Nachhaltig wirtschaften - Innovationen fördern -
Arbeitsplätze sichern
Ein Leitfaden für den Gebrauch in kleinen und mittleren Unternehmen
TaT Transferzentrum für angepaßte Technologien GmbH Rheine
Prof. Dr. Robert Tschiedel
Veit Hartmann M.A.
Karsten Sundermann M.A.
Technologieberatungsstelle beim DGB Landesbezirk NRW e.V.
Regionalstelle Münsterland, Münster
Dr. Hartmut Schröder
Im Rahmen einer
Studie im Auftrag und mit Förderung der
Hans Böckler Stiftung
Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des
Deutschen Gewerkschaftsbundes
IV / 1999 bis III / 2000
Inhaltsverzeichnis
Seite
Einleitung: Was ist das hier?
3
Anleitung:
Was mache ich hiermit?
5
(1) Woran merke ich, daß Produktinnovationen nötig sind?
6
I. Anlässe und Gelegenheiten zur Produktinnovation
7
(2) Wie finde ich heraus, ob neue Produkte voraussichtlich
Arbeitsplätze schaffen oder kosten?
8
II. Arbeitsplätze sichern und schaffen
9
(3) Welche Produkte sind denn eigentlich umweltverträglicher?
10
III. Nachhaltig wirtschaften durch produkt- und
produktionsintegrierten Umweltschutz
11
(4) Neue Produkte brauchen manchmal ein neues Umfeld
12
IV. Reorganisation
13
(5) Neue Produkte brauchen neue Qualifikationen
14
V. Qualifikation
15
(6) Wie organisiert man systematisch Produktinnovationen?
16
VI. Innovationsmanagement
17
(7) Wie funktioniert eine Innovationswerkstatt?
18
VII. Beteiligungsorientierung auch über Betriebsgrenzen
hinaus
19
(8) Wen kann ich fragen? Und gibt es Fördermöglichkeiten?
20
VIII. Beratung und Förderung
21
Anhang
22
© TaT Transferzentrum für angepaßte Technologien GmbH,
Hoovesaatstraße 6, 48432 Rheine.
Die Seiten dürfen jedoch mit Hinweis auf die Quelle für Lehrzwecke und zur Umsetzung in den
Betrieben vervielfältigt werden.
2
Einleitung
Was ist das hier?
In der öffentlichen Diskussion herrschte vor einigen Jahren die Behauptung vor,
Umweltschutz und wirtschaftliches Wachstum seien unüberwindbare Gegensätze.
Forderungen nach mehr Umweltschutz wurden als arbeitsplatzschädlich hingestellt.
Die Wirklichkeit war anders. Gerade in der Umweltschutzindustrie entstanden ü-
berdurchschnittlich viele neue Arbeitsplätze, so daß die gegenteilige Behauptung
in der öffentlichen Diskussion nicht lange auf sich warten ließ: Umweltschutz
schafft Arbeitsplätze.
Aber wie das so ist, so pauschal ist natürlich beides falsch. Daß in der Umwelt-
schutzindustrie Arbeitsplätze entstanden, liegt im wesentlichen am nachsorgenden
Umweltschutz, also am Bau und Einbau von Filtern, dem Bau von Kläranlagen und
Investitionen in den Gewässerschutz und nicht zuletzt an der Einführung des dualen
Systems, also der Mülltrennung in Deutschland.
Das entpuppt sich aber, sieht man einmal genauer hin, als ein doppelt zwiespälti-
ger Vorteil: Da man die Mark nur einmal ausgeben kann, wie es so schön heißt,
kann man zum einen für das Geld, das man für die teurer gewordene Müllabfuhr
aufwenden muß, nichts anderes kaufen: Es entfallen also mit hoher Wahrschein-
lichkeit anderswo Arbeitsplätze. Zum andern ist nachsorgender Umweltschutz auf
Dauer natürlich volkswirtschaftlicher Unsinn: Erst verdienen wir unser Geld damit,
einmal etwas überspitzt gesagt, daß wir etwas kaputtmachen, und dann und im-
mer parallel dazu damit, daß wir es wieder reparieren - einmal ganz abgesehen
von der Frage, ob wir auf Dauer wirklich alles reparieren können.
Sinnvoll wäre und ist ein Wirtschaften, das Umwelt und Gesundheit gar nicht erst
schädigt, ein nachhaltiges Wirtschaften, wie man sagt, mit vorsorgendem, produkt-
und produktionsintegriertem statt nachsorgendem Umweltschutz also. Und da-
durch dürften nicht Arbeitsplätze verlorengehen, sondern Arbeitsplätze müßten
erhalten bleiben oder gar zusätzlich geschaffen werden. Geht das überhaupt?
