UNIVERSITÄT ZU KÖLN
INSTITUT FÜR THEATER-, FILM UND FERNSEHWISSENSCHAFT
Fachgebiet: Formate und Genres
Seminar: Theater und Gewalt
SS 09
Soziale Gewalt in der
Gesellschaft
Die Gesellschaft und ihr Verhältnis zur
Gewalt auf Mikro- und Mesoebene
Hausarbeit
01.08.2010
von
Andreas Wildner
Medienwissenschaften (Diplom): Medienkulturwissenschaft
8. Fachsemester
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Inhalt
Einleitung... 3
Fragestellung, Untersuchungsgang und Literaturauswahl ... 4
Thesen ... 6
A. Soziologische Erklärungsansätze für Gewalt ... 8
1. Gewalt auf der Mikroebene ... 8
2. Gewalt auf der Mesoebene ... 9
3. Gewalt als Kommunikationsmittel ... 10
4. Zwischenfazit ... 11
B. Juridische Erklärungsansätze zur Gewalt ... 12
1. Gewalt als Lustprinzip ... 12
2. Gewalt in Schutzfunktion ... 12
3. Gewalt in Unterdrückungsfunktion ... 13
4. Zwischenfazit ... 15
5. Gewalt in Abwehrfunktion ... 15
Zusammenfassung... 18
Schlussbetrachtung ... 21
Ausblick ... 22
Literaturverzeichnis ... 24
Abbildungsverzeichnis ... 25
Das Unterdrückte, das den Umsturz will, ist nach den Normen des schönen Lebens in der häßlichen
Gesellschaft derb [...]
(Adorno, 2003, 78)
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Einleitung
Die Teilnahme am Symposium ,,Ästhetik der Gewalt" des Kunsthistorischen Instituts
der Universität zu Köln verließ ich mit einer einfachen Erkenntnis: Man lernt, dass man
nicht sehr viel aus einem Symposium mitnimmt, wenn alle miteinander diskutieren
ohne den Gegenstand ihrer Diskussion beachten, um den es eigentlich gehen sollte.
Gewalt ist zwar ein inflationär gebrauchter Begriff, den es dennoch nicht leichtfertig
vorauszusetzen gilt.
Schläger vermöbeln sich bei einer verabredeten Wald- und Wiesenhauerei. Es gibt ein
Alltagsverständnis von Gewalt, welches den physisch-verletzenden Eingriff in die
Sphäre eines anderen meint. Aber steht Gewalt nur für sich selbst? Oder verschaffen
sich dahinter auch gesellschaftliche Semantiken Geltung? Ist Gewalt als Ausdrucksform
kommunikativ und vielleicht sogar zu mehr nütze als ein paar blauen Veilchen?
Die Soziologie verhandelt, wie das Zusammenleben zwischen Subjekten ganz generell
funktioniert. Welche Voraussetzungen gelten dafür, was sind die Folgen des
Zusammenlebens und wie läuft das alles überhaupt ab? Gewalt müsste aus dem sozialen
Kontext entspringen, auf ihn rekurrieren. Was ist Gewalt, wie entsteht sie und was
macht Gewalt aus? Derartige Fragen wurden auf dem genannten Symposium nicht
gestellt. Eigentlich alles Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens. Es scheint, dass
es auch in manchen wissenschaftlichen Bereichen erst einmal ,,wild drauf los geht" als
finde die Verabredung auf einer buchstäblichen Wiese statt. Es ist ein weites Feld ...
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Fragestellung, Untersuchungsgang und Literaturauswahl
W
ALTER
B
ENJAMIN
definiert Gewalt als ein ,,in sittliche Verhältnisse eingreifendes
Mittel". Recht und Gerechtigkeit bildeten die Sphäre dieser Verhältnisse. Gewalt könnte
deshalb aufgrund seines destruktiven Charakters subversiven Zwecken dienen, wenn es
in diese Sphäre einwirkt. Recht ist das ,,elementarste Grundverhältnis einer [...]
Rechtsordnung [...] von Zweck und Mittel." (Benjamin 1965, 29)
Drei verschiedene Analyseebenen verbunden mit Gewaltformen stehen im Mittelpunkt
der Betrachtung (Reinares 2002, 392): Systemische Gewalt auf der Makroebene,
organisatorische Gewalt auf der Mesoebene und individuelle Gewalt auf der
Mikroebene. In meinen Untersuchung möchte ich versuchen, Verschränkungen
zwischen diesen drei Ebenen offen zu legen. Im ersten Schritt werden verschiedene
soziologische Ansäze vorgestellt, welche sich mit individueller Gewalt auf der
Mikroebene beschäftigen. Da ich annehme, dass Gewalt nicht naturgegeben
vorauszusetzen ist, sondern anderer Subjekte oder eines Kollektivs bedarf, die Gewalt
organisatorisch hervorbringen, sollen Zweitens kollektive Formen auf der Mesoebene
untersucht werden.
