Inhaltsverzeichnis
Einleitung 2
1. Berlin und die Weimarer Republik 3
2. Die Großstadt und das Ur - Motiv „Asphalt“ 5
3. Berlin vs. Provinz - Der ideologischer Missbrauch 9
des Begriffs „Asphalt“ als Kampfvokabel der Nationalsozialisten
3.1 Berlin vs. Provinz 10
3.2 Der ideologische Missbrauch des Begriffs „Asphalt“ als Kampfvokabel 11
der Nationalsozialisten
3.2.1 Großstadtfeindschaft 12
3.2.2 Intellektuellenhass 13
3.2.3 Antisemitismus 14
3.2.4 Bücherverbrennung 15
4. Aktualität des „Asphalts“ 16
5. Schluss 16
Anhang
Literaturverzeichnis
1
Einleitung
Der Begriff „Asphalt“ und seine Verwendung haben eine in der Geschichte weit zurückreichende Entstehens- bzw. Entwicklungsgeschichte. Das wohl prägendste Kapitel ist seine ideologische Instrumentalisierung durch die nationalsozialistische Propaganda gegen jüdische Großstadtintellektuelle und das Intellektuellentum an sich. Auch heute noch verbinden sich mit dem Wort „Asphalt“ oftmals verschiedenartige Assoziationenvon Großstadtfaszination und - reiz über Skepsis gegenüber einem gleichmachenden, allgegenwärtigen Erscheinungsbild bis hin zu völliger Ablehnung einer als „Leben erdrückend“, „Schmutz aufzeigend“, „verkommen“ und „kalt“ verstandenen Lebenswelt. Schauplatz für die verschiedenen Auseinandersetzungen mit dem Einfluss des „Asphalts“ und der „Großstadt“ soll im Folgenden die Stadt Berlin sein, die sich von der Reichsgründung bis zu Beginn des zweiten Weltkriegs zu einer kosmopolitischen Metropole entwickelte. Die Anfänge einer Asphaltliteratur, gegen welche sich die Rechten später wenden sollten, sind in dieser Zeit zu finden. Naturalistische und expressionistische Schriftsteller/innen thematisieren den „Asphalt“ und die Lebensbedingungen in der Großstadt Berlin auf vielfältige differenzierte Weise. Die metaphorische Verwendung des Ur - Motivs „Asphalt“ soll im Folgenden am Beispiel von Julius Hart, Oskar Loerke, Paul Boldt, Johannes R. Becher und Hans Janowitz aufgezeigt werden. Diese konzentrierte Beschäftigung mit der Großstadt stand nach dem ersten Weltkrieg mehr und mehr in einem Spannungsfeld zu ländlicheren Gegenden, welche die neueren Entwicklungen in Berlin mit Argwohn betrachteten oder betrachten sollten. Die Polemik des Wegbereiters Wilhelm Stapel und später die Propaganda Goebbels sorgten für eine Polarisierung zwischen Berlin und der Provinz, welche mit ideologisch aufgeladenen Begriffspaaren wie Asphalt - Scholle oder wurzellos - bodenständig einherging. Der „Asphalt“ und die „Großstadt“ wurden zu Kampfbegriffen im Ringen um die geistige „Besetzung“ Berlins. Grundpfeiler dieses Vokabulars waren eine ausgeprägte Großstadtfeindschaft, Intellektuellenhass und Antisemitismus. Zur Folge hatte diese Hatz nicht nur die Diffamierung der Asphaltliterat(inn)en und besonders der jüdischen Großstadtintellektuellen. Zu Beginn des Jahres 1933 sollten die Werke jener Autor(inn)en zunächst durch eine „Schwarze Liste“ gebannt und kurz darauf auf dem Scheiterhaufen der Nationalsozialisten verbrannt werden.
Zunächst soll nun ein kurzer historischer Überblick über Berlin und die Weimarer Republik in die Thematik einführen, woran sich ein Kapitel zur Großstadt und dem Ur -Motiv „Asphalt“ anschließen wird. Kapitel 3 teilt sich auf in die Skizzierung des Konflikts Berlin vs. Provinz einerseits und die Darstellung des ideologischen Missbrauchs von
2
„Asphalt“ durch die Nationalsozialisten innerhalb dieses Konflikts andererseits. Weitergehend soll an dieser Stelle der dreidimensional vernetzte Bedeutungsursprung der so verwendeten Kampfvokabel aufgeschlüsselt werden. Abschließend wird ein kurzer Vergleich zwischen dem Gedicht „Kreuzberg 1“ (1910) von Ernst Blaß und dem Liedtext „Schwarz zu Blau“ (2009) von Peter Fox versuchen, die Aktualität des großstädtischen „Asphalts“ herauszuarbeiten.
