Inhalt
0.Einleitung 2
1. Produktivität 3
1.1. Aktuale und usuelle Lexeme 3
1.2. Verschiedene Definitionen 4
1.2.1. Haspelmath (2002) 4
1.2.2. Rainer (1993) 6
1.2.3. Was ist produktiv? 7
2. Grade der Produktivität 7
2.1. Booij (2005) 7
2.2. Aronoff und Anshen (1988) 9
3. Beschränkungen der Wortbildungsregeln 9
3.1. Phonologische Beschränkungen 10
3.2. Morphologische Beschränkungen 11
3.3. Syntaktische Beschränkungen. 12
3.4. Semantische Beschränkungen 12
3.5. Pragmatische Beschränkungen 13
3.6. Blocking 13
4. Schlussbemerkung 14
5. Bibliographie 16
1
0.Einleitung
Stellen wir uns vor, wir befinden uns in einem Gespräch und möchten etwas ausdrücken, wozu uns aber im wahrsten Sinne des Wortes 'die Worte fehlen'. Wie finden wir den Ausdruck, den wir suchen, um genau das sagen zu können, was wir sagen möchten?
Aronoff und Fudemann (2007) sprechen folgende Theorie an, die davon ausgeht, dass wir drei Möglichkeiten haben, um zu dem gesuchten Wort zu gelangen: Zum einen durchsuchen wir unser mentales Lexikon nach dem passenden Ausdruck. Das mentale Lexikon ist unser persönlicher Wortschatz, den wir uns seit unserer Geburt angeeignet haben und ständig erweitern. Die zweite Möglichkeit ist, einen Ausdruck mithilfe von uns bereits bekannten Regeln zu bilden und die dritte besteht darin, einen neuen Ausdruck mithilfe der Analogie zu kreieren. Wichtig ist, dass man hier nicht von drei unterschiedlichen Möglichkeiten ausgeht, sondern der Meinung ist, dass ein Sprecher alle drei Optionen gleichzeitig gebraucht. Dass aber aufgrund der Festigung des Ausdrucks im mentalen Lexikon, und demzufolge also auch das „schnellere Zugreifen“ auf den Ausdruck, die anderen beiden Vorgänge nicht mehr nötig sind (Aronoff und Fudemann 2007: 225).
Doch nach welchen Kriterien produzieren wir neue Ausdrücke? Wonach suchen wir uns die jeweiligen Affixe aus, mithilfe derer wir neue Lexeme erfinden? Und warum gibt es Affixe, die häufiger in einem Sprachgebrauch vorkommen als andere? Mit all diesen Fragen beschäftigt sich unter anderem die Produktivität in der Morphologie. Es ist sicher nicht falsch zu behaupten, dass Produktivität zu einem der unklarsten Begriffe in der Linguistik gehört. So meint auch Mayerthaler (1981: 124): “'Productivity' is among the least clear concepts in linguistics.“ Dennoch ist es möglich, Produktivität zu beschreiben und sie mithilfe neuer Erkenntnisse immer wieder ein Stückchen mehr zu präzisieren, um eine klare Vorstellung zu bekommen.
In dieser Arbeit geht es darum, anhand von verschiedenen Theorien, Ansätzen und Beispielen Produktivität näher zu erläutern. Des weiteren möchte ich zeigen, dass Produktivität nichts total Abstraktes ist und sich durchaus auch regelmäßige Muster erkennen lassen. Hierfür sollen auch die Beschränkungen angeführt werden, die erklären, warum manche mögliche Neologismen in der Sprache nicht realisiert werden. So soll letztlich festgestellt werden, dass, so unklar der Begriff auch sein mag, er gewisse Strukturen beinhaltet, die zeigen, dass Produktivität ein wichtiger Bereich der Morphologie ist, den es zu erforschen gibt und der mit zunehmender Zeit immer klarer definiert wird.
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1. Produktivität
1.1. Aktuale und usuelle Lexeme
Untersucht man die Morphologie einer Sprache, so untersucht man im Grunde das Bewusstsein des Sprechers dieser Sprache für die Struktur und die Bildung komplexer Worte. Außerdem ist die Überlegung, dass in der Morphologie manches wahrscheinlicher ist als anderes. Es gibt zwar eine ungeheure Zahl an möglichen, potentiellen Lexemen, aber vermutlich werden nicht alle potentiellen Lexeme auch zu aktualen Lexemen (Aronoff und Fudemann 2007: 211).
