1 Einleitung
„Alle, die das Schwert ergreifen, sollen durch das Schwert umkommen“ heißt es im Evangelium des Matthäus. 1 Nichtsdestoweniger bekannten sich einige fromme Menschen des zwölften Jahrhunderts dazu, „dem höchsten und wahren Könige Ritterdienst zu tun“. 2 Sie nannten sich selbst milites Christi und vereinigten in sich gleichermaßen die Ideale des Mönchstums und des Rittertums. Damit entstand etwas bislang völlig Neues: Eine Verbindung von vita religiosa und militia. Diese zwei „Stände“ galten vorher als grundsätzlich unvereinbar. Das war die Geburtsstunde des Templerordens - des ersten geistlichen Ritterordens. Wie aber lebten diese Tempelritter, denen Bernhard von Clairvaux gleichermaßen die Tugenden „Sanftmut des Mönches“ und „Tapferkeit des Kriegers“ zuschrieb? 3 Welche Regeln befolgten sie? Was waren die Kernpunkte ihres monastischen Zusammenlebens?
In vorliegender Ausführung soll die Darstellung der Lebensweisen der Templer in zwei Quellentexten erarbeitet und miteinander verglichen werden. Diese beiden Quellentexte sind auf der einen Seite die Schrift des Zisterzienserabtes Bernhard von Clairvaux De Laude Novae Militiae Ad Milites Templi, auf der anderen Seite die auf dem Konzil von Troyes erlassene Ordensregel der Templer. In einem ersten Schritt werden die beiden Quellentexte in einen historischen Kontext eingebettet, indem die Entstehung des Templerordens bis zu seiner offiziellen päpstlichen Anerkennung rekapituliert wird. In diesem Kontext soll auch die Ordensregel der Templer im Zentrum des Interesses stehen. Anschließend wird das Traktat von Bernhard kurz vorgestellt. In einem dritten und letzten Schritt wird die Ordensregel der Templer inhaltlich mit den Kernpunkten der Schrift De Laude Novae Militiae verglichen. Hierbei soll die These dieser Arbeit untermauert werden: Trotz grundsätzlichen Übereinstimmungen weisen die beiden Quellentexte doch erhebliche inhaltliche Unterschiede auf, die sich einerseits bezüglich der Schwerpunktsetzung, andererseits auch in konkreten Details der dargestellten Lebensweise manifestieren. Selbstverständlich lässt sich in diesem Rahmen kein Anspruch auf Vollständigkeit
1 Vgl. Matthäus 26, 52, in: Die Bibel, hrsg. im Auftrag der Bischöfe Deutschlands u.a., Stuttgart 1995.
2 Vgl. Die ursprüngliche Templerregel, hrsg. v. Gustav Schnürer, in: Gebiete der Geschichte, hrsg. v. Hermann Grauert, Freiburg 1904, S. 130ff. Hier Seite 130. Im Folgenden zitiert als: Templerregel, [mit Seitenangaben]. Zitat: Summo ac vero regi militare.
3 Vgl. Bernhard von Clairvaux, De Laude Novae Militiae, in: Bernhard von Clairvaux, sämtliche Werke lateinisch/deutsch, hrsg. von Gerhard Winkler, Band 1, Innsbruck 1990, S.268ff. Hier Seite 284. Im Folgenden zitiert als: Bernhard, De Laude Novae Militiae, [mit Seitenangaben]. Zitat: Monachi mansuetudo, militis fortitudo.
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erheben und neben der Beschränkung auf nur zwei wesentliche Quellen, die uns Aufschluss über das Leben der Templer geben, ist auch eine inhaltliche Fokusierung von einigen markanten Aspekte unabdingbar.
2 Von der Schutzbedürftigkeit christlicher Pilger bis zur
Entstehung der Ordensregel des Templerordens
2.1 Gründe für die Entstehung des ersten Ritterordens
Diese milites Christi, von denen Bernhard von Clairvaux behauptet, sie würden „gewissenhaft die Kämpfe des Herren ausfechten“ 4 , waren anfangs keineswegs der Elitetrupp in offener Feldschlacht 5 , als der sie in die Geschichte eingingen. Vielmehr handelte es sich ursprünglich um eine Bruderschaft, die sich zum Schutz der Pilger 6 im Heiligen Land zusammengeschlossen hatte. 7 Was waren allerdings die Hintergründe für die Entstehung dieses Zusammenschlusses?