1. Berlin und die Weimarer Republik
Zur Zeit der Reichsgründung im Jahr 1871 zählte Berlin etwa 900.000 Einwohner/innen. Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich die Stadt über Nacht, genauer am 1. Oktober 1920, zu einer Weltmetropole, die sich mit vier Millionen Einwohner(inne)n als drittgrößte Stadt der Welt neben New York und London einreihte. 1 Die deutsche Urbanisierung hatte seit den späten 1860er Jahren eingesetzt und sollte in ihrer starken Phase bis Anfang der 1930er Jahre anhalten. Berlin, erst preußische, dann Reichshauptstadt und politisches, wirtschaftliches sowie kulturelles Zentrum, gilt als extremes Beispiel städtischer Expansion in Europa. Allein im Zeitraum zwischen 1920er Jahren und 1930 erhöhte sich die Einwohnerzahl Berlins um 309.000, was einem Prozentsatz von 7,7% entspricht. Insgesamt stieg die Einwohnerzahl Berlins im Zeitraum 1871 - 1914 von 826.000 auf knapp 2 Millionen. 2
Berlin entwickelte sich zu einem europäischen „Sammelbecken für die Ströme neuzeitlicher Völkerwanderungen zwischen Moskau und New York“. 3 Heinrich Mann beschrieb die Erscheinung Berlins wie folgt:
Die hier angedeutete Dynamik zwischen Stadt und Provinz sollte sich jedoch nicht komplikationsfrei entwickeln, wie ich im Folgenden noch ausführen werde. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg veränderten sich nicht nur Zahl und Zusammensetzung der Menschen, die in Berlin lebten, sondern in großem Maße auch das optische Erscheinungsbild der Metropole. Eine großflächig durchgeführte Asphaltierung der Straßen sollte den anwachsenden Autoverkehr begünstigen und das „durch Granit- und
1 Vgl. Meyer 1985: 2.
2 Vgl. Wehler 2003: 234.
3 Vgl. Meyer 1985: 2.
4 Mann 1921: 1f.
3
Basaltpflastermuster geprägte Bild von Städten und Dörfern“ 5 dauerhaft verändern. Das Eindringen des Asphalts in das Stadtbild Berlins verkörperte eine der „optisch auffälligsten Wellen moderner Urbanisierung“ 6
Mit dem Wachstum der Bevölkerung und der Urbanisierung dehnte sich die Masse des städtischen Lesepublikums stark aus. Die Nachfrage nach Unterhaltung schnellte hoch, gleichzeitig beschleunigten der Ausbau der Verkehrssysteme und die technologischmaschinelle Weiterentwicklung die Verbreitung aller literarisch-publizistischen Produkte. 7 Dies führte zu einer starken Kommerzialisierung des populärliterarischen Marktes. Im Jahr 1914 erreichte die Zahl der Neuerscheinungen im Bereich der klassischen Printmedien mit 34.871 Stück ihren vorkriegszeitlichen Höhepunkt. Im Jahr 1927 gipfelte diese Entwicklung in einer Stückzahl von 37.886. 8 Es bot sich eine große Vielfalt an täglichen Informationsmedien, was sich an der Existenz von 4200 Zeitungen ablesen lässt. Führende Blätter boten eine Morgen-, Mittags- und Abendausgabe an. Der Übergang zur Republik um 1918 bedeutete, in erster Linie wegen des Schwindens der Zensur, einen freieren Lesermarkt, aber auch eine fortschreitende Demokratisierung des literarischen Lebens und eine gesteigerte Politisierung der Öffentlichkeit. 9
Unter der nach Berlin zuwandernden Bevölkerung befanden sich somit augenscheinlich auch zahlreiche Autoren, die die städtische Umgebung und somit den „großstädtische[n] Asphalt“ 10 als ihren Wohn- und Lebensraum wählten. Sie verarbeiteten die Eindrücke und das Lebensgefühl der Stadt Berlin bzw. den Asphalt als literarisches Motiv. Dieses existierte bereits um 1900, hier jedoch noch in Form eines „pittoresken Details oder bestenfalls […] einer illustrierenden Großstadtrealie“. 11 Der Einfluss des expressionistischen Geistes war es dann, der dem Motiv des Asphalts eine stärkere poetische Selbständigkeit zuführte und es zur „prototypischen Metapher er großstädtischen Intelligenz“ 12 ausformulierte.
