Sommersemester 2007
Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
Universität zu Köln
Proseminar III: Deutsche TV-Serien im internationalen Vergleich
Hausarbeit
Die Realität des Reality-TV am Beispiel der Familienserie
,,Die Fussbroichs"
Christina Frei
Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft (HF, 4. Semester);
Germanistik (4. Semester);
Pädagogik (3. Semester)
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung
3
2
Die geschichtliche Entwicklung des Reality-TV in Deutschland 3
3
Definition des Reality-TV
4
4
Merkmale des Genre Reality-TV
6
4.1
Nicht Prominente
6
4.2
Personalisierung
7
4.3
Emotionalisierung
7
4.4
Intimisierung
7
4.5
Stereotypisierung
7
4.6
Dramatisierung
8
4.7
Live-Charakter
8
4.8
Mischung Fiktion-Realität
8
4.9
Information und Unterhaltung
8
4.10 Authentizität und Inszenierung
9
5
Subgenre Real Life Soaps
9
6
Die Fussbroichs
10
7
Der Stil: Direct Cinema
11
8
Fiktion und Non-Fiktion
11
9
Spannungsverhältnis Fiktion und Non-Fiktion
12
10
Schlussbemerkung
15
11
Literaturverzeichnis
16
3
1
Einleitung
Reality-TV ist gekennzeichnet durch die Vermischung von fiktionalen und non-fiktionalen
Elementen. Die Grenze zwischen Authentizität und Inszenierung ist fließend. Privates und
Intimes wird emotionalisiert und der Öffentlichkeit präsentiert. ,,Das seit den fünfziger Jahren
etablierte Fenster zur Welt wandelt sich in einer Vielzahl von Reality-Soaps zum Fenster in
das Privatleben"
1
. Inwieweit das gezeigte Privatleben als authentisch bezeichnet werden kann,
soll hier anhand der Familienserie ,,Die Fussbroichs" untersucht werden. Die Serie über die
,,kölsche" Familie um Fred, Annemie und Frank und ihre Konsumgewohnheiten hat nicht nur
im Rheinland Kultstatus errungen. 2006 gab es sogar Gerüchte um ein Comeback der Familie.
Zunächst werde ich einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Reality-TV in
Deutschland geben. Anschließend gilt es mit Hilfe von wissenschaftlichen Untersuchungen
die Einteilung der verschiedenen Varianten aufzuzeigen. Welche Formen des Reality-TV gibt
es und worin lassen sich ,,Die Fussbroichs" einordnen? Was machen diese Formen aus und
welche Gemeinsamkeiten haben sie?
Abschließend werde ich näher auf Fiktionalität und Non-Fiktionalität eingehen. Inwieweit
sind Formate des Reality-TV fiktional? Wie sieht die Realität des Reality-TV aus? Was macht
das Spannungsverhältnis aus und wie kommt es bei ,,Die Fussbroichs" zum tragen?
2
Die geschichtliche Entwicklung des Reality-TV in Deutschland
Mit ,,Aktenzeichen XY... ungelöst" erhält die erste Reality-TV-Sendung in Deutschland
Einzug.
2
Seit dem 20. Oktober 1967 ist die Sendung fester Bestandteil des ZDF-Programms.
Eduard Zimmermann moderiert nachgestellte Kriminaldelikte und regt die Zuschauer zur
Mithilfe an.
3
Ab der Sendung vom 6. November 1987 bis zur Sendung vom 7. Dezember
1
Bleicher, Joan Kristin: Die Dramatisierung der Privatheit in neuen Sendungskonzepten. S. 51.
2
Ursprungsland des Reality-TV sind die USA. Entstanden ist das neue Format durch den Konkurrenzdruck der
Sender, die auch die Nachrichtenformate profitabler machen mussten. Dies führte zu einer Emotionalisierung der
Nachrichten und es entstanden die ,,Action-News" oder ,,Eyewitness"-Formate (z.B. ,,Top Cops" oder
,,America's Most Wanted"). Die Produktionskosten waren gering, da die Sender mit Polizei und Feuerwehr
zusammenarbeiteten und das Material zum Großteil durch Amateur-Reporter bezogen. Die deutschen
Produzenten haben sich die amerikanischen Formate zum Vorbild genommen.
3
Vgl. Lücke, Stephanie: Real life soaps. S. 27f. und Wegener, Claudia: Reality-TV. S. 20f.
Claudia Wegener bezeichnet die Präsentation des Konzepts allerdings als bieder im Vergleich zu heutigen
Formaten, für was sie allerdings auch das Alter der Sendung verantwortlich macht.
4
2001 ist seine Adoptivtochter Sabine Zimmermann Co-Moderatorin, ab Oktober 1997
moderiert Dr. Butz Peters, seit Januar 2002 Rudi Cerne.
4
Der ,,Polizeireport Deutschland" auf
Tele5, der von Januar 1992 bis zum Aus des Senders im Januar 1993 zu sehen war, wurde als
erste Sendung dem Genre Reality-TV zugeordnet bzw. als solche angekündigt. Begangene
Straftaten wurden nachgestellt und sollten durch die Darstellung von Präventionsmaßnahmen
das Sicherheitsgefühl der Zuschauer erhöhen. In der Folge entstehen Sendungen wie 1992
,,Schuldig" (Straftäter stellen sich vor die Kamera, Tele5), ,,Notruf" (nachgestellte
Geschichten von Menschen, die andere aus lebensgefährlichen Situationen gerettet haben,
RTL), ,,Auf Leben und Tod" (von Polizisten kommentierte nachgestellte Einsätze, RTL) mit
dem amerikanischen Vorbild der ,,Top Cops", ,,Augenzeugen-Video" (Originalaufnahmen
von Unfällen, Katastrophen und Verbrechen von Amateur-Filmern zusammen mit
Augenzeugenberichten, RTL). Im Dezember 1992 erscheint auf SAT.1 mit ,,Bitte melde
Dich" eine neue Variante. Die Schicksale von vermissten Menschen werden rekonstruiert und
mit der Bitte von Freunden und Familienangehörigen, sich zu melden, kombiniert.
