Inhalt :
1. Einleitung 3
2. Naé Kahäné Literaturgeschichtlicher Überblick 4
3. Nirmal Varma Leben und Werk 6
4. Die Thematik der Geschlechterbeziehung 8
5. Erzähltechnik 14
6. Schlussbemerkung 21
7. Quellennachweis 22
1.Einleitung
Nirmal Varma ist sicherlich nicht nur für den Hindi-Kundigen Leser ein großer Literat. Diverse Übersetzungen seiner Kurzgeschichten und Romane ins Englische und auch ins Deutsche zeigen, dass er ein weltweit anerkannter Schriftsteller ist. Dies mag zu einem guten Teil daran liegen, dass weder die Themen seiner Erzählungen, noch die Art und Weise in der er diese dem Leser nahebringt, meistenteils nicht mit der `typisch indischen Kultur` verknüpft sind. Zwar beschreibt Varma in einigen seiner Schriften auch Probleme, die ohne eine Kenntnis der indischen Lebens- und Denkweise nicht nachvollziehbar sind, jedoch behandelt der größte Teil seiner Geschichten Themen, die beinahe jeden Menschen betreffen. Varma beschreibt in seinem Werk den Menschen, der durch die Freiheit, die seine Um-und `In`-Welt ihm bietet, überwältigt, dieser nicht gewachsen ist. Er beschreibt den Menschen, für den die Freiheit der modernen Welt zur Wurzel der Isolation geworden ist. Und so ist Isolation und Beziehungslosigkeit ein Leitmotiv im gesamten Werk Nirmal Varmas. Der moderne Mensch, so wie Varma ihn beschreibt, flüchtet vor der Konfrontation mit sich selbst und seiner Umwelt in die Beziehungslosigkeit zu eben sich selbst und seiner Umwelt. So erfährt er eine Trennung von allem was ihn umgibt. Eine der elementarsten Trennung, die der erwachsene Mensch erfahren kann, ist sicherlich die zwischen ihm und seinem Liebespartner. Hier erfährt der Mensch seine eigene Unfähigkeit mit einem wie auch immer gearteten Gegenüber in Beziehung zu treten, besonders tief, hier ist eine Lösung des Problems besonders notwendig. Doch diese liefert Varma nicht. Er zeigt nur Probleme auf, doch das macht die Lektüre seiner Schriften so unvergesslich. Varma zeigt mit einfachen Worten und klaren Bildern Probleme auf, die mit großer emotionaler Tiefe das Leben des `einfachen` Menschen in der modernen Welt beschreiben, ohne dabei in irgendeiner Weise besserwisserisch zu wirken. In der vorliegenden Arbeit soll nun, nach einer kurzen Darstellung von Nirmal Varmas Leben und Werk und einer Übersicht der Entstehungsgeschichte der Literaturgattung `naé kahäné`, untersucht werden, wie Varma die Beziehung zwischen den Geschlechtern beschreibt, wo für ihn die Probleme liegen und auf welche Art und Weise er diese dem Leser nahe zu bringen versucht.
2. `Naé Kahäné` ; Literaturgeschichtlicher Überblick
Indien blickt, beginnend mit den Schriften des Veda auf eine beinahe viertausend Jahre alte Literaturgeschichte zurück. Handelt es sich bei den frühen Werken der indischen Literatur um Hymnen an die Götter, Ritualtexte und wissenschaftliche Werke, so entsteht um die christliche Zeitwende herum auch eine Erzählliteratur. Mit den Epen und Puräëas ist uns eine nahezu unüberschaubare Fülle dieses Genres überliefert. Allerdings sind all diese Werke zum einen in Sanskrit verfasst, zum anderen einer strengen Metrik unterworfen. Erzählungen, die nicht in Sanskrit verfasst wurden, wird es wohl im Volksgut gegeben haben, sie sind uns jedoch nicht erhalten. Auch ist anzunehmen, dass sie zwar in Volkssprachen verfasst wurden, eventuell auch nicht an die strenge sanskritische Metrik gebunden waren, ihre Thematik aber, wie auch bei den Epen und Puräëas, eine rein religiöse war.
