Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG - 1 -
II. DIE INTERPRETATIONSTECHNIK DER OBJEKTIVEN HERMENEUTIK - 2 -
III. FALLINTERPRETATION: - 4 -
a. FALLBESTIMMUNG - 4 -
b. TEXTINTERPRETATION - 4 -
c. STRUKTURHYPOTHESEN - 7 -
IV. FAZIT - 10 -
LITERATURVERZEICHNIS - 12 -
ANHANG ............................................................................................................................... - 13 -
Einleitung
„Lehrer lernt man, indem man Schüler war“ (Ohlhaver 1999, S. 11) diese oder ähnliche Meinungen hört man häufig, wenn man berichtet, sich in der Lehrerausbildung zu befinden. Ein guter Lehrer zu sein oder zu werden hat aber in erster Linie nichts damit zu tun, seine Lehrer zu kopieren. Vielmehr heißt es auch die Fähigkeit zu besitzen, sein Handeln immer wieder kritisch zu beurteilen und zu hinterfragen, indem man spezielle Szenen und Handlungsmuster unter Berücksichtigung bestimmter Theorien und Modelle reflektiert und bewertet. Eine solche Methode der Untersuchung von Lehrer-Schüler-Interaktionen stellt die der objektiven Hermeneutik dar. Sie versucht anhand von Textprotokollen, sog. Wirklichkeitsprotokolle, den latenten Sinn sozialer Interaktionen aufzuzeigen und zu generalisieren. Damit gelingt es Lehrer-Schüler-Interaktionen wissenschaftlich zu untersuchen und ihre Bedeutung zu verstehen. In der folgenden Fallinterpretation stütze ich mich auf die von Andreas Wernet dargestellte Interpretationstechnik der objektiven Hermeneutik, die von Ulrich Oevermann begründet wurde. Unter Anwendung dieser Methodik untersuche ich in dieser Arbeit eine Unterrichtssequenz aus dem Politikunterricht, die mit den Worten „wie muss man sich das vorstellen, ein Guerilla- kampf?John“ beginnt. Anschließend gehe ich der Frage nach, ob diese Interaktion eine typische Lehrer-Schüler-Interaktion darstellt.
Dabei werde ich so vorgehen, dass ich zuerst die Methode der objektiven Hermeneutik und die ihr zugrunde liegenden Interpretationsprinzipien skizziere. Im Anschluss daran folgt die Fallinterpretation als solche. Ich werde verschiedene Lesarten aufzeigen und Anschlussmöglichkeiten an die verschiedenen Lesarten entwickeln. In diesem Zusammenhang stelle ich auch weitere Handlungsmöglichkeiten auf Seiten des Lehrers wie der Schüler auf, um zu verdeutlichen, welche Handlungsstrukturen in dem konkreten Fallbeispiel auftreten aber auch welche Handlungsstrukturen noch denkbar wären. Daran schließt sich die Beurteilung des Falles anhand der Professionalitätsantinomien an. Dabei untersuche ich zum einen welches Verständnis von Schule dem Fall zugrunde liegt, zum anderen aber auch, welche Antinomien professionellen Handelns diesen Fall kennzeichnen und ihn zu einem typischen Beispiel eines Lehrer-Schüler-Verhältnisses klassifizieren. Im Fazit schließlich beschäftige ich mich damit, inwieweit sich die Ergebnisse der Fallinterpretation auf mein persönliches Handeln als Lehrer auswirken werden. Ich bewerte darin auch, ob diese Methode der Fallinterpretation im späteren Alltag als Lehrer eine sinnvolle und nützliche Art der Reflexion einer Unterrichtssituation darstellen kann.
