Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung - 1 -
2 Metropole, Megacity, Global-City - Städtekategorien im Kontext
eines weltweiten Urbanisierungstrends - 2 -
2.1 Die Megacity - zur Definition urbaner Siedlungsformen - 2 -
2.2 Urbanisierung und Bevölkerungswachstum. - 6 -
2.3 Megacities als besonderes Phänomen des weltweiten Urbanisierungstrends - 9 -
3 Die Megacity als Risiko (-raum) - 13 -
3.1 Naturbedingte Bedrohungen und Risiken. - 16 -
3.2 Infrastrukturelle und technologische Risiken - 21 -
3.3 Soziale und politische Risiken. - 25 -
4 Tendenzen und Forschungsempfehlungen - 28 -
5 Fazit - 29 -
6 Literaturverzeichnis .................................................................................................- 31 -
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Abgrenzungskriterien und Raumbezug der Begriffe Metropole,
Megacity und Global City - 5 -
Abbildung 2: Urbane und ländliche Weltbevölkerung, 1950-2050 - 7 -
Abbildung 3: Urbane und ländliche Bevölkerung nach Entwicklungsstand, 1950-2050. - 8 -
Abbildung 4: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015. - 10 -
Abbildung 5: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2000 - 12 -
Abbildung 6: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2015 - 12 -
Abbildung 7: Infrastruktur- und Gebäudeschäden durch Erdbeben in Kobe 1995 - 18 -
Abbildung 8: Pueblo Joven in Lima, Quelle - 20 -
Abbildung 9: Squattersiedlung Manilas in unmittelbarer Nähe zu einer Mülldeponie. - 22 -
Abbildung 10: Rush-Hour in Neu Delhi - 24 -
Abbildung 11: Favela São Paulos in unmittelbarer Nachbarschaft zu den gesicherten
Appartement-Hochhäusern der Oberschicht ............................................................- 27 -
1 Einleitung
New York, Tokio, Los Angeles, São Paulo, Manila, Delhi: Rund um den Globus entstehen und wachsen urbane Ballungsräume mit mehreren Millionen Einwohnern. Megacities sind das globale Phänomen des 20 Jahrhunderts. Durch ihre rasante Entwicklungsdynamik sind sie zum „Motor der Globalisierung“, Zentren politischer und wirtschaftlicher Macht und Projektionsfläche für die Träume von Millionen von Migranten geworden. In einer Art „Durchlauf-Erhitzer“ bündelt sich in den Megacities von heute eine Vielzahl ökonomischer, soziologischer, politischer und geographischer Prozesse, die in Kombination mit der Konzentration von Millionen von Menschen auf engstem städtischem Raum auch Risiken und Bedrohungen mit sich bringen.
Ziel dieser Arbeit ist es, eine Antwort auf folgende Frage zu geben: Welchen Bedrohungen, Risiken und Gefährdungen sind Megacities ausgesetzt und worauf sind diese zurückzuführen? Die Frage soll dabei vor dem Hintergrund der verschiedenen ökonomischen Entwicklungsstufen betrachtet werden. Mit anderen Worten: Sind die Megastädte der Industriestaaten wie etwa New York oder Tokio den gleichen Risiken ausgesetzt, wie die mega-urbanen Ballungsräume der Entwicklungs- und Schwellenländer?
Aufgrund der Komplexität der Themenstellung folgt diese Arbeit einer zielgerichteten Bearbeitung der Fragestellung. Dabei liegt der Fokus der Vergleichbarkeit des tatsächlichen und potentiellen Risikos von Megacities je nach Entwicklungsstand entweder in den Industrieländern oder Entwicklungs- und Schwellenländern. Einführend wird der Begriff Megacity in Abgrenzung zu verwandten urbanen Siedlungskategorien wie der Metropole und der Global City definiert, um Megacities anschließend in den Kontext der weltweiten Urbanisierung einzuordnen. Es folgt eine geographische Übersicht über die Lage und Entwicklungstendenz weltweiter Megastädte, die als Grundlage für die im Zentrum dieser Arbeit stehende Diskussion der Risiken mit Bezug auf den ökonomischen Entwicklungsstand einer Megacity dient. Im Rahmen der Diskussion werden bestehende Risiken den übergeordneten Kategorien gemäß ihrer naturbedingten, technologischinfrastrukturellen sowie sozial-politischen Dimension zugeordnet und anhand ausgewählter Beispiele beleuchtet. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein kurzer Ausblick, in dem weitere Forschungsfragen, die sich aus den Ergebnissen dieser Arbeit ableiten, skizziert werden.
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2 Metropole, Megacity, Global-City - Städtekategorien im Kontext
eines weltweiten Urbanisierungstrends
Hinsichtlich der vorliegenden Fragestellung und angesichts der Vielzahl verschiedener Definitionsansätze im Bereich der Stadtforschung ist es für die gezielte Darstellung der
Risiken von Megacities zunächst notwendig die„Megacity“ 1 als solche zu definieren und anhand wissenschaftlicher Unterscheidungsmerkmale von anderen urbanen
Siedlungsformen abzugrenzen. Dass es sich bei Megacities um Großstädte handelt, ist der Vorsilbe „mega“ zwar ohne weiteres zu entnehmen, doch für die großen Städte der Welt existiert sowohl in der Umgangssprache als auch im Fachjargon der Geographie und der Stadtsoziologie eine differenzierte Terminologie. Trotz wissenschaftlicher Klassifikationen werden verschiedene Bezeichnungen für Großstädte häufig synonym verwandt. Neben Megacities oder dem umgangssprachlich geläufigen Begriff der Metropole, ist hier vor allem der Begriff der Weltstadt (Global City) zu nennen.
In den folgenden drei Abschnitten gilt es daher zunächst die Megacity als Städtekategorie in Abgrenzung zu den Begriffen der Metropole und Global City zu definieren. Anschließend wird die Entwicklung und Bedeutung der Megacity als menschlicher Lebensraum im aktuellen Kontext des globalen Bevölkerungswachstums und des weltweit zu beobachtenden Urbanisierungstrends beleuchtet.
2.1 Die Megacity - zur Definition urbaner Siedlungsformen
In der aktuellen Stadtforschung existiert eine Reihe unterschiedlicher Definitionsansätze zur Bestimmung einer Megacity. Nicht immer wird dabei auf den ersten Blick deutlich, was die Megacity von anderen urbanen Verdichtungsräumen unterscheidet. Sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch in der Forschung zeigt sich diese Unklarheit z. B. durch den oftmals synonymen Gebrauch der Begriffe „Metropole“, „Megacity“ und „Global City“. Die folgenden Ausführungen tragen dazu bei, die spezifischen Unterscheidungsmerkmale einer Megastadt im Vergleich zu „Metropolen“ und „Global
Cities“ herauszustellen. 2
1 Im weiteren Verlauf werden die Begriffe „Megacity“ und das deutsche Äquivalent „Megastadt“ synonym verwendet.
2 Neben den drei genannten Ansätzen zur Bestimmung urbaner Ballungsräume existiert eine Vielzahl weiterer Definitionen. Eine ausführliche Diskussion und Einordnung aller Definitionsansätze urbaner Siedlungsformen kann im Rahmen diese Arbeit nicht geleistet werden leisten. Eine umfassende Übersicht zu den verschiedenen Definitionsansätzen in der deutschsprachigen Stadtforschung liefert z.B. Bronger (2004, S. 30)
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Metropole
Laut Bronger (2004, S. 30) besitzen Metropolen mehr als eine Million Einwohner und weisen bei einer Bevölkerungsdichte von mehr als 2.000 Einwohnern/km² eine monozentrische Struktur mit eindeutig zu identifizierendem Stadtkern auf. Bronger nimmt damit zunächst eine rein quantitative Abgrenzung für Metropolen vor. Anderen Definitionen zufolge basiert der Metropolenbegriff vor allem auf qualitativen Aspekten: Gablers Wirtschaftslexikon (o.D.) setzt Metropolen z.B. mit Hauptstädten gleich, die in zumeist zentralistisch strukturierten Staaten das wirtschaftliche, politische und kulturelle Zentrum des Landes darstellen und in Bezug auf die Größe, Bedeutung und Reichweite ihrer Funktionalität allen anderen nationalen Großstädten eindeutig überlegen ist. Auch Bronger (2000, S. 293) stellt neben den quantitativen Aspekten eine funktionale Sonderstellung der Metropolen heraus: Durch eine „Über-Konzentration der politischen, administrativen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Einrichtungen bzw. Aktivitäten des gesamten Landes […]. geht die metropolitane Bedeutung über den eines ‚Zentralen Ortes’ höchster Stufe noch weit hinaus.“ Mit anderen Worten: In Metropolen sind die wichtigsten Institutionen, Organisationen und Personen des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens eines Landes gebündelt. Städte, die diese „functional primacy“ aufweisen (z.B. Kairo, Paris, Athen, Buenos Aires) werden als „primate cities“ bzw. Primatstadt klassifiziert. Der funktionale Bedeutungsüberschuss als Definitionsmerkmal einer Metropole besitzt in Bezug auf die Reichweite lediglich im nationalen Kontext Gültigkeit, bezieht aber die funktionale Bedeutung der Metropole im internationalen Zusammenhang zunächst nicht in die Definition ein (vgl. Bähr & Wehrhahn 1995, Bronger & Strelow 1996, Kraas 1996, Bronger 2000).
