INHALTSVERZEICHNIS
I Einleitung 1
II Trauma und Gedächtnis 3
1. Begriffsklärung 3
2. Psychologische Definition 4
3. Folgen von Traumata 7
4. Traumabewältigung 10
5. Kollektiver Umgang mit Trauma 12
6. Zusammenfassung 16
III Erinnerung und Verdrängung in Beloved 17
1. Die Auswirkungen der Sklaverei auf die Identität
und die Namengebung 17
2. „Rememories“ individueller und kollektiver Traumata 22
2.1. Sethe: „beating back the past“ 22
2.1.1. Mutter-Kind Symbiose 29
2.1.2. Beloved als Sethes traumatisches Symptom 31
2.1.3. Sethes Weg zur Heilung 33
2.2. Beloved als Figur und Symbol 39
2.3. Denvers Entwicklung einer unabhängigen Identität 44
2.4. Paul :D Verlust der Männlichkeit 47
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2.5. Die Rolle und das Verhalten der Gemeinschaft im Rahmen des Kollektiv-Traumas 52
3. Die Grenzen der Sprache 56
IV Die narrative Technik der Autorin 59
V Schlussbemerkung 62
Literaturverzeichnis 64
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I Einleitung
Für Toni Morrison ist „history […] what hurts“ (Peterson 2001: 1), denn die bislang immer noch nicht vollständig in das kulturelle Bewusstsein aufgenommene Geschichte der afroamerikanischen Minorität in Erinnerung zu rufen ist schmerzhaft. Das Problem der Ignoranz des heutigen amerikanischen Kollektivs gegenüber den Freveln der Vergangenheit löste in Morrison den Impuls aus, durch ihre historisch geprägten Romane die Geschichten zu erzählen, die in Vergessenheit zu geraten drohen. Diesen Konflikt der Erinnerung, den sie in ihrem 1987 erschienenen Roman thematisiert, drückt sie so aus:
[Beloved] is about something that the characters don’t want to remember, I don’t want to remember, black people don’t want to remember, white people don’t want to remember, I mean, it’s national amnesia. (Morrison zit. in: Bowers 1997: 228).
In Beloved ist die Geschichte der 1855 von der, ironischerweise „Sweet Home“ genannten, Plantage entflohenen Sklavin Sethe mit den Geschichten der anderen Figuren komplex verwoben. Die Gegenwart dieser Erzählung ist achtzehn Jahre nach ihrer Flucht von Kentucky in den freien Staat Ohio, wo sie bei ihrer Schwiegermutter Baby Suggs mit ihren vier Kindern ein zu Hause gefunden hat und wo sie von Paul D, dem Freund ihres Mannes Halle, welcher auf „Sweet Home zurückgeblieben und wahrscheinlich nicht überlebt hat, aufgesucht wird. Paul D tritt in Sethes Leben, um ihr Partner zu werden, als sie nur noch mit ihrer achtzehnjährigen Tochter Denver das Haus bewohnt, das vom unruhigen Geist ihrer kurz nach der Flucht verstorbenen Tochter heimgesucht wird. Die Protagonisten sind hauptsächlich damit beschäftigt, ihre Erinnerungen an ihre schmerzhafte Vergangenheit als Sklaven zu unterdrücken, was ihnen nicht gelingt.
Mit Beloved betont Morrison die Notwendigkeit, sich mit der traumatischen Geschichte auseinander zu setzen, um schließlich das persönliche und kollektive Selbstbild wieder herzustellen. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ist jedoch nicht so einfach und kann sich nur allmählich durch die Zusammensetzung vieler einzelner Geschichten und Erinnerungen, die ebenfalls aus einzelnen Fragmenten bestehen, etablieren.
And so, of necessity, wounded histories are written as literature, or fiction, […] for only literature in our culture is allowed the narrative flexibility and the willing suspension of disbelief that are crucial to the telling of these histories (Peterson 2001: 7).