Die Lebensweise der Templer lässt sich nur dann ergründen, wenn man den Entstehungskontexts dieses Ordens berücksichtigt. Niklas JAPSERT nennt verschiedene „Motivationen“ 8 , die sich zu zwei wichtigen Faktoren zusammenfassen lassen: Einerseits besonders ausgeprägte Frömmigkeit des Hochmittelalters, vor allem bei Laien. Diese Frömmigkeit wiederum ist verbunden mit einem für den Templerorden prägenden Armutsideal. 9 Ferner kommt der Aspekt Nächstenliebe hinzu, der sich auch in der Absicht manifestiert, Mitchristen gegen Feinde aktiv zu verteidigen. Andererseits die besondere Lage in den Kreuzfahrerreichen: Nach der Eroberung von Jerusalem 10 , der „geistig-ideellen Hauptstadt des christlichen Abendlandes“ 11 , im Rahmen des ersten Kreuzzugs 1099 waren die meisten
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Vgl. Bernhard,
De Laude Novae Militiae,
S. 276. Zitat:
Securi praeliantur praelia Domini sui.
5 Vgl. Jürgen Sanowsky, Die Templer (Becksche Reihe), München 2009, S.39ff. Im Folgenden zitiert als: Sanowsky, Templer, [mit Seitenangaben].
6 Über die Schutzbedürftigkeit der Pilger verweise ich auf einen Pilgerbericht von Saewulf. Vgl. Relatio
de peregrinatione Saewulfi ad Hierosolymam et Terram Sanctam, hrsg. v. Brownlow, London 1892.
7 Zitat: „Ut vias et itinera, ad salutem peregrinorum contra latronum et incursantium insidias, pro
viribus conservarent.“
Vgl. Wilhelm von Tyrus: Geschichte der Kreuzzüge und des Königreichs Jerusalem, hrsg. v. Heinrich von Kausler, Stuttgart 1844, insbesondere die Chronik XII, 7.
8 Vgl. Nikolas Jaspert, Die Kreuzzüge, Darmstadt 2010, S.138ff. Im Folgenden zitiert als: Jaspert, Kreuzzüge, [mit Seitenangabe].
9 Die ursprüngliche Armut wurde gerade wegen der Kritik am späteren Reichtum permanent betont.
10 Zum Verlauf der Eroberung von Jerusalem vgl. Peter Thorau, die Kreuzzüge, München 2007, S.49ff.
11 Vgl. Hartwig Sippel, Die Templer. Geschichte und Geheimnis, München 1996, S.59.
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Kreuzfahrer nach der Erfüllung ihres Gelübdes in den Westen zurückgekehrt. 12 Die Tatsache, dass man Ritter im lateinischen Westen durchaus benötigte, führte nicht zuletzt zur Unterstützung durch König Balduin II. 13 JASPERT sieht in der Entstehung militärischer Orden eine Reaktion auf Herausforderungen, die sich in Outremer 14 durch ihre „prekäre Lage“ ergaben. 15
Es stellt sich die Frage: Wie sollte man ohne Ritter den Pilgern Schutz gewähren? BULST-THIELE schrieb, wer ins Heilige Land pilgerte, „war nach wie vor auf seinem Weg von Jaffa hinauf nach Jerusalem und dem noch mehr gefährdeten von Jerusalem an den Jordan von Überfällen bedroht.“ 16 Die wichtigste Quelle für die Frühzeit der Templer ist eine Chronik von Wilhelm von Tyrus 17 , die uns allerdings mit einigen offenkundigen Unstimmigkeiten konfrontiert. 18 Die genauen Umstände der Gründung dieser Bruderschaft sind ebenso unbekannt wie die Datierung. 19 Jedenfalls sollen es ursprünglich neun Ritter gewesen sein, darunter der spätere Großmeister Hugo de Payns, die sich zu einer Bruderschaft zusammenschlossen und vermutlich 1119 vor dem Patriarchen von Jerusalem ein Ordensgelübde ablegten. 20 Dieses enthielt die drei Mönchsgelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam, sowie eine Art Ritterschwur, Pilger vor Überfällen zu schützen.
