Anforderungen arbeitsbedingter Mobilität und deren statusbedingte Ausprägungen Moritz Homann, 20.02.2011
Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 3
Konzepte zu Mobilität und sozialem Stand 4
Ambivalenz eines Lebenstyps - die situative Lebensführung 5
Freiheit 6
Sicherheit 8
Prestige 10
Sozialleben 11
Prek är Beschäftigte als Mobilitätsverlierer? 13
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Anforderungen arbeitsbedingter Mobilität und deren statusbedingte Ausprägungen Moritz Homann, 20.02.2011
Anforderungen arbeitsbedingter Mobilität und deren statusbedingte Ausprägungen
Am Beispiel prekär Beschäftigter und mobiler Eliten
Einführung
Dass erhöhte Mobilität untrennbar mit der Moderne verbunden ist, in der Arbeitswelt zunehmend als selbstverständlich angesehen wird und den Arbeitsalltag vieler Beschäftigter unmittelbar mitbestimmt, ist in der Soziologie heute weitgehend unumstritten (Kreutzer 2006; Rammler 2008, Kesselring 2010). Auch die Tatsache, dass Mobilität und soziale Ungleichheit miteinander verknüpft sind, ist in verschiedenen Arbeiten bereits thematisiert worden (Kaufmann/Bergman/Joye 2004; Ohnmacht/Maksim/Bergman 2009). Jedoch erfolgt die Verbindung von Mobilitätsgraden bzw. Motilität als Kapital und Ansätzen der Stratifikation meist in dem Sinne, dass ein höherer Stand in der Gesellschaft mit größerer Mobilität assoziiert wird. Veröffentlichungen zu Hochmobilen beschäftigen sich meist mit einer gewissen Selbstverständlichkeit mit mobilen Eliten, bei denen das arbeitsbedingte Reisen um die Welt zum Berufsstand gehört und mit Weltgewandtheit, Kosmopolitismus und Karriereförderung verbunden ist. Es entsteht der Eindruck: Wer im Beruf eine hohe Mobilität an den Tag legt, nimmt - ob im Unternehmen oder in der Gesellschaft - automatisch einen höheren Rang ein als jemand, der weniger mobil ist. Dabei wird jedoch übersehen, dass auch und gerade sozial schlechter Gestellte sich hohen Mobilitätsanforderungen ausgesetzt sehen, auch wenn diese sich in den seltensten Fällen in Dienstreisen um den Globus manifestieren, sondern eher mit starker Unsicherheit im Alltag und einer ungewissen beruflichen wie privaten Zukunft einhergehen. Im Folgenden soll untersucht werden, in welchen Formen sich hohe Mobilitätsanforderungen einerseits bei mobilen Eliten und andererseits bei prekären Beschäftigungsformen mit geringem Sozialprestige finden. Dabei wird auch auf die Möglichkeiten der Kompensierung dieser Anforderungen eingegangen. Das geschieht anhand der Dimensionen Freiheit, Sicherheit, Prestige und Sozialleben. Dem vorausgehend werden in Kürze bereits bestehende Konzepte zu Mobilität und Ungleichheit vorgestellt, um einen Überblick zu geben, und das Konzept der Lebensführung vorgestellt, das sich bereits mit der Ambivalenz eines hochmobilen Lebensstils auseinandersetzt (Voß 1998).
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Konzepte zu Mobilität und sozialem Stand
Es ist keinesfalls so, dass keine Konzepte existierten, die sich mit Mobilität in Verbindung mit sozialem Stand in der Gesellschaft beschäftigen. Ganz im Gegenteil: Eines der bekanntesten Modelle hierzu ist das Konzept der „Motilität“ (Kaufmann/Bergman/Joye 2004). Hierbei wird das klassische Repertoire der Kapitalformen von Bourdieu um eine weitere Form ergänzt, die Motilität. Damit wird die Möglichkeit der Mobilität zu einer Kapitalform, deren Erwerb prinzipiell wünschenswert ist. Wie auch die anderen Formen, lässt sich Motilität nach dem vorliegenden Konzept in andere Kapitalformen eintauschen, sodass ein höheres Motilitätskapital etwa zu höherem Sozialkapital führen kann. Andererseits erfordert eine hohe Motilität auch ein gewisses ökonomisches Kapital, um sich Fortbewegungsmittel etc. überhaupt leisten zu können. Dass ein hohes Maß an Motilität voraussetzungsreich ist, legt auch die Aufteilung des Konzepts in Zugang, Kompetenz und Einschätzung nahe. Um möglichst mobil sein zu können, sind bestimmte Fähigkeiten wie Organisationstalent, Kenntnis von Verkehrssystemen und Strategien nötig, darüber hinaus müssen gewisse Kosten beglichen werden.
