Hausarbeit
ÜBER DIE PLAUSIBILITÄT UND AKTUALITÄT DES PHÄNOMENS DER
DE-INSTITUTIONALISIERUNG DER GESCHLECHTERDIFFERENZEN
innerhalb des Seminars ,,Gender in Organisationen" der TU Berlin
SoSo 2010
Technische Universität (TU) Berlin
Verfasserin:
Dipl.-Komm.Psych. Alexandra Mietusch
Europa Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Datum der Abgabe:
16.07.2011
1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... 2
1
De-Institutionalisierung ... 3
2
Prozess der De-Institutionalisierung ... 5
2.1
Ebenen der De-Institutionalisierung ... 5
2.2
Phänomene der De-Institutionalisierung ... 7
3
Folgen der De-Insititutionalisierung ... 10
3.1
Status quo in deutscher Wissenschaft, Politik, Medizin und Technik ... 10
3.1.1
Wissenschaft ... 11
3.1.2
Politik ... 11
3.1.3
Pflege und Medizin ... 12
3.1.4
Technik ... 14
3.2
Internationale und deutsche Trends im Vergleich ... 15
3.2.1
Frauenquote ... 15
3.2.2
Erwerbsquote ... 17
3.2.3
Lohn ... 19
3.2.4
Segregation ... 20
4
Resümee ... 22
Literaturverzeichnis ... 24
2
Einleitung
Laut der These von Bettina Heintz (2008: 231) sind wir heute mit einer Vielfalt von Formen
und Intensitätsgraden von geschlechtlicher Differenzierung und Ungleichheit konfrontiert. In
diesem
Zusammenhang
spricht
sie
von
einer
De-Institutionalisierung
der
Geschlechterdifferenz, in der Geschlechterasymmetrien nicht mehr rechtlich und kulturell
abgesichert sind, sondern zunehmend illegitim reproduziert werden.
Heintz´ Erklärungsversuch für diese Illegitimität der Reproduktion der Geschlechterdifferenz
sind Interaktionen, die durch kulturelle Perzeption und damit einhergehenden
Erwartungshaltungen und Verhalten geprägt
sind. (vgl. 2008: 235)
Grundlage der Ansicht ist
die sozialkonstruktivistisch Auffassung des Geschlechtes als ein Konstrukt, das (historisch)
konstruiert wurde und dekonstruiert, also verändert werden kann. Als Effekt sozialen
Handelns und sozialer Institutionalisierungsprozesse basiert es nicht auf deren natürlicher
Vorgabe. Inwiefern zeichnet sich tatsächlich ein Wandlungsprozess in Zeiten der
Postmoderne als eine "De-Institutionalisierung der Geschlechterdifferenz" ab, wo in
funktional differenzierten Gesellschaften die Unterscheidung und Hierarchisierung der
Geschlechter zunehmend dysfunktional wird und stattdessen andere Differenzierungslinien
an Bedeutung gewinnen? Die Frage lautet also: Ist die Vorstellung der De-
Institutionalisierung von Geschlechtsdifferenz als Prozess plausibel und aktuell?
Im Folgenden wird der De-Institutionalisierungthese Heintz´ (2008: 231) nachgegangen und
diese - anhand ihres Verständnisse des Begriffes und des Prozesses - detaillierter
nachgezeichnet. Der zweite Teil ihrer These weist darauf hin, dass sich trotz dieses De-
Institutionalisierungsprozesses bestimmte Phänomene als persistent hinsichtlich der
Geschlechterdifferenz erweisen. Dies gilt es anhand von Daten zu beweisen
beziehungsweise zu widerlegen. Sind die Persistenzen universal oder auf bestimmte
Phänomene oder Bereiche (Politik, Dienstleistung, Wirtschaft ect.) beschränkt?
Abschließend soll der aktuelle Entwicklungsstand bis 2011 national sowie international
anhand der existierenden Studien betrachtet werden, um eine allgemeingültigere Prüfung
von Heintz´ These vornehmen zu können.
In der vorliegenden Arbeit fällt also der Blick auf historische Evolutionen, gegenwärtige
Standards und Fakten und der zukunftweisenden internationalen Entwicklungen als
prädiktive Trends.
3
1
De-Institutionalisierung
,,De-Institutionalisierung ist (...) nicht gleichzusetzen mit der Auflösung einer Institution,
sondern verweist zunächst nur auf Veränderungen ihrer Reproduktionsmechanismen"
(Heintz 2008: 234) aufgrund der existierenden Vielfalt an Formen und Intensitätsgraden
geschlechtlicher Differenzierung und Ungleichheit. Laut Heintz (2008) basiert diese De-
Institutionalisierung
der
Geschlechterdifferenz
auf
der
Durchsetzung
des
Gleichberechtigungsprinzips mit der Konsequenz, dass Geschlechterasymmetrien
zunehmend illegitim werden, da sie nicht mehr rechtlich und kulturell abgesichert werden.