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Ihre Literatur dient als eine vermittelnde Instanz zwischen vergangenem Trauma und gegenwärtiger Verdrängung dieses Traumas. Als afroamerikanische Schriftstellerin übernimmt Morrison einen Teil der Verantwortung, die sie ihrer persönlichen und kollektiven Vergangenheit gegenüber fühlt, indem sie die verschwiegenen Schrecken der Sklaverei wieder ans Tageslicht bringt. Sie strebt ein kollektives Heilen der psychischen Wunden historischer Traumata an, indem sie mit ihrer Fiktion den dazu notwendigen Verarbeitungsprozess anzutreiben versucht. In dieser Weise beabsichtigt sie literarisch gegen die „Mechanismen einer verheerenden Rassenunterdrückung“ vorzugehen (Morrison 1996: 22-23).
Beloved ist ein literarisches Werk, das besonders an der Erinnerungsarbeit des diskreditierten historischen Gedächtnisses interessiert ist. Es legt dem Leser nahe, dass Geschichte nicht vergangen ist und eine bewusste Auseinandersetzung und Beschäftigung mit ihr absolut notwendig für eine Verarbeitung und die Erweiterung des Identitätsgefühls ist, ganz besonders für die afroamerikanische Gesellschaft. Diese Auffassung vertritt auch der Psychoanalytiker Werner Bohleber:
[E]s bedarf abgesehen von einem emphatischen Zuhörer auch eines gesellschaftlichen Diskurses über die historische Wahrheit des traumatischen Geschehens und über dessen Verleugnung und Abwehr. Die Opfer sind gleichzeitig Zeugen einer besonderen geschichtlichen Realität. Die Anerkennung von Verursachung und Schuld restituiert überhaupt erst den zwischenmenschlichen Rahmen und damit die Möglichkeit, das Trauma angemessen zu verstehen. Nur dadurch kann sich dann auch das erschütterte Selbst- und Weltverständnis wieder regenerieren. (2000: 823 f.).
Das Interesse der vorliegenden Arbeit liegt weniger darin, die physische Brutalität der Sklaverei darzustellen, als vielmehr hauptsächlich den in Morrisons Roman enthaltenen seelischen Missbrauch, die psychische Folter an den Individuen und dem gesamten Kollektiv der Opfer auszuführen und sowohl die Formen als auch die Nachhaltigkeit der Auswirkungen einer solchen historischen Traumatisierung zu analysieren. Überdies untersucht diese Arbeit, wie Morrisons Verfahren mit Geschichte dem Konzept der im Folgenden dargelegten Traumatheorie folgt.
Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des psychologischen Traumas und der Rolle des Gedächtnisses. Dabei spannt dieser Teil einen Bogen von der Entstehung des Traumas über seine Folgen bis hin zu den Möglichkeiten der Heilung und berücksichtigt sowohl individuelle als auch kollektive Aspekte von Traumata.
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Einleitend mit der Identitätsproblematik widmet sich Kapitel III der Trauma-Analyse ausgewählter Charaktere, anhand derer die vorangegangene Darstellung der allgemeinen Traumatheorie eine Konkretisierung erfährt. Auch hier werden persönliche traumatische Erfahrungen in Beziehung zum kollektiven Trauma gesetzt. Dieses Kapitel schließt mit der Ausführung des Problems, Traumatisches in Worte zu fassen, welches auch in den vorangehenden Untersuchungen der einzelnen Charaktere mehrmals erwähnt wird. Bei der Lektüre dieses Kapitels ist zu beachten, dass das Interpretationsmuster Trauma - Symptom - Heilung der Erzählung zugrunde liegt, ohne dass die Romanfiguren sich ihrer Traumatisierung, ihrer Symptomatik und den Heilungsmöglichkeiten bewusst sind, denn „Traumatisierung schließt das Wissen vom Trauma aus“ (Laub 2000: 867).
In Kapitel IV wird die Frage aufgegriffen, wie die Autorin das Konzept des Traumas in der Erzählform der Geschichte repräsentiert, das heisst, wie der Text formal eine Mimesis von Trauma darstellt.
In der Schlussbetrachtung werden die gewonnenen Erkenntnisse kurz aufgegriffen und es wird ihre Bedeutung für die heutige afroamerikanische Gesellschaft reflektiert.
