Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 4
1. Talent’, Begabung’, Leistung’: Definitionen der Schlüsselbegriffe 4
2. Autorität und Begabung 5
3. Marie von Ebner-Eschenbach: „Der Vorzugsschüler“ (1901) 6
3.1 Die Beziehung zwischen Vater und Sohn 6
3.2 Die Darstellung der Schule 9
3.3 Das Verhältnis von Talent und Fleiß sowie Künstler- und Beamtentum 10
4. Emil Strauß: „Freund Hein“ (1902) - Ein Vergleich 13
III. Schluss 17
IV. Literaturverzeichnis 18
1. Werke 18
2. Forschungsliteratur 18
3. Internetquellen 19
I. Einleitung
Das ausgehende 19. und den Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichnet das Bestreben der Pädagogik, die dem Kind eigenen Wesenszüge bei der Erziehung in den Vordergrund zu stellen. Galten Kinder vordem als „kleine Erwachsene“, wird nun die Kindheit als eigenständiger Lebensabschnitt anerkannt.
Die in der vorliegenden Arbeit behandelten Werke, Marie von Ebner-Eschenbachs „Vorzugsschüler“ und Emil Strauß’ „Freund Hein“ befassen sich mit eben dieser Entwicklungsphase, in der sich der individuelle Charakter des Kindes auszubilden beginnt und mit ihm auch Interessen, Fähigkeiten und Talente. Um Letztere soll es in dieser Arbeit gehen. Dabei wird in Augenschein genommen, wie das Talent präsentiert wird, welche Entwicklung es erfährt und wie auf die Begabung reagiert wird. Die Familie des Kindes sowie die Gesellschaft, mit der es spätestens in der Schule konfrontiert wird, sorgen hierbei für Konfliktpotential: Die Frage nach dem, was für das Kind wichtig ist, wird sowohl von den Erziehungsmaximen der Väter als auch von den Anforderungen der Leistungsgesellschaft bestimmt - der Wunsch des Kindes nach freier Entfaltung muss zwischen diesen beiden Polen zwangsläufig auf Probleme treffen. Nach einer Übersicht über die Bedeutung der zentralen Begriffe ‚Talent’, ‚Begabung’ und ‚Fleiß’ sowie über das Verhältnis von schulischer und familiärer Autorität zum Talent analysiert die vorliegende Arbeit diese Problematik anhand des Gegensatzes zwischen musikalischem Talent und schulischen Anforderungen.
3
II. Hauptteil
1. ‚Talent’, ‚Begabung’, ‚Leistung’: Definitionen der Schlüsselbegriffe Unser heutiges Verständnis von ‚Talent’ geht zurück auf die „Endzeitrede: Gleichnis von den anvertrauten Talenten“ 1 des Neuen Testaments. Das einem Menschen von Gott im Vertrauen gegebene Talent soll dieser gemäß der Menge, die er empfangen hat, vermehren 2 . Durch das biblische Gleichnis wird die frühe lateinische und griechische Bedeutung ‚Gewichtseinheit’ nun jedoch zu „von Gott anvertraute Fähigkeiten“ 3 umgewandelt. In diesem Sinne verzeichnet das „Deutsche Wörterbuch“, ein Talent sei eine „geistige oder auch körperliche grosze befähigung, die naturgabe, das kunstgeschick“ 4 . Dies stimmt mit der aktuellen Definition des „Duden“ überein 5 . Hervorgehoben wird von beiden Wörterbüchern, dass sich ein Talent meist auf den künstlerischen Bereich bezieht. Das „Lexikon der Psychologie“ hingegen liefert eine allgemeinere Definition des Begriffs: „Begabung, besondere Veranlagung zu Tätigkeiten und Leistungen (Hochbegabung).“ 6
Unter ‚Begabung’ versteht das „Lexikon der Psychologie“ „angeborene Fähigkeiten“ 7 , die zu überdurchschnittlichen Leistungen führen. 8 Die mathematische und die künstlerische Begabung, die für die folgende Textanalyse eine Rolle spielen werden, gehören laut des ungarischen Psychologen Géza Révész zur Gruppe der produktiven Begabungen, die sich meist sehr früh im Leben äußern. 9 Die Entwicklungspsychologie nahm Ende des 19. Jahrhunderts an, Begabung sei vererbbar. Heute hingegen wird davon ausgegangen, dass sie sich durch „umweltbezogene[] Anregungen“ 10 verändern kann. Friedrich Arntzen betont die Wichtigkeit so genannter „Stützfunktionen“, die die Begabung fördern und zu „umfassenden Leistungen“ 11 führen. Er weist jedoch auch darauf hin, dass Begabungsmängel gegen Nachhilfe und außerschulisches Lernen weitestgehend resistent sind. 12 Der Begriff der ‚Leistung’ steht in einem engen Verhältnis zur Anstrengung und zum Fleiß: „Mit wachsender Anstrengung steigt zunächst die Leistung an, nimmt aber nach