(vgl. ebd.: 231f.) Nach Jepperson heißt das, dass Verhaltensprogramme (von Männer und
Frauen gegenüber) eventuell unverändert bleiben, hingegen die Aufrechterhaltung der
Institution also die Lebensumwelt, in dem es ausgeübt wird kontextabhängig und
problematisch wird. Somit verliert nicht die Differenzierung zwischen den Geschlechtern an
Bedeutung, sondern dass sich ihre Reproduktionsmechanismen verändert haben. (vgl. in
ebd.: 234) Dies hat zur Folge, dass Hierarchien und Asymmetrien nur unter bestimmten
Bedingungen konstruiert und gefestigt werden. De-Institutionalisierung heißt dann, dass
Geschlechterdifferenz nicht mehr normativ (z.B. durch Gesetze) abgesichert ist und somit
nicht mehr die Rolle als gesellschaftliches Ordnungsprinzip einnimmt, sondern im Sinne der
Illegitimität kontextspezifisch und potentiell instabil wird. (vgl. ebd.: 235) Darüber hinaus,
verweist Heintz (2001: 15) in einem früheren Artikel auf die De-Institutionalisierung als ein
Konzept, das in der Soziologie oftmals unter dem weniger präzisen Terminus
,,Individualisierung" diskutiert wird. Im Vorteil gegenüber der Individualisierung die ,,aus
dem Abbau normativer Vorgaben vorschnell auf Entstrukturierung und Auflösung schließt"
(Heintz 2001: 15) ermöglicht der Begriff der Institution die Differenzierung zwischen seinen
Phänomenen und Reproduktionsmechanismen. De-Institutionalisierung impliziert damit nicht
zwingend den Bedeutungsverlust von Institution bzw. Verhaltensmuster, sondern wie bereits
erwähnt,
weist
er
lediglich
auf
die
Veränderung
bzw.
Verschiebung
der
Reproduktionsmechanismen hin: Geschlechterungleichheit wird anstelle über explizite
geschlechterdifferente Regelungen entweder ,,interaktiv oder über versteckte und
vordergründige geschlechtsneutrale Arrangements erzeugt (oder eben auch nicht)." (Heintz
2001: 15f.) Es kann also davon ausgegangen werden, dass somit die Konservierung der
Geschlechterdifferenz zunehmend kontextspezifisch bedingt und insofern instabil ist. (vgl.
ebd.: 16)
Kurz: Es ist für Heintz eine Entwicklung, hinter der sich die ,,Umstellung der
Reproduktionsmechanismen von routineartigem Vollzug zu bewusstem und gezieltem
Handeln: von ´enacting´ zu ´acting`" (Heintz 2001: 15), verbirgt. Dies zieht unter anderem
einen wachsenden Begründungszwang des eigenen Handelns im Zuge der
Individualisierung, wachsende Entscheidungskompetenz bzw. -zwang des Individuums,
sowie eine Entobjektivierung der Institution nach sich. (vgl. Heintz 2001: 15) Diese
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Entobjektivierung der Institution führt zu der Konsequenz, nicht mehr mit bloßen
Rolleninhabern konfrontiert zu sein, sondern mit Individuen, womit die Kategorie Geschlecht
leichter zugänglich und aktivierbarer gemacht wird.
Laut Heintz bestehen
,,Institutionen (...)
nicht von selbst, sondern müssen permanent reproduziert werden, auch wenn dies den
Beteiligten nicht bewusst ist." (Heintz/ Merz/ Schumacher 2007: 263) Das ist ihr Ansatzpunkt
zum Thema Interaktion, wie diese - durch ihre Mitglieder selbst Geschlechterdifferenzen
immer wieder neu innerhalb der Institution - reproduzieren. Ihre analytische
Unterscheidung zwischen Institution und ihren Reproduktionsmechanismen gehen auf die
Vorschläge von Jepperson (1991) und Nedelmann (1995) zurück. Meint ,,Institution" also
kontinuierlich wiederkehrende Handlungs- und Interaktionsmuster ihrer Mitglieder, so
verweist der Begriff der De-Institutionalisierung folglich auf einen Wandel der
Reproduktionsmechanismen. Demzufolge können Institutionen in unterschiedlichem Maße
institutionalisiert sein; sie unterscheiden sich in der Art der Reproduktionsmechanismen.
