Über die Wirkung der progressiven Muskelentspannung auf Kinder mit einem diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
1. Abkürzungsverzeichnis
ADS - Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom
ADHS - Aufmerksamkeitsdeizit-Hyperaktivitätssyndrom
PME - progressive Muskelentspannung
HKS - Hyperkinetische Störung
ICD 10 - International
DSM IV - D
Über die Wirkung der progressiven Muskelentspannung auf Kinder mit einem diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
2. Einleitung
Dieser Forschungsbericht im Rahmen des geleisteten Praxissemesters (Wintersemester 2009/2010) befasst sich mit der Wirkung der progressiven Muskelentspannung auf
Kinder mit ADHS. Das Praxissemester wurde in der Tagesklinik der Elisabethklinik 1 absolviert.
Die dort übernommenen Aufgaben umfassten neben der Betreuung von psychisch erkrankten Kindern in der Tagesklinik auch die Betreuung einzelner Therapiegruppen, insbesondere Gruppen zur progressiven Muskelentspannung für Kinder.
Die Elisabethklinik ist ein staatlich anerkanntes Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychotherapie mit dem Vertiefungsfach „Verhaltenstherapie“. Die Klinik bietet eine dreijährige Vollzeitausbildung zur/zum Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin/en an. Diese ist als Vollzeitausbildung konzipiert, das heißt, die AusbildungsteilnehmerInnen werden als Bezugstherapeuten in der Klinik eingesetzt und absolvieren parallel dazu „unter einem Dach“ die gemäß der staatlichen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung erforderlichen Ausbildungsinhalte.
Daher besteht für interessierte Praktikanten die Möglichkeit einige Studienkurse zu belegen. Dabei kann auch ein Schulungsseminar zur Durchführung von progressiver Muskelentspannung belegt werden.
Viele der zu betreuenden Kinder in der Tagesklinik haben Schwierigkeiten, während des Schulunterrichts lange Phasen still zu sitzen und aufzupassen. Daher stellte sich die Frage, was getan werden kann, um diese Kinder etwas zur Ruhe zu bringen, nicht nur um den Stationsalltag zu erleichtern, sondern auch um ihnen etwas an die Hand zu geben, das sie Zuhause alleine oder mit ihren Eltern weiterführen könnten. Die Idee eines Kurses zur progressiven Muskelentspannung mit imaginativen Geschichten für Kinder kam auf. Nach 14-tägiger zweimal wöchentlicher Durchführung des Kurses stellte sich dann zudem die Frage, ob dieser Kurs bei den beteiligten Kindern eine
1 Name wurde geändert
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Wirkung erzielt. Daraus entstand die zu beantwortende Forschungsfrage dieses Berichtes:
Erzielt die progressive Muskelentspannung die beabsichtigte Wirkung auf Kinder mit einem diagnostizierten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)?
Zunächst soll im Folgenden die Praktikumseinrichtung kurz vorgestellt werden. Des Weiteren werden zum einheitlichen Verständnis, die einzelnen, für das Thema zentralen Begrifflichkeiten (ADHS und progressive Muskelentspannung) definiert. Die Namen der Kinder, sowie die Namen der Praktikumseinrichtung wurden in diesem Bericht geändert.
3. Einführung in die Praktikumseinrichtung
Da die Therapieangebote und der Tagesablauf der Praktikumseinrichtung Elisabethklinik für den Gesamtzusammenhang relevant sind, soll zunächst die Einrichtung kurz vorgestellt werden.
3.1 Aufgaben- und Tätigkeitsbereich der Institution
Die Elisabethklinik besteht aus 3 Abteilungen: der Fachklinik für psychische und psychosomatische Erkrankungen des Erwachsenenalters, der Abteilung für psychische und psychosomatische Störungen des Kindes- und Jugendalters und der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie mit vollstationärer Abteilung, Institutsambulanz und Tagesklinik. Speziell auf die Tagesklinik wird in diesem Bericht Bezug genommen.
