1 Einleitung
„Die Sieger schreiben die Geschichte.“ Dieses geflügelte Wort findet immer wieder Bestätigung. Das ist zwar sehr pauschal ausgedrückt und es werden sich auch sicherlich genügend historische Gegebenheiten finden lassen, wo dies nicht ohne Weiteres so zutrifft, doch ist es grundsätzlich wahr, dass die dargestellte Geschichte und die tatsächlichen Geschehnisse sich oft nicht zueinander kongruent verhalten. Die Felseninschrift von Behistun, ein „Dokument großköniglicher Ideologie und Propaganda“ 1 , ist ein bestes Beispiel bewusster Verfälschung der Geschichte. Sie ist unser wichtigstes Zeugnis für den Aufstand eines Usurpators, um dessen Identität die historische Forschung nur rätseln kann - ein Thema der Forschungsdiskussion, das offenbar über die Jahrzehnte nichts an Brisanz eingebüßt hat. Ein anderes Zeugnis darüber sind Herodots Historien, die man nur mit höchster Behutsamkeit als historische Quelle heranziehen sollte, denn “upon those essentially ‚official‘ traditions, Herodotus integrated his own aspects of folk tales, myths, and other stories.“ 2
In vorliegender Arbeit sollen in erster Linie eine quellenkritische Analyse von zwei wesentliche Aspekten dieser rätselhaften Usurpation im Zentrum des Interesses stehen: Der Tod von Großkönig Kambyses II. und die Frage danach, was wir tatsächlich über einen persischen Großkönig wissen, der in der Forschung im Unwissen seiner wirklichen Identität meistens als „falscher“ Smerdis 3 , Gaumata 4 oder Pseudosmerdis 5 bezeichnet wird. Dabei werden die beiden Hauptquellen, nämlich die Felseninschrift von Behistun und die Historien des Herodot, herangezogen, miteinander verglichen und auf inhaltlichen Wahrheitsgehalt analysiert. Im Rahmen dieser Proseminararbeit kann auch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Ebenso können wir bei einer Thematik mit derart ungesicherter Quellenlage nicht über mehr oder weniger wahrscheinliche Hypothesen hinauskommen,
1 Vgl. Robert Rollinger, Ein besonderes historisches Problem. Die Thronbesteigung des Dareios und die Frage seiner Legitimität, in: Das persische Weltreich. Pracht und Prunk der Grosskönige, hrsg. v. Alexander Koch u.a., Stuttgart 2006, S. 41-56, hier: S. 43. Im Folgenden zitiert als: Rollinger, Thronbesteigung, [mit Seitenangaben].
2 Vgl. Jack Martin Balcer, Herodotus & Bisitun. Problems in ancient Persian historiography, in: Historia. Journal of Ancient History, hrsg. V. Heinz Heinen u.a., Heft 49, Stuttgart 1987, S.17f., im Folgenden zitiert als: Balcer, Herodotus & Bisitun, [mit Seitenangaben].
3 Vgl. Alexander Demandt, Darius und der „falsche“ Smerdis 522 v.Chr., in: Das Attentat in der Geschichte, hrsg. von Alexander Demandt, Berlin 1996, S. 1-14. Im Folgenden zitiert als: Demandt, Darius und Smerdis, [mit Seitenangaben].
4 Auf Dareios zurückgehende Bezeichnung, die von einigen Historikern übernommen wurde. Vgl. Josef Wiesehöfer, Der Aufstand Gaumatas und die Anfänge Dareios‘ I., Bonn 1987. Im Folgenden zitiert als: Wiesehöfer, Aufstand, [mit Seitenangaben].
5 Vgl. Ernst Herzfeld, Smerdis und Pseudosmerdis, in: AMI, 5, 1933, S. 125-142.
2
geschweige denn auf letzte Gewissheit hoffen. In einem ersten Schritt wird die Vorgeschichte kurz dargestellt, die Regierungszeit des Kambyses im Überblick. Anschließend sollen die wichtigsten Quellen etwas ausführlicher vorgestellt und erläutert werden, um in einem dritten Schritt mit dieser Grundlage auf den Tod des Kambyses näher einzugehen. Dabei wird meine These bekräftigt, dass man die Theorie eines Unfalls ebenso in Zweifel ziehen muss wie die lange vertretene Hypothese der Forschung, er sei durch Suizid gestorben. Meine Überlegungen münden hier in eine gewagte Behauptung: Es ist durchaus möglich, dass Kambyses ermordet wurde. Ein letzter Teil dieser Arbeit wird sich dann implizit mit dem Usurpator selbst beschäftigen und seine Identität zu klären versuchen.