Hohe Institutionalisierung heißt, dass Institutionen über habitualisiertes Verhalten
reproduziert werden und entsprechende Verhaltenserwartungen internalisiert sind und nicht
hinterfragt werden. (vgl. ebd.: 263)
Allmendinger & Podsiadlowski beschäftigen sich mit der Frage ,,(u)nter welchen strukturellen
und kulturellen Konstellationen Geschlechterunterschiede sozial relevant und in Ungleichheit
übersetzt" (2001: 276) werden. Sie bezeichnen die Organisation durch die Organisation
der Organisation als soziale Einheit, die die Kategorie Geschlecht aktiviert und diese
Unterschiede sozial relevant gemacht werden. Sie beziehen sich auf Resultate der
Segregationsforschung, die sich dem Ausmaß der geschlechtlichen Trennung am
Arbeitsplatz und dessen Verbindung zu Merkmalen einer Organisation annimmt sowie der
Diversitätsforschung,
welche
mögliche
Ansätze
zur
Erklärung
der
Homogenisierungstendenzen nach Geschlecht in Organisationen bieten kann. So
unterscheiden sie in ihrer Analyse zwischen vertikaler und horizontaler Segregation
1
. Hierbei
handelt es sich um Unterschiede in Erwerbsquoten sowie die geschlechtliche Verteilung von
Arbeitsfeldern
nach
Berufen,
Tätigkeitsinhalten
(horizontal)
und
hierarchischer
Positionierung (vertikal). (vgl. ebd.: 276f.) Die Autorinnen gehen bei Betrachtung der
Segregation im beruflichen Kontext davon aus, dass diese im engen Zusammenhang mit
anderen Lebensbereichen wie insbesondere der Familie steht. Somit werden durch
berufliche Segregation nicht nur Geschlechtsunterschiede bezeichnet, sondern diese auch
reproduziert - auf Kosten der Frauen. Zentral ist die Annahme, dass durch Verringerung von
Segregation auch geschlechtsspezifische Unterschiede in Erwartungen, Einstellungen und
Entlohnung abgebaut werden. (vgl. ebd.: 279) Auf diverse Erklärungsansätze für diese
Segregation wie Unterschiede im Humankapital - Bildungs- und Ausbildungsdefizite von
1
Segregation definieren Allmendinger/ Podsiadlowski als ,,zunächst unterschiedliche Konzentration von Männern
und Frauen in Berufen, Wirtschaftsbereichen, Tätigkeitsgruppen und hierarchischen Positionen." (2001: 278)
5
Frauen - aufgrund geschlechtsspezifischer, berufsgerichteter Sozialisation und daran
geknüpft ein geschlechtsspezifisches Berufswahlverhalten weisen die Autorinnen hin.
Zudem gilt nach Born et al. 1996 und Gottschall 1990 (vgl. ebd.: 279) die Geschlechtstypik
von Berufsgruppen in Verbindung mit Anforderungen an Frauenberufe als Ursache der
Segregation oder darüber hinaus - basierend auf international vergleichenden Arbeiten (u.a.
Chang 2000, Nermo 2000, Esping-Andersen 1999, 1990; Sainsbury 1996 in ebd.: 280)
aufgrund sozialstaatlicher Politik. In letzterem Erklärungszusammenhang lässt sich nach
dem Ausmaß von Dekommodifizierung Grad der (Un)-abhängigkeit des Lebensunterhaltes
von Erwerbstätigkeit, staatlicher Intervention zur Herstellung der Vereinbarkeit von Familie
und Beruf und staatlichen Vorgaben zur Geschlechtergleichstellung durch ,,regulatory
politics" - unterscheiden.
2
(vgl. ebd.: 280) Diese vielzähligen Erklärungsansätze verweisen
auf die Vielschichtigkeit der Erfassung des Problems des Abbaus der Geschlechterdifferenz
in Organisationen.
2
Prozess der De-Institutionalisierung
Lange galt die Ungleichbehandlung der Geschlechter als ,,natürlich" und legitim, basierend
auf der im 19. Jahrhundert entwickelten Vorstellung einer grundsätzlichen Verschiedenheit
zwischen Mann und Frau begründet in der evidenten körperlichen Andersartigkeit. Die
Sonderbehandlung von Frauen wurde allerdings begründungsbedürftig als das Konzept der
grundlegenden Verschiedenheit der Geschlechter durch die Auffassung ihrer prinzipiellen
Gleichheit ersetzt. Die Durchsetzung des Gleichberechtigungsmodells war eine wesentliche
Voraussetzung dafür, dass geschlechtsspezifische Ungleichheit überhaupt wahrgenommen
und als illegitim interpretiert werden konnte. (vgl. Heintz et al. 2007: 262f.)
