Bevölkerung eines Landes, die grundlegender Natur sind, d.h. über einen längeren Zeitraum hinweg ihre Zusammensetzung nachhaltig und nicht nur vorübergehend ändern. Dazu zählen beispielsweise sinkende Geburtenraten oder aber auch die Steigerung der Lebensdauer in den meisten Industrieländern.“ 3 Besonders wichtig ist bei dieser Begriffsdefinition das Wort nachhaltig. Der demographische Wandel ist ein Prozess der sich durch verändernde wirtschaftliche und soziale Bedingungen, über einen langen Zeitraum entwickelt. Ebenso nachhaltig sind die Auswirkungen des demographischen Wandels, die nicht ohne weiteres wieder umgekehrt werden können.
3 Zur politischen Beschlusslage
Langfristig wird nicht nur die Bevölkerungszahl sinken, sondern auch die Zahl der Personen im Erwerbsalter von 20 bis 65 Jahren. Auf mittlere Frist wird die Zahl der Personen im Erwerbsalter aber noch nicht sinken, sondern nur der Anteil der Jüngeren wird ab- und der der Älteren massiv zunehmen. Im Jahr 2020 wird der besonders stark besetzte Jahrgang der 1964 Geborenen 56 Jahre alt sein und damit der Gruppe der älteren Arbeitnehmer auf jeden Fall angehören. Diese älteren Arbeitnehmer stehen im Mittelpunkt der politischen Diskussion und Beschlusslage. Sie sind auch unzweifelhaft eine der Hauptproblemgruppen am Arbeitsmarkt. Sie werden am ehesten bei betrieblichen Restrukturierungen verdrängt - obwohl Kündigungsschutzvorschriften vorhanden sind. Sind sie einmal arbeitslos geworden, finden sie kaum noch Arbeit. Vor allem aus diesem Grund ist die Beschäftigungsquote unter den Älteren relativ gering. Sie ist aber in Deutschland im internationalen Vergleich nicht außerordentlich niedrig, wie in der öffentlichen Debatte oft behauptet wird. Die Beschäftigung Älterer liegt hinsichtlich zweier Indikatoren ziemlich genau beim Durchschnitt sowohl der alten EU-Länder, als auch beim EU-Durchschnitt unter Berücksichtigung der EU-Erweiterung. Die beiden Indikatoren sind die Beschäftigungsquote der 55- bis 64Jährigen sowie das durchschnittliche Erwerbsaustrittsalter. In ihren Ratsbeschlüssen von Stockholm und Barcelona hat die EU Zielvorgaben für den sogenannten „Lissabon-Prozess“ getroffen. Diese sind in ähnlicher Form auch handlungsleitend in die deutsche Politik eingegangen. Danach sollte im EU-Durchschnitt bis 2010 die Beschäftigungsquote auf 50 Prozent steigen, was allerdings trotz Fortschritten nicht erreicht wurde. Eine Erhöhung der Beschäftigungsquote Älterer ist in der Bundesrepublik Deutschland auch als Ziel auf breiter Front akzeptiert. Das frühere „Bündnis für Arbeit und Beschäftigung“ beispielsweise hat im Jahr 2001 unter Beteiligung aller wichtigen gesellschaftlichen und politischen Gruppen einen „Paradigmenwechsel“ im Umgang mit
3Zit. Molketin, Stefan: „Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Unternehmensführung“, GRIN Verlag,
2009, S. 4.
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der Beschäftigung Älterer vereinbart.
Eine Frühverrentung oder eine hohe Arbeitslosigkeit (nicht nur) Älterer stellt eine gigantische volkswirtschaftliche Verschwendung und einen wichtigen Kostenfaktor dar. Einigen Ländern gelingt es besser, eine höhere Beschäftigung Älterer zu erreichen. Dabei ist allerdings zu beachten, unter welchen Konditionen dies geschieht. So erreicht das Vereinigte Königreich dies nur über einen extrem hohen Anteil von Beschäftigung Älterer in Jobs mit geringen Stundenumfängen und sie nehmen zudem eine hohe Armut bei Älteren in Kauf. Schweden dagegen erreicht mit einer aktiven Beschäftigungspolitik dies unter wesentlich sozialeren Bedingungen und dazu noch besser und nachhaltiger.
Zu bedenken ist in diesem Kontext ja auch, dass die EU-Kommission selbst angesichts ihrer Beschlusslage von einer doppelten Herausforderung spricht: Es gehe erstens darum, die Beschäftigungsquote Älterer zu erhöhen und zweitens dies angesichts einer in Europa insgesamt deutlich steigenden Zahl von Älteren zu tun. 4
4 Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt
Die Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland altert. Wäre in der Vergangenheit keine Nettozuwanderung erfolgt, so würde sie bereits seit einigen Jahren schrumpfen. Unter der Annahme, dass Deutschland auch weiterhin ein Land mit einer Nettozuwanderung bleiben wird, wird eine Schrumpfung der Bevölkerung und des Erwerbspersonenpotenzials erst in ca. zehn Jahren und zunächst langsam, eintreten. Durch diese Veränderungen befürchtet man, dass eine alternde und kleiner werdende Erwerbsbevölkerung das Wachstums- und Innovationspotenzial unserer Wirtschaft gefährdet. Insbesondere von Seiten der Arbeitgeberverbände wird befürchtet, die bestehende Massenarbeitslosigkeit könnte demographisch bedingt in das Gegenteil umschlagen. Der Wirtschaft würden dann Arbeitskräfte fehlen und das könnte die Verteilungsrelationen wieder in Richtung des Faktors Arbeit verschieben. Allerdings ergeben genauere empirische Überprüfungen, dass nicht nur der Fachkräftemangel als übertriebenes Phänomen, sondern auch die Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Arbeitsmarkt sich anders darstellen, als behauptet wird. Das ist vor allem angesichts der Forderungen zu bedenken, die daraus abgeleitet und zum Teil auch schon erreicht wurden: eine Erhöhung des Regeleintrittsalters in die Rente auf 67 oder mehr Jahre,
4 Vgl. Buck, Hartmut; Kistler, Ernst; Mendius, Hans Gerhard: „Demographischer Wandel in der Arbeitswelt -
Chancen für eine innovative Arbeitsgestaltung“, Broschürenreihe: „Demographie und Erwerbsarbeit,
Bundesministerium für Bildung und Forschung“, Stuttgart 2008; S. 34.
