Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Gedanken 3
2. Die religionssoziologische Studie Durkheims 4
3. Die zentrale Kritik an den Ausgangspunkten der Durkheimschen
religionssoziologischen Studie 7
3.1 Kritik am fehlenden eigenen Feldzugang Durkheims 8
3.2 Kritik am ethnologischen Basismaterial 10
3.3 Die Widerlegung der Durkheimschen Totemismus-Vorstellung 12
4. Sich aus der Kritik ergebende offene Fragen 14
5. Abschließende Gedanken 16
2
1. Einleitende Gedanken
Häufig wird die Hinwendung Emile Durkheims (1858-1917) mit dem Erscheinen sei- nesWerkes „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ 1912 zur Religion als „kulturelle Wende“ (Alexander 1988 zit. n. Müller 2003, S. 162) in seinem Werk bezeichnet. Doch bildet diese Abhandlung nur den Gipfel der durkheimschen Religions- soziologie.Ihr sind eine Reihe von Vorlesungen und Veröffentlichungen, wie „Über soziale Arbeitsteilung“ (1893), „Der Selbstmord“ (1897), die „Année sociologique“ und andere voraus gegangen, die sich bereits eingehend mit der Religion als wichtiger Erklärungsgröße beschäftigten (vgl. Müller 2003, S. 170). Somit liegt „vielleicht eine der wichtigsten Leistungen der ganzen Durkheim-Schule auf dem Gebiet der Religi- onssoziologie“(König 1978, S. 239).
Doch soll es nicht Ziel dieser Arbeit sein, die Errungenschaften und Erkenntnisse der Durkheimschen religionssoziologischen Theorie darzulegen, Vielmehr steht die vielschichtige Kritik die in der Folgezeit seit des Erscheinens von namhaften Gelehrten, die sich mit dieser beschäftigten geübt wurde, im Vordergrund des Erkenntnisinteresses. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Frage nach den zentralen Kritikpunkten an den Grundlagen der religionssoziologischen Untersuchung der australischen Stammeskultur und des Totemismus, nämlich den Ausgangspunkten der Studie. Dies sind zum einen das ethnologischen Datenmaterial und dessen Herkunft und zum anderen die To-temismus-Vorstellung Durkheims. So kritisiert der Ethnologe Josef Franz Thiel (1932heute) unter anderem die Tatsache, das Durkheim nie selbst vor Ort Feldforschung betrieben hat. Der Sozialanthropologe Edward E. Evans-Pritchard (1902-1973) macht in seiner Kritik insbesondere auf die Mängel im ethnographischen Basismaterial aufmerksam und der Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi-Strauss (1908-2009) schließlich widerlegt auf Grund von eigenen Studien Durkheims Vorstellung vom Totemismus. Diese drei zentralen Kritikpunkte an der Basis der Durkheimschen religionssoziologischen Studie sollen in dieser Arbeit in ihren Kernargumentationsschritten nachvollziehbar dargestellt und in ihren Auswirkungen auf die Durkheimsche Religionssoziologie erläutert werden. Dabei werden eingangs zunächst kurz die zentralen Erkenntnisse des Durkheimschen Werkes von 1912 dargelegt und anschließend werden die eben genannten drei Kritikrichtungen in ihren Kernaussagen vorgestellt. Vor diesem Hinter-grund werden dann sich aus der Kritik ergebende noch offene Fragen diskutiert.
2. Die religionssoziologische Studie Durkheims
Emile Durkheims 1912 entstandenes Spätwerk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ beschäftigt sich im Kern mit zwei für sein Gesamtwerk charakteristischen Leitthemen, zum einen der Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält und zum anderen wie eine Gesellschaft das ihr verfügbare Wissen organisiert (vgl. Vester 2009, S. 81). Folglich geht es in diesem Werk zum einen um die Beziehung von religiösen Vorstellungen und Begriffen und zum anderen um den Zusammenhang von kollektiven Vorstellungen und Erfahrungen von Gesellschaft (vgl. Vester 2009, S. 82). Grundlage dieser Theorie sind vier Gedanken: „(1) daß [sic!] die primitive Religion ein Clankult [sic!] und (2) daß [sic!] dieser Clankult [sic!] totemistisch sei […]; (3) daß [sic!] der Gott des Clans der spiritualisierte Clan selbst und (4) daß [sic!] der Totemismus die elementarste oder primitivste und in diesem Sinne ursprünglichste uns be- kannteForm der Religion sei“ (Evans-Pritchard 1968, S. 95). Diese für die eigentliche Religionstheorie Durkheims grundlegenden Vorstellungen übernahm er von William Robertson Smith (1846-1894) und machte sie zu den Anknüpfungspunkten seiner Studie (ebd.).
