Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Das Konzept der Heterotopie bei Michel Foucault und Henri Lefèbvre 5
III. Berliner Heterotopien 8
1. Unterkünfte 8
a) Das Obdachlosenheim 8
b) Das Kunstasyl 10
c) Das Dampfbad 12
2. Cafés, Kneipen, Lokale 14
a) Kaschemmennächte 14
b) Flüchtlingscafés 17
IV. Fazit 19
V. Literaturverzeichnis 20
1. Werke 20
2. Forschungsliteratur 20
3. Internetquellen 21
I. Einleitung
Joseph Roth zieht im Juni 1920 von Wien nach Berlin, das spätestens seit den 1870er Jahren von seinen Bewohnern als „Weltstadt“ bezeichnet wird. 1 Dort möchte er seine journalistische Karriere, die noch in den Anfängen steht, weiter ausbauen und schreibt zu diesem Zweck für das Feuilleton verschiedener Zeitungen. 2 Roth erlebt die Stadt in einer historischen Umbruchphase: Die Folgen des Ersten Weltkriegs, der im Vertrag von Versailles festgelegten Reparationszahlungen und des nur langsam voranschreitenden Abbaus von Lebensmittelrationen machen sich vor allem in der Hauptstadt der Weimarer Republik bemerkbar. Armut und soziales Elend kennzeichnen den Alltag vieler Menschen in Berlin 3 , das im Oktober desselben Jahres aufgrund des Beschlusses zur Schaffung von Groß-Berlin auf vier Millionen Einwohner anwächst. 4 Roth widmet sich in seinen Reportagen vermehrt denjenigen, denen diese „Krisenjahre zu Beginn der 1920er Jahre“ 5 am meisten geschadet haben. Dafür sucht er die abgelegenen und teilweise versteckten Orte auf, an denen sich die Menschen aufhalten, die weder Arbeit noch eine Wohnung haben, ihr Leben durch illegale Tätigkeiten finanzieren oder aus politischen und sozialen Gründen nach Berlin geflüchtet sind. Seine Art der feuilletonistischen Kulturberichterstattung gleicht somit einer Sozialreportage. 6 Das Aufsuchen von oftmals übersehenen Orten und die detaillierte Erfassung ihrer Besonderheiten führt dazu, dass sich Roth mit der Zeit „ein eigenes Stadtbild“ 7 von Berlin schafft. In der vorliegenden Arbeit wird der Versuch unternommen, diese Orte in ihrem Wesen und ihrer Funktion für die Großstadt Berlin und ihre Bewohner näher zu beschreiben. Anhand der Theorien von Michel Foucault und Henri Lefèbvre soll nachgewiesen werden, dass es sich bei den von Joseph Roth besuchten Asylorten um so genannte „Heterotopien“ bzw. „Hetero-Topien“ handelt, die zur Heterogenität und Diversität Berlins beitragen und bestimmten sozialen Gruppen zugeordnet werden können. Zu diesem Zweck wird zunächst unter Berücksichti-
1 Vgl.MANN, Golo: Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. 1992, S. 399. Auf den Text wird im Folgenden mit dem Kürzel „MANN, Deutsche Geschichte“ Bezug genommen.
2 Vgl. PRÜMM, Karl: Die Stadt der Reporter und Kinogänger bei Roth, Brentano und Kracauer. Das Berlin der zwanziger Jahre im Feuilleton der ‚Frankfurter Zeitung‘, in: Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne, hg. v. Klaus R. Scherpe, Hamburg 1998, S. 80-105, hier: S. 83. Auf den Aufsatz wird im Folgenden mit dem Kürzel „PRÜMM, Stadt der Reporter“ Bezug genommen.
3 Vgl. „1918-1933. Hunger und soziales Elend“ unter: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/kunst/hunger/ index.html [26.08.2010].
4 Vgl. BECKER, Sabina: Urbanität und Moderne. Studien zur Großstadtwahrnehmung in der deutschen Literatur 1900-1930, St. Ingbert 1993 (Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft, Band 39), S. 27. Auf den Text wird im Folgenden mit dem Kürzel „BECKER, Urbanität“ Bezug genommen.
5 SCHARNOWSKI, Susanne: „Berlin ist schön, Berlin ist groß“. Feuilletonistische Blicke auf Berlin: Alfred Kerr, Robert Walser, Joseph Roth und Bernard von Brentano, in: „Weltfabrik Berlin“. Eine Metropole als Sujet der Literatur. Studien zu Literatur und Landeskunde, hg. v. Matthias Harder und Almut Hille, Würzburg 2006, S. 67-82, hier: S. 69.
6 Vgl. PRÜMM, Stadt der Reporter, S. 81.
7 Ebd., S. 82.
3
gung der Denkansätze von Foucault und Lefèbvre das Konzept der Heterotopie erläutert. In einem zweiten Schritt sollen Joseph Roths Reportagen in Hinblick auf diese Theorien untersucht werden, um zu verdeutlichen, dass die Großstadt Berlin ein zutiefst heterogenes Areal ist, in dem unterschiedliche Räume in Kontrast zueinander treten, sich überlagern oder parallel existieren. Dabei soll der Fokus nicht darauf gelegt werden, wie Roth die sozialen Missstände, deren Zeuge er wird, bewertet, sondern vielmehr, wie er die aufgesuchten Räume beschreibt und wahrnimmt.
