Vorwort
Es ging nicht darum, zu fragen: Was war zuerst? Geist oder Materie? Oder wie entsteht Geist aus Materie? Oder wie entsteht Materie aus Geist? Lebendiges und Nicht-Lebendiges habe ich der Einfachheit wegen als zwei Substanzen angenommen, auf das Phänomen der Emergenz bin ich hier nicht eingegangen und wollte auch nicht die Frage stellen, die Descartes mit seiner These Zirbeldrüse zu beantworten versucht, nämlich: Wie wirken Leib und Seele aufeinander? Nicht weil die Wechselwirkungen im Psychophysicum geklärt sind, sondern weil es mir um ein anderes Dualismus-Problem ging, zu dem mich Descartes’ Leib-Seele-Problem hingeführt hat.
Doch davor kurz eine unwissenschaftliche Momentaufnahme:
Die Seele begegnet uns in der Naturwissenschaft nicht mehr, und in der Humanwissenschaft nur noch da, wo es sich um ethische Frage handelt und auch dort, wird der Begriff Seele vermieden.
In der Kunst und auch in den Medien, die nicht wissenschaftlich auftreten, begegnen uns dagegen der Begriff und das, was jeweils darunter verstanden wird, sehr oft. Der Begriff ist also keineswegs auf die Religionen beschränkt.
Für diese Arbeit wollte ich den Begriff Seele (anima) bei Aristoteles und (l’ame) bei Descartes analysieren. Dann Merleau-Ponty und Frankl und Popper referieren. Doch das führte mich alles zu weit.
Ausgangsfragen waren:
Was versteht Descartes unter Seele? Inwiefern unterscheidet sich sein Verständnis von Seele von dem des Aristoteles? Gibt es eine vom Körper unterschiedene res/Substanz (=unabhängig und unvergänglich)? Gibt es etwas, das nicht materiell/nicht ausgedehnt ist? Wie wirkt die Seele auf den Körper und im Körper, wenn sie selbst ganz und gar unkörperlich ist? Welche Ethik leitet Descartes daraus ab?
Doch anstatt diese Fragen einfach zu beantworten, habe mich zu immer neuen Fragen weitergearbeitet. Und jetzt bleibt alles Fragment.
Inhalt
0. Einleitung 3
1. Der Begriff Seele im Wandel 4
1.1 De anima von Aristoteles 4
1.2 Les passions de l’ame bei Descartes 8
2. Bleibendes Dualismus-Problem dank Ethik 14 3. Zusammenfassung 20 4. Literaturangaben 24
2
0. Einleitung
Diese Seminararbeit wird im ersten Teil den Begriff Seele bei Aristoteles in De anima und bei Descartes in Die Leidenschaften der Seele erläutern und das von Descartes formulierte Leib-Seele-Probleme, wie die Seele auf den Körper einwirke, schildern. Bei Aristoteles stellt sich dieses Frage im Grunde nicht als Problem, wie zu zeigen sein wird. Bei Descartes gilt es, den Grund für die Zirbeldrüse als Lösungsansatz zu erklären. Der zweite Teil hätte Bezug nehmen können auf zwei Lösungsversuche aus dem 20. Jahrhundert, auf Maurice Merleau-Ponty und das Phänomen der Leiblichkeit und Viktor Frankl und ein Geist begabtes Psychophysicum. Doch das ist zuviel für diese Arbeit. Es kann unmöglich darum gehen, Merleau-Pontys Phänomenologie der Wahrnehmung zu referieren, oder Frankls Ärztliche Seelsorge, stattdessen werde ich einige wenige Gedanken aus diesen beiden Ansätzen herausgreifen und einige wenige eigene Gedanken dazu schon im ersten Teil formulieren. Im zweiten Teil geht es schließlich um die Frage, inwiefern philosophische Fragen (von Erkenntnissen will ich lieber nicht reden), wie sie hier gestellt werden überhaupt von Relevanz sind. Dabei wollte ich Begriffe der klinischen Psychologie (wie z.B. Vulnerabilität und Coping), den Unterschied