II Trauma und Gedächtnis 1. Begriffsklärung
Der Begriff „Trauma“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Verletzung“ oder „Wunde“. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts führte Siegmund Freud „Trauma“ aus der Medizin in die Psychologie ein. In der Medizin bezeichnet der Begriff organische Verletzungen durch Fremdeinwirkungen, z.B. nach Unfällen. Da die Psychologie sich mit diesem Begriff aber auf seelische Verletzungen bezieht, ist hier von Psychotrauma die Rede. Eine psychische Traumatisierung kann aufgrund der spezifischen Enkodierung im Gehirn niemals getrennt vom Gedächtnis betrachtet werden. Traumatische Erfahrungen wirken sich direkt auf das Gedächtnis aus und führen so zu ‚Gedächtnislücken’. Das Gedächtnis ist quasi ein mehrschichtiges verschachteltes Konstrukt für die Erinnerungen an die traumatische Situation, die möglichst unterhalb der Bewusstseinsebene abgespeichert werden. Im Folgenden wird ein Überblick über dieses doch sehr umfangreiche Gebiet vermittelt. Das bedeutet, dass sich die Ausführungen zur Traumatheorie auf die
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für die Analyse des Romans wichtig erscheinenden Sachverhalte werden beschränken müssen.
2. Psychologische Definition
Psychotraumata können sowohl in akuten als auch in langwierigen extremen Belastungssituationen entstehen, wie z.B. bei Kriegen und Katastrophen, Folter, Vergewaltigung, durch Misshandlungen in der Kindheit oder in Gefangenschaft und durch Erfahrung von Gewalt, wie es auch in der afroamerikanischen Sklaverei der Fall war. Die psychologischen Effekte der Sklaverei sind zwar schwierig zu messen, doch sehr schwerwiegend (vgl. Schwartz 2001: 411). Im Gegensatz zur Naturgewalt zerstört menschlich zugefügte Gewalt beim Opfer das Vertrauen in humane, emphatische Beziehungen - der Betroffene sieht sowohl sich selbst als auch den Täter als entmenschlicht (vgl. Kopf 2005: 14). Gewalt wird wie folgt definiert:
Die Mittel der Gewalt reichen von der Drohung, einen Menschen körperlich zu verletzen oder zu töten, bis zu deren Ausführung. Auch die Verletzung des Freiraums eines Menschen, seiner Gefühle, seiner Rechte, seines Eigentums oder seines Rufes, zählen zu Gewalt (Herdiner-Lindner 1999: 13).
Im Falle der afroamerikanischen Sklaverei führte die Ausübung von Gewalt in jeder erdenklichen Form nicht nur zur Zerstörung menschlicher Würde, sondern auch zur Zersplitterung der psychischen Strukturen der Opfer, was in gravierenden Traumatisierungen resultierte.
Es ist wichtig, bei der Definition des Begriffes „Trauma“ auch dessen Entstehungsprozess, den traumatischen Zustand an sich sowie die pathologischen Veränderungen beim Traumatisierten und die Möglichkeiten einer Heilung zu berücksichtigen. Nach Laplanche und Pontalis definiert sich ein Trauma als ein Ereignis im Leben eines Menschen, das durch ein intensives Erleben und die Unfähigkeit des Menschen, adäquat darauf zu reagieren, geprägt ist (vgl. Laplanche & Pontalis 1998). Trauma ist also ein Vorgang, bei dem eine negative Erfahrung in der äußeren Realität eine Person dermaßen überfordert, dass die psychische innere Organisation der Person außer Funktion gesetzt wird und sie mit den spezifischen Folgen dieser Erfahrung belastet wird (Bohleber 2000: 829). Das Gefühl der Ohnmacht, des totalen Ausgeliefertseins spielt eine große Rolle bei der Entstehung des Traumas.
Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird. [...] Traumatische Ereignisse sind nicht
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deshalb außergewöhnlich, weil sie selten sind, sondern weil sie die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern (Herman 2003: 53).
