oftmals mit diesem Ärger umgeht. In der Tradition der soziologischen Analyse richtet Kaufmann bei seinen Analysen nicht den Fokus auf die Individuen an sich, sondern auf deren Miteinander und auf die sich wiederholenden Handlungsmuster. Vergleicht man seine Darstellungen mit den Ebenen einer soziologischen Analyse, lassen sich vor allem Rückschlüsse auf den Beziehungsalltag, also auf die Handlungsebene der Paare ziehen. Dabei zitiert er in seinen Abhandlungen häufig ganze Passagen aus den Erzählungen seiner Probanden über den Umgang miteinander, wodurch dem Leser die Möglichkeit eröffnet wird, sich mühelos in diese Situationen und Paare hineinzuversetzen. Die drei angesprochenen Hauptteile gliedern sich in insgesamt sieben Kapitel auf, welche wiederum aus sechs bis neun kurze Unterkapitel bestehen. Inhaltlich folgen diese Abschnitte stets einem wiederkehrenden Muster. Zunächst folgt eine These, die der Autor bezüglich des Themas generiert hat. Mithilfe von alltagspraktischen Beispielen, die er aus seinen gewonnenen Informationen in wörtlicher Rede oder paraphrasierend wiedergibt, werden auf den zwei bis neun Seiten umfassenden Unterkapiteln die Zusammenhänge erklärt, welche das Zu-standekommen seiner Annahmen verdeutlichen.
Bereits in seiner Einleitung widmet sich Kaufmann einer Begriffserklärung des Wortes Ärger. Er unterscheidet hierbei zum einen den gleichförmigen und impulsiven Ärger, der sich wiederum von Gewalt und Entrüstung abgrenzt. Im ersten Teil des Buches heißt es, dass der Ärger entsteht, weil das „implizite Gedächtnis“ nicht mit dem geheimen Plan des Einzelnen übereinstimmt. In diesem Zusammenhang bezieht sich der Autor auf die Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften. Demnach entstehen unbewusste Reflexhandlungen durch sogenannte Schemata im menschlichen Gehirn, welche jenen geheimen Plan eines jeden Menschen entstehen lassen. Vertraute Dinge unterliegen somit einer visuellen und taktilen Ordnung. Treten Konflikte zwischen diesen Speichermodalitäten auf, ist das Individuum um die Aufhebung dieser Dissonanzen und die Wiederherstellung der Kohärenz der beiden Gedächtnishälften bemüht (18f.). Im Anschluss an diese wissenschaftliche Erklärung macht Kaufmann deutlich, dass der Ärger innerhalb einer Paarbeziehung nicht ausschließlich etwas Negatives sein muss, sondern auch ein Zeichen für das Zusammenwachsen der beiden Partner und eine Antriebsenergie für die Beziehung ist (25). Die durch ihr bisheriges Umfeld geprägten Individuen haben sich einen eigenen Automatismus angeeignet, der sich von dem Automatismus der jetzt nahestehenden Person unterscheidet (21). Demnach ist die Paarbeziehung nach Auffassung des Autors besonders in der ersten Phase des Anpassungsprozesses anfällig für Ärger (26). Kaufmann stellt die Gesellschaft
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als aggressiv und destabilisierend dar, in der „[…]die Paarbeziehung heute immer mehr als Instrument des Trostes und der Selbstvergewisserung[…]“ wirkt (34). Der Partner will sich in der Gegenwart des Anderen wohlfühlen. Doch diese Ungezwungenheit führt sowohl zum Einschleichen der Routine in den Alltag als auch zum Verlust der Schamgrenzen, wodurch wiederum neue Quellen des Ärgers hervorgebracht werden (35). Der Ärger kann die Beziehung somit stärken, den Partnern aber auch verdeutlichen, dass die Verhaltensweisen des Gegenübers von den eigenen Idealen abweichen (38). Je mehr Zusammenhalt nötig ist, beispielsweise bei der Erziehung von Kindern, desto größer ist die Gefahr für Ärger (42). Allerdings distanziert sich Kaufmann von der Ansicht des italienischen Soziologen und Journalisten Francesco Alberonis, für den die Festigung einer Paarbeziehung gleichzeitig den Verlust von Leidenschaft bedeutet (45).
Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern beleuchtet der Autor im zweiten großen Abschnitt des ersten Hauptteils. Demnach übernimmt eine Person aus der Paarbeziehung die Rolle des Hauptdarstellers, welcher als Leiter für die Herstellung eines gemeinsamen Modells Entscheidungen trifft sowie nach Lösungen für aufkommende Probleme sucht. Der Nebendarsteller muss dagegen die Dominanz des Anderen akzeptieren und darf seine eigene Meinung nicht kund tun (59f). Da der männliche Partner laut Kaufmann die Dinge meist nicht zur Zufriedenheit der Frau erledigt, nimmt sie diese lieber eigens in die Hand und übernimmt somit die Rolle des Hauptdarstellers. Der männliche Nebendarsteller versteckt sich sodann „[...] unter dem Deckmantel der Inkompetenz […]“ (62). Die Vorstellung über die Rollenübernahme, welcher sich ein Subjekt unterzieht, ist schon bei dem Soziologen Erving Goffman ein Thema. Diese Rollen sind folglich als ganz bestimmte Handlungsmuster zu sehen, die sich innerhalb von gewissen Situationen entwickeln (Vgl. Goffman 1969: 18).