Um dem Konzept Heintz´ (2008) einer De-Institutionalisierung kritisch zu beleuchten und auf
Plausibilität zu prüfen, sollen im Folgenden die möglichen Ebenen kulturellen Wandels und
geschlechtlicher Ungleichheit und ihre Phänomene skizziert werden.
2.1
Ebenen der De-Institutionalisierung
Ebenen des kulturellen Wandels:
Nach Buchmann/ Eisner (2001: 78) lassen sich kulturelle Prozesse, so auch der De-
Institutionalisierungsprozess auf drei analytischen Ebenen differenzieren:
gerichteter Wandel: Veränderungsprozesse, die ein eindeutiges Abbild des
Verhältnisses zwischen der Zeit und ihren relevanten Wandlungsdimensionen liefern.
Fokus: Was hat sich verändert? (Trends)
2
Studienergebnisse verweisen auch darauf, dass beispielsweise in traditionell familienorientierten Ländern die
Segregation höher ist als in formal egalitären. (vgl. Allmendinger/ Podsiadlowski 2001: 280)
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Stabilität kultureller Wirklichkeit: kulturelle Reproduktion durch Traditionen, Sozialisation,
Trägheit von Institutionen, Interessen machthaltiger Gruppen. Hier kann die
Organisation als möglicher Stabilisator von kulturellen Rollen und Codes verortet
werden. Fokus: Was ist relativ stabil geblieben?
Diskontinuität kultureller Realität: Veränderungen ohne definierte Richtungsdimension
wie Veränderung und Entstehen von neuen - Werten bzw. Deutungsmustern. Fokus:
Gibt es kulturelle Neuerungen und Innovationen die durch historische Umbrüche oder
Zäsuren eingeleitet sind?
Auf der Ebene der Trends ist die Modernisierung mit ihren Phänomen der funktionalen
Differenzierung von Ehe und Familie und die Institutionalisierung der Geschlechtergleichheit
zu lokalisieren. Hinsichtlich der kulturellen Reproduktion müssen strukturelle
Geschlechterdifferenzen trotz formaler Gleichheit betrachtet werden und i.S. der kulturellen
Diskontinuität der Epochenumbruch in den 60er und 70er Jahren, was im Abschnitt 2.2
diskutiert wird. Im Sinne Buchmann und Eisner
(2001)
findet der Abbau von
Geschlechterungleichheiten auf der Ebene des gerichteten Wandels als vielschichtiger
Prozess der Modernisierung westlicher Gesellschaften statt. Die vielseitig erfassten
gesellschaftlichen Entwicklungstrends weisen auf eine langfristige Abnahme der
Geschlechterdifferenz hin, die auf der Entstehung moderner ökonomischer und politischer
Institutionen basiert, die zu einer säkularen Machtverschiebung, einer graduellen
Verschiebung sozialer Macht von Haushalt und Familie auf formale Organisationen in Politik
und Wirtschaft geführt haben. (vgl. ebd.: 78-82)
Ebenen geschlechtlicher Ungleichheit
Heintz (2001: 16-23) folgt in ihrer Argumentation Luhmanns Ebenentypologie zur
Differenzierung der Prozesse hinsichtlich der Herstellung und dem Abbau von
Geschlechterungleichheit und unterscheidet folgende drei Ebenen:
Interaktion: Rolle und Rollenverhalten und Rollenerwartung
Organisation: Formalisierung von Institutionen
Weltgesellschaft: Staat i.S. von Gesetzten, Wohlfahrt. Sozialeinrichtungen, Arbeitsmarkt
Das heißt, die im Folgenden aufgezeigten Phänomene der De-Institutionalisierung lassen
sich also auf Makroebene sowie auf Mikroebene
3
differenzieren.
3
Makroebene ist die gesamtgesellschaftliche Ebene, die makrosoziale Phänomene wie Kapitalismus,
Urbanisierung, Wohlfahrt umfasst und somit die Gesellschaft des Ganzen einbezieht. Die Mikroebene hingegen
bezeichnet die zwischenmenschliche Ebene und alles soziale Handeln. Mikrosoziale Phänomene sind also
unter anderem Interaktionen, wirtschaftliches Handeln oder Berufswahl, was sich unter dem Begriff der sozialen
Interaktionen zusammenfassen lässt.
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