Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Linguistische Einführung 5
3 Entstehung und Entwicklung des jamaikanischen Kreols 8
3.1 Besiedlung Jamaikas durch die Spanier (1494 - 1655) 8
3.2 Besiedlung Jamaikas durch die Briten (1655-1962) 9
4 Phonologische und phonetische Besonderheiten des jamaikanischen Kreols 13
4.1 Die Silbenstruktur 13
4.2 Das Vokalinventar 14
4.3 Das Konsonanteninventar 17
4.4 Phonologische Prozesse 19
5 Phonologische und phonetische Songtextanalyse 27
5.1 Analyse der Vokale 27
5.2 Analyse der Konsonanten 28
5.3 Diskussion 31
6 Fazit 33
Anhang I
Literaturverzeichnis I
Verwendete Texte und Transkriptionen III
Abstract
Das Patois ist eine englischbasierte Kreolsprache, die im Zuge der britischen Besiedlungsphase auf Jamaika entstand. Die kreolisierte Form entwickelte sich durch den Sprachkontakt zwischen Kolonialherren und importierten afrikanischen Sklaven. Besonders stark von dem Kreolisierungsprozess betroffen, waren die Syntax, das Lexikon und die Phonologie. Heute existiert parallel zu der Kreolsprache das jamaikanische Englisch auf der Karibikinsel, eine Varietät des Standardenglischen. Die als sozial niedrig assoziierte Kreolsprache tendiert aktuell dazu, mit dem angeseheneren jamaikanischen Englisch zu verschmelzen (DeCamp, 1971; Fleischmann, 2005). Als Konsequenz dieses Verschmelzungsprozesses entstehen eine Reihe von Zwischenstufen an Varietäten. Dieses Spektrum an Varietäten ist mittels des Post-Kreol-Kontinuums (DeCamp, 1971) darstellbar. Ein aus phonologischer Perspektive charakteristisches Beispiel für den Wandel zu einer dieser Zwischenstufen des Kontinuums, ist der Song „Old War Chant“ des Interpreten Damian Marley. Die Analyse des Songs zeigt, dass sich darin sowohl Elemente des Patois, als auch des jamaikanischen Englisch finden lassen. Das gemeinsame Auftreten der Elemente liefert einen Hinweis für die Theorie, dass in der jamaikanischen Sprachgemeinschaft ein Dekreolisierungsprozesses stattfindet.
1 Einleitung
Im Jahre 1655 wurde Jamaika durch britische Besatzer erobert und anschließend mit afrikanischen Sklaven besiedelt, die die anfallenden Plantagenarbeiten verrichten sollten. Mit dem Aufeinandertreffen englischsprachiger Kolonialherren und den Sprechern verschiedener afrikanischer Sprachen als Sklaven, wurde die Basis für die englische Kreolsprache Patois gelegt. Die Pidgin-Sprache diente der grundlegenden Kommunikation im Arbeitsverhältnis zwischen britischen und afrikanischen Bewohnern. Mit der Zeit beeinflusste diese Mischsprache das Sprachverhalten der Kolonialherren, als auch der Sklaven, da sich beide Parteien aneinander anpassen mussten. Für die nachfolgenden Generationen, die mit der Pidgin-Sprache aufwuchsen, wurde das Patois zur Muttersprache und damit zum Kreol (Cassidy, 1961).
Auf Grund seiner Entstehungsgeschichte, lassen sich im Patois vorwiegend englische und afrikanische Elemente wiederfinden. Das Englische bildet, begründet durch das damals herrschende Dominanzverhältnis zwischen Herren und Sklaven, die Ausgangsprache für das jamaikanische Kreol. Die von der Kreolisierung betroffenen Elemente umfassen von der Syntax über die Lexik, der Morphologie und der Phonologie, nahezu alle linguistischen Ebenen. Im Fokus dieser Arbeit steht die phonologische Ebene. Das Patois ist nicht die einzige existierende Sprachform auf Jamaika. Neben der Kreolsprache wird auf Jamaika vor allem das jamaikanische Englisch gesprochen. Das jamaikanische Englisch ähnelt stark dem Standardenglischen und dient als offizielle Amtssprache auf der Insel. Anders als die Kreolsprache, genießt das jamaikanische Englisch ein sozial hohes Prestige und ist das Zeichen der gebildeten und urbanen Gesellschaftsschicht. Sprecher des Patois werden hingegen als weniger gebildet, ländlich und konservativ betrachtet. Das jamaikanische Englisch und das jamaikanische Kreol bilden gegenüberliegende Pole in einem Kontinuum der sozialen Anerkennung. Dabei nimmt das Patois den Platz am unteren Pol und das jamaikanisch Englisch den Platz am oberen Pol des Kontinuums ein. Zwischen den Extremen befinden sich eine Reihe von zwischenliegenden Varietäten, die zu einem der beiden Pole tendieren (Devonish & Harry, 2008; Fleischmann, 2005).