1 Vgl. Endzeitrede, Matthäus 25,14-30.
2 Vgl. Deutsches Wörterbuch, Artikel „Talent“, 2. Bedeutung.
3 Etymologisches Wörterbuch, Artikel „Talent“.
4 Deutsches Wörterbuch, Artikel „Talent“, 3. Bedeutung.
5 Vgl. Duden, Artikel „Talent“, Bedeutung 1a: „Begabung, die jmdn. zu ungewöhnlichen bzw. überdurchschnittlichen Leistungen auf einem bestimmten, bes. auf künstlerischem Gebiet befähigt.“
6 Lexikon der Psychologie, Artikel „Talent“.
7 Ebd., Artikel „Begabung“.
8 Diese Definition stimmt mit der von Révész überein. Vgl. Révész, Talent und Genie, S. 19.
9 Vgl. ebd., S. 27-29 und 33. Die produktive Begabung definiert sich über ein wiederholtes Schöpfen von Neuem.
10 Lexikon der Psychologie, Artikel „Begabung“.
11 Arntzen, Begabungspsychologie, S. 35. Stützfunktionen sind unter anderem der eigene Antrieb, die Steuerungsfähigkeit, die Aufgeschlossenheit und das Interesse.
12 Vgl. ebd., S. 44.
4
Erreichen des Leistungsmaximums trotz weiter steigender Anstrengung wieder ab.“ 13 Die Leistung dient dazu, eine Begabung zu offenbaren, da diese im Gegensatz zu jener nicht „offen zu Tage liegt“ und somit „auf indirektem Wege erschlossen werden“ muss. 14
2. Autorität und Begabung
Kinder und Jugendliche des beginnenden 20. Jahrhunderts unterstehen sowohl der schulischen als auch der väterlichen Autorität. Der Gehorsam und das Einfügen in die hierarchische Ordnung der Gesellschaft bzw. der Familie spielen eine wichtige Rolle: Sie sollen den „Eigenwille[n] des Kindes“ 15 brechen und an dessen Stelle einen „inneren Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung“ 16 setzen. So wird ein passiver Nachwuchs geschaffen, der die gesellschaftlichen und familiären Autoritätsstrukturen nicht hinterfragt 17 , im Gegenteil: Bei schulischen Misserfolgen suchen die Kinder und Jugendlichen den Fehler bei sich selber und führen sie auf „mangelnde Begabung“ 18 zurück. Oft versuchen die Eltern, den Fehlleistungen der Kinder mit einem Lernzwang entgegen zu wirken. Hinzu kommt, dass sie schlechte Schulnoten häufig auf sich selbst rückbeziehen und beim Kind durch ihre Enttäuschung Schuldgefühle auslösen. 19 Folglich muss ein Kind nur dann keine Angst vor der Reaktion der Eltern haben, wenn es ihre Erwartungshaltung befriedigt. Nur durch gute Noten kann es beweisen, dass es begabt oder zumindest fleißig genug ist. So signalisiert das Kind auch der Schule, dass es die vom Staat „erwünschte[] Lebenshaltung“ 20 umsetzt und zu einem nützlichen Staatsbürger wird.
Andere Fähigkeiten hingegen werden von den Eltern und der Schule negativer aufgefasst als die schulischen. Dies betrifft vor allem künstlerische und literarische Begabungen, „denen man die Betätigungsmöglichkeit lange Zeit zu nehmen versuchte“ 21 , da sie in den Augen der Eltern oft als nicht „‚seriös’“ 22 erschienen. Der Wunsch, vor allem der Väter, dass ihre Kinder die Karriereleiter höher steigen als sie selbst, beinhaltet auch die Forderung nach einer vernünftigen Berufswahl, die in der „leistungsbezogene[n] moderne[n] Gesellschaft“ 23 nicht im künstlerischen Bereich angelegt ist.
