Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
1. Fontanes Verklärungsbekenntnis 5
2. Verklärung - religiöses Glaubenselement? 8
3. Verklärung - ästhetisches Darstellungsinstrument 14
4. Fazit 18
5. Literaturverzeichnis 20
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0. Einleitung
„Kein Wunder, dass der Idealismus nicht nur in Realismus umschlug, sondern in tiefen Pessimismus. Ihn drücken die heutigen Roman und Filme aus.“ 1
„Man stößt gegen viele Mauern der politischen Korrektheit, aber man merkt, daß der Ton an Deutlichkeit zunimmt, wir haben noch nicht verstanden, daß wir ein kleines Volk sind. Wir verstehen uns immer noch als ein großes Volk [...]. Wenn von unseren 80 Millionen praktisch dreißig Prozent im Rentenalter sind, sind wir bereits eine relativ kleine Bevölkerung.“
Nach diesen einleitenden Worten zu der Frage ob „man politisch zu einer gelingenden Integration aktiv nichts beitragen kann“, setzt Thilo Sarazzin seine Ausführungen zu den realen Verhältnissen in Deutschland fort:
„[...] die Ausländer dort [in München, Stuttgart, Köln oder Hamburg] sind in den Produktionsprozess integriert. Während es bei uns eine breite Unterschicht gibt, die nicht in Arbeitsprozesse integriert ist. Doch das Berliner Unterschichtproblem reicht weit darüber hinaus [...]. 2
„Im Englischen sagt man clinical. Wenn ich das Wort „klinisch“ gebrauche, will ich den vollständigsten Realismus bezeichnen. Wie, das läßt sich unmöglich definieren. Es ist unmöglich, davon zu sprechen.“ [...] es heißt, eine Art Realismus, aber nicht unbedingt kalt. „Klinisch“ sein heißt nicht, kalt sein. Das ist eine Haltung, als wollte man etwas endgültig entscheiden. Doch es stimmt, daß es Kälte und Distanz in alldem gibt. Zunächst einmal gibt es keine Gefühle. Und paradoxerweise kann gerade das ein überwältigendes Gefühl hervorrufen. „Klinisch“ heißt, dem Realismus am nächsten, im tiefsten Innern seines Ich zu sein. Etwas Genaues und Entscheidendes. Der Realismus ist etwas, was Sie aufwühlt ...“. 3
„Mary habe ich auch immer Geschichten erzählt, Geschichten aus meiner Kindheit und Abenteuer von Einwandern, über die andere berichtet hatten. Inzwischen war ich es aber müde, sie zu erzählen, müde, sie mir anzuhören. In Chicago hatte ich mich nach der heimatlichen Form zurückgesehnt - in Sarajevo hatte man beim Geschichtenerzählen immer im Hinterkopf, dass die Aufmerksamkeit der Zuhörer nachlassen könnte, also übertrieb man und schmückte aus oder log regelrecht, um das zu verhindern. Man hörte hingerissen zu, immer bereit zu lachen, ohne Rücksicht auf Zweifel oder unglaubwürdige Einzelheiten. Es gab auch einen Solidaritätskodex der Geschichten-erzähler - man unterließ es, die Erzählung eines anderen zu sabotieren, wenn die Zuhörerschaft damit zufrieden war, denn sonst musste man damit rechnen, dass einem eines Tages
1 Andreas Zielcke, In den Höllen der Kindheit. Missbrauch in der Realität - Jugendelend in Romanen, in: Süddeutsche Zeitung vom 20./21. März 2010.