2 Vorgeschichte: Die Regierungszeit des Kambyses
Ein Blick in Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft liefert uns unter anderem folgende Information zum Stichwort Kambyses: Persischer Großkönig (529-522) 6 , Sohn des Kyros. 7 Dass die Identität seiner Mutter unklar ist, zeigt uns schon, wie wenig wir eigentlich über Kambyses wissen. Seine Lebensdaten und Chronologie gelten inzwischen als gesichert. 8 Hingegen haben wir kein klares Bild davon, was für ein Herrscher Kambyses gewesen ist, weil sich die Quellen untereinander gegenseitig widersprechen. 9 Im Folgenden werden die sieben Regierungsjahre von Kambyses kurz zusammengefasst, soweit sie sich anhand der Quellen ohne Widerspruch rekonstruieren lassen.
2.1 Die
Eroberung
Ägyptens
durch
die
Perser
Kambyses größte Leistung war die Eroberung von Ägypten im Jahr 525.
10
Der Althistoriker Wiesehöfer nennt seinen Ägyptenfeldzug einen „vollen militärischen Erfolg“
11
. Hingegen wissen wir nicht viel über Kambyses‘ Regierungsjahre vor dem Beginn des Ägyptenfeldzugs. Práí µí± ek vermutet, dass Kambyses zunächst Aufstände
Jahresangaben, wenn nicht anders vermerkt, immer vor Christus. 7 Vgl. Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, hrsg. v. Wilhelm Kroll u.a., Stuttgart 1919.
8 Vgl. Justin Práí µí± ek, Kambyses, in Der Alte Orient 12-15, hrsg. v. Alfred Wiedemann u.a., Leipzig 1910, Heft 2, S. 1-31, hier S. 1. Im Folgenden zitiert als: Práí µí± ek, Kambyses, [mit Seitenangaben].
9 Vgl. Balcer, Herodotus & Bisitun, S. 86.
10 Jahresangaben im Folgenden immer „v.Chr.“.
11 Vgl. Josef Wiesehöfer, Das frühe Persien. Geschichte eines antiken Weltreichs, München 1999, S.28. Im Folgenden zitiert als: Wiesehöfer, frühes Persien, [mit Seitenangaben].
3
niederkämpfen musste 12 , an denen auch eine Beteiligung seines Bruders nicht unwahrscheinlich war. 13 Für den Ägyptenfeldzug selbst sind zwei wichtige Stationen zu nennen: Der Sieg der Perser in der Schlacht bei Pelusion und die Kapitulation von Memphis, verbunden mit der Gefangennahme des ägyptischen Pharaos. 14
2.2 Kambyses‘ weitere Regierungsjahre: 525-‐522
Anschließend wird kurz zusammengefasst, was in den folgenden Regierungsjahren des Kambyses geschah. Ägypten war an das persische Großreich angegliedert worden, wobei der persische Großkönig allerdings die eigenständige Verwaltung des Landes bestehen ließ.
15
Was seine weiteren außenpolitischen Ziele anbelangt, so schreibt Práí µí± ek „Kambyses wollte ganz Afrika erobern, soweit es damals bekannt
war“. 16 Herodot zu Folge plante Kambyses nun, gegen die Karthager, die Ammonier und die Äthiopier Krieg zu führen. 17 Laut Herodot scheiterten allerdings alle drei Unternehmungen. 18 Auf die Historizität und den Wahrheitsgehalt der Darstellung dieser Kriege bei Herodot kann hier nicht weiter eingegangen werden.