Grundsätzlich ist das menschliche Gehirn in der Lage, hohe psychische und physische Belastungen zu verarbeiten. Doch anders als bei gewöhnlicher Belastung gehen traumatische Erfahrungen immer mit Empfindungen extremer Hilflosigkeit und großer Angst einher, oft auch mit Todesangst (vgl. Herman 2003: 54). Die betroffene Person fühlt, wie sich die Situation ihrer Kontrolle entzieht und ihr nur noch die Entscheidung zum Kampf oder zur Flucht bleibt. Das Unvermögen, sich zu einem dieser natürlichen Reaktionsweisen zu entschließen, weil ein effektives Handeln aufgrund der ausweglosen Situation nicht möglich ist oder scheint, ruft eine Art Lähmungssituation hervor, auch numbing genannt, in der das Opfer innerlich erstarrt und sich vom Geschehen distanziert. „Das Selbstverteidigungssystem des Menschen [ist] überfordert und bricht im Chaos zusammen.“ (Herman 2003: 54). Das Versagen des Reizschutzes bei einem solchen Diskrepanzerlebnis - zwischen großer Bedrohung und Handlungsunmöglichkeit - verursacht das traumatische Phänomen. Doch Todesangst war für versklavte Westafrikaner unter den Umständen ihrer traumatischen Erfahrungen teilweise erträglicher als das tragische Bewusstsein „einer ewigen Verbannung“; ihr Schmerz über die Zerstörung ihrer Familienstrukturen, ihrer Gefühle der Menschlichkeit und „die erdrückende Ahnung endloser, ungemildeter Knechtschaft“ (Loth 1981: 125) führte bei vielen während der unvorstellbar grausamen atlantischen Überfahrt und auf amerikanischen Plantagen zu Selbstmord und nicht selten auch zu Abtreibung und Infantizid (vgl. Schwartz 2001: 411).
Der Realitätsbezug von Gewaltopfern wird vom Folterer zerstört, indem dieser durch die Demonstration seiner Allmacht den Opfern seine eigene Realität aufzwingt. In Bezug auf die Sklaverei beschreiben Jobling et al. diese Heteronomie als „exercise of a malevolent alien will against a person in a position of humiliation to the exclusion of all other claims and relations. The slave is a walking atrocity living in the shadow of another’s will without respect and without choice in any respect“ (Jobling et al. 1998: 1). Doch die folgenschwere Erfahrung, die sich im Trauma fortsetzt, ist „nicht Schmerz, sondern Überwältigung“ (Kopf 2005: 30). Das Bewusstwerden über die eigene schutzlose Zerstörbarkeit übersteigt die Grenze des Erträglichen und erschüttert das Selbst-und Weltverständnis des Opfers dauerhaft. Es entsteht ein „Konflikt zwischen dem Wunsch, schreckliche Ereignisse zu verleugnen, und dem Wunsch, sie laut auszusprechen“ (Herman 2003: 9). Diesen Konflikt bezeichnet Herman als die
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zentrale Dialektik des Psychotraumas. Das Überleben des psychischen Selbst wird dem Opfer durch die Entfremdung von dem schrecklichen Ereignis ermöglicht, indem er das Ereignis innerhalb seiner psychischen Struktur nicht als ein Teil persönlicher Erfahrung registriert.
„Dissoziation, bewusste Unterdrückung von Gedanken, Bagatellisierung und manchmal direkte Verleugnung helfen, die unerträgliche Wahrheit dennoch zu ertragen.“ (Herman 2003: 124). Durch den dissoziativen Prozess zerfallen zusammenhängende Handlungs- und Denkabläufe unkontrolliert in Einzelteile. Der Strom des Bewusstseins wird unterbrochen und die integrative Funktion des Bewusstseins blockiert. Das bedeutet, dass die Wahrnehmung der Außenwelt, der eigenen Person, der Gefühle und die Erinnerung abgespalten werden und die Abspeicherung der traumatischen Erfahrung im Gedächtnis sich in außergewöhnlicher Weise vollzieht; die Erfahrung wird nicht vergessen, sondern von der Ebene der bewussten Wahrnehmung getrennt. Dem Opfer sind wichtige Erinnerungen zur eigenen Geschichte nicht mehr bewusst zugänglich. Dieses Phänomen der Bewusstseinsfragmentierung wird als dissoziative Amnesie bezeichnet und ist eine der zahlreichen Dissoziationsstörungen, auf die aber hier nicht weiter eingegangen werden soll (vgl. Nathan 2000: 3-4). Die Verdrängung von traumatischen Erinnerungen zeichnet sich also als ein Bewältigungsmechanismus von überwältigenden Konflikten aus und kann unterschiedlich tief sein, da das menschliche Bewusstein sich nicht lediglich in das Unbewusste und das Bewusste unterteilt. Es gibt unterschiedliche Ebenen des Bewusstseins. Eine „Somatisierung findet erst dann statt, wenn andere Bewältigungsmöglichkeiten des Individuums versagen“ (Nathan 2000: 7). Das heißt, dass mit steigendem Erfolg der Verdrängung von traumatischen Motiven die psychische Reizbarkeit durch eben diese Motive zwar sinkt, das Auftreten von somatischen Erscheinungen dagegen aber immer stärker wird. Wird die schlimme Erfahrung nicht vollständig verdrängt, kommt es „zu einer Zerlegung der traumatischen Erinnerung in einzelne, für das Individuum erträgliche Segmente“ (Nathan 2000: 22).
