Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald
Nordisches Institut
Hans-Fallada-Straße 20
Hauptseminar: Skandinavien in der Zwischenkriegszeit
Hauptseminar-Arbeit
Skandinavien in der Zwischenkriegszeit
-
Eine Zeit der Modernisierung?
Jakob Kneisel
Magister
9.Fachsemester
1.Hauptfach: Politikwissenschaft
2.Hauptfach: Skandinavistik
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Seite 2
I.
Phase 1: Die Nachkriegszeit
Seite 3 - 6
II.
Phase 2: Deutsche Erholung und britische Schwäche
Seite 6 - 12
III.
Phase 3: Weltwirtschaftskrise und britische Wachstumszeit
Seite 12 - 18
IV.
Phase 4: Die Vorkriegsjahre
Seite 18 - 23
V.
Fazit
Seite
23
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27
Zusammenfassung/Abstract
Seite 28
Datenanhang
Seite
29
-
31
Literaturverzeichnis
Seite
32
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34
Einleitung
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war in vielerlei Hinsicht eine bemerkenswerte
Zeit. Geschockt von der Erfahrung von Millionen von Opfern war die Welt auf vielen
Gebieten gezwungen, ihre bisherigen Überlegung und Strategien zu überdenken und zu
erneuern. Alte, aristokratische Gesellschaftsformen brachen auf. Eine Welle der
Demokratisierung schwemmte durch Europa, zum einen auf freiwilliger Basis oder auch als
Resultat der Niederlage im ersten Weltkrieg. Vormalige Kolonialgebiete werden in die
Selbstbestimmung entlassen. Der Völkerbund versuchte neue Wege im Gebiet der
zwischenstaatlichen Kommunikation und Konfliktlösung zu gehen. Wirtschaftliche und
technische Neuerungen resultierten in einer umfassenden Modernisierung der westlichen
Gesellschaften, auch wenn gegen Ende dieser Zeitepoche viele Fortschritte wieder rückgängig
gemacht wurden.
Auch die skandinavischen Länder durchlebten diese Zeit. Auch wenn sie nicht direkt zu
Profiteuren des alliierten Sieges gehörten, so verbesserte sich ihre Lage im Gegensatz zur
Vorkriegszeit doch sehr deutlich. Durch die aus dem Krieg resultierende Neuordnung der
Machtverhältnisse in Europa sahen sich die nordischen Länder sowohl im politischen, als
auch im wirtschaftlichen Bereich angehalten, ihre bisherigen Partnerschaften und Methoden
zu überdenken. Obwohl sich ihre direkte Sicherheit durch die Niederlage der Großmacht
Deutschland zunächst und die Installation des Völkerbundes erhöht hatte, mussten sie sich
doch bald dem wirtschaftlichen Zweikampf eines erstarkenden Deutschlands und einem
traditionell starken Großbritannien stellen. Diese Auseinandersetzung, in deren Verlauf sich
Politik und Wirtschaft immer stärker verknüpften, wurde zu einer der wichtigsten
Ereignislinien Europas in der Zwischenkriegszeit.
Diese Hausarbeit wird nun versuchen diesen Konflikt in den Jahren von 1918 bis zum
beginnenden Krieg 1939 nachzuvollziehen und die Bedeutung der Zwischenkriegszeit für
Skandinavien sowie Europa herauszuarbeiten. Die Struktur wird sich dabei an 4
Zeitabschnitten orientieren, die alle jeweils immer der Vormachtstellung einer der beiden
Wirtschaftsgroßmächte Deutschland und Großbritannien zuzuordnen sind. Auch die
zunehmende Verflechtung von wirtschaftlichen Mitteln mit politischen Methoden sollen auf
diese Weise verdeutlicht werden. Abschließend wird ein Fazit die Frage versuchen zu klären,
ob die Zwischenkriegszeit als Rückschritt oder Fortschritt in der Modernisierung Europas
gesehen werden kann.
