Universität Leipzig
Philologische Fakultät
Institut für Germanistik
Wintersemester 2010/ 11
Seminar: Projektseminar 40 Jahre ,,Tatort" Linguistische Analysen
Modul: Sprachsystem Sprachgeschichte Sprachliche Kommunikation Sprachliche
Variation: Integrative Aspekte
Hausarbeit zum Thema
,,Die Vulgärsprache in der Krimireihe ,,Tatort""
Christian Luther
Datum der Abgabe: 14.03. 2011
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...3
2. Wissenschaftlicher Hintergrund...4
3. Hypothese(n) und Methodik...5
4. Ergebnisse und Auswertung...7
5. Zusammenfassung und Forschungsausblick...11
6. Literaturverzeichnis...12
7. Anhang...13
1. Einleitung
"Unsere Jugendsprache ist obszön, unschön und amerikanisiert - sie zeigt, wie versaut und unappetitlich unsere
Kultur geworden ist! Die Jugend hat sich völlig verändert. Vulgäre, obszöne Ausdrücke sind an der
Tagesordnung. Das fördern die Medien, die offen mit der Fäkalsprache umgehen. In TV-Shows werden
Jugendliche von Leuten wie Dieter Bohlen fertig gemacht. Gleichzeitig kupfern diese 'alten Herren' ihre Sprache
von den Jugendlichen ab, weil sie cool sein wollen. Bei mir ist das Wort 'geil' verboten - das Wort ist
aufdringlich."
(Powelz 2010)
So lautet die Aussage Götz Georges, der als Kommissar Schimanski vor allem aufgrund
seiner rohen Sprachverwendungsweise, bekannt geworden ist. Ein paradoxer Umstand, wenn
man die von Fäkal- und Schimpfworten geprägte, Sprache der Figur in den 80er-Jahren
bedenkt. Tatsächlich ist seitdem fast ein Viertel Jahrhundert vergangen und ,,Vulgäre und
obszöne Ausdrücke" sind aus unserer heutigen Medienlandschaft nicht mehr weg zu denken
und erst recht keine Randerscheinung mehr, meint der Ex-Tatort-Kommissar.
Wurde Schimanskis Sprache damals noch aufgrund seiner Exzentrik als markiert und durch
diesen Umstand gerechtfertigt als Sonderfall gesehen, spricht die deutsche Schauspielerin
Mimin Anneke Kim Sarnau auf Nachfrage innerhalb einer Pressekonferenz, bezüglich ihrer
von Fluchworten durchzogenen Sprache, davon, dass sie sich als Prolet auf hohem Niveau
verstehe (Rösch, 2010). Die britische Aufsichtsbehörde Ofcom berichtet währenddessen von
einer wachsenden Akzeptanz des Fernsehpublikums gegenüber der Vulgärsprache. Ausdrücke
dieser, wie Scheiße und Schwuchtel, seien mittlerweile gängig (Zettel, 2010). Innerhalb dieser
Kontexte von einer allmählichen Legitimierung der Vulgärsprache zu sprechen erscheint
angemessen. Die gestiegene Toleranz der Fernsehrezipienten gegenüber dieser, aber auch die
vielfältigeren Verwendungskontexte, speziell die sozialen Milieus betreffend, deuten
jedenfalls darauf hin. Inwieweit sich diese Annahme auch durch eine Weiterentwicklung der
Vulgärsprache innerhalb des deutschen Fernsehens stützen lässt, soll innerhalb der
anzufertigenden Arbeit untersucht werden.
Zentral wird dabei in diesem Forschungsbericht, der im Wintersemester 2010/11 an der
Universität Leipzig im Tatort-Seminar bei Prof. Dr. Siebenhaar entstand, die Rolle der
Vulgärsprache und ihrer Verwendungssituation innerhalb von vier ausgewählten Episoden
betrachtet werden. Welche Methodik dabei angewandt wurde, welche Theorie zugrunde liegt
und welche Ergebnisse erzielt wurden, wird auf den nächsten Seiten gezeigt. Am Ende der
Arbeit wird eine kurze Zusammenfassung sowie ein Fazit und Ausblick für die weitere
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Forschung gegeben.