Global City
Im internationalen Kontext stellen die Weltstädte bzw. Global Cities die Erweiterung des
auf der nationalen Ebene verhafteten qualitativen Metropolenbegriffs dar. 3 Vor dem Hintergrund eines allgegenwärtigen und allumfassenden Globalisierungsprozesses, der die zunehmende Verflechtung in den Bereichen der Kapital- und Arbeitsmärkte, des Handels, des internationalen Verkehrs und der Kommunikation umfasst (vgl. Bronger 2000, S. 278), stellen die Global Cities die Knotenpunkte dieser zunehmend verknüpften Prozesse dar. Global Cities fungieren als Hauptsitz großer Unternehmen und multinationaler Konzerne,
3 Der Begriff Global City wurde in den 90er Jahren durch die US-amerikanische Stadtsoziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Saskia Sassen (1991) in ihrem Werk „The Global City“ eingeführt.
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beherbergen die Börse und die wichtigsten Finanzeinrichtungen (vgl. Shachar 1994, S. 385) sowie die bedeutendsten kulturellen und politischen Einrichtungen und sind die zentralen Drehscheiben des Weltverkehrs (Bronger 2000, S. 293). Sie bündeln somit eine Reihe wichtiger internationaler Funktionen sowie unterschiedlicher globaler Kontrollaktivitäten (vgl. Shachar 1994, S. 385) und übernehmen durch die internationale Relevanz der dort getroffenen Entscheidungen eine globale Steuerungsfunktion. Die in den Lebensbereichen der Wirtschaft, Kultur und Politik vorherrschende functional primacy ist bei den Global Cities aus dem nationalen Kontext herausgelöst und wird zur „global primacy“: Die funktionale Bedeutung der Global City überschreitet nationalstaatliche Grenzen, sie wird zum „Dreh- und Angelpunkt“ der Weltwirtschaft. In der Regel sind Global Cities ebenfalls Groß- bzw. Millionenstädte, ihre definitorische Zuordnung beruht jedoch auf ihrer Funktion und ist nicht an die Einwohnerzahl gekoppelt. Frankfurt a.M. und Zürich sind beispielsweise durch ihre Bedeutung als Finanzhandelsplätze ebenso als Global City anzusehen, wie New York oder Tokio, deren Einwohnerzahl und
Flächenausdehnung um ein Vielfaches höher liegt. 4
Megacity
Während Metropolen (auf nationaler Ebene) und Global Cities (im globalen Kontext) also in erster Linie urbane Ballungsräume entlang qualitativer Kriterien beschreiben, lassen sich Megacities anhand rein quantitativer Merkmale von diesen und anderen urbanen Siedlungskategorien abgrenzen. In der Regel weisen Megacities durch ihre Funktion als Standort wichtiger ökonomischer und politischer Organisationen und Institutionen ebenfalls einen regionalen Bedeutungsüberschuss auf und sind zugleich Knotenpunkt von Informations- und Verkehrsströmen (vgl. Gablers Wirtschaftslexikon o.D.), so dass hier die Überschneidungen zu den Definitionsansätzen der Metropole und Global City gegeben sind. Deshalb erfolgt die Definition von Megacities anhand quantitativer Kriterien: Entscheidend ist das Kriterium der Stadtgröße (Einwohnerzahl).
Unterschiedlichen Definitionen zufolge besitzt eine Megastadt mehr als 5 Million (Bronger 1996a, Bronger 1996b), mehr als 8 Million (United Nations [UN] 1987; Fuchs et al. 1994;
Chen & Heligman 1994) oder mehr als 10 Million Einwohner (Mertins 1992, UN 2008). 5
4 Andere Autoren fassen den Begriff der Global City enger und weisen lediglich New York, London und Tokio als solche aus (vgl. Spreitzhofer 2006).
5 Laut Kraas (2003, S. 9) ist es letztlich ohnehin nicht zielführend starre Ober- und Untergrenzen für den Begriff der Megacity festzulegen, da jede Bestimmung subjektive Elemente beinhaltet und damit jederzeit anfechtbar ist. Aufgrund uneinheitlicher, individuell festgelegter administrativer Grenzen und einer
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Während Bronger nur metropolitanen Agglomerationen mit mehr als 2.000 Einwohnern/km² und einem einzigen dominanten Stadtkern den Status einer Megacity zuspricht, umfassen andere Definitionsansätze (UN 2002, UN 2008) auch polyzentrische Ballungs- und Verdichtungsräume wie das Rhein-Ruhr-Gebiet oder das südchinesische Perlflussdelta.
Metropole und Megacity unterscheiden sich folglich in erster Linie anhand der Bevölkerungszahlen, wohingegen sie in funktionaler Hinsicht häufig ähnliche Merkmale aufweisen. Megacities sind in vielen Fällen zugleich auch Metropolen (z.B. Kairo, Lagos, Paris) und Global Cities (z.B. Tokio, New York City). Global Cities und Metropolen hingegen sind nicht zwangsläufig Megacities (Frankfurt am Main, Zürich), denn der funktionale Bedeutungsüberschuss existiert „unabhängig von der Größe der Stadt und sind deshalb a priori nicht auf Megastädte beschränkt“ (Bronger 2000, S. 281). Bronger (2000, S. 281) macht darauf aufmerksam, dass besonders viele Megacities in den Entwicklungsländern gleichzeitig die Rolle einer Primatstadt innehaben, diese jedoch weiterhin zumeist auf den nationalen Rahmen beschränkt bleibt und nicht in einer „global primacy“ mündet (z.B. Dhaka, Lagos, Jakarta).
Abbildung 1 stellt die grundlegenden Unterscheidungskriterien der Stadtbegriffe Metropole, Megacity und Global City noch einmal tabellarisch gegenüber.
Abbildung 1: Abgrenzungskriterien und Raumbezug der Begriffe Metropole, Megacity und Global City; Quelle: eigene Darstellung
Wie vorausgehend detailliert beschreiben und in der Tabelle zusammengefasst, weisen Metropolen sowohl quantitative als auch qualitative Klassifizierungsmerkmale auf, wobei der angelegte Referenzrahmen die nationalen Grenzen nicht überschreitet. Der Begriff der Global City dagegen basiert ausschließlich auf qualitativen Gesichtspunkten und ist in seiner Bedeutung qua Definition international, da er die funktionale Bedeutung der Stadt
insgesamt wenig verlässlichen Datenlage existiert zudem keine standardisierte Bemessungsgrundlage zur Bestimmung der Bevölkerungszahlen in den verschiedenen Megacities der Welt, so dass eine eindeutige Vergleichbarkeit nicht gewährleistet ist.
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als „Schalt- und Knotenpunkt“ der Weltwirtschaft beschreibt. Megacities, die je nach qualitativer Beschaffenheit häufig zugleich als Metropolen ihres Landes (nationale Steuerungsfunktion) und in einigen Fällen sogar als Global City der Weltwirtschaft (internationaler Bedeutungsüberschuss) fungieren, gehen definitorisch allein auf das quantitative Merkmal der hohen Bevölkerungszahl zurück.
In diesem Abschnitt stand vor allem die Begriffsbestimmung der Megacity in Abgrenzung zu Metropolen und Global Cities im Vordergrund. Es konnte gezeigt werden, dass sich Megacities in erster Linie durch quantitative Merkmale - vor allem anhand ihrer Bevölkerungszahl -von anderen urbanen, eher funktional geprägten
Klassifizierungskategorien unterscheiden. Im nächsten Abschnitt gilt es daher das „Phänomen“ Megacity in den umfassenden Kontext eines global zu verortenden Urbanisierungstrends und der ansteigenden Weltbevölkerung einzuordnen.
2.2 Urbanisierung und Bevölkerungswachstum
Entstehung, Wachstum und die damit verbundenen Risiken von Megacities können nicht isoliert untersucht werden, vielmehr stellen sie einen besonderen Aspekt der „hochdynamischen weltweiten Verstädterung“ (Kraas 2004, 100) dar. Bevor auf die Spezifika und Risiken von Megacities eingegangen werden kann, ist es daher zunächst notwendig einen Überblick über die zugrunde liegenden Urbanisierungsprozesse und ihre geographischen Zusammenhänge zu geben.
Abbildung 2: Urbane und ländliche Weltbevölkerung, 1950-2050 zeigt die prognostizierte Entwicklung der urbanen und ländlichen Weltbevölkerung bis 2050. Laut UN (2008) markiert das Jahr 2008, wie in der Abbildung durch den Schnittpunkt der Graphen gekennzeichnet, einen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte: zum ersten Mal lebten mit 3,3 Milliarden [Mrd.] mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Diese Entwicklung setzt sich nach Angaben der UN fort, so dass gemäß dieser Prognose auch in Zukunft die Mehrheit aller Menschen in urbanen Räumen lebt. Demzufolge steigt allein bis zum Jahr 2050 die urbane Weltbevölkerung von 3,3 Mrd. auf 6,4 Mrd. an, bei gleichzeitiger Abnahme der Landbevölkerung (vgl. Abb. 1).