Diese Überlegungen und diese Fragestellung standen am Anfang eines For-
schungsprojekts, das das TaT in Rheine der TBS als Projektpartner und der Hans
Böckler Stiftung als Forschungsförderungswerk des DGB vorgeschlagen hat.
Das TaT hatte sich nämlich vorher seit längerem - neben anderen umweltverträgli-
chen Technologien - mit dem Einsatz sogenannter nachwachsender Rohstoffe be-
schäftigt. Die Rede ist von einer Vielzahl von innovativen Produkten zum Beispiel
auf der Basis von Pflanzenfasern (technische Textilien, Vliese, Bau- und Dämm-
stoffe u.s.w.) oder von Stärke (Ersatz von auf Mineralöl basierenden Kunststoffen
wie Folien, Styropor u.s.w.) oder. oder, oder. Und dabei hatten immer wieder vor
3
allem ökologische und ökonomische Gesichtspunkte eine wichtige Rolle gespielt:
Vorteile für die Landwirtschaft, Schonung endlicher Rohstoffe, Müllvermeidung,
Vermeidung von schädlichen Emissionen, um nur die wichtigsten zu nennen. Aber
fast gar nicht diskutiert wurde bis dahin die Frage nach dem Erhalt oder der
Schaffung von Arbeitsplätzen durch den erweiterten Einsatz nachwachsender
Rohstoffe, und zwar nicht nur in der Landwirtschaft, so wichtig das ist, sondern vor
allem auch in der weiterverarbeitenden Produktion als Roh- und Hilfsstoffe.
In anderen Projekten hatte sich das TaT damit beschäftigt, kleine und mittlere Un-
ternehmen (v.a. der Textilindustrie) zu unterstützen durch arbeitsorientierte Organi-
sationsberatung und Qualifizierung, also Unterstützung zum Erhalt von Arbeitsplät-
zen und zur Verbesserung der Qualität von Arbeitsplätzen zur Verfügung gestellt.
Wäre es denn wirklich so schwer, diese beiden Gesichtspunkte zusammenzubrin-
gen: vorsorgenden Umweltschutz und die Sicherung und Schaffung von Arbeits-
plätzen? Könnte man nicht Produktionsprozesse so umstellen, daß sie anschlie-
ßend umweltverträglicher wären - zum Beispiel durch den Einsatz nachwachsen-
der Rohstoffe. Und würden durch diese Umstellung nicht Arbeitsplätze gesichert
oder gar geschaffen, da doch das in die Umstellung investierte Kapital nicht in Ra-
tionalisierung gesteckt würde, die ihrem Zweck nach immer Arbeitsplätze einspart
/ kostet, sondern in bessere Produkte, die auf Dauer ohnehin gebraucht werden,
da nicht nachwachsende Rohstoffe, wie der Name schon sagt, nicht nachwachsen
und damit endlich sind?
Die Idee war geboren, dieser Frage gründlicher nachzugehen. In der Literatur gab
es eine Menge von Veröffentlichungen zum Thema Umweltschutz und Arbeitsplät-
ze, meist sehr allgemein, mit großen volkswirtschaftlichen Rechenwerken. Aber für
die betriebliche Ebene - eher nichts. Doch Innovationsentscheidungen fallen nun
mal im wesentlichen in den Betrieben, die größte Zahl übrigens, auch das ist be-
kannt, in kleinen und mittleren Unternehmen. Dort würde man suchen müssen nach
den erforderlichen Daten und Mechanismen. Und dort müßte man Vorschläge
machen zur Umsetzung eines neuen - nachhaltigen Innovationsverhaltens, für Um-
welt u n d Arbeitsplätze.
Mit Unterstützung der Hans Böckler Stiftung haben das TaT und die TBS Münster
dann ein halbes Jahr lang intensiv das Innovationsverhalten kleiner und mittlerer
Unternehmen vor allem der Textil-, Bekleidungs- und Verpackungsindustrie unter
die Lupe genommen und zum Teil recht überraschende Ergebnisse zu Tage ge-
fördert.
Es ist möglich, durch Umstellung Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Doch
die Umstellung allein und von sich aus sichert und schafft keine Arbeitsplätze.
Die neuen Produkte müssen, außer daß sie aus nachwachsenden Rohstoffen
sind, auch besonders positive Produkteigenschaften haben, in technischer, in
preislicher und erst drittens oder viertens in ökologischer Hinsicht.
4
Am wichtigsten ist, daß Produktinnovationen (vor allem auch Produktverbesserun-
gen und die dann auch unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte) in den Be-
trieben ein förderndes Klima, ausreichende Qualifikationen und eine geeignete
Organisationsform finden.
Da ist noch sehr viel zu tun. Und dabei will dieser Leitfaden mithelfen, der sich auf
die Ergebnisse der genannten Studie stützt.
Er wendet die Ergebnisse positiv in Handlungsempfehlungen. Er kann und darf
und sollte durchaus von Managern in vergleichbaren Betrieben genutzt werden.