Jene verfügt über 10 Therapieplätze. Die Kinder und Jugendlichen kommen von 8-16 Uhr in die Tagesklinik. Dies stellt ein mittleres Behandlungsangebot dar, das zwischen einer ambulanten und einer vollstationären Behandlung liegt. Dementsprechend findet man hier auch Patienten mit Störungen, bei denen eine vollstationäre Behandlung nicht (mehr) notwendig erscheint. Eine tagesklinische Behandlung ist dabei nur dann sinnvoll, wenn der familiäre und soziale Hintergrund der Kinder- oder Jugendlichen
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eine solche Behandlung zulässt sowie ein regelmäßiges Erscheinen in der Klinik gewährleistet werden kann. Außerdem wird besonders dann eine Behandlung in der Tagesklinik vorgeschlagen, wenn es sich um jüngere Kinder handelt, die noch in besonderem Maße ihre Bezugsperson benötigen.
Über den Stationsalltag (sowohl vollstationäre Station als auch Tagesklinik) soll den Kindern ein Lebensalltag vermittelt werden. Klare Regeln sollen dabei Orientierung und Halt geben. Es muss deshalb auf ein zielgerichtetes Therapieprogramm, aber auch auf ein ausgleichendes Sport- und Freizeitprogramm geachtet werden. Neben dem Erlernen eines strukturierten Alltags sowie eigenverantwortlicher Tätigkeiten auf der Station erhält jeder Patient einen individuellen Therapieplan zusammengestellt aus folgenden Angeboten:
• Einzelpsychotherapie: Einzelne Gespräche mit dem Bezugstherapeuten, was diagnostische Abklärung, gemeinsame Erarbeitung eines individuellen
Störungsmodells und therapeutischer Zielsetzungen sowie eine anschließende therapeutische Intervention beinhaltet.
• Familiengespräche: Einzelne Gespräche des Bezugstherapeuten mit den Eltern bzw. Bezugspersonen. Situationen zu Hause werden besprochen, es wird am Beitrag der Eltern zur Störung des Kindes gearbeitet und Hilfen/Übungen für den Alltag werden eingeleitet. Intensive und regelmäßige Zusammenarbeit mit der Familie ist besonders in der tagesklinischen Behandlung wichtig, da die Kinder abends und an den Wochenenden zu Hause sind.
• je nach Störung und Indikation Teilnahme an Gruppentherapien: TKS (Training der Kommunikation und sozialer Kompetenzen) Essgruppe (Sitzungen für Patienten mit Essstörungen)
• Physio- und Bewegungstherapien: Der Physiobereich bietet Bewegung in vielfältiger Form an. Zum einen gehören Bewegungsspiele, Fitness sowie Wassergymnastik dazu, zum anderen werden auch Körperwahrnehmungsübungen angeboten. Dabei dient der Sport besonders als Ausgleich, aber auch das Verhalten in einer Gruppe kann gut erlernt werden.
• AGB Therapien: AGB steht für ausdruckszentriert, gestaltungsbezogen und berufsbezogen. Zu den ausdruckszentrierten Therapien zählen die Maltherapie sowie
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die Musiktherapie. Sie bieten den Patienten die Möglichkeit, Gefühle, Gedanken und relevante Themen nonverbal über Medien, Musik oder Malen zum Ausdruck zu bringen. Die Gestaltungstherapien sind ergotherapeutische Verfahren, bei denen Patienten mit den Materialien Ton, Peddigrohr, Papier und Pappe sowie mit Holz gestaltend tätig sein können.
• Progressive Muskelentspannung: Dabei handelt es sich um ein systematisches Entspannungsverfahren, das auf der differenzierten Wahrnehmung von Muskelanspannung und -entspannung beruht (ausführlicher siehe Kapitel 4). Zweimal wöchentlich finden in der Elisabethklinik Sitzungen für Kinder und Sitzungen für Jugendliche statt. Die Zusammensetzung dieser Gruppen bleibt jeweils über den Zeitraum von acht Wochen bestehen. Die Teilnehmer wechseln nicht, um ein Vertrauensverhältnis untereinander aufbauen zu können. Die progressive Muskelentspannung kann auch mit einem Kind allein durchgeführt werden. Dies geschieht häufig dann, wenn das Kind es nicht schafft sich in einer Gruppe zu entspannen und/oder wenn es sich zu stark von anderen ablenken lässt (Hofmann 1999).
