Darstellung behinderter Akteure in TV-Serien Moritz Homann, 29.08.2011
Gliederung
Die Bedeutung des Fernsehens 3
Das individuelle und das soziale Modell 4
Behinderung im Fernsehen 5
Gefilmte Serien: „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und „Marienhof“ 6
Leon Moreno: Vom verbitterten Einzelgänger zum Helden 7
Frederik Neuhaus: Über die Behinderung hinaus 8
Gezeichnete Serien: „Family Guy“ und „South Park“ 10
Joe Swanson: Wild, witzig, bestens integriert 10
Timmy Burch: Trotz weniger Worte ein cooler Typ 12
Fazit : Von großer Tragik zu großem Humor 13
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Persönliche Tragödie oder kollektive Integration? Moritz Homann, 29.08.2011
Persönliche Tragödie oder kollektive Integration?
Darstellung behinderter Akteure in TV-Serien
Die Bedeutung des Fernsehens
Wie Niklas Luhmann in seiner Theorie über die Realität der Massenmedien bereits erörtert hat, stammt das Wissen über unsere Welt, in der wir leben, von den Medien. Natürlich bildet dieses Wissen unsere Welt nicht exakt ab, es ist nicht einmal so, dass das Bild verzerrt oder unzureichend wiedergegeben wird. Vielmehr schaffen Medien überhaupt erst eine eigene, andere Wirklichkeit (Luhmann 2004: 16). Durch alles, was Medien schreiben, drucken oder senden, schaffen sie ein neues Bild der Realität. Dieses Bild beeinflusst wiederum die eigentliche Realität. Das verdeutlicht die zentrale Rolle, die Massenmedien bei der Wahrnehmung unserer Gesellschaft durch unsere Gesellschaft spielen.
Die Wirkungsweise dieses Wahrnehmungsbilds wird vor allem bei Minderheiten essenziell. Gruppen von Menschen, mit denen weite Teile der Gesellschaft keinen direkten Umgang haben und auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen können, werden durch die von Massenmedien transportierten Bilder und Realitäten stark geprägt. Das kann sogar so weit führen, dass die Minderheiten selbst in möglicher Ermangelung von Austausch untereinander von den Darstellungen der Massenmedien geprägt werden, bestimmte Verhaltensmuster übernehmen und so dem vermitteln Bild entsprechen. Die Darstellung von Behinderten im Fernsehen, sei es in Deutschland oder weltweit, ist stark ambivalent. Oft werden Behinderte entweder als tragische Einzelfälle dramatisiert oder, diametral entgegengesetzt, als Superhelden mit besonderen Talenten und Eigenschaften stilisiert (Ross 1997: 671). Davon abgesehen herrscht noch immer eine gewisse Unsichtbarkeit von Behinderung im Fernsehen. Behinderung wird, vor allem in einem „normalen“ Kontext, weit weniger gezeigt als es der Anteil behinderter Menschen in der Bevölkerung nahelegen würde.
In dieser Arbeit sollen exemplarisch vier behinderte Akteure untersucht werden, jeweils zwei aus an der Realität orientierten „Daily Soaps“ und zwei aus komplett konstruierten Cartoonserien. Die zu prüfende These ist, dass die Akteure in den gezeichneten, weiter von der Realität abgekoppelten Zeichentrickserien eher inkludiert und mit einer gewissen Normalität dargestellt werden, während in den Beispielen aus
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Darstellung behinderter Akteure in TV-Serien Moritz Homann, 29.08.2011
den Soaps Behinderung vor allem als tragischer Einzelfall vermittelt wird und Behinderung das zentral definierende Merkmal dieses Charakters ist.