Auch Haspelmath (2002: 39) unterscheidet hierbei zwischen zwei verschieden Arten von Lexemen: Zum einen gibt es die aktualen Lexeme, die im Lexikon stehen, uns zum größten Teil bekannt sind und im Sprachgebrauch häufig verwendet werden. Zum anderen nennt er die usuelles Lexeme, die auch er alternativ potentielle oder mögliche Lexeme nennt. Diese stehen nicht im Lexikon.
Verbreitet nun ein Sprecher ein usuelles Lexem so, dass es sich im Wortschatz vieler Sprecher verankert, so kann es zu einem aktualen Lexem werden. Haspelmath (2002: 39) führt als Beispiel hierfür das Wort bagelized ein: Bagelized existiert (bisher) nicht als aktuales Wort. Trotzdem können wir uns vorstellen, dass es etwas mit dem essbaren Bagel, einem Gebäck aus Hefeteig, zu tun hat. Außerdem deutet -ized auf die Partizipform eines englischen Verbs an. Das sagt uns unsere Kenntnis über die morfologische Struktur der englischen Sprache. Wir betrachten es also als usuelles, mögliches Wort. Usuelles Wort, da es uns unbekannt ist, wir es also in keinen Bezug zu etwas stellen können und den Ausdruck folglich auch nicht zur Kommunikation gebrauchen.
Nimmt man nun aber an, dass es in Europa in Kürze einen immensen Wachstum an Bagel-Restaurants geben wird, so könnte man sich schon vorstellen, dass Europa sozusagen bagelized werden würde und das usuelle Wort durch den häufigen Gebrauch, z. B. in den Medien, in alltäglichen Konversationen etc., zu einem aktualen Wort werden könnte.
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1.2. Verschiedene Definitionen
1.2.1. Haspelmath (2002)
Den morphologischen Mustern und Regeln, die bei der Bildung eines neuen Lexems angewendet werden, fallen zweifache Rollen zu: Zum einen haben sie eine kreative Rolle, da sie zur Bildung neuer Lexeme verhelfen, zum anderen fällt ihnen auch eine deskriptive Rolle zu, da sie nämlich dazu beitragen, das Lexikon zu ordnen und zu erweitern. Folglich ist die Anzahl an Wörtern nie ganz ausgeschöpft und es besteht ein ständiger Prozess der Wortneubildung (Haspelmath 2002: 41). Doch warum wurde ausgerechnet das Element -ized mit Bagel kombiniert und nicht irgendein anderes beliebiges?
Die Antwort darauf sind morphologische Muster, die wir bei der neuen Wortkreation analog zu uns bereits bekannten Ausdrücken aus unserem mentalen Lexikon angewandt haben (vgl. Aronoff und Fudemann 2007: 225). Diesen morphologischen Muster und Regeln, die zur Bildung neuer Lexeme gebraucht werden können, gesteht man die Eigenschaft zu, produktiv zu sein. Entscheidend ist dabei, dass es sich um eine graduelle Eigenschaft und nicht, um ein sein oder nicht sein handelt (Haspelmath 2002: 42).
So versteht man unter einem produktiven Affix im Allgemeinen, ein Affix, dass in der heutigen jeweiligen Sprache oft verwendet wird, um neue Derivate zu bilden, wie beispielsweise die italienischen Affixe -zione, -aggio, -tore. Als weniger produktive bzw. unproduktive Affixe im Italienischen zählt Dardano (2009: 50) dagegen zum Beispiel -ìo, -itudine, -aceo auf.
Um Produktivität von dem Begriff Kreativität zu differenzieren, erläutert Haspelmath (2002: 100) den kleinen aber feinen Unterscheid: „A productive rule allows speakers to form new words unconsciously and unintentionally, whereas creative neologisms are always intentional formations that follow an unproductive pattern.“ So ist Kreativität vor allem in der lyrischen Sprache zu finden, etwa um etwas sprachlich hervorzuheben oder von etwas anderem abzugrenzen, wie beispielsweise die poetic licence (Haspelmath 2002: 101).
Ein weiterer Unterschied besteht zwischen der bereits bei Aronoff und Fudemann (2007) erwähnten analogen Bildung neuer Lexeme und der Bildung neuer Lexeme nach Regeln: Es kommt vor, dass ein neuer Ausdruck offensichtlich nicht nach Regeln gebildet wird. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass es analog zu einem bereits bestehenden Lexem gebildet wurde. Untersucht man im Französischen und Russischen den Begriff für 'auf dem Mond landen', kann man Folgendes feststellen:
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Arbeit zitieren:
Vincenza Incorvaia, 2009, Produktivität - ein unklarer, aber erklärbarer Begriff, München, GRIN Verlag GmbH
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