Daraus ableitend stellt sich für Kaufmann die Frage, ob sich ein Mann zudem weniger als seine Partnerin ärgert. Er räumt eigens ein, dass die vollständige Beantwortung dieser Frage einer statistischen Datenerhebung von schwer zu formulierenden Gefühlen bedürfe. Allerdings gibt er in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass mehr Frauen seiner Auf-forderung, sich über den Partner zu beschweren, nachgekommen sind. Jedoch liegt es laut Kaufmann auch in der Natur der Männer, weniger gern über Vertrauliches zu sprechen. Sodann ergibt sich hier für ihn erneut eine typische Rollenverteilung. Die Frau sucht nach Kommunikation, der Mann nach Sexualität (66f). Die männliche Taktik des Rückzugs verärgert eine Frau sodann in doppelter Hinsicht (71). Letzten Endes bleibt ungeklärt, ob sich
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eines der beiden Geschlechter generell mehr ärgert. Dennoch kann die Frage ein Anknüpfpunkt für weitere mögliche Auseinandersetzungen bezüglich der geschlechterspezifischen Unterschiede sein.
Das kindliche Verhalten der Männer war ein weiteres, oft von den Frauen kritisiertes Phänomen. Kaufmann geht hier auf das von Dan Kiley verfasste Buch „Das Peter-Pan-Syndrom“ ein. In Folge der emanzipatorischen Bewegung sind die Männer theoretisch dazu angehalten, im Haushalt mitzuhelfen. Da sie trotzdessen versuchen die alten Hierarchien in gewisser Weise fortzuführen und ihre „biologische Uhr“ langsamer als die der Frauen tickt, verfallen sie in die Rolle des sorglosen Kindes (76). Ob der Nebendarsteller diese Rolle nicht ablegen kann oder will, bleibt für den Leser allerdings ebenfalls unklar. Im zweiten Hauptteil des Buches beginnt Kaufmann die Ursachen für den Ärger in Paarbeziehungen aufzuzeigen und bedient sich dafür erneut der alltagspraktischen Beispiele seiner Interviewten. Allerdings weist er schon im Voraus darauf hin, dass eine vollständige Klärung der Ursachen einer statistischen Arbeit bedürfe (88). Die Zahnpastatube, welche auch auf dem Buchcover zu sehen ist, deklariert er als einen von vielen alltagstypischen Gegenständen, welche großen Ärger auslösen können. Entscheidend für ihn ist in diesem Zusammenhang, dass dieser Ärger durch die unterschiedlichen Verhaltensweisen im Umgang mit diesem Objekt entsteht (89). Jedes Paar hat demnach gemeinsame allgemeingültige Prinzipien, die die Grundlage für die tägliche Arbeit zur Entstehung einer Einheit sind (102). Auch Goffman spricht von ähnlichen Ordnungsprinzipen, den sogenannten „Rahmen“, beziehungsweise „frames“ (Vgl. Goffman 1977: 19). Durch diese „Rahmen“ wird den Subjekten einerseits die Möglichkeit gegeben, bestimmte Situationen zu entschlüsseln und sich andererseits angemessen in diesem „social occasion“ zu verhalten (Vgl. Ebd., 274). Für Kaufmann ist ausschlaggebend, dass es in einer Paarbeziehung trotz oder eher aufgrund der emotionalen Verbundenheit immer auch bestimmte gegensätzliche subjektive Vorstellungen gibt. Es finden Kristallisationen statt, in denen das Subjekt seinen Ärger nicht länger für sich behält, sondern dieser sich explosionsartig entlädt (102). Neben den Ausbrüchen dieser unangenehmen Seiten sind Paarbeziehungen zudem durch ein hohes Maß an Zuwendung und Liebe zueinander geprägt. Das Vertrauen und die emotionale Verbindung lassen eine „besonders ausgeprägte Interdependenz“ entstehen (Vgl. Lenz 2008: 689). Gleichzeitig gibt es zeitweise kaum Rückzugsmöglichkeiten für die Partner. So sind sie teilweise unvermeidbaren Situationen ausgesetzt, in denen sie sich nahe sind, diese Nähe allerdings schlecht ertragen können. Kaufmann bringt diesbezüglich das Beispiel des
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Arbeit zitieren:
Nancy Grützbach, 2011, Über ''Was sich liebt, das nervt sich'' von Jean-Claude Kaufmann, München, GRIN Verlag GmbH
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