Phase 1: Die Nachkriegszeit
Seite 3
1916- 1921
Die Betrachtung von Skandinavien in der Zwischenkriegszeit beginnt mit dem Ende des
ersten Weltkrieges im Jahr 1918. Um jedoch ein besseres Verständnis für diesen Zeitabschnitt
zu gewinnen, ist es dennoch nötig einige Vorbetrachtungen anzustellen.
Deutschland hatte traditionell einen starken Einfluss und starke Verbindungen nach
Skandinavien, was zum Einen aus der territorialen Nähe, zum Anderen aber auch aus einem
starken, gemeinsamen kulturellen Hintergrund resultierte. So existierte beispielsweise in
Dänemark eine größere deutsche Minderheit und die deutsche Sprache war im gesamten
Skandinavien weit verbreitet und wurde vor allem in höheren Kreisen und akademischen
Zirkeln gesprochen. Vielfach zog es vor allem dänische und schwedische Akademiker nach
Deutschland die in der hohen Reputation der deutschen Hochschullehre nutzen um ihr
Studium abzuschließen. Auch kulturell gab es viele Berührungspunkte. Künstler wie Hans
Christian Andersen
1
begeisterten das deutsche Publikum und welches ihm ermöglichte den
Durchbruch vom vorher belächelten Lyriker zum Star seiner Zunft aufzusteigen. Mit einigen
Abstrichen galt diese Verbundenheit auch für Norwegen, welches sich erst 1905 aus der
Union mit Schweden gelöst hatte. Norwegens Verbindungen verstärkten sich allerdings im
Laufe der folgenden Jahre (insbesondere nach Ausbruch des ersten Weltkrieges) eher in
Richtung Großbritannien, ohne vorerst jedoch den Bezug zu Deutschland zu verlieren.
2
In Anbetracht dieser Punkte war es nicht weiter verwunderlich, dass auch auf
wirtschaftlichem Gebiet reger Kontakt und Handel zwischen Skandinavien und Deutschland
stattfanden. Skandinavien war für die Großmacht Deutschland sowohl als Importmöglichkeit
als auch Abnehmer der deutschen Waren: Dänemark importiert den größten Teil seiner
landwirtschaftlichen Produkte dabei aus Deutschland, Norwegen und vor allem Schweden
dienten Deutschland als größte Importeure von Erzen und Holz und waren andererseits die
stärksten Abnehmer für deutsche Maschinen und Kohle. Im Zuge der wirtschaftlichen
Verflechtungen zwischen den Ländern wurden auch ,,Großraum"-Konzepte populär, die eine
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1
dänischer Schriftsteller (1805 1875), welcher seinen Aufstieg hauptsächlich seinem kommerziellen Erfolg in
Deutschland zu verdanken hat
2
Norwegens offizielle Politik im ersten Weltkrieg war die der Neutralität, womit sich das Land auf einer Linie
mit den anderen skandinavischen Ländern bewegte. Eine Übersicht über die norwegische Geschichte in u.a. :
Thuesen
Phase 1: Die Nachkriegszeit
Seite 4
großeuropäische wirtschaftliche Zusammenarbeit vorsahen. Zu Kriegszeiten wurde ein
solches Konzept unter dem Namen ,,Mitteleuropa" diskutiert, welches vorsah große Teile der
Wirtschaften der europäischen Staaten unter deutscher Führung und zur Befriedigung
deutscher materieller Bedürfnisse umzugruppieren und neu auszurichten
3
. Der Kollaps des
deutschen Reiches und die Niederlage im Krieg ließen diese Pläne jedoch wieder von der
Agenda verschwinden. Zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt griffen die
Nationalsozialisten das Konzept wieder auf, reicherten es mit ideologischen Komponenten an
und stellten es, deutlich modifiziert, unter dem Titel ,,Großwirtschaftsraum" wieder zur
Debatte. Doch auch dieses Mal setzen sich die Kooperationsbestrebungen nicht durch.
Interessant an beiden Konzepten ist vor allem der Gedanke einer gesamteuropäischen
Wirtschaftszone, was zur damaligen Zeit noch sehr utopisch klang, jedoch in seinen
Grundzügen (und um die ideologische Komponenten bereinigt) schon die sich nach dem
zweiten Weltkrieg entwickelnde Europäische Union anklingen lässt.