Gewalt ist an zahlreichen Schulen ein existentes Problem und im Rahmen von
Aufklärungskampagnen dort ein Thema. Das pädagogische Magazin Ethik & Unterricht
hat mit fachkundigen Soziologen eine Schwerpunktausgabe dazu herausgebracht. Es
verdeutlicht verschiedene soziologische Blickwinkel intradisziplinär. Ausgangspunkt in
den Arbeiten ist zumeist das Subjekt selbst, welches gewalttätig physisch oder
psychisch agiert. Das Internationale Handbuch der Gewaltforschung, herausgegeben
von Wilhelm Heitmeyer und John Hagan, bezieht zivilisationstheoretische, politische,
kulturelle und medienwissenschaftliche Aspekte mit ein. Ausgangspunkt sind eher
kollektive Konstruktionen. Insbesondere die Arbeiten von Michael Haganan und
Thomas Meyer stellen auf den durch mich zu untersuchenden Komplex ab. H
AGANAN
spürt Gewalt anhand der Gründungsmomente und Entwicklungen von Nationalstaaten
auf. T
HOMAS
M
EYER
beleuchtet in seinem Aufsatz zum Verhältnis zwischen Kultur und
Politik diesen Aspekt näher. Einen Ansatz für eine begriffliche Herleitung politisch
motivierter Gewalt bietet S
USANNE
K
AILITZ
in Von den Worten zu den Waffen.
Überlegungen zur Legitimität von Gewalt für den Staat als auch von Subjekten
gegenüber diesem hat sie ihrer Arbeit vorangestellt, die sich überwiegend mit
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Verbindungslinien zwischen Roter Armee Fraktion (kurz: RAF), Vertretern der
Frankfurter Schule und 68er-Studentenbewegung auseinandersetzt.
Aus ihrer
Betrachtungsweise der Gewalt erwächst die Frage, ob Gewalt vielleicht sogar legitim
sein könne. Wie wird die Gewaltfrage in sozialen Systemen, beispielsweise einem
gewordenen Staat, sowohl seitens Subjekt oder Kollektiv bzw. staatlichen Institutionen
verhandelt?
J
ÜRGEN
H
ABERMAS
(1978, 7 f.) kritisiert an der Sozialforschung, dass diese immer nur
den Ist-Zustand nachweisen würde, nie aber vorausschauende Erklärungen böte:
Die Soziologen bauen ihre Begriffe erst um, wenn sie klar sehen; bis dahin können wir mehr von
denen lernen, die in der Wahrnehmung von Symptomen geübter sind.
(ebdenda)
Seinen Vorschlag, sich diesbezüglich auch philosophischen Diskussionen zu nähern,
kann im Rahmen dieser Arbeit aber nicht nachgegangen werden. Zum einen ist eine
Analyse des Ist-Zustandes sinnvoll, sofern Grundfragen nicht geklärt sind. Ohnehin
würde der eng gesteckte Rahmen durch eine Erweiterung um interessante
philosophische Ansätze gesprengt werden.
Ich stehe bei der Bearbeitung des Themas vor dem Problem, dass es diese eine
Sozialwissenschaft als solche nicht gibt. Auf Unterschiede und Ambivalenzen macht
deshalb auch Thomas Meyer (2002) aufmerksam: Die Sozialpsychologie analysiere ihm
gemäß Strukturen, Prozesse oder Erfahrungen welche zu Gewaltentscheidungen
Einzelner führten. Eine Synchronisation durch individuelles auf kollektives Handeln sei
hier hingegen nicht möglich. In der Soziologie würden kollektive Gewaltdispositionen
über gesellschaftliche und sozio-kulturelle Lebensbedingungen erklärt. Nicht erklärbar
bliebe aber das zündende Moment ihres Umschlages in spezielle Ausprägungen, z.B.
politische Formen. Die politikwissenschaftliche Handlungsanalyse erkläre tatsächliches
Handeln kollektiver Gruppen wie Rechtsextremer, Linksradikaler oder religiöser
Fundamentalisten, könne aber keine analytische Verbindung zu individuellen Motiven
der Teilhabe an den beobachteten Organisationen, Aktionen und Ideologien herstellen.