Das Basismaterial von Durkheims Untersuchung bildeten zeitgenössische Reise- und Forschungsberichte diverser Autoren über die Ureinwohner insbesondere Zentralaustraliens, bei denen Durkheim annimmt, die primitivste und einfachste Religion vorzufinden. „Der Zweck dieses Buches ist, die primitivste und einfachste Religion zu studie- ren,die bis jetzt bekannt ist, sie zu analysieren und eine Erklärung zu versuchen“ (Durkheim 1981, S. 17). Seine Wahl fällt auf eben diese primitivste Religion, weil sie „ den sehr großen Vorteil [hat], ihre Erklärung zu erleichtern. Weil die Fakten einfacher sind, sind die Beziehungen zwischen den Fakten auch offensichtlicher“ (Durkheim 1981, S. 24f). Er nimmt folglich an in Australien die Urreligion zu finden, die auf das Mindeste, ohne das es sonst keine Religion gäbe, beschränkt ist und die den Blick auf den Grundstein der Religion ermöglicht.
Von dieser einfachsten Religion ausgehend - die Durkheim im australischen Totemismus zu finden glaubt - will er die religiöse Natur des Menschen analysieren und verständlich machen (vgl. Durkheim 1981, S. 17). Dabei geht er von der Idee aus, dass sich auf Basis der Studie des Totemismus eine Theorie der komplexeren Religionen ableiten lasse und somit Aussagen über das Wesen der Religion im Allgemeinen getroffen werden könnten (vgl. Durkheim 1981, S. 21). Die Wissenschaft und damit auch
der Begriff des Totemismus, dessen Wortursprung aus einer Sprache eines Indianerstammes Nordamerikas entspringt, umfassen folgende Aspekte:
o „Eine primitive Form der Naturreligion
o Riten und Gebräuche, die mit Tieren und Pflanzen zu tun haben
o Tabus, die sich auf Elemente der natürlichen Umwelt beziehen (Tötungs-, Speise und Berührungsverbote)
o Die Erklärung der Existenz von Clans durch Abstammung von Naturwesen
o Die Assoziation von exogenen Gruppen mit verschiedenen Tieren oder Pflanzen
o Den Glauben an die Verkörperung eines Ahnen in einem Tier oder einer Pflanze
o Die mythische Identifikation eines Wilden mit einem Tier oder einer Pflanze“ (Katschnig 2010, S. 83).
Ausgangspunkt der Totemismus-Studie Durkheims ist der Klan, der sich aus einer Gruppe Menschen zusammensetzt die sich durch Tradition in einer Abstammungslinie mit einem gemeinsamen Totemtier oder einer Totempflanze - dem sogenannten Klantotem, das von Klan zu Klan verschieden ist - sehen. Jeder Stamm besitzt eine Darstellung des Totems in Form eines heiligen Steins oder Holzstückes. Auf diese Totemdarstellungen bezieht sich die Vorstellung des Sakralen. Dem gegenüber steht das Profane. Das Totem stellt folglich eine anonyme, diffuse Kraft dar, dass nicht nur den Totemgott sondern auch den Klan selbst repräsentiert. Diese Repräsentation des Klans erfolgt in Form eines Zeichens, das alle Menschen aber auch Tiere und Dinge die zum Klan gehören, tragen (vgl. Prisching 2007, Punkt 9.8). Daraus schlussfolgert Durkheim: „Der Gott des Klans, das Totemprinzip kann also nichts anderes als der Klan selber sein, allerdings vergegenständlicht und geistig vorgestellt unter der sinnhaften Form von Pflanzen- oder Tiergattungen, die als Totem dienen“ (Durkheim 1981, S. 284). Somit ist für ihn der eigentliche Gegenstand der Verehrung die Klangemeinschaft, die sich im Totem selbst vergöttert. Auf die übrigen Religion übertragen bedeutet dies nach seiner Auffassung, dass sich in der Religion die Gesellschaft selbst verehrt (vgl. Durkheim 1981, S. 284). Damit setzt er die Gesellschaft an den Standort des Ursprungs von religiösen Gefühlen und Symbolen (vgl. Kött 2003, S. 234) und verneint ihre göttliche Grundlage.
Der Totemismus bildet für Durkheim demnach eine Urreligion, in der die Teilung der Welt in heilige und profane Dinge vorgenommen wird. „Durkheim stellt sich damit
Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Julia Erdmann, 2011, Zentrale Kritikpunkte an den Grundlagen der religionssoziologischen Studie Durkheims, München, GRIN Verlag GmbH
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