Damit wird eine Korrelation zwischen der Motilität und anderen Kapitalformen hergestellt: Mehr ökonomisches Kapital führt zu mehr Motilität. Motilität führt zu mehr sozialem und kulturellem Kapital, mit Hilfe dessen wiederum mehr ökonomisches Kapital generiert werden kann. Wer also ein höheres Maß der anderen Kapitalformen aufweisen kann, besitzt tendenziell auch ein höheres Maß an Motilität. Das Konzept der Motilität wird auch von anderen Untersuchungen aufgegriffen, die sich mit Mobilität und sozialer Ungleichheit beschäftigen (Ohnmacht/Maksim/ Bergman 2009). Auch wurde bereits beschreiben, dass die Mobilität bestimmter Gruppen auf der einen Seite eine gewisse Immobilität bestimmter Gruppen auf der anderen Seite bedingt (Kesselring 2007). Jedoch wird auch dabei meist untersucht, wie soziale Ungleichheit mit Mobilität zusammenhängt und warum Motilität in der Gesellschaft ungleich verteilt ist. In dieser Arbeit sollen jedoch sozial unterschiedliche Gruppen analysiert werden, die mit ähnlichen Mobilitätsanforderungen zu kämpfen haben. Einen Ansatz dazu bietet das Konzept der Lebensführung nach Voß.
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Ambivalenz eines Lebenstyps - die situative Lebensführung
Die zunehmende Entgrenzung von Arbeit in Form von flexibilisierten Arbeitszeiten, Projektarbeit, Selbstkontrolle, dem „Arbeitskraftunternehmer“ (Voß 1998), führt dazu, dass sich auch die Formen der individuellen Lebensführung zunehmend entgrenzen. Voß unterscheidet dabei drei Typen von Lebensführung: traditionale, strategische und situative Lebensführung. Die traditionale Lebensführung orientiert sich stark an traditionellen Werten, der Beruf nimmt im Leben eine feste Bedeutung ein, wird aber getrennt vom Privatleben. Die traditionale Lebensführung zeichnet aus, dass sich möglichst nicht mehr ändern soll, alles ist relativ stabil. Die strategische Lebensführung setzt auf eine ständige Durchorganisierung, Optimierung und Verdichtung des Alltags. Der Beruf steht im Mittelpunkt, auch im Privatleben wird versucht, für den Beruf zu arbeiten, sich weiterzubilden, jeden Lebensbereich zu optimieren. Die situative Lebensführung zeichnet sich von allen dreien durch das höchste Maß an Mobilität aus. Dabei ist nicht unbedingt geographische Mobilität gemeint, sondern ein ständiges „Auf-Abruf-Sein“, eine starke Unsicherheit und Offenheit von Alltag und Berufsleben, beide Bereiche sind maximal miteinander vermischt, eine klare Trennung kaum möglich. Die Gestaltung des Alltags gleicht einer Kunst, Arbeit, Privates und alles anderen Lebensbereiche unter einen Hut zu bringen und deren Verhältnis jeden Tag neu auszutarieren. Längerfristige berufliche oder private Planung ist kaum möglich.
Während traditionale Lebensführung tendenziell vor allem im ländlichen Bereich und bei niedrigerer Qualifikation zu finden ist und strategische Lebensführung eher im städtischen Milieu und bei Höherqualifizierten, stellt sich bei der situativen Lebensführung eine Ambivalenz ein. Dieser Typ der Lebensführung kann je nach Gestalt einerseits zur ungewollten, völligen Überforderung und deprivierten Formen führen, andererseits zur erwünschten Offenheit für Möglichkeiten und einer gewissen Grundsicherheit des Lebens. Voß nennt beispielhaft einen freien Journalisten als Beispiel für letzteren Typ, andererseits eine teilzeitbeschäftigte Mitarbeiterin eines Lebensmittelmarkts als Beispiel für eine deprivierte Form situativer Lebensführung. Schon das Beispiel dieser zwei Typen zeigt, dass mit ähnlich hohen Mobilitätsanforderungen völlig unterschiedlich umgegangen werden kann und wird. Während eine Gruppe situativ lebender Beschäftigter mit diesem Lebensstil gut zurecht kommt, ein respektables Einkommen vorweisen kann und die Chancen und Möglichkeiten dieses Lebens schätzt, geht die andere Gruppe an diesem unintendierten Leben regelrecht zugrunde: Überforderung, Zukunftsangst und gesundheitliche Probleme können die Folge sein.
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Moritz Homann, 2011, Anforderungen arbeitsbedingter Mobilität und deren statusbedingte Ausprägungen, München, GRIN Verlag GmbH
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