2
INHALTSVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 4
1.1. Der Gegenstand der Untersuchung 4
1.2. Die Vorgehensweise 5
2. ÜBERBLICK ÜBER VERSCHIEDENE, IN DER FORSCHUNG
VERTRETENE POSITIONEN 5
2.1. Bultmann: Das Liebesgebot ist im eschatologischen Sinn als „neu“ zu verstehen 5
2.2. Käsemann: Das johanneische Liebesgebot ist Ausdruck einer Konventikelethik 6
2.3. Lattke: Das Joh versteht unter Liebe „ Einheit im Wort“ 7
2.4. Segovia: Die joh. Schriften sind verschiedenen Stadien der Geschichte
zuzuordnen. 7
2.5. von Wahlde: Die joh. Gebote sind vor dem Hintergrund einer Krise innerhalb der
johanneischen Gemeinde zu sehen. 8
2.6. Augenstein: Das Gebot der gegenseitigen Liebe im C.J. ist kein speziell joh.
Liebesgebot , sondern eine Interpretation des alttest. Liebesgebotes von Lev.
19,17. 9
2.7. Carson: Das joh. Liebesgebot ist die Ordnung für die neue messianische
Gemeinschaft und in seinem Maßstab durch die Liebe Christi bestimmt 9
3. DER ALTTESTAMENTLICHE HINTERGRUND 10
4. DAS LIEBESGEBOT IM FRÜHJUDENTUM 13
4.1. Qumran 13
4.2. Testamente der zwölf Patriarchen 14
5. DER SYNOPTISCHE BEFUND 16
6. EXEGESE: DAS LIEBESGEBOT IM JOHANNESEVANGELIUM 19
6.1. Joh 13,12-17: Das Beispiel der Fußwaschung 19
6.1.1 Einleitung: Kontext und historischer Hintergrund von Joh 13 19
6.1.2 Joh 13, 12-17: Das Beispiel der Fußwaschung 20
6.1.3 Joh 13, 34f.: Das neue Gebot, einander zu lieben 23
6.2. Joh 15,1-17: Das Liebesgebot im Zusammenhang mit der Weinstockrede 27
6.2.1 Joh 15, 1-11: Die Befähigung des neuen Gebotes 27
6.3. Joh 17, 20-26 Liebe und Einheit 30
7. EXEGESE: DAS LIEBESGEBOT IN DEN JOHANNESBRIEFEN 32
7.1. 1Joh 2,7-11 : Das alte und neue Gebot der Bruderliebe 32
7.2. 1Joh 3,11-15 : Das Gegenteil der Bruderliebe: Bruderhass 38
7.3. 1Joh 3,16-18 : Das Wesen der Bruderliebe 40
7.4. 1.Joh 3,23: Christusglaube und Bruderliebe 42
7.5. 1.Joh 4,7-12: Grundlagen der Bruderliebe 43
7.6. 1.Joh 4,19-21: Gottesliebe und Bruderliebe 45
7.7. 2Joh 4-6: Liebe und Gebote 45
8. DAS LIEBESGEBOT IM C.J.: EINE ZUSAMMENFASSUNG 46
9. TRADITIONSGESCHICHTLICHE EINORDNUNG 48
9.1. Altes Testament 48
9.2. Frühjudentum 49
9.3. Neues Testament 50
3
10. DIE BEDEUTUNG DES JOH. GEBOTES DER BRUDERLIEBE FÜR DIE
GEGENWART 52
11. BIBLIOGRAPHIE 59
11.1. Primärliteratur 59
11.2. Sekundärliteratur 59
4
1. EINLEITUNG
1.1. Der Gegenstand der Untersuchung
Die folgende Untersuchung handelt vom biblischen Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen. Diese Schriften werden im Folgenden unter dem Begriff Corpus Johanneum (C.J.) zusammengefasst. 1 Die dortigen Aussagen zur Liebe stellen aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit zum alttestamentlichen Befund und den Aussagen im übrigen Neuen Testament bereits ein altes Problem in der johanneischen Forschung dar. 2 Wird der Wortstamm -avgap in den Synoptischen Evangelien meist mit plhsi,on („der Nächste“), z.B. Mk 12,31, verbunden oder mit evcqro,j („der Feind“), z.B. Mt 6,44, so ist es eine Besonderheit des C.J. -avgap einerseits mit avllh,lwn in Verbindung zu bringen (Johannesevangelium, Bsp. 15,17), anderseits mit avdelfo,j (1.Joh 4,21). Außerdem formulieren sowohl das Johannesevangelium (Joh 13,34) als auch der 1. und der 2.Johannesbrief ein Liebesgebot evntolh. (1.Joh 2,7), welches als „neu,“ im 1. Johannesbrief auch als „alt“ bezeichnet wird. Gegenstand der Untersuchung ist es zum einen den Inhalt dieses johanneischen Gebotes der Bruderliebe zu bestimmen. Mit anderen Worten: Es soll untersucht werden, was genau mit der Aufforderung zur Liebe im Corpus Johanneum gemeint ist. Zum anderen soll untersucht werden inwiefern das johanneische Liebesgebot „neu“ und „alt“ ist. Drittens sollen exegetische Ergebnisse für die Gegenwart der Gemeinde Jesu fruchtbar gemacht werden.