Erinnerungen an die traumatische Situation sind überwiegend sensorisch im assoziativen Gedächtnis gespeichert, denn im Moment der Wahrnehmung des traumatisierenden Ereignisses befindet sich das Individuum in höchster psychischer Anspannung und Erregung. Im affektiven Erstarrungszustand werden
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Hormone ausgeschüttet, die das Schmerzempfinden ausschalten 1 . Dabei werden
Rezeptoren der linken Gehirnhemisphäre, in der das autobiographische Gedächtnis zeitliche und räumliche Abläufe der Ereignisse speichert, gehemmt; auch linguistische Pfade sind davon betroffen. Durch die Ausschüttung bestimmter Hormone wird das assoziative Gedächtnis in der rechten Hemisphäre viel stärker aktiviert und die normalerweise enge Zusammenarbeit zwischen beiden Gedächtnissystemen ist unterbrochen. Die Kodierung der Erfahrung vollzieht sich hauptsächlich über das assoziative Gedächtnis, die das Gehirn eher für sensorische, emotionale und visuelle Perzeption nutzt. Dabei werden alle Sinneswahrnehmungen und Emotionen viel enger miteinander verknüpft. So kommt es dazu, dass die Erfahrung im assoziativen Gedächtnis als „ein nichtsymbolischer, unflexibler und unveränderbarer Inhalt traumatischer Erinnerung“ (Bohleber 2000: 806) weiterwirkt und durch das Misslingen der zeitlichen und räumlichen Einordnung derealisiert wird, das bedeutet, dass sie nicht in die persönliche Vergangenheit integriert wird. Zugleich bewirkt die Raum-und Zeitlosigkeit der Erinnerung die fortlaufende Auslösung von Angstgefühlen, sobald traumatische Reize wahrgenommen werden, da Reizmotive nicht der Vergangenheit zugeordnet werden können.
Traumatisierte Menschen sind meistens trotz ihres Traumas dazu fähig, ihr Leben fortzusetzen, indem sie ihre Erinnerungen an die traumatischen Ereignisse weitestgehend aus ihrem Bewusstsein verbannen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Erlebnisse keine Spuren hinterlassen haben. Eine Vielschichtigkeit von Symptomen nimmt den Betroffenen in hohem Maße in Anspruch und kennzeichnet somit den traumatischen Prozess. Im folgenden Kapitel werden einige wichtige Symptome von Traumata erläutert, die für das Verständnis der in Kapitel III erfolgenden Untersuchungen sinnvoll sind.
3. Folgen von Traumata
Es wird zwischen der akuten Reaktion auf das traumatische Ereignis, wie Herzrasen, Angst, Fluchtbedürfnis, Schockreaktion, und der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) unterschieden, welche durch eine langanhaltende Symptomatik in einer Kombination von psychischen und organischen Belastungen gekennzeichnet ist. Symptome können aber auch nach einer Latenzzeit ausbre- 1 StressbedingteAusschüttung von Hormonen wie Opiate und Endorphine, welche Morphin ähnliche Substanzen sind, aktivieren das Schmerzunterdrückungssystem. (Vgl. hierzu Schmidt & Schaible 1997: 245).
