Anbetracht dessen präzisierten die beiden Experimentatoren, dass Stressreaktionen bei einer Person nur dann folgen, wenn diese den Reiz oder die Situation als bedrohend oder Existenz gefährdend wahrnimmt. Stressreaktionen helfen nach Lazarus demzufolge die Bedrohung zu bewältigen, wobei der Grad der Stressreaktion linear zur wahrgenommenen Bedrohlichkeit ansteigt. Neben der Bewertung der Situation nach ihrer Bedrohlichkeit spielt laut Lazarus auch die Frage nach der möglichen Bewältigung der Situation eine wesentliche Rolle beim Hervorrufen von Stress. Jene herausgearbeiteten Elemente bilden die Eckpfeiler des transaktionalen Stressmodells und sollen nachfolgend genauer erläutert werden. 3
4 Das transaktionale Stressmodell
4.1 Bewertungsprozesse
Das transaktionale Stressmodell wurde von Lazarus in den sechziger Jahren entwickelt und stellt auf Grundlage seiner Experimente an Studierenden eine modellhafte Erklärung für das Zustandekommen von Stressreaktionen dar. In den nachfolgenden Jahrzehnten kam es häufig zur Überarbeitung des Modells, das schließlich zu Beginn der neunziger Jahre in der Entwicklung einer kognitiven Emotionstheorie mündete.
Im vorangegangen Kapitel wurde zunächst herausgearbeitet, dass eine Stresssituation nicht allein von dem Stressreiz, sondern darüber hinaus von der Person, welche dem Stressreiz
3 Schützewohl, Achim: Die kognitive Evolutionspsychologie von Richard S. Lazarus. S. 2.
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Arbeit zitieren:
Tobias Knecht, 2011, Das transaktionale Stressmodell von Richard Lazarus, München, GRIN Verlag GmbH
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