1 Einleitung
„Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der Menschlichen Vernunft.“ 1
Mit jenem Satz beginnt Immanuel Kant seine Vorrede zur ersten Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ und eröffnet dem Leser zugleich das grundlegende philosophische Problem seiner Zeit, die Auseinandersetzung in der Metaphysik.
Laut Kant wird der Mensch durch die Natur seiner Vernunft angeregt die Mannigfaltigkeit der Beobachtung unter allgemeine Grundsätze und somit zu einem strukturierten Ganzen zu subsumieren. Indem die Vernunft bei jener Vorgehensweise ausschließlich an der Erfahrung festhält, gelangt sie, so Kant, zu „immer höher, […] entferneteren Bedingungen“ 2 und erreicht folglich kein Ende des Fragens. Zur Beendigung jenes Fragens bedient sich die Vernunft daher Grundsätzen, die außerhalb der Erfahrung liegen und unbedingt sind. Diese Grundsätze können dementsprechend nicht mehr durch die Erfahrung geprüft werden, weshalb sich die Vernunft bei dem Versuch Erkenntnisse unabhängig der Empirie zu gewinnen in Unsicherheiten und Widersprüche verwickelt.
Kants Ziel besteht nun darin eine umfassende Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens aufzustellen, um somit die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Wissen, besser Erkenntnis, zu beantworten und die anhaltenden Streitigkeiten auf dem „Kampfplatz der Metaphysik“ endgültig beizulegen.
Zur Erreichung des festgesetzten Ziels beschreitet Kant einen Weg, der zwischen den „sich bekämpfenden“ Parteien, Rationalismus und Empirismus, in Form eines Gerichtsprozesses vermitteln soll. Die Vernunft tritt in diesem Prozess als Kläger, Angeklagter und Richter zugleich auf und unterzieht sich einer kritischen Selbstprüfung, einer „Kritik der reinen Vernunft“. 3
Mit anderen Worten: Die Möglichkeit einer reinen Vernunfterkenntnis, das heißt einer Erkenntnis unabhängig aller Erfahrung, kann nur durch die reine Vernunft selbst gesucht werden. 4
Im Zuge dieser Selbstüberprüfung lehnt Kant zum einen den Rationalismus ab, da die Wirklichkeit ihm zufolge nicht durch bloßes Denken erkannt werden kann und richtet sich
1 Kant, I.: Kritik der reinen Vernunft. A VII
2 Ebd. A VIII
3 Ebd. A XI
4 Höffe, O.: Immanuel Kant. S. 48.
zum anderen gegen den Empirismus, da, wie oben gezeigt, erfahrungsfreie also allgemeine, notwendige und objektive Erkenntnis vorausgesetzt werden muss. Bevor im nachfolgenden Schritt der von Kant eingeschlagene dritte Weg skizziert werden kann, muss zunächst die von ihm eingeführte Methode der Metaphysik, die so genannte „Kopernikanische Wende“, erläutert werden.
In der Vorrede der zweiten Auflage fordert Kant für die Metaphysik eine „Revolution der Denkart“, wie sie bereits in der Mathematik und der Physik stattgefunden hat. 5 Die notwendige Revolution besagt, dass von einer Sache nur jenes sicher gewusst werden kann, was das Subjekt zuvor selbst in ihren Begriff hineingedacht hat. „Das erkennende Subjekt tritt demnach in eine schöpferische Beziehung zum Objekt.“ 6
Bei dem „Hineingedachten“ handelt es sich laut Kant nicht um willkürliche Einfälle, die von der Erfahrung oder der empirischen Konstitution des Subjektes abhängig sind, sondern um erfahrungsunabhängige Bedingungen, die in der „vor-empirischen Verfassung des Subjektes“ liegen. 7
Ähnlich der Standpunktverlagerung des Kopernikus´ in der Astronomie, postuliert Kant die neue Stellung des Subjekts zum Objekt in der Metaphysik wie folgt: „Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll.“ 8
Indem die Gegenstände der objektiven Erkenntnis erst durch das Subjekt in Erscheinung gebracht werden, handelt es sich bei der Erkenntnis nicht um das Ding an Sich, sondern lediglich um Erscheinungen, die sich nach unserer Vorstellungsart richten. 9 Die Frage, die sich Kant in der „Kritik der reinen Vernunft“ nun stellt, lautet Robert Hanna demzufolge:
„How objective mental repesentations arise in the mind?“ 10
Die Beantwortung jener Frage stellt ein Teilanliegen dieser Seminararbeit dar. Diesbezüglich soll im zweiten Kapitel das Erkenntnisvermögen bei Kant nachskizziert werden. Im dritten Kapitel soll die transzendentale Deduktion und die Einheit der Apperzeption kurz erklärt werden.
5 Kant, I.: B XI
6 Höffe, O.: Immanuel Kant. S. 52.
7 Ebd. S. 54.
8 Kant, I.: B XVI
9 Ebd. B 20
10 Hanna, R: Kant and the foundations of Analytic Philosophie. S. 31.
Im nachfolgenden Kapitel wird sich dem „Ich-denke“-Gedanken bei Kant gewidmet, um das „Ich-denke“ abschließend als Regress- Blocker definieren zu können.