Vornehmlich gedacht und geschrieben ist er für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
und ihre Vertreterinnen und Vertreter in den Betrieben, die sich einmischen sollen
in Innovationsprozesse in ihren Betrieben, sie anstoßen, ihnen eine Richtung ge-
ben und sie begleiten. Das nützt dem Betrieb und den Arbeitsplätzen und der
Umwelt. Das jedenfalls ist das Ziel.
Anleitung
Was mache ich hiermit?
Dieser Leitfaden sagt nicht, welche Produkte man machen muß, damit Arbeits-
plätze geschaffen werden oder erhalten bleiben. Überhaupt gibt er keine Patentre-
zepte. Er macht Vorschläge, was man tun kann und sollte. Er gibt Beispiele für
wichtige und sinnvolle Fragen und Vorgehensweisen. Mehr nicht.
Nach allem, was wir in unseren Betriebserkundungen gesehen haben, ist das eine
Menge. Und häufig dringend erforderlich.
Es gibt acht wichtige Themenfragen. Rechts steht, worum es geht, und warum das
wichtig ist. Links daneben sind Empfehlungen, was man wie tun kann und vielleicht
sollte. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können manche Dinge auch nur ihren Be-
triebsleitungen empfehlen. Ein Klima zu erreichen, in dem das problemlos möglich
ist, gehört sowieso zu den wichtigsten Dingen. ,,Geht nich", gilt also nicht.
Der Leitfaden ist so aufgebaut, daß man ihn sinnvollerweise von vorn nach hinten
durcharbeitet. Dabei muß man nicht alle ,,Pakete" gleich intensiv bearbeiten. Man
kann aber auch nur das eine oder andere herausgreifen. Jedes versteht sich auch
von selbst.
5
(1)
Woran merke ich, daß Produktinnovationen nötig sind?
Produktinnovationen - gemeint sind auch Verbesserungen - sind immer dann nötig,
wenn das ,,eigene" Produkt keinen hinreichenden Absatz mehr findet oder wenn abseh-
bar ist, daß dies über kurz oder lang so sein wird oder könnte. (Am klarsten sieht man
natürlich, wenn man bis zum Endprodukt schauen kann.)
Folgende ,,Indizien" sollten aufmerksam machen. Bitte kreuzen Sie an.
ja
?
nein
Ich weiß recht wenig über die Stärken oder Schwächen der eigenen
Produkte gegenüber denen von Wettbewerbern.
Die Aufwendungen (nicht nur finanziell) für Produktverbesserungen in
unserem Betrieb scheinen mir eher gering zu sein.
Ich habe den Eindruck, daß wenig für die Qualifikation der Mitarbeite-
rinnen oder Mitarbeiter getan wird.
Ich selbst finde die Produkte, die in unserem Betrieb hergestellt wer-
den, veraltet und nicht mehr zeitgemäß..
Die Kundenzufriedenheit nimmt ab, die Zahl der Reklamationen
nimmt zu.
Der Branche geht es ganz gut, aber der Umsatz des eigenen Be-
triebs geht zurück.
Es ist absehbar, daß neue Werkstoffe die Produkte unseres Betriebs
stark verändern könnten.
Es ist absehbar, daß neue Verfahren die Produkte unseres Betriebs
stark verändern könnten.
Es stehen neue Gesetze oder Verordnungen an, aufgrund derer sich
die Produkte werden verändern müssen. *)
Für den Zweck, den derzeit unser Produkt erfüllt, gibt es absehbar
eine völlig neue Lösung. [Traditionelle Fotographie - Digitalkameras]
Unsere Abnehmer ,,wandern aus". [Textil- und Bekleidungsindustrie -
Konsequenzen für die Maschinenhersteller]
Es ist erkennbar, daß Konsumgewohnheiten, die unser Produkt be-
treffen, sich grundlegend ändern. [Moden, Trends, Altersstruktur ...]
Es gibt sicherlich besondere Fälle, in denen das nichts zu bedeuten hat. Aber wenn Sie
öfter als dreimal ,,ja" angekreuzt haben, sollten Sie mit dem Betriebsrat bzw. dem Ma-
nagement über Produktinnovationen sprechen. - Wenn Sie mehr als dreimal ,,?" ange-
kreuzt haben, sollten Sie vielleicht über Mitarbeiterbeteiligung sprechen.
*) Beispiel: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens erkannten frühzeitig, daß durch das
Kreislaufwirtschaftsgesetz neue Aufgaben auf den Betrieb zukamen. Aus der folgenden Entwicklung eines neuen Produkts ist
aus dieser Erkenntnis inzwischen ein zweites starkes Standbein des Betriebes geworden. Die Zahl der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter konnte erhöht werden.
6
0 Kommentare