Es ist schon bemerkenswert. Wird der Versuch unternommen, die Pensionierungsforschung in Schlagworten dazustellen, so fällt schnell auf, dass sich ein äußerst diffuses Bild darstellt. Dies ist
vermutlich dadurch zu begründen, dass der gesellschaftliche und historische Wandel 1 beeinflussend auf die Analyse der Auswirkungen der Pensionierung 2 wirken, denn diese stellt schon seit vielen Jahrzehnten ein gerontologisches Forschungsthema dar. Die Arbeiten dazu können in verschiedene Phasen eingeteilt werden, die im Folgenden kurz dargestellt werden. Dem folgt ein Blick auf eine aktuelle Studie und zudem wird der Versuch unternommen, die Zielgruppe der Manager zu fokussieren. Mit einem Fazit und Ausblick schließt diese Zusammenfassung.
50er und 60er Jahre
Zu dieser Zeit überwogen Untersuchungen, die das Ausscheiden aus dem Beruf negativ darstellten.
Einen Beitrag zu dieser Problemsicht leistete eine Studie des Psychologen Stauder (1955) 3 . Er analysierte materiell gesicherte bis vermögende Patienten, deren Krankheit zunächst als endogene Depression des
höheren Lebensalters diagnostiziert wurde. 4 Ihr Erwachsenenleben bestand aus Karriere, Machtzuwachs, Titel und Uniform. Sie waren erfolgreich im Beruf und identifizierten sich völlig mit diesem. In der Therapie stellte sich heraus, dass sich hinter der >Fassade< kontaktarme Menschen
verbargen. 5 erkennbar. 6 Persönlichkeitsmängel und Reiferückstände wurden Den
Pensionierungsbankrotteuren 7 fehlt das Selbstwertgefühl, der innere Reichtum und die seelische Reife zur Bewältigung der Pensionierungssituation; „der Übergang von der Dynamik zur Introversion, von
außen nach innen, die Harmonisierung und Transparenz“ misslingt. 8
Jores (1969) stellte bei der Analyse von Sterbehäufigkeiten fest, dass signifikant mehr Todesfälle - vor allem bei Frühpensionierten ‐ in den ersten Jahren des Ruhestandes vorkommen und fasste dies unter
den Begriff Pensionierungstod. 9 Seine gemeinsam mit H.C. Puchta durchgeführte Untersuchung an 63 Hamburger Beamten zeigte auf, dass zwei Drittel dieser Beamten innerhalb von fünf Jahren nach der
Pensionierung an Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs starben. 10 Jordes/ Puschta führen als Beweis für
1 Gesellschaftlicher und historischer Wandel bedeutet hierbei: die von Staat und Arbeitgeber im Laufe der Zeit veränderten Rahmenbedingungen zum Ruhestand - beispielh.: Altersgrenze, Höhe des Ruhestandsgeldes etc.
2 Aus Praktikabilitätsgründen wird das Wort Pensionierung in dieser Arbeit dem Wort Ruhestand gleichgesetzt.
3 Stauder (1955) [36, S. 481‐497]
4 ebd. S. 482
5 ebd. S. 484
6 ebd., vgl. Bsp. mit dem 63‐jährigen höheren Verwaltungsbeamten (S. 481‐483) oder Bsp. mit dem Offizier (S. 487‐ 488)
7 Stauder führt den Pensionierungsbankrottbegriff auf J.H. Schultz zurück [36, S. 484]
8 ebd. S. 494
9 vgl. umfänglich bei Jores (1969) [14, S. 235‐257] 10 vgl. mit Fokus auf die Studiendaten bei Jores/ Puschta [15, S. 1158-1164] 2
das Phänomen des Pensionierungstodes auf, dass „psychologisch‐soziologische Faktoren mindestens
Auslösecharakter für Krankheiten haben, die zum Tode führen.“ 11, 12
Obwohl es zu der Zeit auch Gerontologen gab, die darauf hingewiesen haben, dass die Pensionierung als globale Lebenskrise nur ein Mythos sei und empirisch nicht begründet werden kann (Hochman, 1960 und
13 so wurden die von Stauder und Jores geprägten Begriffe (Pensionierungsbankrott McBride, 1976),
und -tod) damals gerne zur generellen Charakterisierung für den Übergang in den Ruhestand
aufgegriffen. 14
70er und 80er Jahre
Dem bisherigen negativen Bild vom Übergang in den Ruhestand setzten groß angelegte Studien aus den USA und Europa ein überwiegend positives Bild entgegen. Hier gilt es jedoch, die Ergebnisse von Quer‐ und Längsschnittstudien differenziert zu betrachten. Daten aus Querschnittstudien (beispielhaft Atchley
1976, Bixby et al. 1975, Shanas 1972 oder auch Thompson 1973, 1974) 15 gaben an, dass Rentner weniger Einkommen, mehr körperliche und psychische Beschwerden, weniger Selbstwertgefühl, weniger Freude und weniger
Zufriedenheit haben. 16 Zurecht wird von Palmore et al. hinterfragt, ob „Retirees may have had these negative characteristics before they retired.“ 17 Antwort auf diese Frage können lediglich Längsschnittstudien geben, die in einem nicht minder großen Umfang erstellt wurden. Beispielhaft: The
National Longitudinal Survey of Labor Market Experience (NLS) 18 (5.020 Befragte im Zeitraum 1966‐1976) oder die Retirement History Study (RHS) 19 (11.153 Befragte im Zeitraum 1969‐1979). So fühlen sich nach dem NLS die überwiegende Mehrheit der Befragten (rd. 90%) nach der Verrentung glücklich 20 . Die Retirement History Study ergab, dass durch die Verrentung kein sozialer Rückzug und keine Gesundheitsbeeinträchtigung
nachzuweisen waren. 21 Europäische Studien bestätigen diese Ansicht. Bei Brückner/ Mayer (1987) wird der Ruhestand als Geschenk, als Ausgleich für kriegsbedingte Belastungen im frühen Erwachsenenalter
11 zusammenfasst dargestellt im International Journal of Legal Medicine [16, S. 299]
12 Der hier postulierte Pensionierungstod konnte in epidemiologischen Studien nicht bestätigt werden. Vgl. Ekerd, (1986) [8, S. 239‐244] 13 vgl. weiterführende Literatur [20, S. 40]
14 vgl. [20, S. 40]. Auch Frau Lehr verweist in einem Beitrag 1988 bei der Erklärung des Begriffes Pensionierungsschock auf Stauder (1955) [17, S. 36] 15 überblicksartig siehe Palmore et al. (1984) [30, S. 109]
16 ebd.