2.2 Das Konzil von Troyes
Das sogenannte Konzil von Troyes war eigentlich eher eine regionale Synode, die in Abständen einiger Monate einberufen wurde. Ebenso war diese Synode nicht extra
12 Vgl. Jaspert, Kreuzzüge, S.43.
13 Dieser stellte den Templern einen Teil seines Palastes als Aufenthaltsort zur Verfügung. Über die Baulichkeiten ist der Pilgerführer Libellus de locis sanctis von 1172 erhalten, der bei Dinzelbacher als Quelle ausgearbeitet wird. Vgl. hierzu: Peter Dinzelbacher, Die Templer. Ein geheimnisumwitterter Orden? Breisgau 2002, S.19. Im Folgenden zitiert als: Dinzelbacher, Templer, [mit Seitenangaben].
14 Altfranzösisch: „jenseits des Meeres“. Bezeichnung für die Kreuzfahrerstaaten in Palästina. Vgl. Dinzelbacher, Templer, S.19.
15 Vgl. Jaspert, Kreuzzüge, S.140.
16 Vgl. Marie Louise Bulst-Thiele, Sacrae Domus Militiae Templi Hierosolymitani Magistri. Untersuchungen zur Geschichte des Templerordens 1118-1314, Göttingen 1974, S.19, mit Anmerkung. Im Folgenden zitiert als: Bulst-Thiele, Templerorden, [mit Seitenangaben].
17 Dargestellt in der Chronik VII,7 des Wilhelm von Tyrus, allerdings erst 70 Jahre später.
18 Vgl. Bulst-Thiele, Templerorden, S.21 mit Anmerkung. Für die Gründe der unhistorischen Darstellung des Wilhelm von Tyrus vgl. Alain Demurger, Die Templer. Aufstieg und Untergang 1120-1314, München 1991, S.25. Im Folgenden zitiert als: Demurger, Templer, [mit Seitenangaben].
19 Vgl. Rudolf Hiestand, Kardinalbischof Matthäus von Albano. Das Konzil von Troyes und die Entstehung des Templerordens, in: Zeitschrift für Kirchengeschichte, 3, 1988, S.313ff.
20 Kein zeitgenössischer Chronist hielt die Entstehung dieser Bruderschaft für berichtenswert. Die ersten drei Chronisten Wilhelm von Tyrus, Michael der Syrer und Walter Map schrieben erst im 12. Jahrhunderts über die Templer. Vgl. Malcolm Barber, The New Knighthood. A history of the Order of the Temple, Cambridge 1994. Im Folgenden zitiert als: Barber, New Knighthood, [mit Seitenangaben].
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aus dem Grund einberufen worden 21 , um dort über die Anerkennung der Templer als Orden zu verhandeln. Die Begutachtung der Templerregel war ferner nur einer von mehreren Tagesordnungspunkten. 22 Das Konzil von Troyes fand wahrscheinlich im Jahr 1129 23 statt. Dort legte Hugo de Payns dem Konzil die Ordensregel der Templer vor und der Templerorden wurde vom Papst approbiert. Die Einflussnahme des Bernhard von Clairvaux, der dem Konzil ebenfalls beiwohnte, an der Abfassung der Ordensregel der Templer ist umstritten. Dass er an der Ordensregel mitwirkte, ist in der Praefatio der Regeln belegt. 24 Mit diesem Regelkanon und der damit verbundenen päpstlichen Approbation war eine unabdingbare Grundlage gelegt: Aus einer Laienbruderschaft war ein erster geistiger Ritterorden geworden.
2.3 Die Ordensregel der Templer
Eine ausführliche Darstellung der Ordensregel ist im Rahmen dieser Arbeit unmöglich. In dieser Ausführung kann die Ordensregel nur in ihren Grundzügen und hinsichtlich der Fragestellung nach der Lebensweise der Templer skizziert werden.
2.3.1 Analyse von Inhalt und Struktur des Regelwerks In einem ersten Schritt sollen nun die eigentliche Struktur und die inhaltlichen Schwerpunkte der Ordensregel aufgezeigt werden. Die Regel enthält 72 Artikel und orientiert sich sehr stark an der Benediktsregel 25 , lässt aber auch Einflüsse des Bernhard von Clairvaux erkennen. CHARPENTIER bezeichnet die Ordensregel treffend als „enthusiastisch und zugleich streng“. 26 Die Praefatio enthält zunächst eine direkte Anrede der milites Christi mit Ermunterung zum Kampf für Gott 27 , dann genauere Angaben zum Konzil von Troyes. Anschließend folgt dann der eigentliche Regeltext, den wir im Folgenden genauer analysieren werden.