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chen. Dori Laub schildert das Nachwirken eines traumatischen Ereignisses wie folgt:
Traumatisierte Überlebende leben nicht mit Erinnerungen an die Vergangenheit, sondern mit einem Erlebnis, das nicht völlig verarbeitet werden konnte und deshalb nicht abgeschlossen ist und kein Ende hat. Es ragt in die Gegenwart hinein und ist in jeder Hinsicht in ihr präsent (2000: 77).
Die Gegenwart des Traumatisierten wird von der Realität der erlebten Erfahrung trotz, oder gerade wegen der Ausschaltung der Erinnerungen daran aus dem Bewusstsein, in Form verschiedener Symptome beeinträchtigt, deren Ausmaß von der Vulnerabilität der Person zum Zeitpunkt des Erlebnisses abhängt. Diese haben eine Bandbreite von Übererregungserscheinungen über Intrusionen bis hin zur Konstriktion. Zur Symptomatik traumatisierter Kinder können auch Identitätsstörungen und Aggressionen zählen (vgl. Walter 1995: 64).
Übererregungen versetzen Menschen aufgrund der eben dargestellten Zeitlosigkeit des Traumas in einen Zustand der permanenten Wachsamkeit, als ob die Gefahr sich jederzeit wiederholen könnte. Es können Schlafstörungen, Konzentrationsmängel und Nervositätszustände zeitweise vorkommen oder permanente Belastungen darstellen. Sich ungewollt aufdrängende intrusive Symptome lassen den Traumatisierten die mit dem traumatischen Ereignis ver-bundenen Affekte wiedererleben und tauchen in Form von jahrelangen, unveränderten Alpträumen, sich unkontrolliert aus dem Unterbewusstsein durchsetzenden Flashbacks und Erinnerungsfragmenten auf. Dabei kommt es vor, dass die betroffene Person zwar intensive Gefühle empfindet, sich aber nicht an das mit ihnen verbundene Ereignis erinnert. Dieser Wiederholungszwang ist ein Phänomen, „bei dem die traumatische Erfahrung durch den Betroffenen auf-grund mangelnder expliziter Erinnerung an das Trauma unbewusst immer wieder reinszeniert wird“ (Nathan 2000: 26).
„Konstriktion“ bezeichnet das Rückzugsverhalten, mit dem Gedanken, Orte und Situationen, die mit dem traumatischen Ereignis in irgendeiner Verbindung stehen und als bedrohlich empfunden werden, absolut vermieden werden (vgl. Peltzer 1995 b: 14). Durch den konstriktiven Prozess wird auch eine emotionale Distanz, sogar eine Gleichgültigkeit gegenüber traumatischen Erinnerungen aufgebaut; es kann sein, dass der Traumatisierte sich zwar an jedes Detail erinnert, jedoch nichts dabei empfindet. Apathien, eingeschränkte Sinneswahrnehmungen und sogar das Ausfallen von Sinnesorganen können auf Konstriktionsprozesse zurückgeführt werden. Die Widersprüchlichkeit konstriktiver
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Symptome liegt darin, dass sie einerseits als Schutzmechanismus dienen, indem sie ein primäres Überleben der Psyche ermöglichen, andererseits aber dem Traumatisierten eher schaden, da eine Integration der traumatischen Erfahrung in das Bewusstsein verhindert und somit einer Aufarbeitung und Heilung entgegengewirkt wird (vgl. Kopf 2005: 37).
Das Psychotrauma kann mit soviel Angst und anderen Unlustgefühlen begleitet gewesen sein, daß das Sich-Wieder-Erinnern an das Psychotrauma dieselben starken Angst- und Unlustgefühle wieder hervorruft. Man wird danach auf verschiedener Weise versuchen, Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht, Verzweiflung und Schreckreaktionen zu vermeiden oder zu unterdrücken (Van Trommel 1995: 41-42).
