Inhaltsverzeichnis
Seite
Das Gleichnis im Wortlaut der Einheitsübersetzung
nach Johannes 7, 53 - 8, 11 3
Hinf ührung zur Thematik und metaphysische Vorüberlegungen 4-5
Der Ort der Vorbereitung - Der Ölberg 6-7
Die Gelassenheit Jesu. Jenseits von Rechtspositivismus und
Rechtsnaturalismus 8-9
Die sich entfernenden Ältesten - Ein Wunder „sui generis“ 10-14
Das Gewissen als Ort des Angerufenseins von Seiten
Gottes 15-16
Literaturverzeichnis 17
2
Karlsruhe im Februar 2012
Das Gleichnis im Wortlaut der Einheitsübersetzung
nach Johannes 7, 53 - 8, 11
53 Da gingen alle nach Hause. 1 Jesus aber ging zum Ölberg. 2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr! 1
1 Die Bibel, Einheitsübersetzung, Herder Verlag, 1980.
3
Hinführung zur Thematik und metaphysische Vorüberlegungen
Es gibt keine Stelle im Neuen Testament, welche ein eindrücklicheres, tiefgründigeres und nachhaltigeres Bild von Jesus liefert als jenes, welches uns im Gleichnis von der Ehebrecherin begegnet.
Was ist es, was uns an diesem Gleichnis so berührt? Ist es lediglich die Vergebung, welche in diesem Gleichnis zum Ausdruck kommt? Ist es die Güte Jesu, die in diesen Augenblicken jeden Menschen, welcher sich seinen eigenen Verfehlungen bewusst wird, wie ein wärmendes Pflaster auf der manchmal ach so kalten Seele vorkommt? Oder ist es lediglich die subtile, ja fast schon logische zweite Chance im Leben eines Menschen, welche jedem Individuum, alleine schon aufgrund seines persönlichen Vorrechtes auf die Möglichkeit seiner Selbstentfaltung zukommen sollte?
Im Folgenden sollen Überlegungen angestellt werden, was dieses Gleichnis 2 im Kontext der Jesuanischen Verkündigung so besonders erscheinen lässt. Ich möchte nicht danach fragen, weshalb der Evangelist Johannes - das Gleichnis suchen wir vergebens bei den Synoptikern, sich dieses Gleichnisses bediente, um seinen Lesern die Botschaft vom Reich Gottes und der Liebe eines Vater-Gottes näher zu bringen.
Im Folgenden soll gezeigt werden, dass es im Gleichnis nicht um weit Zurückliegendes geht. Es geht nicht um eine Geschichte, welche sich im vorderen Orient zu Beginn unserer Zeitrechnung abspielte, und in unseren heutigen Augen nur sehr schwer nachzuvollziehen ist. Ohnehin ist Ehebruch in unserer heutigen Zeit gesellschaftsfähig geworden. Mit Steinigung verbinden die meisten Menschen heute Länder, welche in ihrer Rechtsprechung im Mittelalter stecken geblieben zu sein scheinen.
Unsere Fragestellung soll sich auf das Gewicht des Inhalts beziehen. Wir wollen nach dem Sitz im Leben fragen. Wir wollen versuchen jene Frage zu beantworten, mit welcher Theologen auch im heutigen Alltag häufig beschäftigt sind: „Was will und Johannes damit sagen?“
Doch schauen wir einmal weg von der Ehebrecherin. Zweifelsohne hat es diese Geschichte zu Weltruhm gebracht. Unzählige Künstler und Filmemacher hat
2 Betrachten wir das Johannesevangelium im Vergleich zu den Synoptikern, so
stellen wir fest, dass es im vierten Evangelium keine Gleichnisse im engeren
Sinne gibt. An die Stelle der synoptischen Geleichniserzählungen tritt bei
Johannes eine Art „Bildrede“. Eigentliche Gleichnisse fehlen jedoch
auffäligerweise. (Vgl.: Roloff, Jürgen; Einführung in das Neue Testament,
Reclam Verlag, 1995, Seite 236.)
4
diese Szene inspiriert. 3 Wir müssen lernen unser Augenmerk nicht nur auf das Offensichtliche zu richten. Diese Geschichte hat weit mehr zu bieten als bloße Vergebung. Es ist eine Geschichte, die viel tiefer reicht, als dies der erste Blick vermuten lässt.
Ich möchte meine Überlegungen mit einem Zitat aus einer Predigt beginnen: „Die Geschichte ist spannend und zieht uns in Bann. Und sie ist überraschend. Die unglaubliche Gelassenheit Jesu, mit der er hier vorgeht. Die geniale einfache Lösung des Problems. Immer wieder suchten ihn seine Gegner in die Falle zu locken. Auch hier. Sagt er: steinigt sie, es ist recht - wie will er dann weiter von der unglaublichen Liebe Gottes sprechen? Sagt er: lasst sie frei - ruft er zum Gesetzesbruch auf, Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Aber nein, wieder einmal gelingt es Jesus, nicht nur den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sondern er konfrontiert zugleich alle, die um ihn herumstehen, mit einem einzigen Satz[…]“ 4
Er konfrontiert sie nicht nur mit einem einzigen Satz. Er konfrontiert sie mit etwas, mit dem nur die wenigsten von uns gerne konfrontiert werden - mit sich selbst.
3 Guercino, Lukas Cranach der Ältere, Pieter Brueghel der Jüngere, Antoine
Caron, Mel Gibson in seinem Film „The Passion Of The Christ“ aus dem Jahre
2004, und viele mehr.
4 Jung, Matthias; Jesus und die Ehebrecherin; Predigt vom 8. Juli 2001 in
Hindelang (http://www.matthias-jung.de/Ehebrecherin.html) (14.01.2001)
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Arbeit zitieren:
Dipl. Theol. Marius Schwarz, 2012, Jesus und die Ehebrecherin, München, GRIN Verlag GmbH
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