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Das Ziel der Arbeit ist es, die jamaikanische Sprachgemeinschaft innerhalb des Post-Kreol-Kontinuums zu verorten und den Verschmelzungsprozess der parallel existierenden Sprachen sichtbar zu machen. Damit wird die These untersucht, nach der ein weiterer phonologischer Wandel stattfindet, in dem das Patois und das jamaikanische Englisch in einer Art Dekreolisierungsprozess miteinander verschmelzen. Die Untersuchung geschieht an Hand der phonologischen Merkmalsanalyse eines ausgewählten, für das Patois charakteristischen, zeitgenössischen Musikstückes. Die Auswahl des Interpreten in der typisch jamaikanischen Musikstilrichtung Reggae, steht dabei stellvertretend für die aktuell auf Jamaika lebende Sprachgemeinschaft.
Die Arbeit zum phonologischen Wandel des Englischen hin zu der Kreolsprache Patois ist folgendermaßen aufgebaut. In einem soziolinguistischen Teil wird das erwähnte Konzept des kreolischen Kontinuums im Detail vorgestellt (Kapitel 2). Da die Besiedlungsphasen eng mit der Ausbildung der Kreolsprache verbunden sind, werden in dem anschließenden historischen Teil relevante Daten zur Eroberung und Kolonialisierung Jamaikas vorgestellt (Kapitel 3). Im analytischen Teil werden phonologische Besonderheiten der jamaikanischen Kreolsprache beschrieben (Kapitel 4). Die gewonnen Ergebnisse zu den phonologischen Besonderheiten des Patois werden in einem praktischen Teil an Hand eines zeitgenössischen Musikstückes (Damian Marley - Old War Chant) sichtbar gemacht und diskutiert (Kapitel 5). Die Gesamtergebnisse der Arbeit werden in einem Diskussionsteil abschließend zusammengefasst und innerhalb des Kontinuums verortet (Kapitel 6).
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2 Linguistische Einführung
Das jamaikanische Kreol befindet sich in einem stetigen Entwicklungsprozess. Ursprünglich war es eine Pidgin-Sprache, die als rudimentäres Verständigungswerkzeug zwischen den Herrschenden und den Sklaven auf den Plantagen diente. Es entwickelte sich zu einer stark systematisierten Sprache, die zur Muttersprache für viele Menschen der Insel wurde.
Neben dem Patois existiert auf der Insel das jamaikanische Englisch, eine Sprachform, die sich nur geringfügig vom Standardenglischen unterscheidet. Devonisch & Harry (2008) bezeichnen diese Sprachgemeinschaft mit zwei parallel zueinander existierende Varietäten als diglossisch. Die Diglossie beschreibt „eine stabile Form von gesellschaftlicher Zweisprachigkeit [. . . ], in der eine klare funktionale Differenzierung zwischen einer sozial „niedrigen“ Sprachvarietät (engl. L[ow]-variety) und einer „hohen“ Standardvarietät (engl. H[igh]-variety) besteht “ (Bußmann, 2002, S. 167).
Die Definition der Diglossie ist durch die Situation der jamaikanischen Sprachgemeinschaft erfüllt. Das Patois gilt als die sozial niedere L-Varietät gegenüber dem jamaikanischen Englisch. Das jamaikanische Englisch bildet die H-Varietät, es ist grammatisch, lexikalisch und stilistisch komplexer als die L-Varietät und bewegt sich nahe am Standardenglischen (Devonisch & Harry, 2008).