Dabei wird von einer historisch-literarischen Hermeneutik ausgegangen, so dass entstehungsgeschichtliche Reflexionen zum C.J. nur bei exegetischer Relevanz Beachtung finden. 3
1 Die Apokalypse des Johannes, die eigentlich auch zum Corpus Johanneum zählt, wird keine Beachtung
finden, weil der Umfang dieser Arbeit dies nicht zulässt. Es wird von der Vorausetzung ausgegangen, dass
sie demselben Verfasser zuzuordnen sind wie das Johannesevangelium und die Johannesbriefe. Für
Argumente einer einheitlichen johanneischen Verfasserschaft der fünf Schriften, siehe D.A. Carson / Moo
Douglas J. u.a., An Introduction to the New Testament, Grand Rapids: Zondervan, 1992, S.135; für
Argumente gegen eine einheitliche Verfasserschaft siehe: Hartwig Tyen, TRE, Hg. Gerhard Müller, Bd. 17,
Berlin: Walter de Gruyter, 1988, S. 186 ff.
2 Vgl. Jörg Augenstein, Das Liebesgebot im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen, Stuttgart:
Kohlhammer, 1993, S. 11 ff.
3 Literar-, Form- und Redaktionskritik werden innerhalb dieser vom Umfang her begrenzten Arbeit nur bei
exegetischer Relevanz Beachtung finden. Die Hermeneutik baut auf dem Schriftverständnis von Gerhard
Maier auf, vgl. Gerhard Maier, Biblische Hermeneutik, 1990, 4. Aufl., Wuppertal: Brockhaus, 2003.
5
1.2. Die Vorgehensweise
Es soll zunächst ein Einblick in die Geschichte der Forschung über das Gebot der Bruderliebe im C.J. gegeben werden. 4
Im Anschluss daran folgt ein separates Kapitel über den alttestamentlichen Hintergrund des Gebotes der Bruderliebe. Hier wird insbesondere Lev 19,17 f./ 34 untersucht. Nach einer überblicksartigen Untersuchung des Liebesgebots in relevanten Schriften des Frühjudentums sollen die Synoptischen Evangelien ebenfalls relativ knapp behandelt werden. Die Aussagen von Jakobus, Paulus und Petrus werden aus Gründen des sehr begrenzten Umfangs dieser Arbeit keine Beachtung finden. Es folgt schließlich die Exegese der relevanten Perikopen zuerst im Johannesevangelium, dann in den Johannesbriefen. Obwohl diese beiden Kapitel den Schwerpunkt der Ausführungen darstellen wird in der Exegese nur auf die jeweils relevanten Verse eingegangen. Die übrigen Verse werden nur in einer Kontextanalyse Beachtung finden. Dabei wird mit den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium begonnen. Stellen außerhalb dieser Reden werden aus Gründen des Umfangs nur dann behandelt, wenn sie direkt zur Fragestellung beitragen. Es folgt der exegetische Befund des 1. und 2. Johannesbriefs. Auch hier wird die selektive einer sämtliche Kapitel umfassenden Exegese vorgezogen. Im Anschluss an die Exegese werden die Aussagen zum joh. Liebesgebot traditionsgeschichtlich eingeordnet.