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Abbildung 2: Urbane und ländliche Weltbevölkerung, 1950-2050; Quelle: UN 2008a
Eingerahmt wird dieses spezifisch urbane Bevölkerungswachstum von einem rasanten Anstieg der Weltbevölkerung. Lebten 1950 etwas mehr als 2,5 Mrd. Menschen auf der Erde, waren es im Jahr 2007 bereits mehr als 6,5 Mrd., was eine Verdopplung der
Weltbevölkerung in etwas mehr als 50 Jahren bedeutet (UN 2008b). 6 Auch diese Entwicklung setzt sich nach Angaben der Vereinten Nationen (UN 2008a) künftig fort. Sie prognostizieren für das Jahr 2050 eine Zunahme um ca. 2,5 Mrd. auf insgesamt mehr als 9 Mrd. Menschen. Beim Vergleich dieser Trends, zeigt sich, dass sich das gesamte Bevölkerungswachstum in urbanen Zentren konzentriert. Neben diesem
„natürlichen“ Wachstum fangen die urbanen Ballungsräume in Form von Land-Stadt-Wanderungen zugleich einen zunehmenden Teil (ca. 600 Mio. Menschen) der ländlichen Bevölkerung auf (vgl. UN 2008a, S. 1). Alleine für die urbanen Regionen der Entwicklungs- und Schwellenländer rechnen die Vereinten Nationen mit einem Bevölkerungsanstieg um 2,9 Mrd. Menschen von 2,4 Mrd. im Jahr 2007 auf 5,3 Mrd. im Jahr 2050. Die urbane Population der Industriestaaten hingegen steigt im gleichen Zeitraum vergleichsweise geringfügig von 0,9 Mrd. auf 1,1 Mrd. (UN 2008a, S. 3). Abbildung 2 stellt die konträren Tendenzen in der Bevölkerungsentwicklung der entwickelten Staaten gegenüber den Schwellen- und Entwicklungsländern bis zum Jahr 2050 noch einmal graphisch dar.
6 Die Geschwindigkeit des Wachstums wird besonders deutlich, wenn man die Gesamtbevölkerungszahl von 1,6 Mrd. aus dem Jahr 1900 hinzuzieht (vgl. Bronger, 2004, 19).
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Abbildung 3: Urbane und ländliche Bevölkerung nach Entwicklungsstand, 1950-2050; Quelle UN
2008a
Betrachtet man neben dem absoluten (Abbildung 3: Urbane und ländliche Bevölkerung nach Entwicklungsstand, 1950-2050; Quelle UN 2008a nun den relativen Bevölkerungszuwachs, wird die divergierende Urbanisierungstendenz in den höher entwickelten Staaten auf der einen und den Schwellen- und Entwicklungsländer auf der
anderen Seite, besonders deutlich. Während die „more developed regions“ 7 heute bereits eine hohe Urbanisierungsquote aufweisen, stehen die „less developed regions“ bzw. Entwicklungs- und Schwellenländer (bis auf die Länder Südamerikas) erst am Anfang dieser Entwicklung. So lebten bereits 2007 74% aller Einwohner der höher entwickelten Länder in urbanen Gebieten. Demgegenüber standen lediglich 44% in den weniger entwickelten Ländern. In beiden Regionen gehen die Vereinten Nationen zwar auch in Zukunft von einem anhaltenden Wachstum der Städte aus, doch der vorhergesagte Anstieg der Urbanisierungsquote um mehr als 20% auf 67% im Jahr 2050 (UN 2008a, S.2) belegt, dass den Ländern der „less developed regions“ deutlich umfangreichere Umwälzungen in Form von zunehmenden Land-Stadt-Wanderungen und einem massiven Städtewachstum, sowie den damit verbundenen Problemen und Risiken (vgl. Kap. 3) bevorstehen. Setzt man den prognostizierten relativen Anstieg der urbanen Bevölkerung der Schwellen- und Entwicklungsländer in den Kontext ihrer absoluten Bevölkerungszahlen - man denke hier
7 Die UN (2008a, VII) definiert „more developed countries“ und „less developed countries“ in diesem Zusammenhang folgendermaßen: Die „more developed regions” umfassen alle Länder Europas, sowie Nordamerika, Australien/Neuseeland und Japan. Die „less developed regions“ umfassen alle Länder Afrikas, Asiens (mit Ausnahme Japans), Lateinamerikas, der Karibik sowie Melanesien, Mikronesien und Polynesien.
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z.B. an China, Indien, Bangladesch oder Nigeria mit zusammen mehr als 2,7 Mrd. Einwohnern (UN 2009) - spitzt sich der zukünftige geographische Fokus der weltweiten Urbanisierung zu: Er ist eindeutig in den Schwellen- und Entwicklungsländern anzusiedeln. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Prozess der rapiden Urbanisierung nicht mehr länger auf die industrialisierten Staaten der Welt beschränkt bleibt, in denen er mit der fortschreitenden Industrialisierung zwischen 1900 und 1950 seinen Anfang nahm und im Jahr 2007 in eine durchschnittliche Urbanisierungsrate von knapp 75% mündete (UN 2008a). Vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern entstehen neue Städte und die bestehenden Städte, angetrieben von einem rasanten Bevölkerungswachstum, fortschreitender wirtschaftlicher Liberalisierung und der immer engeren Verknüpfung der Weltwirtschaft, wachsen in hohem Tempo weiter (vgl. Meyer 2007). Aus den Prognosen und Ausführungen zum verstärkten Urbanisierungstrend in den Entwicklungs- und Schwellenländern und angesichts zunehmend geringerer Urbanisierungsraten in den Industrienationen lässt sich die Hypothese ableiten, dass sich damit die geographische Verteilung von Megastädten weiter verschiebt. Im nächsten Abschnitt gilt es daher vor dem Hintergrund der globalen Urbanisierungstendenz einen Überblick über die gegenwärtige und künftige geographische Verteilung des Phänomens Megacity zu gewinnen, bevor in Kapitel 3 direkt auf die mit Megacities verbundenen Risiken eingegangen wird.
2.3 Megacities als besonderes Phänomen des weltweiten Urbanisierungstrends
In Bezug auf die vorangehend skizzierten, weltumspannenden Urbanisierungsprozesse und des damit einhergehenden rapiden und global zu verzeichnenden Städtewachstums, bezeichnet Bronger (2004, S. 19) das 20. Jahrhundert als das „Jahrhundert der Metropolen“, um anschließend die Frage aufzuwerfen ob das 21. Jahrhundert ein „Jahrhundert der Megastädte“ werde. Diese Frage kann heute noch nicht abschließend beantwortet werden, es steht jedoch fest, dass das Wachstum und die immer größer werdende Anzahl von Megacities als ein spezifisches Merkmal der weltweit zu verzeichnenden Urbanisierungsprozesse zu werten sind (vgl. Kraas 2004).
Doch bereits im Altertum und der Antike existierten Metropolen mit teilweise mehr als einer Million Einwohnern. Damit sind Millionenstädte keine Erscheinungsform, die
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ausschließlich der Moderne zuzuschreiben ist (vgl. Korff 2007). 8 Megacities im heutigen Sinne (mit einer Einwohnerzahl von mindestens 5 Millionen) entstanden im Kontext der fortschreitenden Industrialisierung und sind im Gegensatz zu den antiken Vorläufern ein relativ junger Untersuchungsgegenstand der internationalen Stadtforschung.
Abbildung 4: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015; listet, in tabellarischer Form, die weltweit größten urbanen Agglomerationen im Zeitraum zwischen 1900-2015 gemäß den entsprechenden Einwohnerzahlen in einer globalen Rangfolge auf. Wie im Abschnitt 2.2 bereits aufgezeigt, verdeutlicht diese Tabelle, dass bis in die 1950er Jahre Megacities mit mehr als 5 Millionen Einwohnern bis auf wenige Ausnahmen lediglich in den früh industrialisierten Staaten existierten. Zur Jahrhundertwende waren London (6,5 Mio.), New York (5,5 Mio.) und Tokio (5,2 Mio.), gemessen an ihrer Einwohnerzahl, die größten Städte der Welt. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts verlagert sich die Entstehung von Megacities jedoch zusehends in die Entwicklungs- und Schwellenländer, was mit den Ausführungen unter 2.2 korrespondiert. Bereits 1950 überschritt mit Shanghai die erste Millionenstadt des Südens die Grenze von 5 Millionen Einwohnern. Im Jahr 1990 existierten in den Entwicklungs- und Schwellenländern dann bereits 21 Megacities und bis 2010 werden es laut Kraas Prognose (2008) 40 und bis 2020 gar 51 Megacities. Delhi wuchs beispielsweise zwischen 1950 und 2005 um das 11-fache
8 Korff (2007) nennt hier zum Beispiel Babylon, das um 1800 v. Chr. ca. 300.000 Einwohner zählte und das chinesische Xian mit mehr als einer Million Bewohner im Jahr 900 n. Chr.. Bei diesen Städten wie auch bei anderen frühen Großstädten wie Theben, Rom oder Angkor handelte es sich um Wohlstandszentren, deren Größe daraus resultierte, dass das gesamte Reich die Ressourcen für dieses Wachstum bereitstellte.
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von 1,36 Mio. auf mehr als 15 Mio. Einwohner an, Dhakas Bevölkerung stieg im gleichen
Zeitraum sogar um das 30-fache von 0,4 Mio. auf über 12 Mio.. 9 Hinsichtlich der relativen Größe von Megacities, d.h. ihrer Rangfolge im internationalen Vergleich, zeichnet sich eine ähnliche Verschiebung weg von der Vormachtstellung der Industrienationen hin zu den Schwellen- und Entwicklungsländern ab. Bis in die 1960er Jahre hinein lagen die fünf größten Städte der Welt ausschließlich in den Industriestaaten (New York, London, Paris, Tokio). Bis 1950 blieb New York die einzige Stadt der Welt, mit mehr als 10 Mio. Bewohnern. Doch schon 1995 lagen, wie die Tabelle (Abb. 4) verdeutlicht, bereits sieben der zehn weltgrößten städtischen Agglomerationen mit über 10 Mio. Einwohnern in den „less developed regions“ bzw. den „Newly Industrializing Countries“ (siehe Abbildung 4: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015;, vgl. Husa & Wohlschlägl 1999).
