Johannes Gutenberg Universität Mainz
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Gertrude Steins Einfluß auf andere amerikanische Schriftsteller
Proseminar: "Modernismus aus zwei Perspektiven: Der Pariser literarische Kreis und
'Gender' im Modernismus"
Katharina Schnell
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2.Gertrude Steins Einfluß auf Sherwood Anderson 3
2.1. Die Beziehung zwischen Gertrude Stein und Sherwood Anderson. 3
2.2. Die Gemeinsamkeiten des Stils und der Intention. 5
3. Gertrude Steins Einfluß auf Ernest Hemingway 7
3.1. Die Beziehung zwischen Gertrude Stein und Ernest Hemingway. 7
3.2. Stilistische Analyse einer Auswahl an Werken 11
4. Gertrude Steins Einfluß auf Francis Scott Fitzgerald. 14
5.Gertrude Steins Einfluß auf Richard Wright. 16
6. Schlußbemerkung. 17
Literaturliste 19
Prim ärliteratur: 19
Sekund ärliteratur: 19
1
1. Einleitung
Forscht man nach amerikanischen Schriftstellern, die unter Gertrude Steins Einfluß gestanden haben könnten, bemerkt man, daß viele Schriftsteller-bekannte und weniger bekannte- in die Rue de Fleurus zu Gertrude Stein und Alice B.Toklas 1 kommen, sobald sie in Paris angekommen sind. Viele von ihnen kennen ihre Werke schon vorher und stehen in sofern vom schrifstellerischen Standpunkt aus gesehen bereits vor einem ersten Treffen unter einem gewissen Einfluß. Ihre schriftstellerische Besonderheit liegt ohne Zweifel in ihrem Umgang mit Wörtern. Edith Sitwell 2 sagt darüber:
Sie warf ein Wort in die Luft, und wenn es wieder zum Boden zurückkehrte, trug es seine ursprüngliche
Bedeutung in sich, die es besessen hatte, bevor Überlieferung und falsche Anwendung sie verdunkelt
hatten. 3
Edith Sitwell gehört zu den Schriftstellerinnen, auf die Gertrude Stein Wirkung hat. Vorwiegend jedoch besteht die Gruppe von Schriftstellern, die sich bei ihr Rat holen, aus Männern. Es drängt sich die Frage auf, warum eine Frau und Schriftstellerin wie Gertrude Stein solch einen Einfluß auf männliche Schriftsteller hat. Ihr Lebensstil ist weitgehendst ungewöhnlich und ihr schriftstellerisches Arbeiten von wenig Erfolg seitens der Öffentlichkeit gekrönt: sie lebt in einer lesbischen Lebensgemeinschaft und ihre Werke werden lange Zeit kaum gelesen, so daß sie nur schwer von ihrem Schreiben leben kann. Um der Frage nach dem Grund für ihren Einfluß nachzugehen, werde ich in der folgenden Arbeit ihre Beziehung zu vier amerikanischen Schriftstellern -Sherwood Anderson, Ernest Hemingway, Francis Scott Fitzgerald und Richard Wright-darstellen.
1 Alice Babette Toklas (30.4.1877-7.3.1967), Lebensgefährtin von Gertrude Stein 2 Edith Sitwell (7.9.1887-11.12.1964)
3 Edith Sitwell: Mein exzentrisches Leben, übers. von Karl A. Klewer, Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main, 1989, S.212
2
2.Gertrude Steins Einfluß auf Sherwood Anderson
2.1. Die Beziehung zwischen Gertrude Stein und Sherwood
Anderson
Das erste Treffen zwischen Gertrude Stein und Sherwood Anderson findet am 13.Juni 1921 statt. Anderson lernt Sylvia Beach 4 kennen, nachdem er sein Werk Winesburg, Ohio 5 in ihrem Laden sieht. Sylvia Beach gibt ihm eine Empfehlung für Gertrude Stein, so daß er die Möglichkeit hat sie kennenzulernen. 6 Bereits bei ihrem ersten Treffen erklärt er ihr, wieviel ihm ihr Werk bedeutet. Als er nach Amerika zurückkehrt, veröffentlicht er am 11.10.1922 in The New Republic einen kurzen Artikel über seinen Besuch bei ihr. In diesem Artikel mit dem Titel Four American Impressions vergleicht er Gertrudes Fähigkeit, mit Wörtern umzugehen, mit der Fähigkeit der Frauen seiner Heimat, in der Küche zu arbeiten, was als großes Kompliment zu verstehen ist. 7 Schon vor seinem Besuch in Paris bei Gertrude Stein ist er auf ihr Werk gestoßen. 1914 bringt sein Bruder ihm zufällig Steins Tender Buttons 8 mit; obwohl dieses Werk verspottende Kritiken bekommt, gefällt es Anderson. Er erzählt, daß er von ihrem Werk inspiriert ist und mehrere Tage ein Notizbuch mit sich herumträgt, um Wortspiele zu machen und das, obgleich er zu diesem Zeitpunkt noch kein Schriftsteller war. 9 Als er jedoch 1922 in Amerika schon zu etwas Berühmtheit gelangt ist, bittet ihn Gertrude Stein, das Vorwort zu ihrer Zusammenstellung von Prosa, Porträts und Stücken -Geography and Plays- zu verfassen. Mit Begeisterung nimmt er diese Aufforderung an. 10 In diesem Vorwort berichtet er, wie sein Bruder ihn auf Tender Buttons aufmerksam gemacht hat. Außerdem erklärt er, daß der entscheidende Unterschied zwischen Gertrude Stein und anderen Schriftstellern darin liegt, daß sie sich