2 Thilo Sarrazin, Klasse statt Massen, in: Lettre International (86), S. 199-200.
3 Francis Bacon im Gespräch mit Frank Maubert, in: Lettre International (87), S. 86-87.
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eine eigene Geschichte ebenfalls sabotiert wurde. Skepsis war dauerhaft außer Kraft gesetzt, denn niemand erwartete Wahrheit oder Information, sondern nur das Vergnügen, an einer Geschichte teilzuhaben und sie vielleicht irgendwann als seine eigene weiterzuerzählen. In Amerika war das anders: Die unaufhörliche Verewigung kollektiver Phantasien erzeugt ein unstillbares Verlangen nach Wahrheit und nichts als der Wahrheit - Realität ist in Amerika die begehrteste Ware.“ 4
Realität ist das eine: das nicht zu leugnende einzelne faktum bzw. datum. Realismus dagegen scheint in der Tat auch das Andere oder so wie es Francis Bacon nahe legt, eine Haltung zu sein. Jedoch stellt sich die Frage wozu? Wozu verhält sich ein Realist und warum? Der politisch Denkende Sarazzin scheint altem Verständnis des Politischen folgend, zum einen zwischen Freund und Feind und zum anderen zwischen oben (Elite) und unten (Präkariat) zu unterscheiden. Das Ergebnis seiner (Welt-)Sicht ist die Notwendigkeit der Einsicht, dass die Elite nicht ohne das Präkariat und das Politische nicht ohne das Gesellschaftliche auskommen kann, wenn auch dies schmerzlich und für Sarazzin problematisch ist. Realismus ‚wühlt’ also politisch durchaus auch auf und drückt die Bestimmung eigener Position über die Relation, bzw. dem Vergleich zu der Position anderer Personen, Gruppen etc. Auch in der Kunst scheint das Sich-Beziehen des Realisten Thema zu sein. In der Schilderung von Vladimir Brik, dem Protagonisten aus Aleksandar Hemons Roman Lazarus, zeigt sich die Bezugsgröße des Realismus in kollektive Identitäten prägenden Gewissheiten, die in Worte gekleidet als Wahrheiten geglaubt und für Realitäten gehalten werden. Der Realismus ist hier mehr als nur bloße Wirklichkeit, es ist eine geschaffene, künstliche geschaffene Wirklichkeit. Zielcke wiederum spielt mit seiner Kritik eines ‚Umschlagens’ des Idealismus in Realismus in der aktuellen Diskussion um den Roman Axolotl Roadkill von Hegemann auf die bereits in der Literaturepoche des deutschen, bürgerlichen Realismus vorgebrachten Einwände. Sowohl Zielcke als auch Vertreter des poetischen Realismus 5 wenden sich gegen einen Realismus, der eingrenzt. Sie verlangen nach einem Realismus, der durch die Verklärung entgrenzt. Verklärung, ein zentraler Begriff des poetischen Realismus, ist sowohl zeitlich als auch inhaltlich in der Zeit nach der Aufklärung zu verorten. Nicht die Emanzipation des Staates von der Religion und auch nicht die Fortsetzung des
4 Aus Aleksandar Hemons Roman Lazarus, München 2009, S. 129-130.
5 Ich folge hier der Unterscheidung zwischen poetischem und bürgerlichem Realismus, wonach poetisch für die Bezeichnung des ästhetischen Programms und bürgerlich für das Publikum, an welches sich die Literatur richtete, steht. Vgl. Realismus, Literaturhistorischer Epochenbegriff für die Zeit von ca- 1850-1900, Jan-Dirk Müller, Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, Berlin 2007, Band III, S. 221.
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Kampfes um die Wahrheit zwischen wissenschaftlich fundiertem Wissen und religiösen Glauben erlangte in der Zeit von 1848-1900 literarische Bedeutung, 6 sondern die Frage nach dem Beitrag der religiösen Institutionen und ihrer Vertreter in der zunehmend industrialisierten und urbanisierten Welt wurde zu einem wichtigen Thema. Dieser Realismus bezieht sich nur insofern auf das Andere, als dass das Andere in irgendeiner Weise von Belang ist für das sich auf sich selbst beziehende Selbst ist. Eben diesen Sachverhalt gilt es ernst zu nehmen, wenn es um die Frage nach dem sakralen Gehalt des Verklärungsbegriffes im poetischen Realismus geht. Der vorliegenden Arbeit liegt der Versuch zugrunde, die Bedeutung der Verklärung - auf deren Ergebnis ich bereits vorwegnehmend hingewiesen habe - in Bezug auf ihre religiösen und ästhetischen Konnotationen bei Fontane darzustellen. Dies soll anhand sowohl Theodor Fontanes eigener Äußerungen zur programmatischen Bedeutung des Begriffes Verklärung in seinen Essays und Briefen, als auch anhand der Betrachtungen über und Darstellung der Religion in seinem Werk Der Stechlin erfolgen.
1. Fontanes Verklärungsbekenntnis
„So ist das Leben nicht und wenn es so wäre, so müßte der verklärende Schönheitsschleier dafür geschaffen werden. Aber dies ‚erst schaffen’ ist gar nicht nötig; die Schönheit ist da, man muß nur ein Auge dafür haben oder es wenigstens nicht absichtlich verschließen. Der echte Realismus wird auch immer schönheitsvoll sein; denn das Schöne, Gott sei dank, gehört dem Leben gerade so gut an wie das Häßliche. Vielleicht ist es noch nicht einmal erwiesen, daß das Häßliche präponderiert“ 7
Die Schlussvermutung Fontanes, dass das Schöne dem Hässlichen womöglich in seiner Wirkung voraus ist, und das sowohl im Leben als auch vor allem in der Kunst, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Fontanes Verständnis hinsichtlich der Funktion der Literatur die Annahme zugrunde liegt, dass die Schönheit eine Notwendigkeit des Lebens darstellt, und dass dort, wo sie nicht erfasst, d.h., in und durch Erfahrung nicht erlebt werden kann, die Aufgabe der Literatur darin besteht, das Hässliche, Tragische und Traurige nicht zu leugnen, sondern über diese einen Schleier der Schönheit zu