13 Lexikon der Psychologie, Artikel „Anstrengung“.
14 Arntzen, Begabungspsychologie, S. 25.
15 Studien über Autorität und Familie, S. 50.
16 Ebd.
17 Vgl. ebd., S. 51 und 56.
18 Ebd., S. 59.
19 Vgl. Noob, Schülerselbstmord, S. 74 und S. 118f.
20 Schachtel, Recht der Gegenwart, in: Studien über Autorität und Familie, S. 587-642, hier S. 620.
21 Arntzen, Begabungspsychologie, S. 43.
22 Ebd.
23 Li, Motiv der Kindheit , S. 126.
5
3. Marie von Ebner-Eschenbach: „Der Vorzugsschüler“ (1901) 24
3.1 Die Beziehung zwischen Vater und Sohn
Offizial Pfanner, Georgs Vater, wird im Text als dürrer, kleiner Mann mit „klugen Augen“ (VS 154) beschrieben, dessen schwarzer Schnurrbart ihm einen militärischen Ausdruck verleiht (vgl. ebd.). Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat keine umfassende Schulbildung erhalten (vgl. VS 165). Trotzdem hat er eine Frau aus „gute[m] und damals fast reiche[m] Hause“ geheiratet (VS 164). Dem Vater ist es sehr wichtig, seiner armen Herkunft zu entkommen und ein besseres Leben zu führen. Die „klugen Augen“ im strengen Gesicht symbolisieren diesen Wunsch. 25 Gleichzeitig spiegelt sich in seinem militärischen Gesichtsausdruck sein Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen und sich selber: „Er war er, und außer ihm war die Pflicht, und diesen beiden Mächten unterstand die Welt, die er begriff.“ (VS 165) Ihn kennzeichnet ein hohes Pflichtbewusstsein gegenüber seinem Beruf, dem er auch zu Hause noch bis spät in den Abend hinein nachgeht, um die Karriereleiter höher zu steigen (vgl. VS 153 und 166). Als Beamter der „k. u. k. österreichischen Staatsbahn“ (VS 154) ist er der Hauptverdiener der Familie. 26 Vater, Mutter und Sohn leben, arbeiten und schlafen im selben Zimmer (vgl. VS 168); der Speisetisch ist zugleich Arbeitstisch (vgl. VS 152). Die einfachsten menschlichen Bedürfnisse sind immer mit Beruf und Schule verbunden. Diese Atmosphäre, die durch Arbeit und Strebsamkeit gekennzeichnet ist, wirkt sich auch auf Georg aus 27 : Er macht abends noch seine Hausaufgaben, eine Pflicht, die er mit Fleiß ausführen muss, hängen doch von seinen Schulnoten „Wohl und Weh des Hauses“ und das Wohlergehen seiner Mutter ab (VS 152). Diese wird immer dann zur Rechenschaft gezogen, wenn Georg dem Vater nicht fleißig genug erscheint (vgl. ebd.). Außerdem vertritt der Vater die Auffassung, Kinder würden zur „Last und Schande der Eltern“ (VS 173) werden, wenn sie zu schwache Leistungen
24 Zitiert wird nach Ebner-Eschenbach, Marie von: Der Vorzugsschüler, in: Unter dem Rohrstock. Schülerleben um 1900. Eine Anthologie, hg. v. Thomas Kastura, München 2000, S. 152-195. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle „VS“ im Text nachgewiesen.
25 Vgl. Ries, Sezession, S. 56.
26 Er sieht es nicht gerne, wenn seine Frau durch Konfektionsarbeiten etwas dazu verdient (vgl. VS 164). Dies könnte seine Autorität und somit auch sein Selbstbewusstsein schmälern: Konnte er schon keine finanziellen Mittel in die Ehe mit einbringen, so will er sich zumindest über seinen außerordentlichen Fleiß Respekt verschaffen und sich beweisen, dass er eine Familie ernähren kann.
27 Diese Atmosphäre verflüchtigt sich nur, wenn der Vater nicht zu Hause ist. Dann werden Arbeit und Fleiß durch eine „traut[e] und freundlich[e]“ (VS 168) Stimmung ersetzt und die Natur erhält in Form von Veilchensträußen und sauberer Luft Einzug in die Wohnung (vgl. ebd.). Auch die Schule hat zwischen Mutter und Sohn keinen Platz: Georg wirft „die Schultasche in weitem Bogen auf das Sofa“ (VS 169) und die Gedanken an die Zukunft werden verdrängt (vgl. ebd.). Diese Momente sind die einzigen, in denen sich Georg zu Hause wohl fühlt und nicht dem Druck ausgesetzt ist, den sein Vater auf ihn ausübt.
6
Arbeit zitieren:
Jana Aßmann, 2010, Talent und Leistung in Familie und Schule um 1900 am Beispiel von Marie von Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler" unter Berücksichtigung von Emil Strauß' "Freund Hein", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: neuer Titel erschienen: Talent und Leistung in Familie und Schule um 1900 am Beispiel von Marie von Ebner-Eschenbachs "Der Vorzugsschüler" unter Berücksichtigung von Emil Strauß' "Freund Hein"
Jana Aßmann hat einen neuen Text hochgeladen
"Auf dass es nie vergessen werde!" Die Psychatrie im Nationalsozialism...
Joergen Mattenklotz
Die Ansiedlung in der Batschka, Flucht und Vertreibung am Beispiel mei...
Peter Hirschenberger
Wie wir in der digitalen Welt ...
Sherry Turkle, Joannis Stefanidis
0 Kommentare