17 ebd.
18 Parnes (1981) [31]
19 Goudy (1981) hier mit Fokus auf Changing Work Expectations [11, S. 644‐649]
20 vgl. bei Mayring [22, S. 5], [20, S. 40], [23, S. 125] Palmore et al. [30, S. 110‐116] und mit weiteren Daten zu der Studie bei Parnes [31] sowie im Internet [41]. Die Daten im Internet sind teils kostenpflichtig und teils kostenfrei.
21 vgl. Fußnote Nr. 20 und bei [22, S. 5] oder [20, S. 40] 3
gesehen. 22 In einer vielzitierten französischen Untersuchung von Attias‐Donfut (1988) (Kohortenvergleich vor und nach der Pensionierung mit rd. 4.000 Befragten), schätzen rd. 85% der Befragten den Ruhestand positiv
ein. 23 Als Gesamtbild vieler Längsschnittstudien dieser Zeit (besonders Palmore, Burchett, Fillenbaum, George&Wallmann, 1985; Parnes, 1981; Atthis‐Donfut, 1984; Opaschowski&Neubauer, 1984; Brückner&Mayer, 1987; 24 Markides&Cooper, 1987; Niederfranke, 1988) kann festgehalten werden, dass nur eine Minderheit (höchstens ein
25 Drittel) Schwierigkeiten mit der Pensionierung hat.
90er Jahre bis heute
Der Einfluss auf die Pensionierung kann so vielfältig sein, wie das Individuum selbst. 26 Die Aufgabe der Forschung besteht zunehmend darin, noch genauer zu differenzieren, bei welchen Personen und unter
welchen Bedingungen es zu positiven oder negativen Verläufen im Ruhestand kommt. 27 Es werden zudem Studien erstellt, die einzelne Bereiche (Geschlecht, Gebiete etc.) fokussieren. Beispielhaft werden bei
Niederfranke (1994) 28 nur Frauen und bei Ernst (1994) 29 nur die Frühverrentung in Ostdeutschland untersucht.
aktuelle Längsschnittstudie
Eine Längsschnittstudie die im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 32 Alter 30,31 zwischen 1992 und 1997 erstellt wurde, kann noch heute als aktuell angesehen werden. 32 Die Projektgruppe befasst sich mit der Frage, wie der Übergang in die Pensionierung erlebt wird. Es wird untersucht, ob sich Faktoren finden lassen, „die den Anpassungsprozess an die nachberufliche Zeit erschweren oder
erleichtern (Stressoren‐Ressourcen‐Ansatz).“ 33, 34 Im Ergebnis zeigt sich, dass „der Ruhestand heute nicht
22 Brückner; Mayer (1987) [3, S. 112] Ergänzung: Der Bericht stellt nach den Autoren selbst keine abgeschlossene Untersuchung dar, sondern lediglich eine Problemexploration (vgl. S. 102). Im zweiten Teil werden Teilergebnisse der laufenden Studie vorgestellt. Gesamter Artikel, siehe S. 101‐116.
23 vgl. überblicksartig in [2, S. 57‐73], [21, S. 253], [20, S. 41]; Original französische Untersuchungsdaten (mehrere Zwischen‐ und Endberichte 1983‐1986), siehe [28]
24 vgl. mit Verweis auf weiterführende Literatur bei [23, S. 133], [21, S. 257 f.] und [20, S. 52‐56] 25 [23, S. 125], [21, S. 253] und [20, S. 41]
26 Beschreibung der interindividuellen Unterschiede zur Pensionierungsverarbeitung, siehe [20, S. 45‐47]
27 [21, S. 253]
28 zusammengefasst in [26, S. 26‐32] Die Studie basiert auf einer vom Bundesministerium für Frauen u. Jugend geförderten Forschungsarbeit über die Lebenssituation älterer Frauen.
29 Ergebnisse der empirischen Erhebung ausführlich in seiner Dissertation beschrieben [9, hier speziell S. 74‐115] oder zusammengefasst in [10, S. 352‐355]
30 Hauptantragsteller und Gesamtprojektleiter: Prof. Dr. Hans‐Dieter Schneider; Nebenantragsteller: Prof. Philipp Mayring
31 vgl. auch Höpflinger/ Stuckelberger [12] Wissenschaftlicher Synthesebericht indem wichtige Ergebnisse und Folgerungen aus dem Nationalen Forschungsprogramm Alter/ Vieillesse/Anziani (NFP 32) vorgestellt und diskutiert werden. Mit Blick auf die hier genannte Studie, siehe S. 89‐130.
32 Die Recherche der Verfasserin nach aktuelleren Längsschnittstudien (gleicher Art und Umfang) ergab keine Treffer. 33 [24, S. 14] 4
Arbeit zitieren:
Dipl. Betriebswirt, Gerontologe M.A. Ivonne Kuss, 2010, Pensionierungsforschung - Manager und dann?, München, GRIN Verlag GmbH
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