5
In der
Folge entstehen neue Varianten und Entwicklungen des Genres wie z.B. ,,Verzeih mir" (RTL,
1992-1994), ,,Nur die Liebe zählt" (RTL 1993-1994, seitdem SAT.1), ,,Herzblatt" (ARD, seit
1988), ,,Die dümmsten Verbrecher/Autofahrer/Angestellten/... der Welt" (RTLII, seit 1999),
,,Geld für dein Leben!" (TM3, 2000), sowie zahlreiche Gerichts-Shows. Ebenfalls bildeten
sich sogenannte Docu-Soaps wie ,,OP. Schicksale im Klinikum" (ZDF, 1998),
,,Frauentausch" (RTLII, seit 2003), ,,We are family" (ProSieben, seit 2005) und nicht zuletzt
Reality-Soaps mit der ersten Big Brother-Staffel im Jahr 2000 aus. Hinzu kommen noch
Game-Shows wie ,,Ich heirate den Millionär" auf RTL und die SAT.1-Variante ,,Wer heiratet
den Millionär?", beide von 2000 und Casting-Shows wie,,Popstar" (RTLII, erste Staffel 2000)
oder ,,Germany's next Topmodel" (ProSieben, erste Staffel 2006).
6
3
Definition des Reality-TV
Die erste umfangreiche wissenschaftliche Publikation in Deutschland zum Thema Reality-TV
stammt von Claudia Wegener aus dem Jahr 1994. Sie erarbeitet eine enge Definition des
Genres und beschreibt anschließend ,,einige gemeinsame Charakteristika wie
4
Vgl.
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2022147,00.html
30.05.2007
5
Vgl. Lücke, Stephanie. Real life soaps. S. 28-30. und Wegener, Claudia: Reality-TV. S. 21-24.
6
Das Genre entwickelt sich ständig weiter und greift ständig neue Aspekte auf. Die rasante Entwicklung in
immer neuen Facetten lässt hier nur die Nennung von Beispielen zu.
5
Emotionalisierung, Personalisierung, Dramatisierung / Darstellung von Gewalt und
Stereotypisierung und führt eine Inhaltsanalyse der Sendungen ,,Retter", ,,Notruf" und
,,Augenzeugen-Video" durch"
7
. Wegener lässt durch ihre Einteilung Reality-Shows wie
,,Bitte melde Dich" außen vor. Reality-TV umfasst Sendungen, in denen Ereignisse, die
negativ oder gewaltzentriert vom Alltag abweichen, von einem Moderator präsentiert werden.
Der Protagonist kann als Opfer oder als Helfer auftreten. Hans J. Wulff betont, dass der
Grund für eine Erzählung einer Geschichte die Moral ist. Die Geschichte wird erzählt, um
anderen etwas beizubringen. Für die Geschichten des Reality-TV ergibt sich für ihn die
Notwendigkeit, ,,die Gefährdetheit der alltäglichen Normalität angemessen und eindringlich
zum Thema zu machen"
8
. Schema des Reality-TV ist die Vorbereitungsphase, in der
,,normaler Alltag" vorgestellt wird, dann folgt die Katastrophe und anschließend die Rettung.
9
Eine andere Untersuchung im gleichen Jahr von Winterhoff-Spurks, Heidinger und Schwab
geht davon aus, dass Reality-TV ein neues Genre darstellt, das folgende Unterkategorien
aufweist:
- kriminelles Verhalten (z.B. ,,Aktenzeichen XY... ungelöst")
- Unglücksfälle (z.B. ,,Notruf")
- Nicht-kriminelles deviantes Verhalten (z.B. ,,Bitte melde Dich")
Sendungen wie ,,Nur die Liebe zählt" werden hier nicht mehr außen vorgelassen, der
Genrebegriff erfährt im Vergleich zu Wegener eine Ausdehnung.
Eine neue Perspektive zeigt Angela Keppler 1994 auf, indem sie zwischen narrativem und
performativen Realitätsfernsehen unterscheidet. Bei der narrativen Darstellungsform werden
den Zuschauern authentische Katastrophen oder deren Inszenierungen präsentiert. Die
performativen Realitätssendungen hingegen erhalten ihren Realitäts-Charakter dadurch, dass
sie in mehr oder weniger erheblichem Maße in das persönliche Leben ihrer Kandidaten
eingreifen und es dauerhaft verändern.
10
Durch das Aufkommen neuer Sendungen erfolgen weitere Kategorisierungen. Während
anfangs die gewaltzentrierten Varianten dominierten, werden die Themen mit der Zeit immer
mehr der Lebenswelt der Zuschauer entnommen. Stephanie Lücke teilt 2001 das Genre
7
Lücke, Stephanie: Real Life Soaps. S. 34.
8
Wulff, Hans J.: Reality-TV. S. 107.
9
Vgl. Ebd. S. 107-109.
10
vgl. Keppler, Angela: Wirklicher als die Wirklichkeit? S. 8 f.
0 Kommentare