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1. Einleitung 1
2. Das Problem 'Minnetrank' - ein kurzer Überblick 2
3. Das Problem der psychologischen Deutung 3
3.1. Was ist psychologische Interpretation? 4
3.2. Psychologisierung als unzulässiges Verfahren 7
3.3. Psychologisierung als anwendbare Methode 11
4. Schluss 16
Bibliographie 17
1. Einleitung
„Mit dem Tristanroman schuf die mittelalterliche Dichtung einen prototypischen, in der Neuzeit wiederholt neubearbeiteten Erzählentwurf zum Thema der leidenschaftlichen, autonomen Liebe.“ 1 „[Dieser Roman] [erscheint] [...] ein für allemal als Prototyp für die großen Liebesnovellen und Liebesromane bis in die Neuzeit hinein.“ 2
„Unter den klassischen mittelhochdeutschen Dichtungen ist Gottfrieds Tristan die schwierigste und dunkelste. Im Verlauf der Handlung selbst bildet die Minnetrankszene [...] einen Brennpunkt.“ 3 In dieser Weise beschreiben Autoren die Besonderheit des Tristanromans von Gottfried von Straßburg. Unter anderem spielt das Konzept der Minne eine bedeutende Rolle. Die Liebe zwischen Tristan und Isolde gilt als vorbildlich und wurde in folgenden Jahrhunderten oftmals adaptiert und als Vorlage genutzt.
Ein Thema, welches seither für Diskussionen sorgt, ist die Entstehung der Liebe zwischen den beiden Protagonisten. Hier reichen die Meinungen weit auseinander und Forscher versuch(t)en mit unterschiedlichsten Ansätzen, die 'wahre' Bedeutung des Minnetranks bei Gottfried herauszufinden. Eine verwendete Möglichkeit ist dabei die psychologisierende Vorgehensweise. Per Definition versuchen Forscher, die diese Methode einsetzen, „das literarische Werk (oder einzelne Aspekte) aus dem besonderen psychischen Zustand zu erklären, in dem sich ein Autor beim Verfassen des Textes befand“ 4 . 5 Doch hier stellt sich die Frage: Ist es möglich, psychologisch an mittelalterliche Literatur heranzugehen? Kann man eine „neuzeitliche Psychologie“ 6 überhaupt auf das damalige Weltbild, welches sich in der Literatur widerspiegelt, projizieren? Diese Frage soll das zentrale Thema der folgenden Ausführungen werden. Zur Beantwortung wird zunächst ein Aufsatz von Rüdiger Schnell herangezogen, der zusammenfassend die vorhandenen Positionen zum Thema 'Minnetrank' darstellt. Dieser gilt als Ausgangspunkt für die Untersuchung, inwieweit sich eine psychologische Interpretation für mittelalterliche Texte realisieren lässt. Zunächst soll der Begriff 'psychologisches Interpretieren' geklärt werden. Die anschließende Gegenüberstellung von Forschungspositionen zu dem Thema verdeutlicht die Komplexität. Dabei wird immer wieder auf den Minnetrank im Tristan von Gottfried von Straßburg eingegangen, denn auch anhand dieser Textstelle wurden bereits psychologisierende Deutungen vorge-
1Huber, Christoph: Gottfried von Straßburg: Tristan. Berlin: Erich Schmidt 2001 (= Klassiker Lektüren Bd.3). 2 Wehrli, Max - Klappentext: Gottfried von Straßburg: Tristan. Mittelhochdeutsch - Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Friedrich Ranke. Neu herausgegeben, ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Rüdiger Krohn. 6. durchgesehene Auflage. Stuttgart: Reclam 1993.