Die Ordensregel lässt sich in sechs gröbere Abschnitte untergliedern. Sie beginnt mit Paragraphen über Teilnahme am Gottesdienst, Beten vom Vaterunser und Verhalten
21 Anlass war eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen dem französischen König und dem Bischof von Paris. Vgl. Dinzelbacher, Templer, S.19.
22 Im Folgenden dennoch nach dem gängigen Namen als „Konzil“ von Troyes bezeichnet.
23 Zur Datierung vgl. Barber, New Knighthood, S.22.
24 Vgl. Templerregel, S.131.
25 Es sind wegen Bernhards Mitwirken auch Einflüsse der Augustinerregel zu erkennen. Ollivier nennt ihn „fidèle à la thèorie augustine“: Vgl., Albert Ollivier, Les Templiers. Le Temps qui court, o.O., o.J.
26 Vgl. John Charpentier, die Templer, Stuttgart 1965, S.23. Im Folgenden zitiert als: Charpentier, Templer, [mit Seitenangaben].
27 Vgl. Templerregel, S.130.
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im Falle des Todes eines Ordensbruders. 28 Danach folgen einige Regelungen bezüglich des gemeinsamen Mahles mit Betonung des Aspekts Ehrfurcht während des Speisens und mit detaillierten Anordnungen zum wöchentlichen Genuss von Fleisch. 29 Ein dritter Abschnitt handelt von der Kleidung der Ordensmitglieder mit der Bestimmung, dass nur „Professrittern der weiße Ordenshabit 30 zugestanden wird“. 31 Es schließen sich nun einige militärische Regelungen in Abschnitt vier an, die sich allerdings nicht auf das Verhalten in der Schlacht beziehen, sondern das Halten von Pferden und die Behandlung eines Knappen thematisieren. 32 Ein fünfter Abschnitt verbietet den Templern Vogelbalze und Jagd 33 und enthält auch Paragraphen über die Krankenpflege. 34 Nach einigen verschiedenen einzelnen Regelungen folgt ein letzter größerer Abschnitt über die Bestrafungen bei Vergehen 35 , insbesondere hier geht dann auch die Stellung des Meisters in der Ordensregel klar hervor. 36
2.3.2 Interpretation der Ordensregel in Bezug auf die Lebensweise der Templer Auffallend ist die Betonung monastischer Aspekte vor allem in Hinblick auf die Ideale Armut und Gehorsam in der Ordensregel. Diese Ideale spielen für den Templerorden eine entscheidende Rolle. Die freiwillige Armut wird dabei verbunden mit einer geradezu verpflichtenden Bescheidenheit: Den Ordensbrüdern ist es verboten, „nach Besserem zu verlangen“ 37 (Paragraph 25) oder sogar „ namentlich das für sie nötige zu verlangen“ 38 (Paragraph 34). Das Armutsideal zeigt sich auch im vierten Abschnitt: Lanzen und Schilder sollen ohne Verzierung sein, am Zaumzeug von den Pferden soll auf Gold oder Silber verzichtet werden. Als Beleg für die Bedeutung des Ideals Gehorsam in der Templerregel lässt sich Paragraph 47 nennen, der eine Anweisung impliziert, sich bedingungslos einem Urteil zu fügen: „Gleichermaßen ordnen wir an, das, was für gerecht erkannt wurde, unabänderlich zu erfüllen“. 39 Was hingegen militärische Anordnungen anbelangt, so nehmen diese in der Ordensregel
28 Ebd. S.135ff.
29 Ebd. S.137ff.
30 Dabei befasst sich Demurger damit, inwieweit der weiße Mantel der Templer mit der Kutte von Clunizianer- und Zisterziensermönchen verglichen werden kann. Vgl. Demurger, Templer, S.66f.
31 Vgl. Templerregel, S.140f. Zitat: Militibus professis […] alba vestimenta concedimus.
32 Ebd. S.141ff.
33 Ebd. S.146.
34 Ebd. S.147.
35 Ebd. S.151f.
36 Dieser ist „souverän, jedoch nicht absolut“. Vgl. Charpentier, Templer, S.21.
37 Vgl. Templerregel, S.141. Zitat: Optima habere voluerit.
38 Ebd. S.143. Zitat: Nominatim quod erit ei necessarium querat.
39 Ebd. S.146f. Zitat: Et quod iustum fuerit indeclinabiliter vobis facere similiter precipimus.
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Arbeit zitieren:
Domenic Schäfer, 2011, Die Lebensweise der Templer, München, GRIN Verlag GmbH
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