Über Kambyses‘ Verhalten gegenüber den Ägyptern lässt sich nur spekulieren. 19 Ägyptischen Inschriften, denen zu Folge Kambyses „gegen die religiösen Gewohnheiten der Ägypter schonend vorging“ 20 , sind meiner Ansicht nach verlässlichere Quellen als die Beschreibung Herodots, in denen der Historiker Práí µí± ek den Großkönig Kambyses als einen „wahnsinnigen Wüterich, der sich an ihrem Allerheiligsten vergriffen, ihre Gottheiten verlacht, gemordet und verbrannt hätte“ sieht. 21 Die bei Herodot tradierte willkürliche Tötung des Apisstiers, den die Ägypter als Gottheit verehrten 22 , gilt in der Forschung jedenfalls als überholt. 23 Beim Historiker Balcer ist diesbezüglich bezeichnenderweise von “the Apis fiction“ die
12
Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.7
13 Ebd., S.8f.
14 Vgl. Wiesehöfer, frühes Persien, S.27f.
15 Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.15.
16 Ebd., S. 18
17 Vgl. Das Geschichtswerk des Herodot von Halikarnassos, hrsg. v. Theodor Braun, Leipzig 1927, III,
17. Im Folgenden zitiert als: Herodot, [mit Seitenangaben].
18 Ebd., III, 17-26.
19 Vgl. Walter Hinz, Darius und die Perser. Eine Kulturgeschichte der Achämeniden, Baden-Baden 1976, S. 131f. Im Folgenden zitiert als: Hinz, Darius, [mit Seitenangaben].
20 Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.17.
21 Ebd., S. 27.
22 Über die Verehrung des Apis in Ägypten vgl. Wörterbuch der Mythologie, hrsg. v. Wilhelm Vollmer, Erfstadt 2007, S. 138f.
23 Ebd., S. 26: Von den Apismumien in Memphis wird nur eine einzige auf den Zeitraum zwischen der Eroberung Ägyptens und den Tod von Kambyses datiert. Diesen Apisstier kann Kambyses nicht getötet haben, da er zu dieser Zeit gerade auf dem Äthiopienfeldzug war.
4
Rede. 24 Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass Kambyses laut Herodot kurz danach auch seinen Bruder Smerdis habe ermorden lassen 25 , auf diese Thematik werden wir allerdings später ausführlicher zu sprechen kommen (siehe Kap. 5.1) Die Ereignisse des Jahres 522, die dazu führten, dass Kambyses aufgrund eines Aufstandes in Persien aus Ägypten zurückkehren musste und vermutlich auf dem Rückweg starb, wird nun der eigentliche Themenbereich dieser Arbeit sein.
2.3 Kritische Analyse des Kambyses-‐Bildes von Herodot Wer war nun Kambyses? Ein „brutaler, nahezu wahnsinniger Despot“ 26 oder ein milder, durchaus verständnisvoller und toleranter Herrscher, wie ihn die ägyptische Priesterschaft sieht. 27 Wiesehöfer schreibt zutreffend über die Herkunft von Herodots Kambyses-Bild: „Vor allem aber wohl die negativen Erfahrungen der Ägypter mit den Persern während der vergeblichen Aufstände 486/5 und 460-454 verzerrten das Bild des Eroberers in Ägypten dann aber später in der Weise, wie sie bei Herodot fassbar wird.“ 28 In Bezug auf Kambyses‘ angebliche Untaten gegenüber den Ägyptern ist Herodots Darstellung mit Vorsicht zu genießen. So folgert Heinz Fahr in seiner Promotionsarbeit „Die Hybris des Astyages bringt die Meder um ihre Position. Die Hybris des Kambyses setzt die Meder auf Kosten der Perser wieder in ihre Position ein.“ 29 Es soll dargestellt werden, dass Kambyses bei Herodot als ein „Exemplum menschlicher Hybris“ 30 dient. Diese Hybris (Definition: siehe Kap. 3.2) werde von den Göttern bestraft, indem Kambyses selbst am Ende seines Lebens scheitere. 31
Was die Person des Kambyses anbelangt, so hat Práí µí± ek ein durchaus prägnantes und inhaltlich stimmiges Fazit formuliert, dem ich mich hier anschließen möchte: „Kambyses gehört zu jenen großen Gestalten des Altertums, deren Bild durch die spätere einseitige Geschichtsschreibung verfälscht wurde.“ 32 Im Folgenden werden wir uns allerdings nicht mit den offenen Fragen zur Regierungszeit des Kambyses befassen, sondern auf das Jahr des Aufstandes 522 eingehen.