Da intrusive Symptome immer wieder den Leidensdruck des Traumatisierten durch die von van Trommel erwähnten Unlustgefühle vergegenwärtigen, versucht der Betroffene ständig, unwillentliche Konfrontationen abzublocken. Jedoch verschlimmert dieser zum eigenen Schutz gewählte Ausweg das posttraumatische Syndrom aus oben erwähnten Gründen; die Symptombildung wird somit auf die somatische Ebene gedrängt (vgl. Peltzer 1995 b: 16; 26). Psychosomatische Störungen jeglicher Art entstehen zumeist durch den Mechanismus der Verdrängung. Auch führt „der Versuch, ein Wiedererleben des Traumas zu vermeiden, [...] sehr oft zu einer Einengung des Bewußtseins, einem Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und zu emotionaler Verarmung“ (Herman 2003: 65).
Im Kontext einer Traumatisierung durch Entwurzelung aus der Heimat und nachfolgender Gefangenschaft - wie es bei der afroamerikanischen Sklaverei der Fall war, die die Bewohner Westafrikas nicht nur aus ihrer Heimat, sondern auch aus einer ihnen vorstellbaren Welt herausgerissen hat - stellt „die kulturelle Verlusterfahrung“ einen wichtigen Aspekt der Traumafolgen dar; den „Verlust der sozialen Strukturen, kulturellen Werte und Selbstidentität“ (Peltzer 1995 a: 213).
Häufige Folgen von Traumata aufgrund von Gewalttaten sind auch Schuldgefühle, die bei den Opfern entstehen. Durch die Überzeugung der eigenen Mitschuld am Geschehenen bekommen die Opfer das Gefühl, nicht ganz ausgeliefert gewesen zu sein - denn wer ‚schuld’ ist, hat Einfluss auf das Geschehen -und wenden ihre Aggressionen gegen den Täter schließlich gegen sich selbst. Laut Herdina-Lindner diene dies der Angstbewältigung (vgl. 1999: 106). Martina Kopf erklärt, dass Symptome
keine Erinnerung dar[stellen]. Im gleichen Maß, wie im Symptom die Geschichte des Traumas zum Ausdruck kommt, wird sie darin unterdrückt. Die
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Symptome sind gewissermaßen Platzhalter, sie stehen an Stelle von etwas Anderem. Sie stehen an Stelle einer nichtmöglichen Vorstellung und einer nichtmöglichen Erzählung. Sie stehen für etwas ein, das nicht vorgestellt, nicht gesagt, und nicht empfunden werden kann und dennoch oder vielmehr gerade deswegen nicht vergessen werden kann (2005: 36).
4. Traumabewältigung
Wie bereits dargelegt, findet die Abspeicherung traumatischer Erinnerungen aufgrund neuronaler Prozesse im Gedächtnis, die durch extremen psychischen Stress ausgelöst werden, nicht als verbale, chronologische Erzählung statt und kann somit auch nicht innerhalb der persönlichen Lebensgeschichte integriert werden. Die Erfahrung wird zwar registriert, aber nicht in einer repräsentativen Weise. Bohleber führt diese Unsagbarkeit des Traumas auf den „Verlust des emphatischen inneren Anderen“ zurück:
Es [das Trauma] kann nicht in ein Narrativ eingebunden werden. [...] Erst in Gegenwart eines emphatischen Zuhörers können Fragmente zu einem Narrativ zusammenwachsen und die Geschichte bezeugt werden. Durch die Erzählung wird Distanz geschaffen. Das traumatische Ereignis und Erleben wird zum Zeugnis, und damit ein Stück weit reexternalisiert (2000: 821).
Eine Verarbeitung des Traumas kann dann erfolgen, wenn eine symbolische (verbale) Repräsentation des Geschehens in Form einer kohärenten, sinnvollen Geschichte möglich wird und die Realität von der Phantasie getrennt wird. Die Voraussetzung dafür ist die Verankerung der zeit- und raumlosen traumatischen Affekte in der Vergangenheit des Betroffenen. Dadurch wird die Restrukturierung des autobiographischen Gedächtnisses erreicht und die Chronologie des Geschehens mit dem assoziativen Gedächtnis verbunden. Durch den Prozess der Historisierung kann der Betroffene seine Angstgefühle somit in die Vergangenheit verorten und sich endlich seine Lebensgeschichte erarbeiten, indem er nun das Trauma erinnern und erfassen kann. Wenn eine Verbalisierung nicht erreicht, sondern das Schweigen aufrecht erhalten wird, vergrößert sich das Ausmaß psychosomatischer Störungen. Findet der Betroffene jedoch sprachlichen Ausdruck für seine Geschichte, verringern sich somatische Symptome (vgl. Nathan 2000: 37).