Je nach Störung und Zielsetzungen, die mit dem Patienten besprochen werden, wird ein individueller Therapieplan für das Kind oder den Jugendlichen erstellt.
In der Klink befindet sich auch eine Klinikschule. Kinder und Jugendliche jeglichen Alters und Bildungsniveaus werden hier in Kleingruppen unterrichtet. Die Klinikschule nimmt in der Regel Kontakt zur jeweiligen Heimatschule auf, sodass die Inhalte des Unterrichts abgestimmt werden können und der Übergang nach dem Klinikaufenthalt zurück in die Heimatschule erleichtert wird. Nicht selten weisen Kinder und Jugendliche als Begleiterscheinungen ihrer Störung schulische Leistungsprobleme auf. Es werden einige Patienten aufgenommen, die erhebliche Verhaltensauffälligkeiten in der Schule zeigen. Am Ende der Behandlung sind externe Schulversuche möglich, d.h. die Kinder gehen vormittags in ihre Heimatschule oder eine andere ausgewählte Schule, den Nachmittag verbringen sie in der Klinik. Dies erleichtert den Übergang und ermöglicht die Bearbeitung der dabei auftretenden Schwierigkeiten (besonders bei Schulverweigerern eine gängige Vorgehensweise).
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Auch Kinder mit ADHS werden häufig zunächst in der Schule auffällig aufgrund von Empfehlungen der Lehrer in der Klinik vorgestellt. Daher soll die progressive Muskelentspannung - bei entsprechender Wirkung - auch als Möglichkeit für Eltern und Lehrer aufgezeigt werden, damit diese Wege finden mit dem „Problemkind“ angemessen umzugehen.
3.2 Theoretische Konzeption und therapeutische Orientierung
Die Behandlung in der Elisbethklinik basiert zum einen auf einer genauen Diagnostik, in der sowohl gegenwärtige und vergangene, organische und psychische Belastungen, als auch individuelle Stärken und Ressourcen erfasst werden. Zum anderen basiert sie auf der Schaffung eines Umfeldes, in dem sich das Kind entwickeln kann, Schutz erfährt und durch Regeln und Struktur Orientierung und Halt erfahren kann. Dies geschieht immer in Bezug auf das familiäre Umfeld, in das das Kind nach der Behandlung wieder zurückkehrt. Gemäß dieser Konzeption ist eine kooperative Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen unbedingt notwendig.
Die Behandlungskonzeption basiert auf einem bestimmten Verständnis von Gesundheit und Krankheit. Kinder und Jugendliche entwickeln ihre Persönlichkeit über natürliche Entwicklungsprozesse sowie ständige Anpassungsprozesse an die bestehende und fordernde Umwelt. Es besteht ein komplexes Wechselspiel von Anlage und Umwelt. Psychische Störungen und Entwicklungsprobleme entstehen, wenn die Erziehung oder Aspekte der Umgebung nicht auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten des Kindes bzw. Jugendlichen zugeschnitten werden. Störungen zeigen sich dann in subjektivem Leidensdruck und/oder Verhaltensauffälligkeiten, die sich auf Familie, Schule und soziales Umfeld auswirken sowie mögliche Beeinträchtigungen herbeiführen, die sich auf den Entwicklungs- und Erziehungsprozess beziehen (Beeinträchtigungen der Selbstständigkeitsentwicklung, der Beziehungsfähigkeit, der sozialen Integration). Störungen können in jeder Lebensphase und jedem Entwicklungsabschnitt auftreten.
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Die zur Anwendung kommenden Verfahren orientieren sich nicht an irgendwelchen Schulgrenzen. Die Therapeuten wenden ein empirisch-fundiertes und integratives Vorgehen an, das verhaltenstherapeutische, psychodynamische und
familientherapeutische Ansätze umfasst. Das jeweilige fallspezifische Vorgehen orientiert sich am Einzelfall. Zum einen ist also ein differenziertes Vorgehen erforderlich, innerhalb dessen man einzelne Aspekte der Störung erfasst und sich einzeln mit dem Individuum beschäftigt. Zum anderen ist aber auch ein ganzheitlichsystemischer Blick notwendig, auch deshalb, weil Störungen im Kindes- und Jugendalter nicht unabhängig vom familiären Kontext gesehen werden können.
