Berger und Luckmann definieren in ihrer Lektüre „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ nicht nur den Begriff Objektivation, sondern sie beschreiben mit dieser Begrifflichkeit auch die Wirklichkeit der Alltagswelt: „Die Wirklichkeit der Alltagswelt ist nicht nur voll von Objektivationen, sie ist vielmehr nur wegen dieser Objektivationen wirklich“ (Berger/Luckmann, 2010: 37). Demnach besteht der Alltag aus Objektivationen, wird durch Objektivationen wirklich und somit sind Objektivationen auch allgegenwertig zu sehen. Das Zitat von Berger und Luckmann weist auf einen enormen Einfluss der Objektivationen in der Gesellschaft hin. Vor diesem Hintergrund soll die folgende Diskussion den Begriff Objektivation näher erklären und die Wirkung der Objektivationen in der Gesellschaft beschreiben. Im Mittelpunkt des Essays steht somit die Forschungsfrage: Was sind Objektivationen, wie funktionieren sie und was bewirken diese?
Unter Objektivationen werden nach Berger und Luckmann „dauerhafte Indikatoren subjektiver Empfindungen“ (ebd.:36) verstanden. Subjektive Empfindungen sind psychische Merkmale, wie Freude, Angst, Sorgen und so weiter, die jedoch die Vis-àvis-Situation nicht überdauern und somit ausschließlich in der Vis-à-vis-Situation begriffen werden können, also lediglich im „Hier“ und „Jetzt“ und somit nicht dauerhaft. Dauerhaft meint jedoch, dass die subjektiven Empfindungen über die Vis-àvis-Situation hinaus gehen. Wie lässt sich das vereinbaren? Das lässt sich dadurch vereinbaren, dass Ausdrucksbewegungen vergegenständlicht werden. Durch Objekte, Zeichen, Verschriftlichungen, Bilder und durch Artefakte werden subjektive Empfindungen auch in Abwesenheit des Gegenübers fassbar gemacht. Das bedeutet, dass die Akteure sich nicht mehr direkt face to face gegenüberstehen müssen, um subjektive Empfindungen einer anderen Person gegenüber verständlich zu machen, beziehungsweise subjektive Empfindungen Anderer wahrzunehmen. Subjektive Empfindungen, werden somit durch die Kraft der Objektivation zu dauerhafte Indikatoren, welche auch über die Grenzen von Raum und Zeit weitergegeben werden können. Das menschliche Ausdruckvermögen reicht somit über die Vis-à-vis-Situation hinaus. Sie sind Resultate menschlichen Verhaltens, die verstanden werden. (vgl. Berger/Luckmann 2010: 36f) Berger und Luckmann sprechen von der „Ablösbarkeit“
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vom unmittelbar subjektiven Mich- beziehungsweise Sich- Ausdrücken können“ (ebd. : 38).
Als besondere Form der Objektivationen beschreiben Berger und Luckmann das Zeichen. Das Zeichen wird nach den Autoren als ausdrücklicher Hinweis auf subjektiv Gemeintes definiert. Hinzuzufügen ist, dass das Zeichen in einer Gesellschaft institutionalisiert sein muss, damit es als Objektivation gesehen werden kann. Denn durch die Institutionalisierung erhalten Objektivationen, und dem entsprechend auch Zeichen, einen Sinn. (vgl. ebd.: 99) Nach Berger und Luckmann werden vier Arten von Zeichensystemen, nämlich das gestische und das mimische Zeichensystem, die Systeme von Körperbewegungen und Artefakten (vgl. ebd. 38) unterschieden, welche im nachstehenden Text aufgezählt werden und durch Ideen des Autors ergänzt werden:
Das gestische Zeichensysteme: z. B. das Signal eines Schiedsrichters durch die rote Karte. Diese Geste stellt einen ausdrücklichen Hinweis auf subjektiv Gemeintes dar, wird von Jedermann verstanden, die eine gemeinsame Geschichte der gestischen Zeichensysteme haben und reicht über die Vis-à-vis-Situation hinaus. Somit kann das gestische Zeichen als Objektivation gesehen werden.