4 Sylvia Beach, Besitzerin des Buchladens Shakespeare and Company in Paris und erste verlegerin von James Joyce' Ulysses
5 Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio, B.W.Huebsch, New York 1919
6 vgl. Gertrude Stein: Autobiographie von Alice B.Toklas, übers. von Elisabeth Schnack, Sammlung Luchterhand, April 1993, S.231
7 vgl.Sherwood Anderson: Four American Impressions: Gertrude Stein, Paul Rosenfeld, Ring Lardner, Sinclair Lewis, in: Sherwood Anderson-Gertrude Stein: Correspondence and Personal Essays, hrsg. von Ray Lewis White, University of North Carolina Press, Chapel Hill 1973, S.24 8 Gertrude Stein: Tender Buttons, Claire Marie, New York 1914
9 vgl. Sherwood Anderson: from A Story Teller´s Story, in: Anderson-Stein: Correspondence, S.40/1 10 vgl. John Malcolm Brinnin: Die dritte Rose-Gertrude Stein und ihre Welt, suhrkamp taschenbuch, Frankfurt am Main 1991 S.255
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die Zeit nimmt und das Bewußtsein hat, um den Wörtern gebührende Beachtung zu schenken. 11
Daß er nicht nur aus ihren Werken lernte, sondern auch um ihren Rat bezüglich seiner Werke bittet, geht aus einem Brief hervor, den Stein im April 1923 an ihn schreibt. 12 Sie erklärt ihm darin sehr genau, was er ihrer Ansicht nach in seinem gerade herausgekommenem Roman Many Marriages 13 gut oder schlecht ausgearbeitet hat. Dabei geht sie sowohl auf Charakterisierungen der Personen als auch auf den Aufbau und die Struktur in sehr detaillierter Weise ein. Dadurch ist es für ihn möglich, an den entsprechenden Stellen zu arbeiten und so seinen Stil zu verbessern. Außerdem beschreibt sie ihm auch ihre persönliche Leseerfahrung in bezug auf sein Werk, so daß er einen Eindruck der Rezipientenmeinung erlangen kann. Immer wieder hebt Anderson hervor, wie sehr Gertrude Stein ihm geholfen hat und immer noch hilft. So schreibt er in seiner 1924 veröffentlichten Autobiographie A Story Teller´s Story 14 , daß Gertrude ihm einen Sinn für Wörter und deren Lebendigkeit gegeben hat und ihm so geholfen hat, besser zu schreiben. Als ein amerikanischer Professor einen Artikel in Atlantic Monthly veröffentlicht, in welchem er Gertrude Steins Schreiben als ein zufälliges Produkt, das bei ihrer Praktizierung der 'écriture automatique' entstand, bezeichnet, 15 schreibt Anderson sofort einen Gegenartikel für The American Spectator 16 . In diesem Artikel erklärt Anderson die 'écriture automatique' zunächst als "ästhetische Unmöglichkeit" und preist dann Gertrude als "Pfadfinderin", die es "gewagt hatte, auf die Gefahr hin, sich lächerlich zu machen und mißverstanden zu werden, in uns allen, die wir schreiben, ein neues Wortgefühl zu erwecken." 17 Desweiteren unterstreicht er das Ausmaß, zu welchem Gertrude Stein allen Schreibenden geholfen hat, allein dadurch daß sie das Bewußtsein für Wörter geändert hat. Er schließt seinen Artikel damit, sie als eine Revolutionärin zu bezeichnen, die immer genannt sein wird, wenn es um "pures Schreiben" geht. Neben Veröffentlichungen, in denen er von Gertrude Stein schreibt, berichtet er auch privat von ihr und ihren Hilfestellungen. In einem Brief an seine Schwiegertochter legt
11 Gertrude Stein: Geography and Plays, Four Seas, Boston 1922
12 vgl. Anderson-Stein: Correspondence, S.26 13 Sherwood Anderson: Many Marriages, B.W.Huebsch, New York 1923 14 Sherwood Anderson: A Story Teller´s Story, B.W.Huebsch, New York 1924 15 B.F.Skinner: Has Gertrude Stein A Secret?, in: Atlantic Monthly Januar 1934, S.50-57 16 Sherwood Anderson: Gertrude Stein, in: American Spectator 2, April 1934 17 Brinnin, Die dritte Rose, S.247/8
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Arbeit zitieren:
Katharina Schnell, 1998, Gertrude Steins Einfluß auf andere amerikanische Schriftsteller, München, GRIN Verlag GmbH
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