Großbritanniens wirtschaftlicher Erfolg auf der skandinavischen Halbinsel war sogar noch
größer. Auf vielen Gebieten stellte das britische Empire in Skandinavien den wirtschaftlichen
Marktführer dar, eine Vormachtstellung, die Deutschland trotz großer Anstrengungen
während des Krieges und in der Zwischenkriegszeit nie wirklich attackieren konnte.
Während des ersten Weltkrieges war auch das tatsächliche Verhalten der einzelnen
skandinavischen Länder sehr unterschiedlich, wenn auch alle formal eine strikte
Neutralitätspolitik einhielten. Diese hielt vor allem Schweden jedoch nicht von regem
Außenhandel mit Deutschland ab, was aufgrund des hohen deutschen Bedarfs an
schwedischen Erzen und Holzprodukten auch für Deutschland eine immens hohe Bedeutung
hatte. Dieses Verhalten brachte Schweden eine begrenzte Blockade der Entente-Mächte im
Jahr 1916 ein, was im Land zur Verschlimmerung der Situation der
Nahrungsmittelversorgung führte und das Ende der verantwortlichen Regierung einläutete
4
.
Durch ihre Neutralitätserklärung wurden die skandinavischen Staaten mit Ende des Krieges
allerdings von Sanktionen seitens der alliierten Sieger verschont. Vielmehr entwickelten sich
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3
Weiterführenden Einblick und Diskussion des Mitteleuropakonzepts in : Naumann
4 Verantwortlich für diese außen- wie innenpolitische Krise war die Beamtenregierung unter Hjalmar
Hammarskjöld. In dieser Zeit gründete sich in Schweden die Sozialdemokratische Partei, welche in den
folgenden Jahren und bis zur heutige Zeit die politisch erfolgreichste Partei Schwedens werden sollte.
Literatur zur Entwicklung des Parlamentarismus in Schweden u.a. : Jahn; Henningsen
Phase 1: Die Nachkriegszeit
Seite 5
die Länder zu Gewinner der unmittelbaren Nachkriegszeit, da vor allem Großbritanniens
Interesse an den skandinavischen Märkten wuchs. Das Interesse an Skandinavien als
Wirtschaftspartner war dabei allerdings sehr wechselhaft und nicht von großer Kontinuität
geprägt. Dem starken Interesse in der unmittelbaren Nachkriegszeit folgte eine länger
andauernde Lethargie, was Deutschland ein wirtschaftliches Wiedererstarken auf dem
skandinavischen Markt ermöglichte (siehe nächster Abschnitt).
Im Jahr 1918 war davon jedoch noch nichts zu spüren. Die Versailler Friedensverträge hatten
Deutschland seines Großmachtstatus beraubt und Frankreichs, vor allem aber Englands
Interesse bestand nun vor allem darin diesen Status quo zu erhalten und Deutschlands
ökonomische Dynamik für längere Zeit auszubremsen. Aus diesem Grund beinhaltete der
Friedensvertrag die sogenannte ,,Meistbegünstigstenklausel"
5
, der sich Deutschland für
mindestens die nächsten 5 Jahre zu unterwerfen hatte. Auch bestand die Option, diesen Passus
beliebig und einseitig weiter zu verlängern
6
. Mit dieser Klausel wurde es für Deutschland
unmöglich irgendwelche wirtschaftlichen Konzessionen zu erzielen, ohne dass die Gewinne
nicht sofort auch an die alliierten Sieger hätten weitergereicht werden müssen. Die Klausel
stellte somit einen Eingriff zu Gunsten des Freihandels dar, wovon natürlich vor allem
Großbritannien profitierte. So kam es in den Jahren bis 1921 zu einem starken Aufschwung
des britischen Handels im skandinavischen Raum. Die traditionell starke Stellung der
Deutschen konnte in dieser Zeit deutlich geschwächt werden. Deutschlands Möglichkeiten
von wirtschaftlichen Kooperationen waren sehr beschränkt, trotz diverser Geheimabkommen
(wie beispielsweise der deutsch-schwedische Vertrag von 1920) war die deutsche Wirtschaft
insgesamt und als Folge des Krieges zu geschwächt um ernsthaft mit der britischen
konkurrieren zu können. England interessierte sich, neben der erwähnte Blockierung von
Deutschland, vor allem für Skandinavien als ,,Brücke" für ein mögliches post-revolutionäres
Russland.