Den Abschluss dieser Arbeit bilden praktisch-theologische Reflexionen. Hier werden exegetische Ergebnisse für die Gegenwart fruchtbar gemacht. Der hohe Stellenwert des Liebesgebotes in der johanneischen Ethik lässt eine ausführliche Bemühung um die gegenwärtige Relevanz der diesbezüglichen Aussagen gerechtfertigt erscheinen.
2. ÜBERBLICK ÜBER VERSCHIEDENE, IN DER FORSCHUNG
VERTRETENE POSITIONEN
2.1. Bultmann: Das Liebesgebot ist im eschatologischen Sinn als „neu“ zu
verstehen
Die von Johannes formulierte evntolh. der Bruderliebe ist in diesem Sinne „neu“ (Joh 13,35), als sie „ein Phänomen der neuen Welt ist, die Jesus kaino,j heraufgeführt hat.“ 5
4 Dieser Forschungsüberblick gründet teilweise auf Augenstein, Das Liebesgebot, S. 12 ff.
6
„Neu heißt es, weil es das in der neuen, d.h. in der eschatologischen Existenz zur Realisierung kommende Gebot ist (1.Joh 2,8).“ 6 Das Adjektiv „neu“ ist somit Wesensmerkmal des in Jesus Christus angebrochenen messianischen Zeitalters. Es ist in negativer Abgrenzung nicht historisch zu verstehen. 7
Dabei setzt diese Forderung der Bruderliebe das christliche Gebot der Nächstenliebe nicht außer Kraft, sondern ist als das Gesetz des Jüngerkreises des scheidenden Offenbarers zu sehen. Auch beschränkt sich das Gebot nicht nur auf den christlichen Bruder (1. Joh 3,17). 8
Dieser Jüngerkreis ist keine geschlossene Gruppe, sondern die eschatologische Gemeinde, die nach Joh 15,27 zum Zeugnis berufen ist (marture,w) und somit nach außen offen bleibt. 9
Die Gemeinde erfüllt ihren Auftrag an der Welt nur dann, wenn sie das Liebesgebot Jesu als Erwiderung der Liebe Jesu erfüllt. 10 Die Erfüllung dieses Gebotes ist entscheidendes Kriterium dafür, dass die Glaubenden Jesu Jünger sind, (Joh 13,35). 11
2.2. Käsemann, E.: Das johanneische Liebesgebot ist Ausdruck einer
Konventikelethik
Für Käsemann bezieht sich das johanneische Gebot der Bruderliebe nicht auf den Mitmenschen als solchen, sondern allein auf denjenigen der zur „Gemeinde unter dem Wort“ gehört oder dazu erwählt ist. 12 Diese Gemeinde versteht er als ein, von der Großkirche abgesondertes häretisches Konventikel mit gnostisierenden Tendenzen. So könne das johanneische Liebesgebot als Ausdruck einer Konventikelethik angesehen werden.
Die Liebe bestehe qualitativ darin, an das Ereignis des Wortes gebunden zu sein: „So ist für Käsemann die Liebe im Hören des Wortes begründet, wie auch die
Verkündigung des Wortes durch Jesus und seine Jünger im Zeichen göttlicher Liebe
steht.“ 13
5 Rudolf, Bultmann, Das Evangelium des Johannes, Hg. Ferdinand, Hahn, Bd. 2, Kritisch-Exegetischer
Kommentar über das Neue Testament, 1834, 20. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978, S. 405.
6 Rudolf, Bultmann, Theologie des Neuen Testamentes, 1948, 9. Aufl., Tübingen: J.C.B. Mohr, 1984, S.
434.
7 Ebd., S. 434.
8 Ebd., S. 435.
9 Ebd., S. 435.
10 Bultmann, Das Evangelium des Johannes, S. 406.
11 Bultmann, Theologie des Neuen Testamentes, S. 435.
12 Ernst Käsemann, Jesu letzter Wille nach Johannes 17, Tübingen: Mohr & Siebeck, 1966, erwähnt in
Augenstein, Das Liebesgebot, S. 14.
13 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 15.