4
II. Das Konzept der Heterotopie bei Michel Foucault und Henri Lefèbvre
In seinem Vortrag „Von anderen Räumen“ aus dem Jahr 1967 bezeichnet Michel Foucault das 20. Jahrhundert als ein „Zeitalter des Raumes“ 8 , in dem die Lage eines jeden Ortes nur anhand von Nachbarschaftsrelationen zu anderen Orten und Räumen erschließbar wird. 9 Foucault interessiert sich dabei insbesondere für die Utopien und Heterotopien, die beide zwar eine Beziehung mit allen übrigen Räumen eingehen, diese jedoch im selben Moment aufheben oder kontrastieren. 10 Während es sich bei Utopien um irreale Wunschräume handelt, definiert Foucault Heterotopien als
reale, wirkliche, zum institutionellen Bereich der Gesellschaft gehörige Orte, die gleichsam Ge-genorte darstellen, tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden. Es sind gleichsam Orte, die außerhalb aller Orte liegen, obwohl sie sich durchaus lokalisieren lassen. 11
Diese Gleichzeitigkeit von engem Bezug und Kontrast zu den übrigen Räumen sucht Foucault durch eine Analyse der verschiedenen Eigenschaften von Heterotopien näher zu erläutern. Heterotopien sind ein Kulturen übergreifendes Phänomen. Ihre jeweiligen Erscheinungsbilder und Funktionsweisen unterliegen dabei dem Wandel der Zeit. Foucault stellt zwei Haupttypen heraus: die Krisen- und die Abweichungsheterotopien. Erstere bezeichnen besondere Aufenthaltsorte von Menschen in einer temporären, meist biologisch bedingten Krisensituation 12 , die sie von ihrem sozialen Umfeld abgrenzt. Sie kommen jedoch hauptsächlich in „‚primitiven‘ Gesellschaften“ 13 vor und werden im 20. Jahrhundert laut Foucault durch die Abweichungsheterotopien ersetzt. Diese Orte sind für Menschen vorgesehen, die durch ihr Verhalten dauerhaft von der gesellschaftlichen Norm abweichen. 14 In heterotopischen Räumen können verschiedene, sonst nicht miteinander in Einklang zu bringende Räume zugleich
8 FOUCAULT, Michel: Von anderen Räumen, in: ders.: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits, hg. v. Daniel Defert und François Ewald, Bd. IV: 1980-1988, Frankfurt a. M. 2005, S. 931-942, hier: S. 931. Auf den Aufsatz wird im Folgenden mit dem Kürzel „FOUCAULT, Räume“ Bezug genommen.
9 Vgl. ebd., S. 932.
10 Vgl. ebd., S. 934f.
11 Ebd., S. 935. Ursprünglich handelt es sich bei der Heterotopie um ein Phänomen aus der Medizin: Es bezeichnet einen „an unüblicher Stelle des Körpers od. von Organen ablaufende[n] Vorgang“ bzw. die „Bildung von Gewebe od. Körperteilen an atypischer Stelle“ (DUDEN Deutsches Universalwörterbuch, hg. v. der Dudenredaktion 6., überarb. u. erw. Aufl., Mannheim 2007, S. 810, Artikel „Heterotopie“). Foucault überträgt den Begriff in die Literatur- und Kulturwissenschaft, weitet jedoch seine Bedeutung aus: Nicht mehr nur im Körper können sich atypische Elemente befinden, sondern im Raum generell.
12 Vgl. FOUCAULT, Michel: Die Heterotopien, in: ders.: Die Heterotopien. Les hétérotopies. Der utopische Körper. Le corps utopique. Zwei Radiovorträge, Frankfurt a. M. 2005, S. 7-22, hier: S. 12. Der Aufsatz erschien erstmals im Dezember 1966 und diente Foucaults Vortrag von 1967 als Vorlage. Auf den Aufsatz wird im Folgenden mit dem Kürzel „FOUCAULT, Heterotopien“ Bezug genommen.
13 FOUCAULT, Räume, S. 936. Beispiele für Krisenheterotopien sind das Verlegen menstruierender oder gebärender Frauen in andere Räume. Der Begriff ‚primitiv‘ ist jedoch irreführend, denn auch ein moderner Kreißsaal muss nach Foucaults Kriterien in diese Kategorie eingeordnet werden.