24
Balcer, Herodotus & Bisitun, S.84.
25 Herodot, III, 30.
26 Vgl. Wiesehöfer, frühes Persien, S.28.
27 Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.17.
28 Vgl. Wiesehöfer, frühes Persien, S.28.
29 Vgl. Heinz Fahr, Kambyses. Ein Beitrag zur Herodotinterpretation (Diss), Hamburg 1959, S.71. Im Folgenden zitiert als: Fahr, Kambyses, [mit Seitenangaben]
30 Ebd. S. 73.
31 Ebd. S. 73.
32 Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.30.
5
3 Vorstellung der wichtigsten Quellen
Im Anschluss an die Zusammenfassung der Vorgeschichte werde ich nun die wichtigsten Quellen für die Ereignisse des Jahres 522 nennen und kurz auf ihren jeweiligen Aussagewert als historisches Zeugnis dieser Zeit eingehen. Die prinzipielle Problematik besteht darin, dass Kambyses selbst keine schriftlichen Nachrichten hinterlassen hat 33 , und sich unsere Quellen über Pseudo-Smerdis widersprechen. 34
3.1 Die Felseninschrift von Behistun
Betrachten wir nun eine Hauptquelle über die Ereignisse vor der Machtergreifung von Dareios I.: die von ihm selbst in Auftrag gegebene Felseninschrift von Behistun. 35
3.1.1 Gestaltung von Relief und Inschriften
Die Felseninschrift von Behistun wurde an der alten Heeresstraße angebracht, einer Verbindungsstrecke zwischen Medien und Babylon wegen dem „lebhaften Verkehr in beide Richtungen“ 36 an einem Felsen, der nicht zufällig „Bagastana“, also „Ort der Götter“ 37 , heißt. Relief und Inschrift sind in mehreren Phasen entstanden. 38 Das Relief zeigt Dareios mit einem Bogen in der Hand, seinen Fuß in einer Siegesgeste auf eine am Boden liegende Person gestellt, die als Gaumata ausgewiesen wird. 39 Hinter Dareios sind zwei Waffenträger abgebildet. Vor Dareios stehen acht weitere Gefangene, die mit einem Strick zusammengebunden sind, die zusammen mit Gaumata als die neun Lügenkönige 40 bezeichnet werden. Sie sind „aller Herrschaftssymbole beraubt“ 41 und deutlich kleiner dargestellt als der triumphierende monumentale Großkönig selbst. 42 Über den Lügenkönigen ist eine schwer zu
33
Vgl. Práí µí± ek, Kambyses, S.1.
34 Vgl. Wiesehöfer, Aufstand, S.43ff.
35 Vorbild war offenbar ein ähnliches Felsbild des Königs Anunbanini am heutigen Sarpol. Vgl. Hinz, Darius, S.21.
36 Vgl. Rollinger, Thronbesteigung, S. 43.
37 Vgl. Heidemarie Koch, Es kündet Dareios der König, Mainz am Rhein 1992, S.14. Im Folgenden zitiert als Koch, Dareios, [mit Seitenangaben].
38 Vgl. Wiesehöfer, Aufstand, S. 9f.
39 Vgl. Rollinger, Thronbesteigung, S. 43f.
40 Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass hinter den Lügenkönigen eine später hinzugefügte Abbildung des besiegten Skythenkönig Skuncha zu sehen ist. Ebd. S. 46.
41 Ebd., S.45.
42 Wiesehöfer nennt eine genaue Größenangabe: Dareios ist 1,72m groß abgebildet, die Lügenkönige nur 1,17m. Vgl. Josef Wiesehöfer, Das antike Persien, Düsseldorf 2005, S.35.
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Arbeit zitieren:
Domenic Schäfer, 2011, Kambyses und der "falsche" Smerdis, München, GRIN Verlag GmbH
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