7
Das Gebot der Bruderliebe habe demzufolge nach Käsemann weniger moralischen Charakter, sondern beziehe sich auf die Gemeinschaft der Jünger Jesu mit ihm, dem gemeinschaftsstiftendem Wort.
2.3. Lattke: Das Joh versteht unter Liebe „ Einheit im Wort“ Eine der Position Käsemanns ähnelnde Position vertritt Lattke. Er versteht das johanneische Liebesgebot ausschließlich als „reziproke Liebesbeziehung der Jünger.“ 14
Wie sich diese Liebesbeziehungen genauer definieren, drückt er folgendermaßen aus: „ Einander lieben heißt nach Johannes zunächst in der Einheit des Wortes und dadurch im Wort des Lebens und im himmlischen Leben selbst zu bleiben.“ 15 Die Bedeutung der joh. Liebesaussagen sei daher im semantischen Umfeld der mit „Wort“ verwandten Vokabeln anzusiedeln. Neben lo,goj gehöre auch evntolh zu diesem Vokabular und sei dabei als „Auftrag“ zu verstehen. 16 Ein ethisches, wie auch sexuelles, erotisches oder personpsychologisches Verständnis des Liebesgebotes des Johannesevangelium lehnt Lattke ab. 17 Eine Verbindung der johanneischen evntolh, zur evntolh, bei den Synoptikern und bei Paulus sieht er ebenfalls als problematisch an. 18 Zur Frage, in welchem Sinn der Evangelist diese evntolh, als „neu“ bezeichnet sagt er, dass das Attribut kaino,j in Joh 13,34 vermutlich der Abendmahlsparadosis aus 1.Kor 11,25, speziell dem Begriff kainh. diaqh,kh, entstamme und von Johannes als einzelnes Stichwort dieser synoptischen Tradition aufgenommen und verarbeitet worden sei. 19
2.4. Segovia: Die joh. Schriften sind verschiedenen Stadien der Geschichte
zuzuordnen.
Segovia 20 ordnet in seiner Monographie, ausgehend von Jürgen Becker, die johanneischen Schriften verschiedenen Stadien der Geschichte der johanneischen Gemeinde zu. Die Abschiedsreden Joh 15,1-17; 15,18 - 16,15 und das Liebesgebot 13,34
14 Michael Lattke, Einheit im Wort, Hg. Wolfgang Richter, Rudolf Schnackenburg, Bd. XLI, STUDIEN
ZUM ALTEN UND NEUEN TESTAMENT, München: Köselverlag, 1975, S. 22.
15 Ebd., S. 170, Anm. 5.
16 Ebd., S. 212.
17 Ebd., S. 212 und S. 18.
18 Ebd., S. 210.
19 Ebd., S. 216.
20 Segovia.Love Relation S.23 Liebesgebot auf, vgl dazu auch Augenstein S.18.
8
seien erst später in das Johannesevangelium eingefügt worden und spiegelten das gleiche Stadium der Gemeinde wider wie der 1Joh.
Im übrigen Johannesevangelium stehe die gegenseitige Liebe der Jünger nicht im Blickfeld, so dass Segovia keine einheitliche Theologie des Gebotes der Bruderliebe im Joh und in den Johannesbriefen entwerfen kann. 21
Zur inhaltlichen Bestimmung dieser den genannten Perikopen des Joh und dem 1Joh gemeinsamen Liebesaussagen sagt er, dass die Bruderliebe zur Liebe innerhalb des Adressatenkreises, einer von der Großkirche abgetrennten Sekte mahnen würde. Es gehe genauer darum vor Doketisten und Libertinisten zu warnen, die Gott lieben wollen ohne den Erlösungstod seines Sohnes anzunehmen. Aus dieser Irrlehre folgt seines Erachtens. ein liebloser, unmoralischer dem Bruder nicht helfender Lebenswandel. 22
2.5. von Wahlde: Die joh. Gebote sind vor dem Hintergrund einer Krise
innerhalb der johanneischen Gemeinde zu sehen.
Der Gegenstand der Untersuchung v. Wahldes 23 ist die joh. Konzeption des Gebotes. Er stellt dazu die These von zwei johanneischen Geboten auf: Das erste Gebot sei, auch wenn es nicht so bezeichnet würde, das Halten des Wortes Gottes, das zweite das der gegenseitigen Liebe.