Im Angesicht einer Dominanz weltanschaulicher Interpretationen von „Asphalt“ bzw. „Asphaltliteratur“, wie sie „in ihrer emotional aggressivsten und borniertesten Form“ 13 in den kulturpolitischen Kontroversen zu Ende der 1920er Jahre und während des Nationalsozialistischen Regimes auftreten wird, geraten die literarischen Ursprünge der
5 Okroy 2003: 253.
6 Ebd.
7 Vgl. Wehler 2003: 473-474.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. ebd.
10 Okroy 1993: 229.
11 Okroy 1993: 228.
12 Ebd.
13 Ebd.
4
Asphaltmetaphorik schnell in den Hintergrund. 14 Deshalb möchte ich hier zunächst auf den Urtyp des Asphaltliteraten eingehen, bevor ich im Weiteren den ideologischen Missbrauch des Begriffs „Asphaltliteratur“ als Kampfvokabel der Nationalsozialisten ausführen werde.
2. Die Großstadt und das Ur- Motiv „Asphalt“
Die metaphorische Verwendung des Begriffs „Asphalt“ in Deutschland ist zuerst um 1890 in der naturalistischen Lyrik zu finden. 15 Die Stadt Berlin wird als poetischer Gegenstand thematisiert und mit ihr die Begebenheit bzw. Begrifflichkeit „Asphalt“. Die ästhetischen Maximen des Naturalismus äußern sich einerseits in minutiösen Abbildungen der Großstadt oder es werden erhabene Naturlandschaften skizziert 16 , wie etwa im Gedicht „Berlin“ (1898) von Julius Hart: Endlos ausbreitest du, dem grauen Ozean gleich Den Riesenleib; in dunkler Ferne stoßen Die Zinnen deiner Mauern ins Gewölk, und bleich Und schattenhaft verschwimmen in der großen Und letzten Weite deine steinigen Massen. Weltstadt, zu Füßen mir! Dich grüßt mein Geist Zehntausend Mal, und wie ein Sperber kreist Mein Lied wirr über dich hin, berauscht vom Rauch Und Athem deines Mundes: Sei gegrüßt du, sei gegrüßt. …
Erstorben scheinst du, doch du bist es nicht, Erzittert nicht die Luft vom dumpfen Toben Des Meeres, das in seinen Schlund sich bricht Und wühlt und brandet wie vom Sturm durchstoben Und donnernd tausend Schiffe zusammenschleudert? Wild gellt der Schrei der Schiffer Tag und Nacht Durch Licht und Nebeldunst, und ewig tost die Schlacht Zu deinen Tiefen; trümmerübersät, Von bleichen Knochen starrt dein dunkler Grund ringsrum …
Die Stadt Berlin erscheint hier als etwas „Erhabene[s]“ 17 , in Gestalt des Meeres, welches sich weitläufig und pompös, fast Furcht einflößend in die Weite erstreckt und alles in seinem Sogkreis berauscht. Gleichzeitig ist sein Antlitz grau, steinig und trümmerübersät, was das Erscheinungsbild des Asphalts suggeriert.
Von hier an konzentrierte sich das „deutschsprachige Großstadtgedicht des 20. Jahrhunderts“ 18 zunehmend auf Berlin und eröffnete in den 1920er Jahren eine breit gefächerte Variation an Umsetzungen. Das expressionistische Jahrzehnt führte die eigentliche „Metamorphose des Worts ‚Asphalt’“ 19 herbei, hin zu einer der
14 Vgl. ebd.
15 Vgl. Okroy 2003: 255.
16 Vgl. ebd.
17 Göbel 1999: 172.
18 Göbel 1999: 161.
19 Okroy 2003: 255.
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Annika Onken, 2011, Der Urtyp der Asphaltliteratur - Berlin vs. Provinz, München, GRIN Verlag GmbH
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