3 Ganz, Peter F.: Minnetrank und Minne. In: Formen Mittelalterlicher Literatur. Siegfried Beyschlag zu seinem 65. Geburtstag von Kollegen, Freunden und Schülern. Hrsg. Von Otmar Werner und Bernd Naumann. Göppingen: Verlag Alfred Kümmerle 1970 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 25); S. 63
4 Klausnitzer, Ralf: Literaturwissenschaft. Begriffe-Verfahren-Arbeitstechniken. Berlin: de Gruyter 2004; S. 51
5 Dass diese Definition jedoch nur als Einstieg dienen kann und keineswegs die Dimensionen des Begriffes 'psychologische Interpretation' abdeckt, zeigt Kapitel 3.1. Zu den Anwendungsbereichen auf mittelalterliche Literatur siehe u.a. Kapitel 3.2.
6 Herzmann, Herbert: Nochmals zum Minnetrank in Gottfrieds Tristan. Anmerkungen zum Problem der psychologischen Entwicklung in der mittelalterlichen Epik. In: Euphorion 70 (1976), S. 73-94; S. 73
nommen. Der abschließende Ausblick stellt einen Kompromissvorschlag dar, inwieweit das psychologisierende Verfahren mittelalterliche Interpretationen bereichern kann.
2. Das Problem 'Minnetrank' - ein kurzer Überblick 7
Wie bereits angedeutet, stellt der Minnetrank seit jeher ein zentrales Thema in der Tristanforschung dar: als „das bedeutungsvolle Kernmotiv des ganzen Romans eröffnet er [...] die Entstehung, das Wesen und die Wirkung der Minne“ 8 .
So prägend diese Szene auch ist, es herrscht nach wie vor keine Einigkeit darüber, wie der Minnetrank zu deuten ist. Denn - beabsichtigt oder nicht - gerade „an dieser so wichtigen Stelle kommentiert der Erzähler die Handlung nicht selbst, so daß wir in der Interpretation die Art und Technik seiner Schilderung befragen müssen, um rehte lesen zu können“ 9 .
Rüdiger Schnell fasst in seinem Aufsatz die verschiedenen Positionen zum Thema Minnetrank zusammen. Danach lassen sich die Ansätze in zwei größere Gruppen einteilen: die erste Gruppe von Forschern ist der Meinung, dass die Liebe bereits vor dem Trank existierte. Durch das Trinken wurde diese ins Bewusstsein gerufen. Der Trank steht hier für die ideale Liebe - Tristan und Isolde werden eins. Die zweite Gruppe von Forschungsmeinungen, die Schnell herausstellt, positioniert sich gegen ein Vorhandensein der Liebe vor dem Trank. Hier gibt es jedoch unterschiedliche Ansätze, wie der Trank tatsächlich zu werten ist: Während Forscher wie de Boor oder Hatto die Substanz des Trankes als Grund für die Liebe sehen, setzen zum Beispiel Schröder oder Jackson auf die Trankszene selbst, die letztlich zum Ausbruch der Liebe führt. Auch die Symbolfunktion des Trankes wird von Forschern anerkannt. Demnach ist dieser ein Inbegriff der Übermacht der Minne, der sich Tristan und Isolde nicht entziehen können. Eng verbunden mit diesem Motiv ist die Legitimation der Minne. Denn sollten beide durch den Trank die Liebe erfahren, dann stellt das eine Rechtfertigung dieser ehebrecherischen Beziehung dar und die Schuldfrage müsste aus einer anderen Sichtweise betrachtet werden.
Durch diese unterschiedlichen Ansätze wird deutlich, dass viel Potenzial in Gottfrieds Text steckt, ihn auf mehrere Weisen zu deuten. Doch die Arbeit der Forscher geht meist über den Text hinaus. Oftmals wird auf das Innenleben der Figuren angespielt und daraus Schlüsse gezogen. Der Forschungsansatz mit der Sichtweise, dass die Minne bereits vor dem Trank vorhanden war, wird von den meisten Vertretern so begründet, dass der Trank „eine schon latent, im Unterbewußtsein vorhandene Zuneigung zum Bewußtsein bringe und nur die volle Liebesbereitschaft auslöse“ 10 .
