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Zum Text
Der Text von dem ich hier eine Interpretation vorlegen möchte, stammt aus
den Jahren 396/397 und wurde von Augustinus von Hippo als
Antwortschreiben auf einige Fragen Simplicians verfaßt. Genau ist es die
Beantwortung der zweiten von insgesamt acht Fragen, die Augustinus
vorgelegt wurden. Dabei sind uns die Fragen von Simplician, der 397
Ambrosius auf den Bischofsstuhl von Mailand folgte, nicht erhalten.
Augustinus selbst war zu dieser Zeit bereits Bischoff von Hippo wir sehen
also, daß beide hochgebildete Männer waren, was sich in einem gewissen
1
. Augustinus legt dabei
den Brief des Paulus an die Römer zugrunde, welcher sich wiederum auf eine
Geschichte aus der Genesis, nämlich die von Esau und Jakob bezieht:
Esau und Jakob waren Zwillinge, der erste war rötlich, ganz rau wie ein Fell,
liebte die Jagd und brachte dem Vater oft Wildbret von seinen Streifzügen mit.
Der zweite war ein gesitteter Mann und blieb bei den Zelten. Der Vater
bevorzugte Esau, die Mutter Jakob. Eines Tages verkaufte Esau sein
Erstgeburtsrecht an seinen Bruder für einen Teller Linsen und einen Kanten
Brot. Als der erblindete Vater den Tod nahen fühlte, rief er Esau zu sich, damit
er ihm noch einmal sein geschätztes Wildbret bringe. Während dieser
unterwegs war, ging Jakob mit Ziegenfell umwickelt und von der Mutter
angeleitet, zum Vater und erschlich sich den Segen, der bei ihm und seinen
Nachkommen verbleiben sollte, indem er vorgab Esau zu sein.
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Die Gnadenlehre Augustinus kreist um die Frage, wie gesagt werden kann, daß
Gott Esau gehaßt, Jakob aber geliebt habe; warum er den einen verdammt und
den anderen errettet, und dies noch bevor beide überhaupt geboren waren und
wie man ihm dann noch gerecht zu sein zuschreiben kann.
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Damit komme ich nun zur eigentlichen Darstellung der Gnadenlehre bei
Augustinus. Ich werde die Spannung nicht zerstören, indem ich einfach
erläutere, was Gnade hier heißt vielmehr werde ich, um die Konzeption
soweit ich dessen fähig bin, transparent zu machen und so zum Verstehen zu
gelangen, dort beginnen, wo man immer beginnen sollte, nämlich am Anfang:
und das ist Gott.
1
Logik des Schreckens, De diversis queastionibus ad Simplicianum I 2, Augustinus von
Hippo, herausgegeben und erklärt von Kurt Flasch, in: excerpta classica Bd. VIII,
Dieterich`sche Verlagsbuchhandlung Mainz 1995, im folgenden zitiert als QAS I 2, die
folgenden Ziffern bezeichnen die Stelle im lateinischen Text
2
vgl. Genesis 25,19-34 und 27, 1-35, hier angelehnt an die Lutherübersetzung
3
vgl. QAS I 2 / 50-85
4
I Gott
Dieser wird als das Eine, das Unwandelbare, damit das Ewige und Gute
vorgestellt
4
. Durch seine Unwandelbarkeit unterliegt er auch keinerlei
Wechselwirkungen, indem er zum Beispiel auf Taten und Glauben,
beziehungsweise Untaten und Unglauben der Menschen reagiert.
Ebenso sagt Augustinus mit dem Apostel ganz klar, daß Gott gerecht sei
5
. Der
Höchste ist aber auch Urheber aller Geschöpfe, somit sind auch alle Geschöpfe
gut und werden von Gott geliebt. Er hat also auch, wie ich hier noch einmal
hervorheben möchte, den Leib und die Seele des Menschen geschaffen, die
somit beide gut sind und von ihm geliebt werden.
Ich halte fest: Alle Geschöpfe in ihrem jeweiligen Sein sind gut, Gott hat sie
lediglich in bestimmter Weise angeordnet. In Hinsicht auf den Menschen
bedeutet dies, daß die Seele höher steht als der Leib und Gott als beider
Urheber selbst die höchste Stelle einnimmt.
6
An einer Stelle erwähnt
Augustinus unter Berufung auf die Bibel auch, daß es Gott ist,
ebenso das Wol
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I I Der Mensch
Dies alles sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich nun den
menschlichen Belangen widmet. Der Mensch besitzt einen freien Willen
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und
soll, wie Augustinus anmahnt, sittlich gut leben
9
. Darüber hinaus ist die
Menschheit ein einziger Sündenklumpen, eine
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, die samt und
sonders die Todesstrafe verdient hat, der sie auch anheim gegeben wird.
Bereits hier fällt eine hauchzarte Differgenz zwischen dem was Gott ist und
was Gott tut, auf.
Es fragt sich nämlich auf den ersten Blick, wie ein guter Gott, all seine
menschlichen Kinder, die er doch in ihrer Gesamtheit und ihren Teilen liebt, in
Bausch und Bogen hinrichten und der Verdammnis anheim geben kann, noch
dazu, als er selbst ihren Willen und ihr Vollbringen bestimmt und bei all dem
auch noch gerecht heißen soll und gerecht ist er, daran besteht für Augustinus
kein Zweifel. Um dies zu verstehen, muß man tatsächlich bis zu Adam und Eva
zurückgehen.
4
vgl. Genesis und u.a.: Phaidros, 245c ff. , Nomoi, 891b ff. oder Timaios 28
ff.
5
6
vgl. QAS I 2/ 230/235 und 540 - 550
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335]
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9
QAS I 2/ 740
10
QAS I 2/ 465/470
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