Einleitung
Im Folgenden geht es um eine kritische Analyse des Werkes „Minima Moralia - Reflexionen aus dem beschädigten Leben“, von Theodor W. Adorno (1903 - 1969), das in den Jahren 1944 bis 1949 in der Zeit seines Exils in den USA entstand und 1951 in Deutschland im Suhrkamp Verlag veröffentlich wurde. Ich konzentriere mich vor allem auf die Kapitel 19 (Nicht anklopfen) und 33 (Weit vom Schuss) und versuche einige Gründe für Adornos Thesen zu finden. Dabei soll auch die Aktualität für die heutige Zeit untersucht werden.
Betrachtet man die Zeit, in der Adorno aufgewachsen ist und gelebt hat, ist sein pessimistischer Blick auf die Gesellschaft kaum verwunderlich. Angesichts zweier Weltkriege und eines unvorstellbar grausamen Vernichtungsapparates, der, patriotisch verpackt und medial aufpoliert, den Menschen vorgaukelte ihre Hoffnung auf Sicherheit und Ansehen zu erfüllen und sie dabei zu Mittätern werden ließ, muss jeder Versuch, etwas Gutes im Menschen und etwas Konstruktives in der Kultur sehen zu wollen, einem als Hohn erscheinen. So schreibt Adorno:
Der Gedanke, daß nach diesem Krieg das Leben »normal« weitergehen oder gar die Kultur »wiederaufgebaut« werden könnte - als wäre nicht der Wiederaufbau von Kultur allein schon deren Negation -, ist idiotisch. […] Die Logik der Geschichte ist so destruktiv wie die Menschen, die sie zeitigt: wo immer ihre Schwerkraft hintendiert, reproduziert sie das Äquivalent des vergangenen Unheils. Normal ist der Tod. (Adorno 1951: Kap 33)
Und doch darf man froh sein, dass vor allem die Amerikaner beim Wiederaufbau Deutsch-lands trotz allen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen, die dabei eine entscheidende Rolle spielten, weniger apokalyptisch eingestellt waren. Natürlich sollte die Kaufkraft Deutschlands wiederhergestellt werden, um die Überproduktion US-Amerikanischer Firmen absetzen zu können und verhindert werden, dass ein Machtvakuum entstand, in das die Sowjetunion eindringen konnte. Betrachtet man die Entwicklung Deutschlands und Europas im Nachhinein muss man dennoch feststellen, dass die pragmatische, weniger von Rache, Vergeltung, Pessimismus und Repressalien geprägte Vorgehensweise (im Vergleich zu z.B. den französischen Plänen vom Agrarstaat Deutschland oder den russischen vom kommunistischen Vasallenstaat) - plakativ und undifferenziert ausgedrückt - für Demokratie, Wohl-stand, Frieden und eine kulturelle Vielfalt sorgten. Natürlich könnte man jetzt der Frage nachgehen, inwieweit diese Entwicklung an die USA gekoppelt war und immer noch ist, aber darum soll es hier nicht gehen. Was ich mit meiner Ausführung ausdrücken will, ist, dass ich viele von Adornos Thesen im Kontext seiner Zeit gut nachvollziehen kann (oder ist es doch bloß postmoderne Akzeptanz unterschiedlicher Standpunkte?), jedoch Schwierigkeiten damit
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habe, diese ohne Weiteres auf die heutige Zeit zu übertragen. Im Speziellen gilt dies für diejenigen Kapitel, in der eine generelle Kritik des „Neuen“ und Verklärung des „Früher“ erkennbar ist (wobei ich als angehender Medienwissenschaftler bei diesem Thema zugegebener Maßen besonders empfindlich bin).
Kapitel 19: Nicht anklopfen
Besonders deutlich wird das im Kapitel 19 (Nicht anklopfen), wo Adorno schreibt, dass die Technisierung die Gesten, und damit den Menschen, präzise und roh macht. Dabei greift er Beispiele wie Auto- oder Kühlschrank-Türen, die zugeschlagen werden müssen und Fenster, die grob aufgeschoben werden müssen, heraus und stellt sie behutsam zu öffnenden Flügelfenstern oder sachte zu bedienenden Türklinken gegenüber, die „früher“ der Verrohung der Gesten entgegenwirkten.