zwischen techne und arete oder Zusammenhänge zwischen Medizin und Kunst, Erziehung und Kunst behandeln. Dabei wäre es spannend gewesen, Beispiele und Anwendungen in der Psychotherapie (z.B. Existenzanalyse oder Gestalttherapie) in der Kunst und Literatur (z.B. expressionistische Theorie und Praxis) oder in der Pädagogik (z.B. Rudolf Steiner) zu verfolgen. Doch das alles würde viel zu weit führen. Stattdessen habe ich mich bemüht, mit dem zweiten Teil eine dualistische Prämisse herauszuarbeiten und zu erklären, inwiefern diese sinnvoll ist. Die Arbeit wird mit einer kurzen Zusammenfassung und vielen offenen Fragen - um nicht zu sagen nicht zu beantwortenden Fragen - enden. So stellt sich auch gleich die Frage, warum diese Fragen überhaupt stellen, wenn man bereits erkannt hat, dass sie offen bleiben werden, vielleicht bleiben müssen? Vielleicht nur deshalb weil man ein Gefühl hat, dass Wissenschaft (vielleicht Medizin und Psychologie im Besonderen) auf Bereiche zugreifen, und sich mit ihren Methoden für Bereiche zuständig fühlen, für die sie unmöglich die Verantwortung übernehmen können. Vermutlich ist es nicht die Aufgabe der Philosophie, schon gar nicht die Aufgabe einer philosophischen Seminararbeit über Descartes, diese Verantwortung zu übernehmen, wofür Ethik der Medizin und Ethik der Psychologie zuständig und womit diese noch überfordert sind.
Irgendwie wird es um eine dualistische Prämisse gehen, die behauptet, dass es immer zwei mögliche Perspektiven auf die Welt (= mein mir offenes Feld = das mir aus meiner
3
Beobachterposition Zugängliche) gibt: Einmal die Perspektive ist ist ist und einmal die Perspektive könnte/bzw. soll nicht sein. Ich bin nicht sicher, ob es mir gelingen wird, das verständlich zu erläutern. Aber darum wird es gehen und ich schickte vorweg, ich werde Ihnen meine Seele nicht beweisen und auch nicht begründen können, auf wissenschaftliche Methoden lässt sie sich nicht ein.
1. Der Begriff Seele im Wandel
1.1 De anima von Aristoteles
Aristoteles war sich klar darüber, dass es keinen Sinn hat, über die Seele zu philosophieren, wenn man nicht davor festgelegt/entschieden hat, was man darunter versteht: „Zuerst muss man wohl entscheiden, zu welcher Gattung die Seele gehört, und welcher Art sie ist, ob sie ein ganz bestimmtes Wesen ist oder eine Beschaffenheit oder eine Menge oder sonst eine von den fest umrissenen Aussageweisen, ferner, ob sie nur eine Fähigkeit und Anlage bedeutet oder eine Wirkungseinheit.“ 1
Was hatte Aristoteles davon, die zu seiner Zeit verbreiteten Lehren 2 über die Seele zu widerlegen? Was hatte Aristoteles davon, als er die Seele zum Form gebenden Prinzip des Lebens erklärte, zu dem, was die Einheit des lebendigen Körpers ausmache, zur Einheit stiftenden Funktion des Körpers 3 ? Was hatte Aristoteles davon, als er zwischen Lebendigem (Beseelten) und Nicht-Lebendigem unterschied? Er hatte eine Ordnung der Dinge. 4 Der Begriff Seele hatte bei ihm nicht viel mehr Funktion, als den Unterschied zwischen Lebendigem und Nicht-Lebendigem auszudrücken und „nur wenn eine Betätigung oder Eigenschaft der Seele eigentümlich ist, könnte sie sich loslösen vom Körper, sonst ist sie wohl kaum von ihm zu trennen, höchstens so, wie „gerade“ als solches viele Eigenschaften hat, z.B. die, eine eherne Kugel nur in einem Punkte zu berühren, ohne doch aber diese Art der