Das individuelle und das soziale Modell
Für diese Untersuchung werden die Merkmale zweier durch die Disability Studies hervorgebrachten Modelle herangezogen, die des individuellen und die des sozialen Modells. Das individuelle Modell orientiert sich vor allem am körperlichen Zustand behinderter Menschen. Oft wird es auch als „medizinisches Modell“ betitelt, da es sich vor allem auf das Wissen der Medizin und auf Rehabilitation stützt. Behinderung wird im individuellen Modell eher als eine Krankheit gesehen, die es zu heilen gilt. Ein Kernpunkt ist außerdem, dass Behinderung als persönliches Problem, als persönliche Tragödie betrachtet wird, über die der einzelne Behinderte hinwegkommen muss. Die Gesellschaft wird weitgehend ausgeblendet, der Behinderte ist mit seinem Problem allein und auf allerlei Hilfsmittel und die Ärzte angewiesen. Außerdem wird auf ein Kausalmodell zurückgegriffen: Aus dem „impairment“, einer physischen Schädigung, folgt automatisch eine Behinderung („disability“), die wiederum zu einer Einschränkung des alltäglichen Lebens führt („handicap“). Weitere Merkmale: Der Behinderte muss individuell behandelt werden, viel Wert wird auf Medikamentierung gelegt und die Dominierung des professionellen Sektors: Ärzte, Therapeuten, Psychologen. Der Behinderte wird weitgehend als Pflegefall betrachtet, der kontrolliert werden muss, weil er sich selbst nicht helfen kann. Das soziale Modell hebt diesen individualistischen Ansatz auf eine gesellschaftliche Ebene. Die zentrale Aussage: Nicht der Einzelne ist behindert, sondern es ist die Gesellschaft, die behindert. Laut diesem Modell werden Behinderte seitens der Gesellschaft unterdrückt, isoliert, können nicht in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Das soziale Modell entwirft eine Gesellschaft, in der körperlich oder geistig Beeinträchtigte nicht behindert werden. Behinderung soll vom Körperlichen losgelöst werden. Das soziale Modell unterscheidet hier stark zwischen „impairment“ und „disability“: Aus einer physischen Beeinträchtigung muss noch lange keine Behinderung erfolgen. Diese wird erst durch die Gesellschaft auferlegt. Das soziale Modell setzt sich für gesellschaftliches Handeln ein, für den Abbau von Barrieren, für Rechte und Wahlmöglichkeiten von Behinderten. Behinderte sollen nicht, wie im
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Persönliche Tragödie oder kollektive Integration? Moritz Homann, 29.08.2011
individuellen Modell, von der Medizin abhängige Pflegefälle sein, sondern emanzipiert ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihr Leben leben.
Behinderung im Fernsehen
Der Umgang mit Behinderung im Fernsehen ist ein heikles Thema. Nur selten gibt es Hauptrollen, die von Behinderten gespielt werden, und wenn, ist das Bild von Tragödie und Drama weit verbreitet (Ross 1997: 670). Vor allem das individuelle Modell wird bemüht, Behinderung wird oft als Schicksalsschlag inszeniert, den die Betroffenen unter viel Leiden überwinden müssen. Behinderung wird als etwas Schlechtes dargestellt, das geheilt werden muss. Allgegenwärtig ist der Rollstuhl als visuelles Zeichen von Behinderung, da er gut sichtbar ist und sich mit seiner Hilfe auch nicht-behinderte Schauspieler leicht in behinderte Akteure verwandeln lassen. Bei der Untersuchung von Karen Ross wurden Behinderte aus Großbritannien befragt, wie sie ihre Repräsentation im Fernsehen wahrnehmen. Die Ergebnisse sind überwiegend negativ: Behinderte Akteure werden mit Stereotypen beladen, es gibt nur ein enges Repertoire an charakterlichen Zügen behinderter Akteure, meist gespielt von nicht-behinderten Schauspielern, die sich nicht wirklich in die Lage eines Behinderten hineinversetzen können. Kritisiert wurde auch die starke Dichotomisierung zwischen Behinderten und „normalen“ Menschen.
Im wesentlichen würden Behinderte in drei Typen verbildlicht: Hilflos und abhängig von der Hilfe anderer; verkorkst, verbittert und bösartig; oder als Helden mit herausragenden Talenten, die ihre Behinderung kompensieren sollen. Es ist auch beinahe immer der Fall, dass auf die Behinderung eines Akteurs regelmäßig Bezug genommen wird. Einer der in der Studie befragten Behinderten erzählt, er habe einmal eine Serie mit einer im Rollstuhl sitzenden Akteurin gesehen und ständig darauf gewartet, dass ihre Behinderung Teil des Erzählstrangs wird, irgendeine Rolle spieltaber das ist nicht geschehen. Das zeigt, wie sehr selbst Behinderte annehmen, dass Behinderung im Fernsehen als etwas Abnormales inszeniert wird, das man nicht ohne Grund zeigt - und wie sehr damit auch die Darstellung von Behinderung im Fernsehen auf die Behinderten zurückwirkt.
Eine Untersuchung von Ingo Bosse gibt bereits Aufschluss, wie es um die Darstellung von Behinderung in deutschen TV-Boulevardmagazinen steht (Bosse 2006).
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Arbeit zitieren:
Moritz Homann, 2011, Persönliche Tragödie oder kollektive Integration?, München, GRIN Verlag GmbH
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