Über die Jahrtausendwende hinaus wird vorausgesagt, dass in den Entwicklungs- und Schwellenländern neue Megacities entstehen und dort zugleich die Einwohnerzahlen der bestehenden Megacities weiter ansteigt, die als Entwicklungs- und Schwellenländer gelten, wohingegen die Wachstumsraten der Megacities in den höher entwickelten Staaten stagnieren oder sogar rückläufig sind (vgl. UN 2008, Spreitzhofer 2006). Die vorliegenden Zahlen der UN von 2007 bestätigen diesen Wachstumstrend: Bereits vor zwei Jahren existierten 19 Städte mit mehr als 10 Mio. Einwohnern, wovon bereits die Mehrheit (14 Städte) in den Schwellen- und Entwicklungsländern lagen (UN 2008). Prognosen zufolge setzt sich das ungebrochene Bevölkerungswachstum der Megacities bis 2015 fort, so dass aller Voraussicht nach die 10 größten Städte der Welt mehr als 17 Mio. Einwohner zählen, aber dann mit Ausnahme von Tokio (28,9 Mio.) und New York (17,6 Mio.) allein den „developing countries“ zu finden sind (vgl. Abbildung 4: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015;). Die Abbildung 5: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2000, Quelle: Kraas 2003 und Abbildung 6: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2015, Quelle: Kraas 2003 heben diese eindeutige Tendenz, bei der die Entwicklungs- und Schwellenländer das Wachstumszentrum bestehender und künftiger Megacities bilden, graphisch noch einmal besonders hervor. Auffallend für die Prognose des Jahres 2015 ist vor allem eine weitere räumliche Verdichtung der Megacities mit über 10 Mio. Einwohnern im asiatisch-pazifischen Raum. Während die bestehenden
9 Unterschiede zu den in Abbildung 4: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015; genannten Bevölkerungszahlen ergeben sich aus den Schwierigkeiten die Einwohnerzahlen der Megacities eindeutig zu bestimmen (vgl. Kraas 2009, Kap. 2.1).
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Megacities (Dheli, Dhaka, Manila, Jakarta) weiter anwachsen, entsteht dort voraussichtlich eine Vielzahl neuer Megacities mit jeweils mehr als 5 Mio. Einwohnern (Pune, Yangon, Chittagong). Diese Tendenz zeigt sich, wenn auch weniger stark ausgeprägt, ebenfalls für die größten Städte Südamerikas (Lima, Buenos Aires, São Paulos) und Afrikas (Lagos, Kinshasa, Luanda, Abidjan).
Abbildung 5: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2000, Quelle: Kraas 2003
Abbildung 6: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2015, Quelle: Kraas 2003
Besonders vor dem Hintergrund des in Kapitel 2.2 grob skizzierten Wachstums der Weltbevölkerung sowie den anhaltenden Urbanisierungsprozessen in den Entwicklungs-
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und Schwellenländern, konnte in diesem Kapitel gezeigt werden, dass das Phänomen Megacity sowohl heute als auch in absehbarer Zukunft vor allem in den Staaten abseits der Industrienationen zu verorten ist. Vor dem Hintergrund des nach wie vor hohen ländlichen
Bevölkerungsanteils von knapp 60% in den „less developed regions“ 10 , eines zunehmenden Wirtschaftswachstums in den Städten und der daraus resultierenden Land-Stadt-Wanderungsbewegungen, konnte gezeigt werden, dass sowohl von einem anhaltenden Wachstum bestehender Großstädte hin zu Megacities als auch von einem enormen Bevölkerungszuwachs bereits existierender Megacities mit Schwerpunkt in den Schwellen- und Entwicklungsländern ausgegangen wird. Angesichts der prognostizierten Größenordnung der Urbanisierung geht dieses enorme Städtewachstum zwangsläufig mit Risiken für die Bevölkerung von Megacities einher, auf die der Fokus in dieser Arbeit gerichtet ist.
3 Die Megacity als Risiko (-raum)
Megacities sind Zentren hoher wirtschaftlicher Dynamik, so dass einige Megacities etablierter Industriestaaten mittlerweile den Status einer Global City besitzen, die in ihrer Funktion als „Knotenpunkte der Globalisierung“ (Kraas 2004, S. 102) die Steuerungsfunktion einer zunehmend vernetzten Weltwirtschaft einnehmen. In einem nationalen bzw. regionalen Kontext übernehmen die Megacities der „less developed regions“ ähnliche Steuerungsfunktionen: Sie bündeln die ökonomischen Aktivitäten der nationalen Wirtschaft und übernehmen sowohl eine Vorreiterrolle als auch Motorwirkung für nationale oder regionale Entwicklungen (vgl. Krass 2004, S. 102, Spreitzhofer 2006). Claaßen (2008, S. 96) hebt insbesondere die wirtschaftliche Anschubkraft von Megacities hervor: „Großstädte [in diesem Zusammenhang: “Megacities“, Anm. des Autors] können ihren Bewohnern Wohlstand und Lebensqualität bringen, denn sie sind die Antriebsfeder der Weltwirtschaft, sie sind die Drehscheibe für Waren, Werte, Menschen, Know-how und technische Ressourcen.“
Der ökonomischen Steuerungsfunktion und den damit verbundenen positiven Entwicklungspotentialen (vgl. Ehlers 2006) stehen jedoch vielfältige Risiken gegenüber, die im besonderen Maße in den Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländer für Millionen Menschen (und Sachwerte) eine zunehmende Bedrohung darstellen. Die Zunahme des Bedrohungs- und Risikopotentials ist eng mit der hohen
10 Eine Ausnahme stellen hier lediglich die Länder Südamerikas dar, die 2007 bereits eine Urbanisierungsquote von 78% aufwiesen.
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Entwicklungsdynamik in den Ländern der „Dritten Welt“ verknüpft (vgl. Kap. 2), die eine Vielzahl ökologischer und sozioökonomischer Wandlungsprozesse umfasst und in vielen Fällen mit einem zunehmenden Verlust der Regier- und Steuerbarkeit einhergeht (vgl. Kraas 2008, Kap. 3.3). Aufgrund des wachsenden Bedrohungspotentials eines ungebremsten Städtewachstums, vor allem in den Schwellen- und Entwicklungsländern, werden Megacities des Südens in der Literatur zumeist als Risikogebiete dargestellt, wenngleich auch die Megacities des Westens zahlreich unter dem Aspekt ihres Risikopotentials untersucht wurden (vgl. Mitchell 1999, Kraas 2003, Kraas 2008). Laut Kraas (2003, S. 10), unterliegen Megacities als „highly complex and vulnerable systems“ einer Vielzahl von natürlichen Gefährdungen („hazards“). Gleichzeitig gelten Megacities selbst als Ursache für eine Reihe anthropogen verursachter Bedrohungen (vgl. Kraas 2003, S. 10) und können somit gleichzeitig als Opfer und Verursacher des Risikos verstanden werden. Aufgrund ihrer komplexen Struktur, der hohen
Bevölkerungskonzentration und -dichte weisen Megacities eine besonders hohe Vulnerabilität im Vergleich zu anderen Siedlungsformen auf: Natürliche oder anthropogen verursachte Bedrohungen wie unvermittelte Versorgungsengpässe, schädliche Umwelteinflüsse oder Umweltkatastrophen, können in kürzester Zeit das Leben von Millionen Stadtbewohnern negativ beeinflussen oder - und dies gilt im besonderen Maße für die sozial schwächsten Gruppen der Gesellschaft - existentiell gefährden (vgl. Wisner 1999).
So weisen vor allem die Megacities der Entwicklungsländer spezifische Charakteristika auf, die in ihrer Gesamtheit zu einem erhöhten Bedrohungs- und Konfliktpotential führen. Hierzu gehören laut Kraas (2004) neben der hohen und stetig ansteigenden Bevölkerungskonzentration- und dichte, eine drastische und zumeist unkontrollierte Flächenexpansion, die hohe Verkehrsbelastung (begleitet von zum Teil erheblichen infrastrukturellen Defiziten), eine starke Verdichtung industrieller Produktion, zahlreiche ökologische Überlastungserscheinungen, eine unzureichende Bereitstellung von Wohnraum bis hin zu extremen soziökonomischen Disparitäten innerhalb der städtischen Bevölkerung. Die angeführten Bedrohungs- und Konfliktpotentiale lassen sich bestimmten Risikogruppen zuordnen. Es gibt verschiedene Ansätze zur Kategorisierung von Risiken in Megacities, die entweder wissenschaftlichen Arbeiten entspringen (vgl. Kraas & Nitschke 2006), oder aber das Resultat einer anwendungsbezogenen Klassifizierung sind. Letztere gehen vornehmlich auf die Schadenszuordnung und Risikoabschätzung aus Sicht der Versicherungswirtschaft zurück.
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Die Münchener Rück (2004) differenziert bei der Bewertung von Risiken in Megacities zwischen:
• Natürlichen Katastrophen • Risiken durch Wetter und Klimawandel • Infrastrukturellen und politischen Risiken • Sozialen und politischen Risiken.
Während die wissenschaftlichen Kategorien, wie von Kraas und Nitschke (2006) aufgestellt, in sich weiter ausdifferenziert sind und damit nach genauer Betrachtung und Aufsplittung einzelner Risiken eine klare, aber aufwendige, weil detaillierte Zuordnung zu den Risikogruppen ermöglicht, erleichtert die praxisrelevante Kategorisierung der Münchener Rück eine erste grobe Zuordnung der Risiken nach ihren Ursachen. Sowohl für wissenschaftliche als auch die anwendungsbezogenen Kategorisierungsansätze gilt, dass im Detail zwischen den einzelnen Risikogruppen keine starren Trennlinien existieren. Vielmehr überlappen und bedingen sich die verschiedenen Risikogruppen wechselseitig (vgl. Mitchell 1995, Mitchell 1999).