1 Aristoteles, De anima S. 24.
2 „Drei Weisen sind für die Begriffsbestimmung der Seele überliefert, die einen lehrten, sie sei das Beweglichste, da sie sich selber bewege, die andern, sie sei das am feinsten Verteilte und am wenigsten Körperliche.“ Aristoteles, De anima, S. 45-56. Aristoteles versucht in seiner Schrift De anima, die für Schwierigkeiten und Widersprüche aufzuzeigen, die diesen Lehren anhaften und er erwähnt dabei auch jene Lehren, welche die Seele aus einem oder allen Elementen (Luft, Feuer, Wasser, Erde) zusammengesetzt glauben. „Alle aber, diejenigen sowohl, die um der Erkenntnis und Wahrnehmung willen die Seele aus den Elementen bestehen lassen, wie auch die, die in ihr das Beweglichste sehen, reden nicht über jede Art der Seele.“ Ebd. S. 50
3 „Wenn nun etwas anderes sie (die Teile des Körpers, Anm. RE) zu einer Einheit bindet, dann wäre dies in höherem Sinne Seele. Und bei diesem Etwas müsste man wieder fragen, ob es einheitlich sei oder Teile besitze. Ist es eines, warum nicht gleich die Seele? Hat es Teile so erhebt sich von neuem die Frage nach dem, was sie zusammenhält, und so weiter ins Unendliche. (...).“ Ebd., S. 53
4 Das ist es, worum es Aristoteles geht, er will das Spezifische des Lebendigen benennen, er will das Lebendige, das, was allem Lebendigen gemeinsam ist, herausstreichen und Unterschiede zwischen Mensch, Tiere, Pflanzen charakterisieren.
4
Berührung aufzuweisen als etwas abgetrenntes Gerades, weil es nicht abtrennbar ist, wenn es sich immer an einem Körper findet.“ 5
Seele/Beseelt sein war für Aristoteles nichts Sichtbares, nichts Teilbares, nichts Materielles. Sie/Es bezeichnete lediglich ein Vermögen und daher ein Merkmal/eine Eigenschaft des Lebendigen, die als diese Eigenschaft zwar vom Lebendigen zu unterscheiden, aber nicht ohne ein Lebendiges zu denken war. Wenn nun aber Menschen anderes vermochten als Tiere, und Tiere anderes vermochten als Pflanzen, schien es ihm sinnvoll, die eine Gattung von der anderen zu trennen (vermutlich auch schon wohl wissend, dass die Grenzen zwischen den Gattungen fließend waren. Aber die Trennung der Gattungen war dennoch sinnvoll, weil man die Dinge einfach besser beobachten konnte, wenn man sie zuvor unterschieden hatte.) Da bei Aristoteles die Seele/beseelt sein eine entscheidende/unterscheidende Eigenschaft des Lebendigen war, war damit auch definiert, dass bei einem toten Körper eben genau diese Eigenschaft verloren sein würde 6 . Entscheidet ist dabei, dass Aristoteles (zumindest sein Übersetzer nicht weil, sondern wenn schreibt. Nicht weil die Seele den Körper verlässt, verfault er, sondern wenn sie ihn verlässt verfault er, das heißt auch, wenn er verfault, verschwindet die Seele 7 ; und deshalb fragt Aristoteles: „wieso geht sie dann zugrunde, wenn die Muskeln aufhören Muskeln zu sein und die anderen Körperteile?“ 8 Und: „was ist dasjenige, das zugrunde geht, wenn die Seele den Körper verlässt?“ 9 Auch schreibt er: „Es scheint, als ob alle Erfahrungen der Seele nur in Verbindung mit einem Leibe zustande kommen, Entschlossenheit, Nachgiebigkeit, Furcht, Mitleid, Mut, auch Freude, sowie Lieben und Hassen: in allen diesen Fällen geht auch mit dem Leibe etwas vor. (...).“ 10 Damit sagt er allerdings, dass es für viele so scheinen mag, es bei ihm aber gerade nicht bloß so scheint. Denn bei Aristoteles kann keine Rede davon sein, ob es so scheint oder nicht, denn es ist keinesfalls empirisch festzustellen, ob das so ist oder nicht. Es scheint nicht so, es ist bei Aristoteles begrifflich so fixiert! In seinem Diskursuniversum ist Seele ein Vermögen des Lebendigen und dass dieses Vermögen nie ohne Leib auftritt, ist keine scheinbare Erfahrung, sondern eine begriffliche Fixierung. Darüber war sich Aristoteles auch klar, denn: „Jede Begründung ist entweder Begriffsbestimmung oder Beweis.“ 11