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Der Begriff ,,Meistbegünstigtenklausel" bezieht sich hier auf den entsprechenden Begriff im Welthandelsrecht
(es gibt noch einen wortgleichen, aber bedeutungsverschiedenen Begriff Wettbewerbsrecht). Die
Meistbegünstigtenklausel stellt ein Kernelement des Handelsliberalismus dar und ist heute Bestandteil von
vielen wichtigen internationalen Handelsverträgen wie beispielsweise GATT (General Agreement on Tariffs
and Trade) oder GATS (General Agreement on Trade in Services). Juristische Fachliteratur zu diesem Thema
u.a. : Kramer
6
Vollständiger Text zum Friedensvertrag von Versailles: Haffner/Bateson
Phase 2: Deutsche Erholungsphase und britische Schwäche
Seite 6
Im Zuge dieser Bestrebungen wurden diverse geostrategische Überlegungen angestellt. Der
wirtschaftliche Berater der britischen Gesandtschaft in Kopenhagen, Allan Graham,
veröffentlichte 1918 ein Memorandum, in welchem er einen Vorschlag eines dänischen
Schiffseigners aufgriff: Kopenhagen sollte Hamburg als Handelsknotenpunkt für das
Baltikum ablösen und somit den Deutschen eine Kontrollmöglichkeit des baltischen Handels
entziehen. Für diesen Zweck müsse Kopenhagen entsprechend ausgebaut werden. Ein
ähnlicher Vorschlag kam im selben Jahr aus Schweden. Hier wurde eine
Fährschnellverbindung zwischen Göteborg und einem englischen Hafen vorgeschlagen. Beide
Vorschläge wurden bei den zuständigen britischen Behörden begrüßt und wohlwollend
aufgenommen, beide erreichten jedoch niemals das Stadium konkreter Planung und wurden
zu späteren Zeitpunkten wieder fallengelassen.
In anderen Märkten Skandinaviens war die Konkurrenzsituation zwischen Deutschland und
Großbritannien weit weniger scharf. So bot ein sich gerade industrialisierendes Finnland
beiden Ländern einen Markt, so dass es hier zu keinerlei Verdrängungswettbewerben kam,
obwohl zunächst von britischer Seite befürchtet wurde, dass die deutsche Wirtschaft in
Finnland einen immens starken Absatzmarkt vorfinden können würde und der britische
Handel mit Finnland leiden müsse. In den Vorjahren der Wirtschaftskrise zeigte sich aber
auch, dass die britische Wirtschaft dringenden Modernisierungsbedarf hatte, ein Faktor, der in
der ersten Euphorie der Nachkriegsjahre noch nicht sehr stark zu tragen kam, aber später eine
wichtige Rolle spielen sollte
7
.
1921 1931
Die ersten Jahre nach dem Weltkrieg stellten für Deutschland wirtschaftlich wie politisch
große Herausforderungen dar. Zu der militärischen Niederlage gesellten sich wirtschaftliche
Sanktionen und außenpolitische Blockaden. Die Pläne eines ,,Neuropa", eines wirtschaftlich
geeinten Europas und deutscher Führung waren weggewischt worden, so dass es für das
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Englands Exportwirtschaft basierte zum damaligen Zeitpunkt hauptsächlich auf klassischen Produkten und
Primärerzeugnissen wie beispielsweise Kohle. Auf diesem Gebiet war dann auch nicht Deutschland, sondern
Polen der Hauptkonkurrent. Im Gegensatz dazu vertraute die deutsche Wirtschaft auf verarbeitete Erzeugnisse
wie zum Beispiel Maschinen oder chemische Erzeugnisse.
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