Bevor im nächsten Absatz die spezifischen Risiken und Gefährdungen von Megacities in Anlehnung an das Modell der Münchner Rück im Zentrum der Ausführungen stehen, gilt es vorab die Frage bezüglich der Vergleichbarkeit von Megacities in den Entwicklungs-und Schwellenländern mit denen in wirtschaftlich höher entwickelten Regionen zu diskutieren. Während Laquian (1994, S. 192) die These vertritt „that megacities have more in common with each other than with their own hinterlands“ und damit für die globale Vergleichbarkeit von Megacities plädiert, widerspricht ihm der deutsche Kulturgeograph, Dirk Bronger, (zitiert in Schwentker 2006, S. 9) ausdrücklich: „Wer die Einkommensverhältnisse, die Lebensbedingungen und die Arbeitsprozesse, insbesondere die Bedeutung des informellen Sektors, bei den Bewohnern von sozialen Brennpunkten in Los Angeles oder London mit denen von Millionen von Menschen in den Siedlungen von Bombay oder Calcutta auch nur in gedankliche Verbindung bringe, […] der verschließe die Augen vor den Realitäten.”
Die Debatte über die Frage der Vergleichbarkeit, die sich nicht zuletzt in den verschiedenen Definitions- und Klassifizierungsansätzen der Megacity widerspiegelt (siehe Kap. 2), soll im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter vertieft werden. Es bleibt für die weiteren Darstellungen jedoch festzuhalten, dass das Risiko- und Bedrohungspotential eng mit dem ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungsstand der jeweiligen Megacity verknüpft ist. Das heißt, eine Risikobewertung kann nur vor dem Hintergrund
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des jeweiligen Entwicklungsniveaus einer Megacity erfolgen. Offensichtliche, teilweise gravierende Unterschiede unter den Megacities existieren hinsichtlich der Regier- und Steuerbarkeit sowie bezüglich der Infrastruktur und Wirtschaftskraft, die verallgemeinernde Aussagen über die grundsätzlichen Risiken von Megacities nur bedingt zulassen (vgl. Kraas 2003). Sowohl anthropogene als auch umweltbedingte Risiken und Gefährdungen sind deshalb hinsichtlich ihres tatsächlichen Bedrohungspotentials für die Bevölkerung je nach Megacity individuell zu beurteilen. Grundsätzlich ist jedoch festzustellen, dass Megacities weltweit erhöhten Risiken und Bedrohungsszenarien ausgesetzt sind, wobei sich die Vulnerabilität und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien sowohl innerhalb der Stadtbevölkerung als auch im internationalen Vergleich deutlich unterscheiden. Die nächsten Abschnitte liefern einen Überblick zu den verschiedenen Bedrohungen, die von Megacities selbst verursacht werden, als auch den Risiken, denen die Bevölkerung von Megacities durch externe Faktoren ausgesetzt ist. Im Zentrum der folgenden Ausführungen, die sich entlang des (für diese Arbeit leicht angepassten) Zuordnungsmodells der Münchener Rückversicherung orientieren, steht die Bewertung des Risiko- und Bedrohungspotentials in Bezug auf den ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungsstand der jeweiligen Megacity.
3.1 Naturbedingte Bedrohungen und Risiken
Megacities unterliegen einer Vielzahl naturbedingter Risiken und Bedrohungen. Naturereignisse wie Erdbeben, Überschwemmungen, Dürren, Vulkanausbrüche, Massenbewegungen, Tsunamis, Sturmfronten und der Anstieg des Meeresspiegels (vgl. Kraas 2003, Mitchell 1999, Hardoy et. al 2001, Münchener Rück 2004) sind oftmals nicht unmittelbar auf anthropogene Ursachen zurückzuführen und lassen sich nur schwer vorhersehen. In Kombination mit den Spezifika von Megacities wie der hohen Bevölkerungszahl, der Konzentration von Sachwerten und einer hohen Siedlungsdichte in Megacities stellen Naturgefahren gerade für die vielen Bewohner mega-urbaner Siedlungsräume eine potentielle, aber sehr ernst zunehmende Bedrohung dar. Naturgefahren treten mit Ausnahme langfristiger Umweltveränderungen zumeist unvermittelt und ohne Vorwarnung auf, so dass sie insgesamt ein enormes Schadenspotential mit sich bringen. Im Kontext von Megacities besteht die Gefahr, dass sich Naturereignisse schnell zu einer Katastrophe bzw. einem Desaster ausweiten, welches Smith (1996, S. 20) definiert als
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„an event, concentrated in time and space, in which a community undergoes severe danger and incurs such losses to its members and physical appurtenances that the social structure is disrupted and the fulfilment of all or some of the essential functions of the society is prevented“.
Naturgefahren können also im schlimmsten Fall einer Megacity derartige physische und gesellschaftliche Schäden zufügen, dass sie in ihren essentiellen Funktionen außer Kraft und im sozialen Gefüge dauerhaft beeinträchtigt wird, dass sich das Risiko im Ernstfall zum Desaster ausweiten kann. Angesichts der Vielzahl naturbedingter Risiken, denen Megacities in ihrer Gesamtheit ausgesetzt sein können, beschränken sich die folgenden Ausführungen auf die exemplarische Betrachtung der Bedrohung durch Erdbeben, die für sich genommen das größte Schadenspotential aller Naturgefahren aufweisen.
Erdbeben
Tokio, Mexiko City, Los Angeles und Lima sind Beispiele für Megacities in stark erdbebengefährdeten Regionen (vgl. Mitchell 1999). Die Münchener Rück (2004) klassifiziert Erdbeben aufgrund ihres immensen Wirkungsradius und den damit verbundenen Schadenspotenzialen (an Gebäuden und Infrastruktur) als insgesamt größtes naturbedingtes Risiko für Megacities. Beispiele aus der Vergangenheit belegen diese Aussage. So starben 1985 beim Erdbeben in der Region Mexico City fast 10.000 Menschen und es entstand ein finanzieller Schaden von 4 Mrd. USD durch die Zerstörung
und Beschädigung von Gebäuden und Infrastruktur. Das große „Kanto-Erdbeben“ 11 in und um Tokio 1923, welches zu dieser Zeit bereits mehr als 5 Mio. Einwohner verzeichnete (vgl. Abb. 4), verursachte den Tod von mehr als 140.000 Menschen. Das Beben und die nachfolgenden Brände zerstörten insgesamt 44% der bebauten Fläche Tokios (vgl. Münchener Rück 2004, Kumagai & Nojima 1999). Das letzte starke Erdbeben in Japan (und damit der aktuellste Referenzwert für die Schadensprognose zukünftiger Beben) im Jahr 1995 in der Region um Kobe richtete Schäden von insgesamt mehr als 100 Mrd. USD an, 6.500 Menschen starben (Münchener Rück 2004, vgl. Abb. 7).
11 Das Kanto-Erdbeben ist damit unter den größten Städten der Welt die zerstörerischste Naturkatastrophe des 20. Jahrhunderts und eines der größten naturbedingten Desaster seit Beginn der historischen Aufzeichnungen (vgl. Kumagai & Nojima 1999).
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Abbildung 7: Infrastruktur- und Gebäudeschäden durch Erdbeben in Kobe 1995, Quellen: Univ. of Washington/Univ. of California San Diego
Das enorme Ausmaß der Zerstörung im vergleichbar kleinen Kobe (1995: 1,5 Mio. Einwohner), welches die Fotodokumentation in Abbildung 7 nur auszugsweise darzustellen vermag, gibt einen Hinweis auf zu erwartenden Schäden und Todeszahlen bei einem vergleichbaren Beben in der Region Tokio mit ihren mehr als 35 Mio. Einwohnern (vgl. UN 2008a). Die Münchner Rück (2004) prognostiziert bei einem vergleichbaren Beben hunderttausende Tote, materielle Schäden von mehreren Billionen USD und aufgrund Tokios Funktion als Global City negative Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft.
Erdbeben stellen durch ihre Unvorhersehbarkeit und große Reichweite ohne Zweifel eine enorme Bedrohung für eine ganze Reihe von Megacities und ihren Bewohnern dar. Das Risiko eines Erdbebens ist nicht an den wirtschaftlichen Entwicklungsstand einer Megacity gekoppelt, denn es ist alleine auf die tektonischen Gegebenheiten vor Ort zurückzuführen und betrifft sowohl Megacities in Industrienationen wie auch in weniger entwickelten Regionen. Dennoch sind Vulnerabilität und die der Bevölkerung zu Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien sowohl auf der Mikro- wie auf der Makroebene in der Regel an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gekoppelt (vgl. Münchener Rück 2004). EinVergleich zwischen Tokio und der peruanischen Hauptstadt Lima verdeutlicht dies:
• Erdbebengefährdung Tokios
Kumagai und Nojima (1999) haben sich in ihrer Arbeit detailliert mit der Gefährdung Tokios durch natürliche Katastrophen auseinandergesetzt und kommen zu dem Ergebnis, dass die Erfahrungen vergangener Ereignisse, wie dem Kanto-Beben (1923), zu einem verstärkten Gefährdungsbewusstsein in Öffentlichkeit und Verwaltung führten, welches
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wiederum in umfassenden Katastrophenschutzmaßnahmen seinen Ausdruck fand. Von Seiten der Stadtverwaltung wurde mit der „Tokio Metropolitan Ordinance for Earthquake Disaster Prevention“ ein detaillierter Katastrophenplan für das gesamte Stadtgebiet erarbeitet, der im Falle eines Erdbebens zur Minimierung der Schäden beitragen und die
Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gewährleisten soll. 12 Da Erdbeben nicht verhindert werden können, liegt der Fokus der Katastrophenschutzmaßnahmen in Tokio auf der Minimierung der Folgeschäden (z.B. Großbrände), die in großem Umfang vorangetrieben werden. Neben stringenten Vorgaben zum Gebäudebrandschutz im gesamten Stadtgebiet, existieren für den Notfall ausgebaute Evakuierungsrouten. Die Installation sensibler Frühwarnsysteme gewährleistet ebenso wie die trotz hoher Grundstückspreise und Besiedlungsdichte angelegten Freiflächen (Sammel- und Evakuierungspunkte) die Minimierung der Folgeschäden. Daneben finden im Rahmen einer offensiven Aufklärungspolitik zur Gefährdungslage Tokios jährliche Katastrophentrainings für die Bevölkerung statt.