Diese beiden Gebote seien nun von Spiritualisten falsch interpretiert worden. Indem sie das erste Gebot nicht mehr eingehalten und damit die bleibende Bedeutung Christi bestritten hätten, hätten sie gleichzeitig eine ethische Freizügigkeit dem Bruder gegenüber entwickelt. 24
Inhaltlich beziehe sich das Gebot der gegenseitigen Liebe nur innergemeindlich auf den christlichen Mitbruder.
Beide Gebote hätten die Funktion von sogenannten „Tests“ des rechten Glaubens und der rechten Liebe, um die Gegner zu entlarven.
Durch diese Funktion unterschieden sie sich vom Doppelgebot der Synoptiker, welches der Zusammenfassung des ganzen Gesetzes zu zwei großen Geboten diene. 25 Die johanneischen Gebote ständen eher den vom Dtn geprägten Gebotsformulierungen nahe.
21 Augenstein S.18
22 F. Fernando Segovia, Love Relationships In The Johannine Tradition, Chico: Scholars Press, 1982. S. 78.
23 Vgl. dazu auch Augenstein, Das Liebesgebot, S. 19f.
24 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 19.
25 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 19.
9
2.6. Augenstein: Das Gebot der gegenseitigen Liebe im C.J. ist kein speziell joh.
Liebesgebot, sondern eine Interpretation des alttest.. Liebesgebotes von Lev.
19,17.
Augenstein 26 sieht das Gebot der gegenseitigen Liebe im Corpus Johanneum als eine Interpretation des alttestamentlichen Liebesgebotes aus Lev 19,17f. Das Johannesevangelium sowie die Johannesbriefe griffen auf dieses Toragebot zurück und interpretierten es als Verzicht auf Hass gegen den Bruder. Das „alte“ Liebesgebot im 1Joh sei nicht im historischen Sinne als „alt“ zu fassen, sondern Ausdruck der Kontinuität des Willens Gottes. Genau wie der Tora, dem alten Ausdruck des Willens Gottes Gehorsam entgegenzubringen war, so sei dies auch für das Liebesgebot erforderlich.
Genauer gesagt ständen bei diesem Gebot innergemeindliche Vorgänge im Hintergrund. Der in den Verdacht geratene Bruder solle wieder in die Gemeinschaft eingegliedert und Gegenhass vermieden werden.
„Neu“ sei das Liebesgebot insofern, als es das Gebot des Messias für die neue messianische Zeit sei. So „zeigt das Ineinander von Alt und Neu den bleibenden Willen Gottes in der messianischen Zeit, wie er in der Tora niedergelegt ist.“ 27 Inhaltlich sei die Liebe Jesu Grund und Modell der Liebe der Jünger untereinander. Um diese Gemeinschaft der Jünger zu erhalten mahne Johannes zur Liebe. Dabei fielen das Bekenntnis zur Messianität Jesu und das Halten des Liebesgebotes zusammen. Das Liebesgebot im Joh sei als Bestandteil der Liebesrelationen zwischen dem Vater, dem Sohn und den Jüngern zu sehen. Das Joh interpretiere durch diese Einheit der Liebe zu Gott, dem Vater und Gott, dem Sohn das jüdische und synoptische Doppelgebot der Liebe.
2.7. Carson: Das joh. Liebesgebot ist die Ordnung für die neue messianische
Gemeinschaft und in seinem Maßstab durch die Liebe Christi bestimmt
Für Carson besteht die Neuheit dieses Gebotes darin, dass es „ die Marschordnung für die neue, sich versammelnde, messianische Gemeinde, die durch die schon lange beabsichtigte Erlösung von Gott in ihre Existenz gerufen wurde” darstellt. 28 Dieses neue Gebot werde inhaltlich zum einen durch den “standard of Christ and his love just exemplified in the footwashing” bestimmt.
26 Vgl. ebd., S. 183.
27 Ebd., S. 183.
28 D.A Carson, The Gospel According To John, 1. Aufl., Michigan: Grand Rapids, 1991, S. 485.
10
Außerdem sei das Gebot darauf angelegt die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu reflektieren, (Joh 8,29/10,18/12,49f./ 15,10). 29 Das Gebot ziele darauf dieselbe Einheit unter den „members of the nascent messianic community“ zu bewirken, welche Jesus und seinen Vater charakterisiert (Joh 17).