Mit unsagbar ist gemeint, dass traumatische Ereignisse zu schrecklich sind und zu irreal scheinen, als dass sie in Worte gefasst werden könnten. Etwas Unvorstellbares ist gleichermaßen etwas Unbeschreibbares. Doch für eine Heilung von den Folgen des Traumas ist das Aussprechen und das Beschreiben der schrecklichen Erinnerungen unabdingbar. „Erst wenn die Wahrheit anerkannt
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ist, kann die Genesung des Opfers beginnen“ (Herman 2003: 9). Eine in Fragmente zerstückelte Erzählung des Geschehens ist eine Art Ausweg aus der von Judith Herman definierten zentralen Dialektik des Traumas; einerseits die Wahrheit zu sagen, andererseits Stillschweigen zu wahren (vgl. 2003: 9). Die vorerst chaotischen Erinnerungsfragmente müssen durch die Rekonstruktionsarbeit einen chronologischen Sinnzusammenhang erhalten, in einem Gefüge, in der nicht allein das traumatische Geschehen sondern auch die Reaktion des Betroffenen und die der ihm nahestehenden Menschen erfasst werden muss (vgl. Herman 2003: 249).
Die Psychoanalyse erwähnt neben der Heilungsmöglichkeit durch einen Erzählprozess die Möglichkeit einer Traumabewältigung bzw. eines ‚Anrollens’ des Genesungsprozesses durch eine Wiederholung der traumatischen Erfahrung als Erinnerung, Alptraum, oder eine erneute reale Erfahrung ähnlicher Geschehnisse mit dem gemeinsamen Auftritt der mit der ursprünglichen Erfahrung gekoppelten intensiven Gefühle. Ein wiederholtes Durchleben der emotionalen Intensität und ihr Transfer auf eine neu inszenierte Situation könne eine therapeutische, kathartische Wirkung haben (vgl. Laplanche & Pontalis 1998: 550-559). Auch Eagletons Ansicht entspricht dieser These: „[the] transferential process […] allow[s] her problems to be ‘worked through’ into consciousness, and by dissolving the transference relation at the right moment” wird es der traumatisierten Person möglich, von ihrem Trauma zu genesen (1995: 160). Holderegger bezweifelt jedoch die Effektivität einer Wiederholung in Bezug auf den Heilungsprozess und behauptet, dass „diese Art von Wiederholung aber nicht zu einer wirklichen Überwindung des Traumas führen kann“ (1993: 8). Herman äußert sich zu diesem Thema wie folgt: „Das Wiedererleben bietet vielleicht die Gelegenheit, das Trauma zu bewältigen, doch die meisten Opfer warten nicht bewußt darauf und sind auch nicht froh darüber. Vielmehr haben sie große Angst davor“ (2003: 65). Der Skepsis dieser Bewältigungsmöglichkeit gegenüber ist zuzustimmen, da zum Beispiel - betrachtet man zur Konkretisierung die Traumatisierten der Sklaverei oder des Holocausts - ähnlich ablaufende reale Wiederholungserlebnisse kaum vorstellbar, nicht möglich, und vor allem nicht duldbar sind. Außerdem besteht bei einem situationsgemäß unerwartet auftretenden Wiederholungserlebnis die Gefahr einer erneuten Überwältigung und Retraumatisierung.
Die Bewältigungsmethode durch eine narrative Verarbeitung ist für den Betroffenen ohne Unterstützung eines Zuhörers nicht möglich. Das Opfer braucht Hilfe, um seine Erinnerungsbruchstücke zusammenzusetzen und seine Ge-
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Arbeit zitieren:
Kader Aki, 2006, Trauma und Gedächtnis in Toni Morrisons "Beloved", München, GRIN Verlag GmbH
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