• Erdbebengefährdung Limas
Vergleicht man die Situation Tokios in Bezug auf das Gefährdungspotential durch Erbeben mit der peruanischen Haupt- und zugleich Megastadt Lima (2005: ca. 8 Mio. Einwohner, UN 2008a) ergeben sich deutliche Unterschiede. Oliver-Smith (1999) hat die Vulnerabilität Limas gegenüber natürlichen Katastrophen in ihrem historischen Kontext untersucht. Ähnlich wie Tokio ist Lima aufgrund seiner geographischen Lage am Schnittpunkt zweier tektonischer Platten erhöhter seismischer Aktivität ausgesetzt und damit stark erdbebengefährdet. Seit 1940 ereigneten sich in der Region Limas drei schwere Erdbeben mit mehreren hundert Toten, tausenden Verletzten und Schäden in Millionenhöhe an Gebäuden und Infrastruktur.
Die Vulnerabilität der Bevölkerung gegenüber Erdbeben- und Folgeschäden ist in Lima stärker als in Tokio an ihren sozio-ökonomischen Status gekoppelt und damit sehr uneinheitlich. Während die Häuser des Mittelstands und der Oberschicht sowie Regierungs-, Verwaltungs- und größere Geschäftgebäude aus verstärktem Beton bestehen und damit im weitesten Sinne einer erdbebensicheren Bauweise entsprechen, lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung dichtgedrängt in überfüllten Innenstadt-Slums oder in Marginalsiedlungen aus Lehmhütten am Stadtrand (pueblos jovenes), zum Teil an stark erdrutschgefährdeten Hängen (siehe Abbildung 8).
12 Die Katastrophenvorsorge profitiert dabei vom stark zentralisierten Regierungssystem Japans, welches die schnelle und allumfassende Umsetzung konkreter Maßnahmen ermöglicht.
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Abbildung 8: Pueblo Joven in Lima, Quelle: Sonrisa e.V. Aufgrund der schlechten Bausubstanz, der hohen Bevölkerungsdichte, fehlenden Evakuierungsflächen und Evakuierungsrouten sind diese Gebiete im Falle eines Bebens besonders hohen Zerstörungskräften ausgesetzt und bleiben zudem für Rettungskräfte aufgrund starker Zerstörung nur schwer bis gar nicht zugänglich. Sowohl der peruanischen Regierung, als auch der Stadtverwaltung Limas ist das Gefährdungspotential gegenüber Erdbeben und anderen Naturkatastrophen bekannt. Als Vorsorgemaßnahme gelten beim Bau neuer Gebäude diverse Konstruktionsvorgaben, die laut Regierungsverantwortlichen den zerstörerischen Kräften von Erdbeben entgegenwirken. Doch eine flächendeckende Durchsetzung dieser Vorgaben konnte bis heute im Gegensatz zu Tokio nicht erreicht werden. Zudem fehlen aufgrund unzureichender finanzieller Mittel groß angelegte Katastrophenschutzmaßnahmen (z.B.: regelmäßige Katastrophenschutzübungen,
seismische Frühwarnsysteme, umfassende Evakuierungskonzepte, technische Ausstattung der Rettungsteams) wie sie in den erdbebengefährdeten Städten Japans mittlerweile Standard sind.
Insgesamt zeigt der hier vorgenommene Vergleich von Tokio und Lima in Bezug auf Erdbeben, dass die Vulnerabilität von Megacities durch Naturgefahren sowohl innerstädtisch als auch im Ländervergleich stark von dem sozio-ökonomischen Status abhängt. Wirtschaftlich leistungsfähige Länder, durchsetzungsfähige Regierungen und wohlhabende Bevölkerungsgruppen können gezielte, langfristig angelegte Maßnahmen ergreifen um Erdbebenschäden zu minimieren. Einem Großteil der Bevölkerung in den Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländer stehen diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung. Daraus ergeben sich im Schadensbild erhebliche Unterschiede: Aufgrund ihrer mitunter zusätzlichen Funktion als Knotenpunkte der Weltwirtschaft (Global Cities) steht in den Megacities der Industrienationen bei Naturkatastrophen wie Erdbeben das Risiko der Sach- und Vermögensschäden im Vordergrund, , während in den aufstrebenden
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Megacities der Entwicklungsländer mit immensen Personenschäden zu rechnen ist (vgl. Schneider & Obermayer 2006).
3.2 Infrastrukturelle und technologische Risiken
Neben naturbedingten Bedrohungen unterliegen Megacities weltweit zahlreichen anthropogen verursachten (man-made) Risiken, die sich den Bereichen Infrastruktur und Technik zuordnen lassen. Dazu zählen unter anderem Verkehrsunglücke im Bereich der Luft und Schifffahrt oder des Bahn- und Autoverkehrs, Industrieunfälle (Explosionen, Austritt giftiger Stoffe und Gase) sowie atomare Störfälle (vgl. Kraas 2003, Münchener Rück 2004). Weitere Risiken für die Bevölkerung von Megacities resultieren aus einer nicht ausreichenden Wasserversorgung oder der mangelhaften bzw. nicht vorhandenen Abwasser- und Müllentsorgung sowie einer teils massiven Luft- und Umweltverschmutzung, wobei letzteres vorwiegend auf den Straßenverkehr und die Industrie zurückgeht (Kraas 2003, Münchener Rück 2004, Claaßen 2008, Hardoy et al. 2001). In Kombination mit der Bevölkerungsdichte und der Konzentration von Sachwerten auf engstem Raum ergibt sich besonders für Megacities eine erhöhte Vulnerabilität, so dass die angeführten technischen und infrastrukturellen Risiken neben Naturereignissen wie Erdbeben (vgl. Kap. 3.1) für mega-urbane Räume (und ihre Bewohner) eine reelle Gefährdung darstellen, wenngleich sie ursächlich nicht grundsätzlich auf das Phänomen Megacity zurückzuführen sind. Im Folgenden gilt es die reale Gefährdungslage von Megacities vor dem Hintergrund technischer und infrastruktureller Faktoren anhand einiger repräsentativer Beispiele zu verdeutlichen. Industrieunfälle
Die Konzentration von (informellen) Wohn- und Industriegebieten auf engstem Raum birgt schwerwiegende Risiken für Megacities. Dies gilt besonders für Megacities der Schwellen-und Entwicklungsländer, da hier gesetzliche Vorgaben zur Trennung von Wohn- und Industriegebieten entweder nicht existieren oder an der Durchsetzung scheitern (vgl. Münchener Rück 2004). Besonders risikogefährdet sind die ärmsten
Bevölkerungsschichten, die in Marginalsiedlungen und Squattersiedlungen 13 leben. Diese marginalen Siedlungsformen entstehen sukzessive und aufgrund mangelnder Alternativen in urbane Randgebieten entlang von Bahndämmen, Abwasserkanälen, Mülldeponien oder
13 Squattersiedlungen sind Hüttenviertel, die ohne Genehmigung durch Verwaltung oder Landeigentümer auf fremden Boden von Squattern errichtet werden. Squattersiedlungen sind in Abgrenzung zu Slums zu sehen, die in der Regel aus innerstädtischen Vierteln mit bestehender Gebäudestruktur hervorgehen (vgl. Claaßen 2008).
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in unmittelbarer Nähe zu Industrieanlagen auf städtischen Baulücken und sind damit einem besonders hohen Gefahrenpotential durch Unfälle oder Umweltgifte ausgesetzt (vgl. Claaßen 2008, Lehmenkühler 2005). Abbildung 9 zeigt die prekären Lebensverhältnisse einer solchen Squattersiedlung in der philippinischen Hauptstadt Manila in unmittelbarer Nähe zu einer Abfalldeponie.
Abbildung 9: Squattersiedlung Manilas in unmittelbarer Nähe zu einer Mülldeponie, Quelle: Klett.de
Neben der Bedrohung durch Umweltgifte und Abfälle, denen sich die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung von Mülldeponien, Abwasserkanälen oder Industrieanlagen unfreiwillig aussetzt, stellt vor allem die Gefährdung durch Industrieunfälle ein altbekanntes aber bis heute großes Risiko für Megacities dar. In der Vergangenheit ereignete sich vor allem in den weniger entwickelten Ländern der Welt eine Reihe schwerwiegender Industrieunfälle, die massive Personen- und Sachschäden verursachten. Der Chemieunfall im indischen Bhopal von 1984 belegt exemplarisch und besonders eindringlich das bestehende Gefahrenpotential für die Bevölkerung der Megacities der „Dritten Welt“, obwohl sich folgendes Beispiel nicht auf eine Megacity bezieht. Durch austretende giftige Gase einer innerstädtischen Chemieanlage des US-Konzern Union Carbide wurden in Bhopal über 3.000 Menschen getötet und 200.000 Personen verletzt (vgl. Hardoy et al. 2001, S. 122). Die Münchener Rück spricht sogar von 12.000 bis 20.000 Toten und beziffert den durch Entschädigungszahlungen entstandenen wirtschaftlichen Schaden für Union Carbide auf 470 Mio. USD.