2. Wissenschaftlicher Hintergrund
In diesem Abschnitt wird vorab eine kurze Darstellung des wissenschaftlichen Hintergrunds
folgen. Dabei sollen Grundlagen für die weitere Arbeit gelegt und Definitionen gegeben
werden. Ein Problem, welches sich ergibt, wenn man den Bereich der Vulgärsprache
untersuchen möchte, ist, dass man vorab eine Definition finden muss, die zum einen die
Voraussetzung zum Verständnis dieses Phänomens gibt, als auch das Pänomen als solches
beschreibt, da dieser Bereich weit gefasst werden kann. Daher muss vorab der Begriff Tabu
geklärt werden. Caroline Mayer beschäftigt sich in ihrer Arbeit über Öffentlichen
Sprachgebrauch und Political Correctness unter anderem mit dem Begriff und kommt zur
Erkenntniss, dass
,,in jeder Kultur [...] zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Umgangsformen gepflegt [werden Ch.L.]. Die
jeweiligen Verhaltenskodizes schreiben vor, wie sich die Mitglieder der Gemeinschaft in bestimmten Situationen
benehmen sollen bzw. legen fest, was verboten ist. ,,Unkorrekte" Handlungen [...] werden mit gesellschaftlichen
Sanktionen belegt. [...] Der soziale Verhaltenscode wird inhaltlich vor allem durch Tabus definiert. Eine
besondere Rolle kommt den Wortverboten und Sprachtabus zu, da diese nicht nur Teil der gesellschaftlichen
Normen sind, sondern gleichzeitig einen Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse darstellen"
(Mayer 2002: 198)
Tabus sind also, durch soziokulturelle Eigenheiten einer Gesellschaft bestimmte und als zu
vermeidend definierte Situationen. Im hier behandelten Fall werden diese als sprachliche
Äußerungen aufgefasst, die an bestimmte Normvorstellungen, wie zum Beispiel die
Vermeidung von Aufsehen und Peinlichkeit, gekoppelt sind (Vgl. Allan 2006: 1). Tabuisierte
Sprache zeichnet sich demnach dadurch aus, dass sie gegen bestimmte Wertevorstellungen
verstößt. Sie kann als logische Konsequenz dessen nicht zur Standardsprache gezählt werden,
da Begriffe, die hier verwendet werden, als besonders markiert empfunden werden und deren
Gebrauch eine Verletzung der kulturellen Normen auf sprachlicher Basis darstellt. Solch einer
Substandardvarietät entspricht die Vulgärsprache. Ebenso wie Werte ist sie ein dynamisches
Gebilde, das weder geschlossen, noch abgeschlossem im Bestand funktioniert sie ist stetig
im Wandel begriffen, da sich Werte ändern. Dies wird im folgenden Teil, der sich mit der
Methodik des Vorgehens beschäftigt noch thematisiert werden, da dieses Verständnis die
Basis für die Methode und das weitere Vorgehen bildet. Bisher ist jedoch schuldig geblieben,
was in dieser Arbeit als Vulgärsprache betrachtet wird. Diese besteht aus ihren Ausdrücken,
welche als Vulgarismen bezeichnet werden. Zu diesen ,,gehören [obszöne und ordinäre Ch.L.]
Begriffe aus der Fäkalsprache wie Scheiße oder kacken, aber auch viele Wörter aus dem
Sexualwortschatz, die jedoch meistens ihre ursprüngliche Bedeutung zum Teil oder ganz
eingebüßt haben, wie zum Beispiel Lexeme wie geil, abgefuckt [...]" (Brinkop 2008: 45)
3. Hypothese(n) und Methodik
Eine Hypothese dieser Arbeit besagt, dass ,,die Tatortkommissare nach 2005 Vulgärsprache in
wesentlich selbstverständlicher Art und Weise als ihre Serienvorgänger verwenden und diese
Sprachverwendung von der Markiertheit zur Akzeptabilität übergeht."
Dies entspricht weitgehend der These von Mayer, dass ,,in jüngerer Zeit noch schockierende
Vulgärausdrücke für Sexualität, bestimmte Körperteile und Körperfunktionen [...] heutzutage
kaum noch Anstoß [erregen Ch.L.]." (Mayer 2002: 200)
Das heißt, man muss davon ausgehen, dass sich ein inflationärer und teilweise unreflektierter
Gebrauch von Vulgärsprache auch in Szenen, in denen es früher nicht gerechtfertigt gewesen
wäre diese zu verwenden, vollzieht. Da in der Hypothese mit eingeschlossen ist, dass es sich
um einen Vergleich von Tatortkommissaren handelt und diese aus jeweils unterschiedlichen
Episoden und auseinanderliegenden Jahrzehnten stammen, trifft dies auch auf einen
Altersunterschied in der Zuschauerschicht. Dadurch kommt es auch zu einer Verschiebung in
der Bedeutung fäkalsprachlicher Ausdrücke in der Kommunikation, wie Eva Neuland
feststellt:
,,Der Vorwurf der ,,unanständigen" Ausdrücke [...] lässt sich bis in die Sprachgeschichte zurückverfolgen. [...]
Die aktuelle Verwendung von Ausdrücken, die der Standardsprache und dem guten Stil widersprechen [...] zieht
heute die öffentliche Missbilligung auf sich. [...] ,,du Wichser" wird im Sinne von ,,du Blödmann" verwendet,
,,na du Penner" gilt inzwischen als eher kameradschaftliche Anredeform. Jugendlichen ist aber zumeist bewusst,
dass solche Ausdrucksweisen in anderen Sprachgebrauchssituationen von nicht jugendlichen Adressaten als
Beleidigung, Diffamierung oder Provokation verstanden werden können."
(Neuland 2008: 37)
Dabei muss bedacht werden, dass es sich bei der Fernsehkrimi-Reihe Tatort um konstruierte
Sprachsituationen handelt. Neuland geht soweit den Medien zu unterstellen, dass diese
Jugendsprache nutzen um eine ,,medial konstruierte Jugendsprache" zu erzeugen. (Neuland
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