3. DER ALTTESTAMENTLICHE HINTERGRUND
Dem ausdrücklichsten Liebesgebot des ATs begegnet man in Lev 19,17f./34. Andere Liebesgebote haben Gott zum Objekt, wie z.B. im Sch’ma Jisrael in Deut 6,4-9.30 Zunächst ist nach dem Kontext dieser Verse zu fragen. Mathys weist darauf hin, dass die ab Lev 19,11f. aufgeführten Gebote nicht Entscheidungshilfen in Rechtsfällen oder Gerichtssituationen anbieten würden, sondern es sich dabei um Verhaltensmaßregeln bzgl. Vergehen handele, die nicht unmittelbar gerichtlich geahndet werden könnten. 31
Augenstein bemerkt, dass die Gebote von Lev 19,11 ff. die Solidaritätsforderung in einer Gemeinschaft entfalten würden. 32 Weiter kann gesagt werden, dass das Liebesgebot in Lev 19,18f. zwar nicht alle Gebote aus Lev 19,11ff. zusammenfasst, aber Auskunft darüber gibt, wie man sich dem Nächsten, der schuldig an der eigenen Person geworden ist, verhalten soll. 33
Es folgt eine Übersetzung von Lev 19,17-18: 34 Du sollst nicht hassen deinen Bruder
(xa' / avdelfo,j ) in deinem Herzen! Gründlich zurechtweisen sollst du deinen
Volksgesellen (tymi[' / plhsi,on)! Und du sollst nicht wegen ihm Verfehlung auf dich laden! Du sollst nicht Rache üben! Und du sollst nicht grollen den Söhnen deines Volkes (^M,[; ynEB.-ta, / toi/j ui`oi/j tou/ laou/ sou)! Und du
29 Ebd., S. 485.
30 Andere Stellen, die das Gebot Gott zu lieben beinhalten sind: Deut 10,12; 11,1/13;30,16. Auf diese
weiteren Liebesgebote soll in diesen Untersuchungen nicht weiter eingegangen werden. Für weitere
Forschung sei auf „Hans-Peter Mathys, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, Göttingen: Vandenhoek &
Ruprecht, 1986“ und „Andreas Nissen, Gott und der Nächste im antiken Judentum: Untersuchungen zum
Doppelgebot der Liebe, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 15, Tübingen: Mohr
Siebeck, 1974“ verwiesen.
31 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 65ff.
32 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 159.
33 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S.81.
34 Vgl. Augenstein, Das Liebesgebot, S. 160. Die Angaben in Klammer enthalten dabei die Worte des MT
und der LXX.
11
sollst deinen Nächsten ([;re / to.n plhsi,on ) lieben (bh;a; / avgapa,w) wie dich selbst ! Ich bin JHWH.
Wie aus der Kontextanalyse hervorgeht setzt das Liebesgebot eine Situation voraus, in der sich der Nächste an dem Angeredeten vergangen hat. 35 In dieser Situation gebietet nun das Liebesgebot keinen Hass gegenüber dem Bruder zu haben, sondern ihn stattdessen zurechtzuweisen.
anEf' ist dabei nicht besonders auffällig: Der Ausdruck bedeutet allgemein „hassen“
im menschlichen Bereich. 36 Mit dem Akkusativ-Objekt ^yxia'-ta,, (deinen Bruder) ist
der israelitische Volksgenosse gemeint. 37 Das Schlüsselwort für die Auslegung dieses Gebotes ist ^b,b'l.Bi 38 (in deinem Herzen). Botterweck-Ringgren 39 gibt folgendes
Bedeutungsspektrum : 1.) Der Ausdruck diene als Ortsangabe des Hasses und weise damit auf eine vor-juridische Emotionalität hin. 2.) Das Verbot „im Herzen zu hassen“ könne bewusst als Gegensatz zur juristischen Klärung der Rechtsfragen vor dem öffentlichen Forum des qahal zu sehen sein. 3.) Hiermit sei eine Gefährdung gerechten Richtens gemeint.