Ein vergleichbarer, wenn auch insgesamt weniger schwerwiegender, Industrieunfall ereignete sich im gleichen Jahr in Mexico City. Durch die Explosion industrieller Gastanks in der Megacity starben mehr als 500 Menschen und 7.000 Bürger wurden verletzt. Die
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Behörden verzeichneten die meisten Todesfälle im direkten Umkreis von 300m zur Industrieanlage, was auf die Ausdehnung illegaler Squattersiedlungen im hochgefährdeten Gebiet in unmittelbarer Umgebung der Gastanks zurückzuführen ist (vgl. Münchener Rück
2004). 14
Die angeführten Beispiele, die sich auf das Gefahrenpotential von Industrieunfällen beziehen, und damit die technischen Risiken aufgreifen, verdeutlichen, dass nicht nur technische Mängel, sondern vor allem die Verdichtung von Wohn- und Industriegebieten in Megacities ein hohes Risiko mit sich bringen. Das Risiko, das von Industrieunfällen ausgeht, ist durch illegale Squattersiedlungen in gefährdeten Gebieten besonders in den Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländern ausgeprägt. Grundsätzlich existiert die Bedrohung durch Industrieunfälle trotz eines höheren technologischen Standards und Sozialbaumaßnahmen aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte und Industriekonzentration auch in den Megacities der Industriestaaten. Verkehr
Weitere technisch-infrastrukturelle Risiken manifestieren sich im Verkehrswesen der Megacities. Verkehrsbedingte Risiken entstehen sowohl aus Gefahren im Straßenverkehr,
den Unfällen in Luft- und Schifffahrt 15 , als auch aus der Überlastung der individuellen und öffentlichen Verkehrsinfrastruktur.
In den urbanen Gebieten der Industriestaaten, in denen der motorisierte Individualverkehr stark reglementiert ist und durch ein gut ausgebautes öffentlichen Transportnetz entlastet wird, ist die Wahrscheinlichkeit Opfer eines tödlichen Verkehrsunfalls zu werden für die Bevölkerung vergleichsweise gering (Münchener Rück 2004). Einen deutlichen Kontrast zu dieser Einschätzung bilden die Megacities der Entwicklungsländer. Weniger Reglementierungen, keine oder nur geringe Entlastung des Verkehrsaufkommens durch öffentliche Verkehrsmittel sowie die Koexistenz von motorisiertem und nicht motorisiertem Individualverkehr, bei gleichzeitigem Anstieg des Gesamtverkehrsaufkommens, resultieren in einem überaus komplexen Straßenbild und führen damit zu einer erhöhten Gefährdung der Verkehrsteilnehmer (Münchener Rück 2004). Abbildung 10 visualisiert die Koexistenz von motorisiertem und nicht-motorisiertem Verkehr bei eindeutiger Überlastung des Straßennetzes der Megacities in den Entwicklungsländern anhand einer Aufnahme der Rush-Hour im indischen Neu Delhi.
14 Für weitere Beispiele industriell bedingter Unfälle siehe: Münchener Rück 2004 und Hardoy et. al 2001.
15 Im Falle von Gefahrguttransporten erhöht sich die Gefahr noch um ein Vielfaches (vgl. Münchener Rück 2004).
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Weitere Risken ergeben sich aus der reinen Überlastung der Verkehrsinfrastruktur. Dies gilt sowohl für die Megacities der Industrieländer als auch für die wachsenden Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländer. Die Straßen und Verkehrwege können in vielen Fällen nicht mehr das zunehmende Verkehrsaufkommen bewältigen. Bei gleichzeitig zunehmend länger werdenden individuellen Pendeldistanzen der Einwohner entstehen besonders in Megacities regelmäßige Verkehrsbehinderungen in Form kilometerlanger Staus (vgl. Meusburger 2000). Laut Münchener Rück (2004, S. 29) verursachen Staus alleine in den USA jährlich mehr als 3,5 Mrd. „delay hours“, einen zusätzlichen Verbrauch von 20 Mrd. Litern Benzin und einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von mehr als 63 Mrd. USD (zum Vergleich 1982: 14 Mrd. USD). Neben den Sach- und Personenschäden geht von dem immensen Verkehrsaufkommen durch Abgase und Lärm zusätzlich ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung aus. Insgesamt konnte durch die ausgewählten Beispiele gezeigt werden, dass sowohl die Megacities des Westens als auch die der Entwicklungs- und Schwellenländer von technischen und infrastrukturellen Risken bedroht sind. Art und Ausprägung des Risikos lassen sich jedoch wiederum entlang wirtschaftlicher Kriterien differenzieren: So ist die unmittelbare Bedrohung der Bevölkerung aufgrund unsicherer und schlecht gewarteter Industrieanlagen, einem geringeren Technologiestandard sowie den besonders gefährdeten Squattersiedlungen und Elendsvierteln vornehmlich ein Problem der wirtschaftlich weniger entwickelten Länder und Regionen, wohingegen in den Industriestaaten eindeutig Bedrohungen durch volkswirtschaftliche Schäden im Vordergrund stehen.
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3.3 Soziale und politische Risiken
Zunahme sozio-ökonomischer Disparitäten
Eine Zunahme der sozio-ökonomischen Disparitäten ist das Resultat einer Polarisierungstendenz der Sozialstruktur, die sich wiederum räumlich in Form von verstärkter Segregation niederschlägt: Auf der einen Seite ist eine zunehmende Anzahl von Menschen, die in den Megacities in prekären Wohn- und Arbeitsverhältnissen- und in großen Teilen ohne Zugang zur Basisinfrastruktur (Elektrizität, Wasser und Kanalisation) - am oder unter dem Existenzminimum leben, zu verzeichnen. Auf der anderen Seite ist in den gleichen Städten ein Wachstum von „Inseln des Reichtums“ in Form von abgeschlossenen Wohnvierteln (Gated Communities) mit teilweise separater Infrastruktur zu beobachten (vgl. Bronger 2004). Nach Kelly (1995, S.383) ist diese soziale und ökonomische Heterogenität „the variable which has the most important implications for urban disaster assessment.”
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Die Zunahme sozialer und ökonomischer Ungleichheit der Stadtbevölkerung ist vor allem in den Megastädten der Entwicklungsländer zu beobachten. Bähr und Mertins (2000) schätzen, dass 50-80% der gesamten Bausubstanz in den Städten der „Dritten Welt“ aus informellen Siedlungen bestehen und bis zu 60% aller Stadtbewohner in Marginalvierteln leben, teilweise ohne Zugang zur Elektrizitäts- und Wasserversorgung, Kanalisation und Müllbeseitigung. Laut Bronger (2004) lebten 2001 amtlichen Angaben zufolge alleine im indischen Mumbai 5,8 Mio. „slum dwellers“, was knapp 50% der metropolitanen Bevölkerung entspricht. Vor allem aber steigt der Anteil der Marginalbevölkerung in den Megastädten der Entwicklungsländer stark überproportional an. Schätzungen zufolge stieg alleine der Anteil der Squatterbevölkerung in der Metropolregion Manila von etwa 94.000 (1962) auf fast 2,5 Mio. (1987), was einer prozentualen Zunahme von 4,7% auf 33,6% der Gesamtbevölkerung Manilas entspricht.
Weltweit zeichnet sich nach Angaben der UN (2003) ein ähnliches Bild ab: Im Zeitraum von 1975-2005 stieg die weltweite Zahl der Slumbewohner von 500 Mio. auf ca. 1 Mrd. Menschen an, wobei sie fast ausschließlich (946. Mio.) in den Entwicklungs- und Schwellenländern leben. In den Entwicklungs- und Schwellenländern leben gemäß dieser Datengrundlage 43% der Gesamtbevölkerung in Slums. Betrachtet man die absoluten Zahlen nach regionaler Ausprägung, steht Asien im Vordergrund, denn alleine in Südasien (mit Indien) und Ostasien (mit China) leben rund 500 Mio. Menschen in Slums, also etwa die Hälfte der globalen Slumbevölkerung. Die Lebenswirklichkeit der Millionen Slum-und Hüttenbewohner in den Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländern ist gekennzeichnet durch Armut, die sich in teilweise primitivsten Wohnsituationen, prekären Arbeitsverhältnissen und insgesamt menschenunwürdigen Lebensumständen widerspiegelt und mit den Lebenswelten der armen Schichten in den Industriestaaten nicht zu vergleichen ist (vgl. Bronger 2004).
Dem steigenden Anteil der armen Bevölkerung steht vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern eine wachsende Ober- und Mittelschicht gegenüber. Durch die vermehrte Entstehung abgeschlossener Wohnviertel und Wohnanlagen (Gated Communities) für die Wohlhabenden werden die bestehenden sozio-ökonomischen Disparitäten und die soziale Fragmentierung in den Megacities auch städtebaulich manifestiert und weiter vorangetrieben.