6 Vgl. Sabine Becker, Bürgerlicher Realismus, Tübingen/Basel 2003, S. 11-51.
7 Theodor Fontane, Brief an Emilie Fontane am 12. Juni 1883. Zitiert nach Marie Luise Gansberg, Der Prosa-Wortschatz des deutschen Realismus. Unter besonderer Berücksichtigung des vorausgehenden Sprachwandels 1835-1855, Bonn 1966, S. 125.
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legen, bzw. dem Hässlichen, Tragischen und Traurigen das Schöne zu entlocken. 8 Das Schöne zeigt sich demnach darin, dass es das „unerfreuliche, häßliche, brutale Faktum“ der alltäglichen Lebenswirklichkeit nicht zur Grundlage einer resignierenden Lebenshaltung werden bzw. verkommen lässt, sondern, diesem Faktum der das Individuum und mit diesem die Gesellschaft erdrückenden Verhältnisse zum Trotz, in und durch das „künstlerische Ordnungsprinzip“ der von Gansberg zutreffend bezeichneten, „Verklärungstendenz“, die Lebenskraft und den Lebenswillen des Einzelnen auch in seiner Unabhängigkeit, d.h., in seiner Freiheit und Möglichkeit, das Diesseits ohne die Notwendigkeit einer Flucht in jenseitige (religiöse) Erlösung zu zeigen. 9 Auch klingt in Fontanes Zitat jene Realismus-Idealismus Diskussion zwischen Goethe und Schiller an. Die Frage der Verhältnisbestimmung zwischen Mimesis (Nachahmung der Wirklichkeit im aristotelischen Sinne) und Poesis (schöpferisches Erschaffen einer einheitlichen Verbindung der Wirklichkeit und zwar durch die Darstellung des Verhältnisses zwischen den Teilen und dem Ganzen), versucht Fontane auf der Grundlage seines Verständnisses von Verklärung, als einem aller realistischen Kunst eigentümlichen Element, das er weniger als „absolutes Prinzip“, sondern mehr als ein „dialektisches Moment“ denkt, zu beantworten. 10 Seiner Kritik am
Kunstverständnis seiner Zeitgenossen ist Fontanes Glaube an die Wegweisungsfunktion - in Bezug auf die Gestaltung des bürgerlichen Lebens - der Kunst eigen, vorausgesetzt diese bedient sich des ihr eigentümlichen Instruments: der Verklärung. Das Traurige, das Erdrückende in der Literatur von Zola und Turgenjew beklagend, betont Fontane, dass solch eine Darstellungsweise für ihn nur „Anschauungs-, nicht Kunstsache“ ist: „Wer nicht selbst Künstler ist, dreht natürlich den Spieß um und betont Anschauung, Gesinnung, Tendenz“ 11 „Ich bewundere die scharfe Beobachtung und das hohe Maß phrasenloser, alle Kinkerlitzchen verschmähender Kunst; aber eigentlich langweilt es mich, weil es ... so grenzenlos prosaisch, so ganz unverklärt die Dinge wiedergibt. Ohne diese Verklärung gibt es aber keine eigentliche Kunst, auch dann nicht, wenn der
8 So Fontane: „Das Tragische ist schön, und selbst bloß das Traurige will ich mir unter Umständen gefallenlassen ...“. Zitiert nach, Richard Brinkmann, Theodor Fontane. Über die Verbindlichkeit des Unverbindlichen, München 1967, S. 42.
9 Marie Luise Gansberg, Der Prosa-Wortschatz des deutschen Realismus. Unter besonderer Berücksichtigung des vorausgehenden Sprachwandels 1835-1855, Bonn 1966, S. 128 und 129.
10 Wolfgang Preisdanz, Wege des Realismus. Zur Poetik und Erzählkunst im 19. Jahrhundert, München 1977, S. 75.
11 Fontane über Zola, Wolfgang Preisdanz, Wege des Realismus. Zur Poetik und Erzählkunst im 19. Jahrhundert, München 1977, S. 80.
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Arbeit zitieren:
Ernest Mujkic, 2011, Theodor Fontanes Verständnis des Prinzips „Verklärung“, München, GRIN Verlag GmbH
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