Allerdings ist fraglich, ob diese Vorschläge den Ausdruck erschöpfend erklären. M.E. ist bei der Bestimmung des Begriffes weniger vom juristischen Hintergrund auszugehen, sondern von der Verwendungsweise des Wortes in anderen Kontexten. In dieser Weise argumentiert Mathys. Er bemerkt, dass das suffigierte blb häufig mit Verben des
Denkens und Redens verwendet würde und in diesem Zusammenhang das Hegen und Verborgenhalten dunkler Pläne wie in Ps 28,3/Hi 1,5 beschreibe. 40 Stattdessen solle man nach Lev 19 den Bruder zurechtweisen, um nicht seinetwegen Schuld auf sich selbst zu laden. 41 Damit ist der Inhalt des Liebesgebotes als „Verzicht auf Zorn, Rache, Hass und Wiedervergeltung“ zu bestimmen. Positiv gibt es Anweisungen
35 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 160.
36 Ludwig Koehler / Walter Baumgartner, Hebräisches und aramäisches Lexikon zum Alten Testament,
Lieferung 4, 3. Aufl., Leiden: E.J. Brill, 1990, S. 1248.
37 Ludwig Koehler / Walter Baumgartner, Hebräisches und aramäisches Lexikon zum Alten Testament,
Lieferung 1, 3. Auflage, Leiden: E.J. Brill, 1967, S. 28.
38 Vgl. Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 64.
39 H. - J. Fabry, Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Hg. G. Johannes Botterweck, Helmer
Ringgren, Bd. 4, 1.Aufl, Stuttgart: W. Kohlhammer, 1984, S. 431.
40 Vgl Matthys, Liebe deinen Nächsten, S. 64.
41 Möglich wäre hier auch die Übersetzung „Schuld auf ihn laden“, so Augenstein, Das Liebesgebot, S. 160;
eine nähere Diskussion bietet Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 65.
12
für den Umgang mit dem an der eigenen Person schuldig gewordenen Bruder. 42 So kann das Liebesgebot als eine Art Feindesliebe interpretiert werden. 43 Die Frage nach dem Gültigkeitsbereich des Liebesgebotes hängt dabei von [;re ab.
Dieser Ausdruck bedeutet zwar allgemein „Nächster“ 44 , wird aber in diesem Zusammenhang speziell verwendet: Mathys weist nach, dass hier der Volksgenosse gemeint ist. 45 Obwohl das Liebesgebot primär die Solidarität unter den Volksgenossen fordert, stellt Lev 19,17f. keine ausgrenzende Ethik dar: „Im Umgang mit dem Fremden wird gerade kein anderes Verhalten verlangt als im Umgang mit dem Volksgenossen.“ 46 Auch der [;re begleitende Term xa' lässt diese These nicht zu: Wiederum macht
Mathys deutlich, dass die Bruderbezeichnung an das Gemeinschaftsdenken appelliert und nicht der Abgrenzung gegen außen dient. [;re kann dabei in xa' umgewandelt
werden. 47
Weiter ist zu fragen, was mit dem Ausdruck „zu lieben wie sich selbst“ gemeint ist. Zur Bestimmung von ^AmK' iist der Bericht über die Freundschaft zwischen David
und Jonathan (1Sam 18-20; 2Sam 1) heranzuziehen: 48 Dort wird gesagt, dass David Jonathan „wie seine eigene Seele liebte. Avp.n:K. wirft dabei Licht auf die Frage,
wie ^AmK' verstanden werden könnte. Mathys sagt dazu dass Avp.n:K. bedeutet
„jemandem so zugetan sein, so stark an ihm hängen, dass man bereit ist, für sein Leben gleichviel zu tun wie für das eigene, ja es nötigenfalls über dieses zu stellen.“ 49 Somit wäre mit ^AmK' ein Maßstab selbstloser, hingabebereiter Liebe ausgedrückt.
Die Wirkungsgeschichte des Liebesgebotes in Lev 19,17ff. ist für das Verständnis desselben zwar von Bedeutung kann jedoch hier nur in einer Zusammenfassung geboten werden. Grundsätzlich konnte das Liebesgebot auf zwei Arten ausgedeutet werden: 50
42 Vgl. Augenstein, Das Liebesgebot, S. 160.
43 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 63 ff.