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Die Interpretationstechnik der objektiven Hermeneutik
Die objektive Hermeneutik ist ein von Ulrich Oevermann begründetes Verfahren der Interpretation von Texten. Dabei werden die Texte als Protokolle der Wirklichkeit ver-standen. Dies bedeutet, die soziale Realität wird in den Texten dargestellt und bietet für die Sozialforschung den einzigen methodischen Zugang zur Interpretation sozialer Realität. Es genügt dabei einzelne Texte, also Ausschnitte der Wirklichkeit, zu interpretieren, da dem Verständnis der objektiven Hermeneutik zugrunde liegt, dass sich aus jeder einzelnen konkreten Situation der Wirklichkeit die allgemeinen Strukturen der sozialen Wirklichkeit rekonstruieren, also sich die speziellen Szenen in einen allgemeinen Zusammenhang einbetten lassen. Jede soziale Handlung findet in einer Umgebung aus Regeln statt, diese legen fest, welche Möglichkeiten ein Akteur hat und welche gesellschaftlichen Folgen durch die jeweiligen Handlungsoptionen hervorgerufen werden. Es ist hierbei unerheblich, ob Regeln bei einer Handlungsentscheidung eingehalten oder gebrochen werden. Die Methodik der objektiven Hermeneutik geht von allgemein gültigen Regeln aus und stützt sich in ihrer Interpretation auf genau dieses Regelwissen, um den verborgenen Sinn einer Handlung unabhängig von der Intention aufzuzeigen. Dabei liegt das Besondere einer jeden Handlung darin, dass der Akteur bewusst so handelt und sich für eine Handlungsalternative entscheidet. Dieses Entscheidungsmuster ist nicht beliebig und wird durch die Rekonstruktion der Fallstruktur aufgezeigt. Durch die allgemeingültigen Regeln stellt der untersuchte Fall nie allein einen Einzelfall dar und auch die Auswahl der Entscheidungsmöglichkeiten sind typische Entscheidungs- und Handlungsmuster für eine Situation oder bestimmte Personengruppen. Dadurch steht am Ende jeder Fallinterpretation die Fallgeneralisierung an, um diese Muster bestimmten Situationen und Gruppen zuzuordnen. (Wernet 2000, S. 11-20)
Bei der Vorgehensweise der Interpretation ist es notwendig exakt den protokollierten Wortlaut zu interpretieren, da der Text ein Wirklichkeitsprotokoll darstellt. Dies ist vor allem dann wichtig, wenn zwischen der eigentlichen Intention des Sprechers und dem tatsächlich protokollierten Wortlaut Unterschiede festzustellen sind. Hier verlangt das Wörtlichkeitsprinzip, dass sowohl Intention des Sprechers als auch der sprachlich festgehaltene Wortlaut aufgezeigt und ihre Differenzen herausgearbeitet werden müssen. (Wernet 2000, S. 23ff.)
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Ohne die Kenntnis vom Kontext der zu untersuchenden Sequenz lässt man sich auf die Interpretation ein. Man bildet zuerst wohlgeformte Kontexte einer Sequenz ohne Beachtung der Umstände einer Handlung. Erst in zweiten Schritt tritt das Kontextwissen hinzu. Die zuvor kontextfrei gebildeten Lesarten lassen sich mit der Kenntnis des Kontexts einer Handlung ausschließen oder bestätigen. Dadurch bemerkt man erst, ob Äußerungen in ihrem jeweiligen Kontext wohlgeformt sind oder nicht. (Oevermann, 1980 zit. bei Reichertz, Jo 1997, S. 43)
Die Interpretation eines Textes erfolgt streng nach Ablauf der protokollierten Szene, d.h. bei der Interpretation wird Schritt für Schritt in der chronologischen Reihenfolge vorgegangen. Dabei ist es maßgeblich, dass man Lesarten und Geschichten bildet, wie die protokollierte Szene weitergehen könnte, ohne die Kenntnis über die nachfolgenden Textpassagen. Diese schrittweise Vorgehensweise bei der Textinterpretation, die sogenannte Sequentialität und das Verfahren der Kontextfreiheit verbieten nur, dass bei der Bildung von Lesarten das Wissen um Kontext und den weiteren Verlauf der Szene nicht zur Begründung von Lesarten herangezogen werden dürfen. Allerdings ist es notwendig in einem zweiten Schritt zu überprüfen, ob die zuvor gebildeten Lesarten mit dem Kontext und dem weiteren Verlauf des Textes kompatibel sind oder nicht. Nur dadurch gelingt es, die Besonderheit einer Handlung oder Äußerung in ihrem jeweiligen Kontext aufzuzeigen. (Wernet 2000, S. 27-32)
Grundsätzlich verlangt man von der Interpretation eines Textes, dass der gesamte Text zu interpretieren ist und in seiner Gesamtheit auch ausführlich (Extensivitätsprinzip). Dem Extensivitätsprinzip ist dann genüge getan, wenn alle Lesarten, die sich finden lassen, herausgestellt wurden (Wernet 2000, S. 32ff.). Dem entgegengestellt ist das Sparsamkeitsprinzip. Zwar fordert das Extensivitätsprinzip, dass alle zu findenden Lesarten herausgearbeitet werden müssen, jedoch sind nur solche Lesarten zu konstruieren, die ein-wandfrei mit der Textpassage kompatibel sind und sich auf den konkreten Fall konzentrieren. Solche Geschichten, die allgemein gehalten sind und zu jeder beliebigen Textpassage passen, sind auszusparen (Wernet 2000, S.35f.). Des Weiteren werden nur solche Lesarten gebildet, die als wohlgeformt gelten, vorausgesetzt der Text deutet nicht explizit an, dass eine Regelverletzung im konkreten Fall vorliegt (Oevermann u.a.1979, S. 419). Dabei ist es unerheblich, ob diese Lesarten auch auf den konkreten Fall stimmig sind, wichtig ist nur, dass sie durch den Text überprüfbar sind (Wernet 2000, S. 37).
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Arbeit zitieren:
Yvonne Halter, 2010, "Wie muss man sich das vorstellen, ein Guerillakampf? John.“ Eine Fallinterpretation nach Methode der objektiven Hermeneutik., München, GRIN Verlag GmbH
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