Die erste Literatur, die uns erhalten ist, die nicht in Sanskrit sondern in einer Volkssprache, der Braj Bhäñä, verfasst wurde, entsteht im Mittelalter in Indien als eine Gegenströmung zum Brahmanismus. Die sogenannte Bhakti-Bewegung produziert Texte in dieser Sprache und bricht dadurch die sanskritische Tradition erstmals erfolgreich auf. Jedoch ist diese Revolution nicht konsequent gewesen, da zwar nicht mehr die traditionelle Schriftsprache verwandt wurde, sich aber weiterhin an die strenge Metrik gehalten und ebenfalls die religiöse Thematik beibehalten wurde.
Diese in Thematik und Stil stark reglementierte literarische Tradition wurde erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts durchbrochen, als im Zuge der indischen Freiheitsbewegung politische Themen die neu entstehende indische Presse durchsetzten. Es entstanden Schriftstellerforen, die, um ihre Meinungen und Forderungen zu verbreiten, sich einer Sprache bedienten, die für das indische Volk verständlich war. In den erwähnten Foren wurde ebenfalls die sanskritische Metrik verwerfend mit neuen Stilformen experimentiert. Hier nun wurde der Grundstein für neue Genres gelegt, ohne den das, was später dann `naé kahäné` genannt werden sollte, nicht hätte entstehen können. Jedoch war es noch ein weiter Weg von der konkret dem Freiheitskampf gewidmeten politischen Literatur bis hin zu Nirmal Varmas durch Unfähigkeit und Isolation geprägtem Menschenbild. Waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Werke der Schriftsteller zumeist mehr oder weniger offen aggressive Appelle zu politischem Denken und Handeln, so entstand daneben eine literarische Strömung, die nicht politische Aussagen tätigte, sondern eher das Leben wie es sich für den einzelnen
und die Gemeinschaft darstellt, beschrieb. Die philosophisch-psychologische Art, mit der die sogenannten Individualisten die Welt beschrieben, ebnete wohl auch den Weg für die introspektiven Sichtweise, mit der die Welt in der Literatur der `naé kahäné` später dargestellt werden sollte Veranlasst durch den Kontakt mit der westlichen Literatur versuchte man sich in Indien nun auch am Schreiben von Kurzgeschichten, und eben diese Erzählform wird nach der Unabhängigkeit Indiens hohe literarische Anerkennung erfahren. Wurde also der Weg für die `naé kahäné` vielfach geebnet, so benötigte es doch einen starken Umbruch in Indien, nämlich die Unabhängigkeit, um ein völlig neues Weltbild in der Literatur zu erschaffen.
Es scheint, dass Indien, in die Freiheit entlassen, entdecken musste, dass die Freiheit eine Bürde sein kann. Denn war auch nun die Fremdherrschaft überwunden, so musste man doch erkennen, dass damit die Probleme nicht behoben, sondern nur verschoben waren. Konnte man vorher alle Schwierigkeiten darauf zurückführen, dass man durch eine fremde Macht beherrscht wurde, so erkannte man nun, dass man, auf sich selbst gestellt und ohne äußeres Feindbild, die Schwierigkeiten nicht überwunden hatte. Die neu errungene Freiheit war lediglich eine oberflächliche, denn äußerlich unabhängig, wurde man nun mit den inneren Abhängigkeiten konfrontiert. Indiens Eintritt in die politische Unabhängigkeit scheint einhergegangen zu sein mit dem Eintritt in die `Moderne` und den damit verbundenen Problemen. Es hat den Anschein, dass der moderne Mensch im Allgemeinen einer großen Konfrontation mit einer Umwelt, zu der er nicht fähig ist, eine emotionale Beziehung aufzubauen, ausgesetzt ist. Und genau diese Beziehungsunfähigkeit ist das Leitmotiv