Auch die medikamentöse Therapie hat einen Stellenwert. Sie muss allerdings immer im Zusammenhang mit der Psychotherapie gesehen werden. Wenn indiziert, werden Medikamente gegeben, die aber lediglich erleichternde und unterstützende Funktionen haben sollten und, wie die Psychotherapie, auch am Einzelfall orientiert sind.
4. Das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
Um ein einheitliches Verständnis über die Krankheit ADHS zu erhalten, soll sie im Folgenden erläutert werden. Auch gilt es die Symptome, Ursachen und Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen.
ADHS zählt, zusammen mit den Störungen des Sozialverhaltens, zu den häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Bei vielen Kindern kommt es vor, dass sie in einigen Situaionen Schwierigkeiten haben sich zu konzentrieren. Auch fällt es besonders Jüngeren manchmal schwer still sitzen zu bleiben oder lange ruhig zu sein. Doch Kinder mit einem ADHS unterscheiden sich von den anderen dadurch, dass sie viel häufiger und in einem viel stärkeren Ausmaß auffälliges Verhalten zeigen. Sie sind besonders im Bereich der Konzentration, der Aufmerksamkeit, der Impulskontrolle und im sozialen Verhalten beeinträchtigt. Als Symptome der Störung bezeichnet man daher: Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe (Neuhaus 2000). Anders als in der Gesellschaft manchmal geglaubt wird, heißt Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) nicht, dass ein Kind zu wenig Aufmerksamkeit bekommt und es deswegen auffällig wird. Es ist vielmehr so,
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dass ein Kind mit ADHS in bestimmten (häufig schulischen) Situationen nicht fähig ist sich zu konzentrieren und die Aufmerksamkeit lange auf etwas gerichtet zu halten (Remschmidt 2005).
Der Begriff ADHS meint Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Dieser Begriff ist gleichzusetzen mit der hyperkinetischen Störung (HKS), wie die Erkrankung in Deutschland auch häufig genannt wird. Es gibt einige Kinder, die Auffälligkeiten zeigen ohne dabei hyperaktiv zu sein, diese nennt man dann ADS Kinder (ohne das H für Hyperaktivität), häufig wird aber kein Unterschied gemacht. In dieser Arbeit wird der Begriff ADHS verwendet, da es sich bei all den beobachteten Kindern um Kinder mit einem diagnostizierten hyperaktiven Verhalten handelt (Barkley 1998).
Bezugnehmend auf die Fragestellung dieses Berichts soll näher auf die Symptome und die Ursache von ADHS eingegangen werden.
4.1. Symptome bei ADHS
Die Symptomatik soll durch die progressive Muskelentspannung verringert werden. Dabei ist es wichtig zu berücksichtigen, wie sich die Symptome von ADHS äußern, um später eine mögliche Wirkung von progressiver Muskelentspannung feststellen zu können.
Symptome bestehen aus dem Aufmerksamkeitsproblem, der Impulsivität/Unruhe und der Hyperaktivität (Döpfner/Fröhlich/Lehmkuhl 2000).
Das Aufmerksamkeitsproblem: Kinder mit einem ADHS haben in vielen alltäglichen Situationen und dabei besonders während des Schulunterrichts Probleme sich zu konzentrieren. Sie schaffen es kaum eine begonnene Arbeit lang durchzuführen oder gar zu Ende zu bringen. Besonders schwierig sind dabei Aufgaben, die das Kind aufgetragen bekommt und die mehr Nachdenken erfordern als andere Aufgaben die freiwillig gemacht werden. Diese Kinder können ihre Aufmerksamkeit nicht lange einer einzigen Sache widmen, folglich wechselt das Kind sehr häufig von einer
Arbeit zitieren:
Diplom Anja Esch, 2011, Wirkung von progressiver Muskelentspannung auf Kinder mit ADHS, München, GRIN Verlag GmbH
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