Der Begriff der Diglossie reicht allerdings nicht aus, um die Situation der jamaikanischen Sprachgemeinschaft adäquat zu beschreiben. Neben der L- und der H-Varietät existieren auf Jamaika viele Sprachformen, die sich zwischen den beiden Extremen bewegen (Cassidy, 1971; DeCamp, 1971; Fleischmann, 2005). Die sprachlichen Zwischenstufen entstehen, da das jamaikanische Kreol die Tendenz zeigt, graduell mit dem jamaikanischen Englischen zu verschmelzen bzw. allmählich durch das jamaikanisch Englisch verdrängt zu werden.
Die Gründe für diese Entwicklung sind die wachsende Zahl Englisch lernender Schulkinder, die Verbesserung der Infrastruktur mit Anbindung an ländliche Gebiete und der demagogische Wandel, der die Leute weg vom Land und hin zum urbanen Leben treibt (Fleischmann, 2005). Die genannten Gründe begünstigen die Ausbreitung des jamaika-
5
nischen Englisch auf der Insel und die damit verbundene Verdrängung der Kreolsprache. Anstatt von einer Diglossie zu sprechen, bei der nur die L- und H-Varietät darstellbar sind, ist ein Konzept nötig, das das gesamte Spektrum der Varietäten, mit all seinen Zwischenstufen erfassen kann.
Dieses Spektrum an sprachlichen Varietäten wird als Post-Kreol-Kontinuum bezeichnet, an dessen Enden sich jeweils das Patois und das jamaikanische Englisch befinden. Kennzeichenend für ein derartiges Kontinuum sind „Sprachgemeinschaften mit gleichzeitigem Vorhandensein von Kreolsprache und Ausgangssprache des Kreols“ (Bußmann, 2002, S. 58). Dieses Kennzeichen trifft zu, da mit dem Englischen als Ausganssprache und dem Patois als Kreolsprache beide Sprachformen in der Sprachgemeinschaft Jamaikas vorhanden sind.
DeCamp (1971) formuliert zwei Bedingungen, die erfüllt sein müssen, um als Post-Kreolische Sprachgemeinschaft zu gelten. Zum Einen muss die korrespondierende Standardsprache des Kreols, die offizielle und dominante Sprache der Gemeinschaft sein. Zum Anderen muss die vormals strikte soziale Differenzierung zwischen den Sprechern (teilweise) abgeschafft sein. Beide Bedingungen sind auf Jamaika erfüllt, da das nahe am Standardenglisch liegende jamaikanische Englisch die Amtssprache darstellt und die soziale Ungleichheit mit dem Ende der Sklaverei 1834 aufgehoben wurde (vgl. nachfolgendes Kapitel 3).
Das Englische ist die Ausgangssprache des Kreols und bildet heute in leicht abgewandelter Form als jamaikanisches Englisch die offizielle Schriftsprache auf Jamaika. Es ist der Standard in Schulen, Universitäten, Behörden und wird in allen formalen Kontexten gebraucht. Die Sprecher des jamaikanischen Englisch sind assoziiert mit urbanisierten, gebildeten Menschen, die der Oberschicht angehören (DeCamp, 1971). Das jamaikanische Englisch ist die Sprache mit dem sozial höchsten Prestige, bildet das obere Ende der Skala und wird als Akrolekt bezeichnet (Bußmann, 2002, S. 58). Das Konzept des Akrolektes ist mit dem der H-Varietät vergleichbar. Das Erwerben des Akrolektes gilt innerhalb der Sprachgemeinschaft auf Grund seines sozialen Stellenwertes als erstrebenswert. Das Patois befindet sich auf dem gegenüberliegenden, unteren Ende des Kontinuums und bildet den Basilekt, da es die von der Hochsprache entfernteste Varietät ist (Fleischmann, 2005), vergleichbar mit der L-Varietät. Sprecher des Basilekts werden als sozial tiefstehend, konservativ und ländlich angesehen.
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Arbeit zitieren:
Sebastian Arndt, 2011, Die phonologischen Entwicklungen des jamaikanischen Kreols von 1494 bis heute, München, GRIN Verlag GmbH
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