der `naé kahäné`. Diese Literaturströmung hat es sich zur Aufgabe gemacht, dass Leben des mittelständischen Inders zu beschreiben, wie es sich in einer Welt darstellt, die dabei ist ihre Tradition gegen die zweifelhafte Freiheit einer `modernen Welt ` einzutauschen. Sie beschreibt dieses Leben aus einer Innensicht heraus, dies mit Hilfe von inneren Dialogen und Verschriftlichung von Bewußtseinsströmungen. Die Erzählungen dieser Literaturströmung, die erst 1957 durch den indischen Literaturkritiker Nämvar Singh ihren Namen erhielt, zeigen die inneren Konflikte, denen der Menschen ausgesetzt ist auf. Die Handlung, in die diese Problematiken gebettet sind, spielen hierbei nur eine Rahmenrolle, sie dienen lediglich der Schaffung von Atmosphäre und tragen oft Symbolcharacter. Wichtig für den Schriftsteller dieser Epoche ist die Welt, wie sie vom Individuum erfahren wird, sind die Gemütszustände und die unüberwindbaren emotionalen Krisen denen der Mensch sich gegenüber sieht. Der Autor liefert jedoch keine Lösungen für diese Krisen, sondern er zeigt sie nur auf. Dies
geschieht oftmals durch einen Erzähler der ersten Person. Allerdings wird der Erzählstrang vielfach durchbrochen durch einen Wechsel der Erzählperspektive und Rückblicke des Erzählers. Die Literatur der `naé kahäné` ist also gekennzeichnet durch eine psychologisch orientierte Darstellung einer Welt, die das Individuum nicht bewältigen kann. Stilistisch geschieht dies durch detaillartige und oftmals anachronistische Beschreibungen mit Perspektivenwechsel.
3. Nirmal Varma; Leben und Werk
Nirmal Varma ist sicherlich einer der grossen Autoren des unabhängigen Indien. Er hat die Literaturströmung der `naé kahäné` mitgestaltet und ist bis heute einer der bekanntesten Vertreter dieser Stilrichtung.
Trotz dieses Bekanntheitsgrades scheint Varma ein recht zurückgezogenes Privatleben zu führen, denn über sein Leben ist recht wenig in Erfahrung zu bringen. Auf die Frage eines Reporters, wann er vorhabe eine Biographie zu schreiben, antwortet Varma, sein Gesamtwerk sei seine Biographie. 1 Diese Aussage macht deutlich, dass dem Autor selbst bewusst ist, wie eng sein Werk mit seinen eigenen Erfahrungen verknüpft ist und wie sehr ein interessierter Leser von der Kenntnis dieser Erfahrungen profitieren könnte. Was uns an Informationen gegeben ist, sind lediglich einige Eckdaten in Varmas Leben. Geboren wurde der Autor am 3. 4. 1929 in çimla. In dieser wunderschönen Bergregion wuchs er als Kind einer aufgeschlossenen Mittelstandsfamilie auf. Sein Vater war Beamter und wechselte den Wohnsitz zwischen çimla und Delhi. So lernte er als Kind sowohl die Natur und das Leben in der Kleinstadt, als auch das davon völlig verschiedene Leben in der Großstadt kennen. Es ist also nicht zu verwundern, dass er in seinen späteren Werken oftmals mit Symboliken und Metaphern arbeitet, die der Natur entliehen sind, andererseits aber für viele seiner Geschichten das Leben in der Großstadt zum Handlungsrahmen ausgewählt hat. Seine Schulausbildung schloss Nirmal Varma am St.Stephen`s College in Delhi, sicherlich eines der renomiertesten in Indien, mit dem `Master of History` ab, jedoch scheint es ihn schon früh zum Schreiben fiktiver Literatur gezogen zu haben, denn bereits ab 1950
1 Interview mit N. Varma in „The Tribune“ vom 10. 3. 2002
Arbeit zitieren:
Dirk Collet, 2012, inmRl vmaR - Die Beziehung zwischen den Geschlechtern in Nirmal Varmas Werk, München, GRIN Verlag GmbH
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