Es wird im eng gesteckten Rahmen dieser Hausarbeit deshalb kaum möglich sein, alle
sozialen Theorien und ihren Bezug auf die Diskussion zur Gewalt vorzustellen und
abschließend zu diskutieren.
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Der Einwand Habermas ließe sich aber auch dahingehend verstehen, dass sich eine
gemeinsame Klammer zwischen den Ebenen herstellen ließe. Tappt man durch den
Fokus traditioneller Sozialwissenschaften also in einen toten Winkel, der einen für
gewisse Betrachtungen blind macht? Der erwähnte Rahmen dieser Hausarbeit bietet
nicht die Voraussetzungen und das Hauptuntersuchungsinteresse an den sozialen
Theorien selbst zielt nicht auf eine fundierte ideologiekritische wie umfassende
philosophische Auseinandersetzung. Ich notiere aber meinen Verdacht, soziale Theorien
wie der wissenschaftliche Betrieb als Solches stellten keinen wertneutralen Raum dar.
Deshalb bleibt die wertgeladene Sphäre in meiner Untersuchung stets
vergegenständlicht. Sollte es notwendig werden, weise ich darauf hin.
Thesen
Kann Gewalt etwas Unaussprechbares mitteilen? Ich nehme an, dass Grad und Intensität
der Gewaltanwendungen als Kommunikationsversuch angesehen werden können. Im
Rahmen meiner ersten These gehe ich davon aus, dass diese sich sowohl an konkrete
Subjekte auf Mikroebene richten könne als auch an gesellschaftliche Zusammenhänge
der Meso- und Makroebene:
These 1
Wenn Gewalt ein Kommunikationsmittel darstellt, dann interagieren
Subjekte durch Gewaltanwendung zwischen Mikro-, Meso- und
Makroebene.
Kommunikation in Form des ,,miteinander Redens" ist auch ein wichtiges Prinzip
demokratisch verfasster Gesellschaften. In erster Linie stellt Gewalt eine physische oder
psychische Einwirkung auf einen Anderen oder eine Andere dar. Gewalt könnte dabei
Kommunikationsmittel 2. Ordnung sein und damit auf ein absinken des demokratischen
Verständnisses hindeuten, da Demokratie und demokratisches Miteinander durch
möglichst direkte Kommunikation und Anerkennung der Gewalten einhergehen würde:
These 2
Je gewalttätiger das gesellschaftliche Klima, desto niedriger ist die
Demokratieleistung.
Gewalt stehe im Bedeutungszusammenhang von Macht ausüben, Stärke zeigen, Geltung
erlangen oder Verfügen können (Breun, 54). Doch wie ist dabei der moralische
Standpunkt zu beurteilen? Es ist davon auszugehen, dass man als Täter den Opfern
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gegenüber mit eigenen moralischen Vorstellungen
gebrochen haben muss,
vorübergehend oder dauerhaft, denn nicht jeder Täter ist gleich ein Nicht-Demokrat,
verhält sich aber anti-humanistisch und fernab bürgerlich-demokratischen
Zusammenlebens. In einem gewalttätigen Zustand müssten deshalb demokratische
Normen und Werte durch das handelnde Subjekt selbst veräußert worden sein:
These 3:
Wer Gewalthandlungen gegenüber Anderen ausübt, der handelt
außerhalb eigener humaner Werte und Normen und
Moralvorstellungen.
Berechtigt ist die Frage, ob unter kapitalistischen Bedingungen solch komplexe Fragen
durch die Sichtweise auf Moral alleine beantwortet werden können. Auch ob das
handelnde Subjekt in seiner Eigenschaft als Demokrat, d.h. in demokratisch verfasster
Gesellschaft lebend und möglicherweise mehr oder weniger regelmäßig zur Wahl
schreitend, hinreichend erfasst werden kann. Doch diese tiefergehenden Fragen müssen
hier ausgespart bleiben und wären Fragen eines eigenen Forschungskomplexes. Die
unterschiedlichen Rollenzuschreibungen in bürgerlichen Demokratien, welche
Mitbürger in ihrer Funktion als Wähler oder Gewählte, Arbeiter und Angestellte,
Arbeitslose oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterscheidet, könnte jedoch
durchaus noch thematisiert werden. Ich verbinde dies mit meinem Interesse daran, ob es
für Gewalttäter einen Unterschied
darstellt, Gewalt gegenüber Mitbürgern,
Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bzw. Inhabern bedeutender gesellschaftlicher
Stellungen oder Gewalt gegenüber Sachen auszuüben. Dies dürfte sich im Rahmen der
Untersuchung zeigen lassen.
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