5 Aristoteles, De anima, S. 26.
6 „Was aber hält die Seele zusammen, wenn sie ihrer Natur nach aus Teilen besteht? Gewiss nicht der Körper, da doch wohl eher umgekehrt die Seele den Körper beieinander hält; jedenfalls verfällt und verfault er, wenn sie ihn verlässt.“ Ebd., S. 53
7 Vgl. ebd., S. 53.
8 Ebd., S. 43.
9 Ebd., S. 43.
10 Ebd., S. 26.
11 Ebd., s. 39.
5
Daher gibt es auch keine Wahrnehmung dieses Vermögens (keinen Rückschluss auf dieses Vermögen) ohne Blick auf den Leib. Nur von Seele zu sprechen, ohne den Leib zu betrachten, hat keinen Sinn mehr nach dieser Definition, denn keine Seele ohne Leib. 12 Deshalb kritisiert Aristoteles auch alle, die über eine Seele in einem Körper sprechen und dabei nicht festlege, was sie unter Seele und Körper überhaupt verstehen:
„Man verknüpft die Seele mit dem Körper und bringt sie in ihn hinein, ohne die Ursache dafür anzugeben oder zu fragen, was das nun für ein Körper sei. Und doch sollte man denken, diese sei erforderlich. Denn eben wegen dieser Gemeinschaft handelt das eine und leidet das andere, wird das eine bewegt und bewegt das andere: so etwas gibt es aber nicht zwischen beliebigen Partnern. Jene versuchen zwar immer zu sagen, wie sie sich die Seele denken, aber über den Körper, der sie aufnehmen soll, fügen sie nicht weiter hinzu, wie wenn es nach dem Glauben der Pythagoräer möglich sei, dass eine beliebige Seele in einen beliebigen Körper eingehe. Aber es scheint doch jeder Körper nur seine Gestalt und Form zu haben. (...). Aber es muss die Kunst ihr Werkzeug zu gebrauchen verstehen, die Seele den Körpern.“ 13
Die Wechselwirkung zwischen Leib und Seele, auf die Aristoteles mit den Begriffen handeln und leiden hinweist (ähnlich wie später Descartes 14 ), betont einmal mehr, dass es keine Seelenvermögen ohne Leib und keinen Leib ohne Seelenvermögen gibt. Die Seele ist als eine Funktion des Leibes definiert, die etwas passiv erlebt/erleidet/verändert wird, wenn der Leib aktiv ist/handelt (und umgekehrt eine Funktion, die mit dem Leib etwas passiv geschehen lässt, wenn sie selber am Leib aktiv wirksam wird.) Die Analogie (Kunst und Werkzeug zu Seele und Leib) ist m.E. ebenfalls als Definitionsversuch zu deuten. Eine Kunst/eine Anwendung ohne die dafür notwendigen Werkzeuge gibt es nicht, wie es auch keine Werkzeuge sind, wenn diese nicht angewendet werden. Jede Anwendung wäre in dem Fall als Kunst zu verstehen. Die Seele die Kunst/die Art und Weise der Anwendung (die arete?) des Leibes. Dann aber vergleicht Aristoteles die Vernunft (ein Vermögen der Seele?) selber mit einem (Sinnes-)Werkzeug: „Nur die Vernunft scheint als ein besonderes Wesen in uns einzugehen und der Vernichtung zu entgehen. Am ehesten nämlich könnte sie vernichtet werden durch das Hinschwinden im Greisenalter; aber nun ist es damit vielleicht wie mit den Sinneswerkzeugen: wenn ein alter Mann das richtige Auge bekäme, würde er sehen, wie ein
12 Religiöse Dogmen und theologische Probleme aufgrund dieser Definition seien ausgeblendet; denn nach dieser Definition gäbe es Auferstehung nur als eine leiblich Auferstehung oder eine von etwas anderem als dem, was hier als Seele definiert ist.
13 Ebd., S. 41.
14 „Was ein Leiden in Hinsicht auf einen Gegenstand ist, ist immer ein Tun in einer anderen Hinsicht.“ Descartes, Die Leidenschaften der Seele, S. 3
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Renate Enderlin, 2011, Eine Auseinandersetzung mit Descartes’ "Die Leidenschaften der Seele", München, GRIN Verlag GmbH
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