7 Die folgenden Einteilungen sind vollständig aus Schnells Aufsatz entnommen: Vgl. Schnell, Rüdiger: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern/München: Francke 1985 ( = Bibliotheca Germanica 27); S. 325ff
8 Nickel, Emil: Studien zum Liebesproblem bei Gottfried von Straßburg. Königsberg: Gräfe und Unzer Verlag 1927 (=Königsberger Deutsche Forschungen 1); S. 3
9 Ganz 1970: 63
10 Schnell 1985: 329
Doch genau hier sehen viele Forscher das Problem: inwieweit kann man den Text aus heutiger Sicht mit psychologischen Argumenten bearbeiten?
3. Das Problem der psychologischen Deutung
Ähnlich wie das Minnetrankproblem, scheidet auch der psychologische Ansatz die Geister beziehungsweise Forscher. Während es überzeugende Arbeiten gibt, die mittelalterliche Werke mit Hilfe von Psychologisierung deuten (hier sind zum Beispiel Emil Nickel oder Herbert Herzmann zu nennen), argumentieren Forscher wie Hans Furstner oder Ulrich Müller dagegen. Sie sehen zu große Unterschiede zwischen der Methode und der Welt, die in älteren deutschen Texten dargestellt wird. Die Forscher, die sich in diese Argumentation einreihen, stellen die These auf, dass man aus heutiger, „moderner“ Perspektive keine ausreichenden Erkenntnisse mehr über das Innenleben oder die Motivation der handelnden Figuren in mittelalterlichen Werken gewinnen kann. Besonders schwierig ist die Methode bei der Anwendung auf den Tristanroman deshalb, da sich, laut Hans Fromm, „auf den verschiedenen Stufen der Sage eine Kunstgestalt herausgebildet [hat], die aller Psychologie zuwiderlief“ 11 .
Zunächst soll es jedoch darum gehen, den Begriff der 'psychologischen Interpretation' genauer zu definieren.
3.1. Was ist psychologische Interpretation?
Um diese Methode der Textdeutung auch nur annähernd zu untersuchen und bewerten, muss als erstes das breite Spektrum dieses Begriffes eingegrenzt werden. Ein erstes Problem, welches auch von Jochen Fahrenberg erkannt wurde, liegt bereits in der Suche nach geeigneter Einführungsliteratur zu dem Thema. Zwar gibt es Texte, die mit dieser Methode untersucht wurden, jedoch keine, die in die Arbeitstechniken des Ansatzes genauer einführen. Fahrenberg sieht darin „[einen] typisch[en] Sachverhalt für diese Methodik, welche sich Konventionen und Standardisierungen zu entziehen scheint“ 12 . Es lässt sich also fragen, ob diese Methode zufriedenstellend angewendet werden kann, wenn es keine bzw. kaum Prinzipien für ihre Umsetzung gibt?
Grundsätzlich geht die psychologisierende Analyse eines Textes davon aus, dass dieser in nicht nur einem, sondern mehreren Kontexten steht, also mit dem Wissen und zeitgenössischem Weltbild seines Autors eng verbunden ist. 13 Ein wichtiger Begriff ist in diesem Zusammenhang das 'Evidenzge-
11Fromm, Hans: Zum gegenwärtigen Stand der Gottfried-Forschung. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 28 (1954), S. 115-138; S. 119
12 Fahrenberg, Jochen. Psychologische Interpretation. Biographien-Texte-Tests. Bern: Hans Huber 2002. Online im Internet: http://www.jochen-fahrenberg.de [PDF-Datei, 449 Seiten, 5 MB, Datum des Downloads: 10.06.2011, 10:30 Uhr]; S. 9
13 Vgl. Ebd.: 4
Arbeit zitieren:
Kristina Eichhorst, 2011, Psychologisierende Deutung mittelalterlicher Literatur - Überlegungen zu Gottfrieds 'Tristan', München, GRIN Verlag GmbH
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