Seiner Hauptthese:
Die Technisierung macht einstweilen die Gesten präzis und roh und damit die Menschen. Sie treibt aus den Gebärden alles Zögern aus, allen Bedacht, alle Gesittung. Sie unterstellt sie den unversöhnlichen, gleichsam geschichtslosen Anforderungen der Dinge.
Versucht man, diese These in einige ihre Einzelbestandteile zu gliedern und etwas zuzuspitzen, erhält man folgende Punkte:
1. Die neuen technischen Hilfsmittel sind präzise und roh zu bedienen. 2. Der Mensch wird den Anforderungen der Technik untergeordnet. 3. Diese Anforderungen sind „unversöhnlich“ und „geschichtslos“. 4. Der Mensch wird durch die Technik selber präzise und roh, seine Gebärden weniger zögernd, bedacht und gesittet
Am Beispiel der Tür, konkretisiert Adorno seine These:
So wird etwa verlernt, leise, behutsam und doch fest eine Tür zu schließen. Die von Autos und Frigidaires muß man zuwerfen, andere haben die Tendenz, von selber einzuschnappen und so die Eintretenden zu der Unmanier anzuhalten, nicht hinter sich zu blicken, nicht das Hausinnere zu wahren, das sie aufnimmt.
Anschließend führt Adorno die These weiter aus und geht näher auf den Aspekt ein, dass der Mensch den Anforderungen der Technik untergeordnet wird:
Man wird dem neuen Menschentypus nicht gerecht ohne das Bewußtsein davon, was ihm unablässig, bis in die geheimsten Innervationen [Nervenenden; Anm. d. Bearb.] hinein, von den Dingen der Umwelt widerfährt.
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Die technische Entwicklung hat demnach einen neuen Menschentypus hervorgebracht. Die Gründe für die Veränderung formuliert Adorno anhand einiger Beispiele negativ als Abwesenheit bestimmter Dinge - der Fortschritt äußert sich in der Abschaffung bestimmter Dinge:
Was bedeutet es fürs Subjekt, daß es keine Fensterflügel mehr gibt, die sich öffnen ließen, sondern nur noch grob aufzuschiebende Scheiben, keine sachten Türklinken sondern drehbare Knöpfe, keinen Vorplatz, keine Schwelle gegen die Straße, keine Mauer um den Garten? Und welchen Chauffierenden hätten nicht schon die Kräfte seines Motors in Versuchung geführt, das Ungeziefer der Straße, Passanten, Kinder und Radfahrer, zuschanden zu fahren?
Adornos Fazit:
In den Bewegungen, welche die Maschinen von den sie Bedienenden verlangen, liegt schon das Gewaltsame, Zuschlagende, stoßweis Unaufhörliche der faschistischen Mißhandlungen.
Zum Schluss führt Adorno noch einmal aus, was er mit der Aussage meint, die Bedienungsgesten seien unversöhnlich und geschichtslos:
Am Absterben der Erfahrung trägt Schuld nicht zum letzten, daß die Dinge unterm Gesetz ihrer reinen Zweckmäßigkeit eine Form annehmen, die den Umgang mit ihnen auf bloße Handhabung beschränkt, ohne einen Überschuß, sei's an Freiheit des Verhaltens, sei's an Selbständigkeit des Dinges zu dulden, der als Erfahrungskern überlebt, weil er nicht verzehrt wird vom Augenblick der Aktion.
Die letzten beiden Abschnitte bilden meiner Meinung nach den Schlüssel zum Verständnis des Kapitels, hier lohnt es sich noch einmal, die Unterpunkte fest zu halten:
1. Die Bedienung der heutigen Technik ist auf reine Zweckmäßigkeit beschränkt. 2. Das Gesetz der Zweckmäßigkeit führt zum Absterben der Erfahrung, die früher in der Bedienung eines Gegenstandes lag.
3. Früher behielt der Bedienende eine gewisse Selbständigkeit, es gab in der Bedienung noch eine Freiheit im Verhalten.
4. Die präzise und rohe Bedienung der Geräte findet seinen letztendlichen Ausdruck in der faschistischen Gewalt.
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Arbeit zitieren:
Abel Hoffmann, 2011, Theodor W. Adorno: Minima Moralia - Eine kritische Reflexion der Kapitel 19 und 33, München, GRIN Verlag GmbH
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