14 Vgl. ebd., S. 936f. Als Beispiele nennt Foucault u. a. Gefängnisse und Psychiatrien.
5
bestehen, wie z. B. im traditionellen persischen Garten, der eine Abbildung der Welt im Kleinen darstellt. Dieses Merkmal macht die Verknüpfung der Heterotopie mit allen anderen Orten deutlich. Oft geht sie mit einer Heterochronie einher: Innerhalb der Heterotopie herrscht ein bestimmtes Zeitverständnis, das mit demjenigen im übrigen Raum nicht konvergiert. 15 So ist es z. B. in Museen, die der Akkumulation von Gegenständen aus den unterschiedlichsten Epochen dienen, oder auf Jahrmärkten, die „Orte einer geradezu festlich begangenen flüchtigen Zeit“ 16 sind. Auch Heterotopien, die mit „dem Übergang, der Verwandlung, den Mühen der Fortpflanzung“ 17 verbunden sind, zählen dazu. All diesen Räumen ist gemeinsam, dass sie einen Eintritts- und Ausschlussmechanismus besitzen, der den Zugang zur Heterotopie sowie ihre Abgrenzung von den übrigen Räumen gewährleistet. Der Zutritt wird nur denjenigen ermöglicht, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen und Regeln beachten. 18 Diese Merkmale, die Foucault als ‚Grundsätze‘ bezeichnet, verweisen vor allem auf die Beschaffenheit von Heterotopien. Foucault befasst sich jedoch auch mit ihrer Funktionsweise. Sie können einerseits einen „paradiesischen“ 19 Illusionsraum darstellen, der von den Menschen jedoch nicht als solcher durchschaut wird. Im Gegenteil: Der alltägliche Raum wird nun als noch größere Illusion angesehen. Heterotopien können jedoch auch der Kompensation dienen. Einen solchen Ort suchen die Menschen bewusst auf, da an ihm, im Gegensatz zum übrigen Raum, eine perfekte Ordnung herrscht. 20
Henri Lefèbvre überträgt das Konzept der Anderen Räume auf die Beschreibung von Großstadtstrukturen. Die Existenz von „Hetero-Topien“ 21 hängt bei ihm eng mit der „Ära der Verstädterung“ 22 zusammen. Laut Lefèbvre bewirkt das Städtewachstum während der Industrialisierung, dass die Stadt nicht mehr als ein Ganzes angesehen wird, so wie es im 16. und
15 Vgl. HASSE, Jürgen: Übersehene Räume. Zur Kulturgeschichte und Heterotopologie des Parkhauses, Bielefeld 2007, S. 78. Auf den Text wird im Folgenden mit dem Kürzel „HASSE, Übersehene Räume“ Bezug genommen.
16 WARNING, Rainer: Pariser Heterotopien. Der Zeitungsverkäufer am Luxembourg in Rilkes ‚Malte Laurids Brigge‘, München 2003 (Bayerische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, Sitzungsberichte, Jahrgang 2003, Heft 1), S. 6. Auf den Text wird im Folgenden mit dem Kürzel „WARNING, Pariser Heterotopien“ Bezug genommen.
17 FOUCAULT, Heterotopien, S. 17.
18 Vgl. FOUCAULT, Räume, S. 938-940. Bei diesem Grundsatz ist dem Übersetzer Michael Bischoff ein Fehler unterlaufen: Anstatt das Substantiv „hétérotopies“ in dem Satz „Il y a même d'ailleurs des hétérotopies qui sont entièrement consacrées à ces activités de purification […].“ (FOUCAULT, Michel: Des espaces autres, in: ders.: Dits et ecrits, hg. v. Daniel Defert, Bd. IV: 1980-1988, Paris 1994, S. 752-762, hier: S. 760) mit „Heterotopien“ zu übersetzen, heißt der Satz bei Bischoff: „Anderswo gibt es sogar Heteronomien [Hervorhebung von J. A.], die ganz der Reinigung dienen […].“ (FOUCAULT, Räume, S. 940) In der entsprechenden Passage von Foucaults Radiovortrag aus dem Jahre 1966 übersetzt Bischoff jedoch korrekt: „Es gibt sogar Heterotopien [Hervorhebung von J. A.], die ganz der Reinigung dienen […].“ (FOUCAULT, Heterotopien, S. 18)
19 HASSE, Übersehene Räume, S. 79.
20 Vgl. FOUCAULT, Räume, S. 941 und WARNING, Pariser Heterotopien, S. 6.
21 Vgl. LEFÈBVRE, Henri: Die Revolution der Städte, München 1972, S. 45. Auf den Text wird im Folgenden mit dem Kürzel „LEFÈBVRE, Revolution“ Bezug genommen.
22 Ebd., S. 42.
6
Arbeit zitieren:
Jana Aßmann, 2010, Heterotopien der Großstadt: Joseph Roths Feuilleton-Reportagen und die Asyle Berlins in den 1920er-Jahren, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: neuer Titel erschienen: Heterotopien der Großstadt: Joseph Roths Feuilleton-Reportagen und die Asyle Berlins in den 1920er-Jahren
Jana Aßmann hat einen neuen Text hochgeladen
Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
Johann Gottfried Seume, Albert Meier, Karl-Friedrich Schäfer
Lauschige Orte - Wo Berlin romantisch ist
Wo Berlin romantisch ist
Julia Brodauf, Klaus Scheddel
0 Kommentare