Am Beispiel São Paulos wird die Segregation städtebaulich besonders deutlich: São Paulo ist das dominierende Wirtschaftszentrum Brasiliens und eine der größten Megacities der Welt (1995: 16,5 Mio., Einwohner, vgl. Abb. 4). In dieser Megacity leben Arm und Reich
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dicht gedrängt nebeneinander, aber in völlig verschiedenen Lebenswelten. Die Sicherheitsanlagen der Gated Communities - in Brasilien „Condomínios Fechados“ (geschlossene Wohnanlage) oder „Condomínios Exclusivos“ (Luxus-Wohnanlage) - dienen dabei der wohlhabenden Bevölkerung als „zuverlässige Zutrittsschleusen und garantieren soziale Distanz trotz räumlicher Nähe“ (Claaßen 2008, S. 107, vgl. Abb. 11)
Abbildung 11: Favela São Paulos in unmittelbarer Nachbarschaft zu den gesicherten Appartement-
Hochhäusern der Oberschicht, Quelle: ard.de
Ein geeignetes Beispiel für diese Form sozialräumlicher Fragmentierung São Paulos ist „Alphaville“. „Alphaville“ ist heute mit ungefähr 50.000 Einwohnern die größte Gated Community Lateinamerikas und entspricht einem in sich geschlossenem Versorgungssystem mit eigener Infrastruktur (Einkaufszentren, Schulen, Kliniken, Apotheken, Banken, Kinos, Sportanlagen und Business-Center). Die räumliche Abgrenzung "Alphavilles" gegenüber dem städtischen Umfeld ist durch eine zweieinhalb Meter hohe Mauer mit lediglich einer, stark bewachten Zufahrt, sichergestellt. Zutritt erhalten nur Bewohner und autorisierte Besucher (vgl. Claaßen 2008). Insgesamt, so Claaßen (2008), nimmt die räumliche und soziale Segregation in São Paulo extreme Züge an. Während in vielen Fällen die Besitzlosen durch Straftaten versuchen ihren Lebensunterhalt zu sichern oder ihren Lebensstandard zu erhöhen, zieht sich die Oberschicht zunehmend in die mit privatem Wachpersonal ausgestatten Hochhäuser der Innenstadt zurück. Die sozialen Spannungen entladen sich in Form von Überfällen, Entführungen, Einbrüchen, Diebstählen und Morden, die in ihrer Persistenz wiederum zu
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einer weiteren Vertiefung der bereits bestehenden Disparitäten führen und damit zunehmend die Funktionstüchtigkeit der Megastadt São Paulo gefährden (vgl. Claaßen 2008).
Für die Direktorin des Wohn- und Siedlungsprogramms der Vereinten Nationen (HABITAT) Anna Tibaijuka (2006, S. 10) ist die Megacity eine „urbane soziale Zeitbombe, die bald explodieren wird.“ Laut Tibaijuka sind Ungleichheit, Diskriminierung, Vorurteile und Ausgrenzung distinktive Merkmale der mega-urbanen Gesellschaft, die sich in den wachsenden Slums und Marginalvierteln der Megacities manifestieren und sich ihrer Ansicht nach weiter verschärfen. All diese Probleme verschärfen sich massiv in den überbevölkerten vierteln der weltweit rapide wachsenden Slums (die das meiste städtische Wachstum der Entwicklungsländer verzeichnen) und in den ärmeren Vierteln der reicheren Länder. Insgesamt sind Megacities einem komplexen Geflecht sozialer und politischer Risiken ausgesetzt, die in wechselseitiger Verknüpfung mit naturbedingten und technologisch-infrastrukturellen Risiken ein enormes Gefährdungspotential für die Bewohner der Megacity darstellen.
4 Tendenzen und Forschungsempfehlungen
Die vorliegende Arbeit konnte querschnittartig zeigen, dass die Entstehung und das Wachstum der Megacities mit vielfältigen Risiken und Bedrohungen einhergehen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass sich die Risken in Art, Umfang und Ausprägung zwischen den Megacities der Entwicklungs- und Schwellenländer und denen der Industriestaaten signifikant unterscheiden. Die größten Städte der Welt sind bei anhaltenden Urbanisierungstendenzen schon heute in den Entwicklungs- und Schwellenländern zu verorten. In Städten wie Manila, Mumbai und Jakarta sind die Lebensumstände für Millionen von Menschen mehr als prekär - und diese Städte wachsen weiter.
Vor allem durch die enorme und anhaltende Entwicklungsdynamik der Megacities der „Dritten Welt“ ergibt sich für die Wissenschaft ein erhöhter Forschungsbedarf. Während über die Risiken die etablierten Megacities der westlichen Welt wie New York oder Tokio bereits eine Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen erschienen sind, liegen über die zukünftigen Megastädte Asiens und Afrikas bisher kaum Erkenntnisse vor. Hier gilt es zum einen die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Vulnerabilität weiter zu untersuchen, zum anderen ist es notwendig spezifische Lösungsstrategien für die Megastädte der weniger entwickelten Regionen zu erarbeiten.
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5 Fazit
Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass Megacities einer Vielzahl von natürlichen und anthropogen bedingten Risiken ausgesetzt sind. Durch das gemeinsame Merkmal aller Megacities, der starken Bevölkerungskonzentration und -dichte, werden die bestehenden natürlichen, technologisch-infrastrukturellen und sozial-politischen Risiken weiter verstärkt.
Zunächst konnte gezeigt werden, dass die Definition von Megacities auf rein quantitativen Kriterien beruht und sich Megacities somit von anderen urbanen Siedlungskategorien wie der Metropole und Global City, die vorwiegend qualitativ definiert werden, unterscheiden. Verschiedenen Definitionen zufolge liegt die Bevölkerungsuntergrenze für die Bezeichnung eines urbanen Ballungsraumes als Megastadt bei 5, 8, oder 10 Mio. Einwohnern. Das Phänomen Megacity wird durch den weltweit zu beobachtenden Urbanisierungstrend zusätzlich verstärkt. Die urbane Weltbevölkerung wuchs im letzten Jahrhundert stetig an, so dass im Jahr 2007 erstmals mehr Menschen in Städten als in ländlichen Gebieten lebten. Gleichzeitig bilden sich regionale Entwicklungsschwerpunkte für die Entstehung und die Wachstumsraten von Megacities. Besonders starke Zuwachsraten verzeichneten die Städte der Entwicklungs- und Schwellenländern im asiatisch-pazifischen Raum. Während die ersten Megacities mit mehr als 5 Mio. in den Industriestaaten entstanden (z.B. New York und London) hat sich der Fokus des megaurbanen Städtewachstums seit ca. einem halben Jahrhundert in die weniger entwickelten Länder verlagert. Bereits 1995 lagen sieben der zehn größten Städte in den Ländern der „Dritten Welt“. Aufgrund anhaltender Zuwachsraten durch natürliches Wachstum sowie die hohe Stadt-Land-Migration setzt sich dieser Trend auch in Zukunft fort. Insgesamt unterliegen Megacities einem breiten Spektrum natürlicher, technischinfrastruktureller und sozial-politischer Risiken und Bedrohungen, wobei es nicht möglich ist die Risikokategorien trennscharf voneinander abzugrenzen, da sie sich wechselseitig beeinflussen und/oder verstärken. Trotz einiger Parallelen, die für alle Megacities gelten, hat die Analyse gezeigt, dass gravierende Vulnerabilitätsunterschiede zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern bestehen. Gekoppelt an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, stehen den Megacities der Industriestaaten unterstützt von einem effektiven Verwaltungsapparat diverse Bewältigungsstrategien zur Risikominimierung und Schadensbegrenzung zur Verfügung. Die größten Städte der „Dritten Welt“ hingegen sind
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geprägt durch einen Mangel an finanziellen Mitteln, einer schwachen Verwaltung und hohen Maß an Informalität in allen Lebensbereichen.
Es ist daher fraglich, inwiefern die rein quantitative Abgrenzung des Begriffs Megacity den gegensätzlichen Entwicklungen und Lebensumständen in den Industriestaaten und Entwicklungsländern gerecht wird. Vielmehr bedarf zur Lösung der bestehenden Probleme in den Megacities dieser Welt einen differenzierteren Forschungsansatz, der diese gravierenden Strukturunterschiede berücksichtigt.
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6 Literaturverzeichnis
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Abbildungsquellen:
Abbildung 1:, S. 5: Abgrenzungskriterien und Raumbezug der Begriffe Metropole, Megacity und Global City; Quelle: eigene Darstellung
Abbildung 2:, S. 7: Urbane und ländliche Weltbevölkerung, 1950-2050; Quelle: UN 2008a, S. 2
Abbildung 3:, S. 8: Urbane und ländliche Bevölkerung nach Entwicklungsstand, 1950-2050; Quelle UN 2008a, S. 3
Abbildung 4:, S. 10: Rangordnung der 10 größten Agglomerationen 1900-2015, Quelle: eigene Abbildung in Anlehnung an Claaßen 2008, S. 92
Abbildung 5:, S. 12: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2000, Quelle: Kraas 2003, S. 147
Abbildung 6:, S. 12: Megacities mit 5, 8 und 10 Mio. Einwohnern im Jahr 2015, Quelle: Kraas 2003, S. 147
Abbildung 7:, S. 18: Infrastruktur- und Gebäudeschäden durch Erdbeben in Kobe 1995, Quellen: Univ. of Washington/Univ. of California San Diego, Zugriff aus dem www. 16.12.2009:
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Abbildung 9:, S. 22: Squattersiedlung Manilas in unmittelbarer Nähe zu einer Mülldeponie, Quelle: Klett.de, Zugriff aus dem www. 16.12.2009: http://www.klett.de/sixcms/list.php?page=geo_infothek&article=Smokey+Mountains++Leben+auf+dem+M%FCllberg
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Abbildung 11:, S. 27: Favela São Paulos in unmittelbarer Nachbarschaft zu den gesicherten Appartement-Hochhäusern der Oberschicht, Quelle: ard.de, Zugriff aus dem www. 18.12.2009: http://web.ard.de/galerie/content/nothumbs/default/12/html/12_84.html
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Dennis Priester, 2010, Megacities: Viele Menschen, viele Risiken , München, GRIN Verlag GmbH
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