44 Koehler-Baumgartner, Bd. 4, S. 1170.
45 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 38.
46 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 161.
47 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 34 ff.
48 Vgl. Augenstein, Das Liebesgebot, S. 161.
49 Matthys, Das Liebesgebot, S. 19.
50 Vgl. Augenstein, Das Liebesgebot, S. 163 f.
13
Zum einen im Sinne einer allgemeinen, globalen Philantrophie, zum anderen zu als Bruder- oder Freundesethik.
Es lässt sich also aus Lev 19,17f.34 festhalten, dass es sich hier um ein Gebot handelt, welches die Solidarität unter den Israeliten fordert, dabei aber nicht exklusiv verstanden sein will, sondern den Fremden miteinbezieht. Inhaltlich geht es neben dem Verzicht auf Hass und Neid gegenüber dem Volksgenossen darum, ihn stattdessen zurechtzuweisen, mehr noch, ihn zu lieben, möglicherweise mit einer selbstaufopfernden Liebe.
4. DAS LIEBESGEBOT IM FRÜHJUDENTUM
4.1. Qumran
Im folgenden Abschnitt soll überblicksmäßig untersucht werden, welche Rolle das Liebesgebot in den Schriften von Qumran spielt. Eine erste wichtige Stelle ist in diesem Zusammenhang 1 QS V,25 - VI. 51 Dieser Abschnitt nimmt drei Gebote aus Lev 19,17f. auf und interpretiert sie neu. 52 Enthält Lev 19,17f. nur ein Konfliktregelungsmodell, so entwickelt die Sekte von Qumran nähere Ausführungsbestimmungen. 53 Die Zurechtweisung soll so am selben Tag und auch vor Zeugen erfolgen. Ein Verstoß gegen diese geforderte Form der Zurechtweisung kann dabei mit einer harten Strafe geahndet werden. Dies belegt QS VII 8f. 54 Insgesamt zeigen die Qumrantexte deutlich forensische Züge und unterscheiden sich dadurch von Lev 19,17. 55 Bei den Aufforderungen ist zu beachten, dass sie sich nur auf die Gemeinschaft innerhalb der Sekte beziehen. Gegen Außenstehende muss nicht in dieser Weise verfahren werden. Dies wird durch das Verbot der Zurechtweisung in 1.QS IX, 16f. belegt. 56
Weiter hat die Forschung in den Schriften eine Einschränkung des Liebesgebotes auf den Glaubensbruder festgestellt. 57 Diese Entdeckung gründet sich auf CD VI, 20f. wo
51 Zitat: „ (…), man soll zurechtweisen, ein jeder seinen Nächsten in Wahrheit und Demut und barmherziger
Liebe untereinander. Keiner soll zum anderen sprechen in Zorn oder Murren oder Halsstarrigkeit oder im
Eifer gottlosen Geistes. Und er soll ihn nicht hassen in seinem unbeschnittenen Herzen, sondern am selben
Tage soll er ihn zurechtweisen, aber nicht soll er seinetwegen Schuld auf sich laden. Ferner soll niemand
gegen seinen Nächsten eine Sache vor die Vielen bringen, wenn es nicht vorher zur Zurechtweisung vor
Zeugen gekommen ist.“ Übersetzung nach Eduard Lohse, Die Texte aus Qumran: hebräisch und deutsch,
mit masoretischer Punktation, Übersetzung, Einführung und Anmerkung, Hg. Eduard Lohse, 2. Aufl.,
53 Mathys, Liebe deinen Nächsten, S. 121.
54 Lohse, Die Texte aus Qumran, S. 27.
55 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 165.
56 Lohse, Die Texte aus Qumran, S. 35.
57 Augenstein, Das Liebesgebot, S. 165.
Arbeit zitieren:
Daniel Steffen Schwarz, 2005, Das Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen , München, GRIN Verlag GmbH
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Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Theologie - Biblische Theologie: Das Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Theologie - Biblische Theologie: neuer Titel erschienen: Das Gebot der Bruderliebe im Johannesevangelium und in den Johannesbriefen
Daniel Steffen Schwarz hat einen neuen Text hochgeladen
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Folker Siegert
Das Johannesevangelium im Religionsunterricht
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