2 Die Verbindung der Vielfalt von Vorstellungen durch Synthesis
In Ahnlehnung an den Empirismus geht Kant zunächst davon aus, dass „alle unsere Erkenntnis mit Erfahrung anfange“. 11 Dieser Satz bedeutet nicht, dass sich Erkenntnis allein aus der sinnlichen Erfahrung ableitet, sondern dieser zusätzlich eine nicht-sinnliche Struktur des Geistes zugrunde liegen muss. Jene Struktur bezeichnet Robert Hanna in seinem Werk „Kant and the foundations of Analytic Philosophy” als die „dem Geiste inne liegenden Protokolle“. Diese immanenten Protokolle verhalten sich analog zu den drei Erkenntnisvermögen Sinnlichkeit, Verstand und Einbildungskraft und können nach Hanna in drei Basistypen unterteilt werden. Sie sind (i) die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit, (ii) die reinen Verstandsbegriffe, die Kategorien sowie (iii) die transzendentalen Schemata der Einbildungskraft. 12
In Anbetracht dessen bildet sich Erkenntnis demnach aus dem Zusammenwirken der zwei Erkenntnisstämme Sinnlichkeit und Verstand. Beide Erkenntnisvermögen sind gleichberechtigt und wechselseitig aufeinander bezogen. 13
Zunächst werden Gegenstände dem erkennenden Subjekt durch die rezeptive Sinnlichkeit als Anschauung gegeben. Jene Wirkung des Gegenstands auf das Gemüt heißt Empfindung und stellt noch keine Erkenntnis dar. Erst mit Hilfe des Verstandes werden die Anschauungen verarbeitet, indem sie unter Begriffe gefasst und geordnet werden. 14 Kant beschreibt dies, wie folgt:
„Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellung zu empfangen (die Rezeptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältnis auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüts) gedacht.“ 15
Das Vermögen, das zwischen Sinnlichkeit und Verstand vermittelt, indem die gegebenen Vorstellungen mit Hilfe der Verstandesbegriffe verbunden werden, nennt Kant die produktive Einbildungskraft. 16
Die Leistung der produktiven Einbildungskraft das Mannigfaltige der Sinnlichkeit dem Verstande beizufügen und von diesem „ durchgegangen, aufgenommen und
11 Kant, I.: B 1
12 Hanna, R.: Kant and the foundations of Analytic Philosophie. S. 32.
13 Höffe, O.: Immanuel Kant. S. 71.
14 Ebd. S. 86.
15 Kant, I.: B74/75
16 Hanna, R.: Kant and the foundations of Analytic Philosophie. S. 36.
verbunden“ zu werden „um daraus eine Erkenntnis zu machen“, erfolgt spontan und trägt den Namen „Synthesis“. 17 Hanna beschreibt die Synthesisleistung der Einbildungskraft resümierend mit folgenden Worten:
„Synthesis for Kant is the collection of diverse elements of information and their transformation into a single cognition by means of organizing them into a novel structured unity of representational content.” 18
Geschieht jener Akt der Synthesis ohne Beimengung empirischer Data, das heißt allein auf Grundlage der drei von Hanna herausgearbeiteten, immanenten Protokolle des menschlichen Geistes, ist die Synthesisleistung rein und stellt somit eine Erkenntnis a priori von Gegenständen dar. Zusammenfassend kann folgende Passage Kants aus der „Kritik der reinen Vernunft“ angebracht werden:
„Aber nicht die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf Begriffe zu bringen, lehrt die transzendentale Logik. Die erste, was zum Behuf der Erkenntnis aller Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis des Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, gibt aber noch keine Erkenntnis. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthese Einheit geben, und lediglich in der Vorstellung dieser notwendigen synthetischen Einheit bestehen, tun das dritte zum Erkenntnisse eines vorkommenden Gegenstandes, und beruhen auf dem Verstande.“ 19
Im einleitenden Kapitel wurde mit Hilfe der „Revolution der Denkart“ aufgezeigt, dass nach Kant die „Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis“ nicht außerhalb des Subjekts gesucht werden darf, sondern jene Prüfung in das Subjekt selbst gelegt werden muss. Im Kantschen Sinne stellt sich nun die Frage, welche „Anlagen“ im Subjekt gegeben sein müssen, sodass ein vernünftiges Wesen zu einer objektiven, demnach allgemeingültigen und notwendigen Erkenntnis kommt.
Ein Teil dieser Frage wurde bereits beantwortet, indem knapp beleuchtet wurde, dass eine in der Anschauung gegebene Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken nur mit Hilfe der Kategorien in eine objektive, allgemeine und notwendige Einheit gebracht werden kann. Folglich sind Kategorien die ursprünglich im Subjekt liegenden Bedingungen, ohne die keine Erkenntnis möglich ist. 20
Den zweiten Teil dieser Frage beantwortet Kant in der transzendentalen Deduktion der reinen Verstandsbegriffe. Nachdem Kant in der transzendentalen Ästhetik die reinen Anschauungen der Sinnlichkeit, Raum und Zeit, und in der Analytik die reinen
17 Kant, I.: B 103
18 Hanna, R.: Kant and the foundations of Analytic Philosophie. S. 38.
19 Kant, I.: B 105
20 Höffe, O.: Immanuel Kant. S. 87/88.
Arbeit zitieren:
Tobias Knecht, 2011, Die Synthesisleistung der transzendentalen Einheit der Apperzeption und das "Ich-Denke" als Regress-Blocker, München, GRIN Verlag GmbH
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