Mimische Zeichensysteme, das Mienenspiel der Gesichtsoberfläche: Hier sprechen die Augen und das Gesicht. Ein langweiliger Blick oder ein Staunen lassen den Gefühlszustand des Gegenübers zwar erahnen, jedoch stellt sich hier die Frage, inwieweit das Erkennen der Gefühle des Vis-à-vis tatsächlich gegeben ist. Ein langweiliger Blick könnte auch ein Ausdruck für Müdigkeit, oder für Überforderung einer Situation darstellen, also ein Abschalten der Impulse zur Aufnahmefähigkeit der Vis-à-vis-Situation. In diesem Zusammenhang weist der Autor auf die gegebene Vis-à-vis-Situation der mimischen Zeichensysteme hin und hinterfragt, inwiefern das mimische Zeichensystem tatsächlich eine Objektivation darstellt. Hat das mimische Zeichensystem allein in gezeichneter Form die Kraft der Objektivation? Um das Problem zu klären, ist hier auf das Zitat von Berger und Luckmann hinzuweisen: Das Zeichen ist objektiv erfassbar und „für den Zeichengeber selbst ist es ein
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objektives >>Andenken<< an die ursprüngliche Absicht“ (ebd.:38). Auf Grund dessen kann im Sinne eines mimischen Zeichensystems von einer Objektivation ausgegangen werden.
Systeme von Körperbewegungen: wie der Handschlag einer Begrüßung. Der Gruß ist eine Institutionalisierung, hat somit Sinn und wird demnach verstanden. Hier wird ein ausdrücklicher Hinweis auf subjektiv Gemeintes gegeben und eine darauffolgende Reaktion ist ersichtlich und voraussehbar. Der Gruß ist somit objektiv erkennbar. Jedoch ist hier anzumerken, dass eine gemeinsame Kultur der Systeme von Körperbewegungen eine Voraussetzung zum Verständnis der Objektivation ist.
Systeme von Artefakten: wie Sehenswürdigkeiten und weiter Kunstwerke (vgl.:38). Artefakten stellen sich als eindeutige Objektivationen dar. Sie sind objektiviert und haben die Fähigkeit Ort und Zeit zu überspringen. Jedoch sind sie nicht immer selbsterklärend und müssen erst auf ihre Sinnhaftigkeit der subjektiven Empfindung untersucht und verstanden werden. Hier verdeutlichen die zwei Autoren die Schwierigkeit des Verstehens anhand der Archäologie. Bei einem gesetzten Zeichen handelt es sich also eindeutig um Objektivationen. Diese Beispiele zeigen aber deutlich, dass unterschiedliche Arten von Zeichensystemen auch unterschiedlich objektiviert sind und dass für das Verstehen der Objektivation eine gemeinsame Historizität zugrunde liegen muss, sodass das Zeichen auch als Zeichen verstanden wird und damit die gewünschte Wirkung des objektiven Andenkens erzielt werden kann. Mit dieser Voraussetzung ist das Zeichen ein ausdrucksstarkes Phänomen und hat die Kraft Raum und Zeit zu überspringen. Man denke nur an die Höhlenmalerei die Zeitepochen überwunden haben. Hier wurden subjektive Empfindungen ca. 2,5 Mio. v. Chr. manifestiert und von Generation zu Generation über lokale Grenzen hinweg weitergegeben.
Eine besondere Form der Zeichen wurde noch nicht erwähnt, nämlich die Sprache. Was zeichnet die Sprache nach Berger und Luckmann aus? Die Sprache ist ein multiples System. Ihre Eigenschaften sind so vielseitig, dass sie als Sonderform der Zeichen dargestellt werden kann. Die Sprache gründet sich zwar in der Vis-à-vis-Situation, jedoch kann sie im Gegensatz zu den anderen Zeichen leichter von der
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Arbeit zitieren:
Master of Arts in Social Sciences (MA) Tanja Alexa, 2011, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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