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eine Verschärfung des Arbeitsangebotszwangs für Ältere oder eine Verschlechterung in deren Arbeitsbedingungen und Bezahlung.
Dabei spielt die sehr unregelmäßige Alterspyramide eine besondere Rolle, die zu einer nichtlinearen Entwicklung der Stärke der einzelnen Altersgruppen in der Zukunft führt. Bevölkerungsprognosen gelten als relativ zuverlässig. Dennoch wird meist mit Extremszenarien unter alternativen Annahmen gearbeitet. Dies erschwert die Darstellung für die Öffentlichkeit und fördert das Aufzeigen extremer Ergebnisse durch interessierte Kreise. Im Folgenden wird daher aus Vereinfachungsgründen nur mit der mittleren Variante der 9. koordinierten
Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes argumentiert. Deren Annahmen sind nicht nur recht plausibel, sie decken sich im Ergebnis auch weitgehend mit anderen Prognosen und haben die höchste Eintretenswahrscheinlichkeit. 5 Rechnet man diese Prognose bis zu den Jahren 2020 und 2050 durch, so wird klar, dass im Jahr 2050 deutlich weniger Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren zur Verfügung stehen werden. Klar wird aber auch, dass im Jahr 2020 der Berg der „Babyboomer“ noch zum größten Teil unter 65 Jahre alt sein wird, also im Prinzip noch im erwerbsfähigen Alter ist.
Auch ist zu beachten, dass wir vor einem Mangel an Arbeitskräften auf breiter Front noch ein erhebliches Maß an registrierter und verdeckter Arbeitslosigkeit abzubauen haben. In der öffentlichen Diskussion um die zukünftige Entwickelung der Arbeitsmarktbilanz bleibt diese Tatsache merkwürdigerweise unberücksichtigt wie zudem auch Rationalisierungsfortschritte und der schon in den letzten Jahrzehnten beobachtbare Trend eines langfristig, trotz steigender Erwerbstätigenzahl, sinkenden Arbeitsvolumens, d.h. der geleisteten Zahl bezahlter Arbeitsstunden. Demnach gehen alle vorliegenden Prognosen der Arbeitsmarktbilanz davon aus, dass auch langfristig eine erhebliche Arbeitslosigkeit bestehen bleiben wird (bis 2030 zwischen ca. fünf Prozent im Fall einer günstigen Wirtschaftsentwicklung und über zehn Prozent im ungünstigsten Fall).
Was uns also als Problem weiterhin belasten wird, ist nicht ein Mangel an Arbeitskräften, sondern im Gegenteil anhaltende Massenarbeitslosigkeit. Sehr wohl werden aber andere Entwicklungen Arbeitswelt und Arbeitsmarkt massiv beeinflussen. Als erstes ist dabei die Alterung der Erwerbsbevölkerung zu nennen. In Verbindung damit - und auch in Folge der Sparpolitik im 5Vgl. Fuchs, Johann: „Prognosen und Szenarien der Arbeitsmarktentwicklung im Zeichen des demographischen
Wandels“, in: Kistler, Ernst; Mendius, Hans G.(Hrsg.): „Demographischer Strukturbruch und
Arbeitsmarktentwicklung“, SAMF-Jahrestagung 2001, Stuttgart 2002, S. 126.
4
Bildungswesen in den letzten zwei Jahrzehnten - ist zweitens die Gefahr einer zu geringen Humankapitalbildung beachtenswert. Ich beschränke mich in dieser Arbeit auf den ersten Aspekt, der zumindest die Menge der Auswirkungen des demographischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt bestimmt.
Die Alterung Bevölkerung insgesamt wirkt sich vor allem auch auf die Altersstruktur der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter aus - dies allerdings nur zum Teil, da der höhere Anteil Älterer sich kaum auf das Erwerbspersonenpotenzial auswirkt. Nach Berechnungen wird das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung bis 2020 um gut zwei Jahre ansteigen. Demgegenüber steigt das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung bis 2020 um vier Jahre, bis 2040 um fast sieben Jahre. Diese Alterung des Erwerbspersonenpotenzials stellt gegenüber der Vergangenheit eine Verdreifachung im gleichen Zeitraum dar: Der unaufhaltsame Alterungsprozess beschleunigt sich. Damit korrespondiert eine Zunahme des Anteils der 55- bis 64-Jährigen am Erwerbspersonenpotenzial von 19 auf 23 Prozent zwischen 2000 und 2020 (45- bis 54-Jährige: von 18 auf 23 Prozent).
In den Betrieben war und ist es oft üblich, sich der alternden Belegschaften durch verschiedene Maßnahmen zu entledigen: Direkte Entlassungen in die Arbeitslosigkeit und verschiedene Formen der Frühverrentung, die Präferierung Jüngerer bei Einstellungen. All diese Maßnahmen haben zu den niedrigen Beschäftigungsquoten geführt. Das setzt aber auch nicht zuletzt eine positivere Einstellung der Betriebe gegenüber älteren Erwerbstätigen und einen anderen Umgang mit Humankapital voraus. 6
5 Tendenzen der Arbeitsnachfrage und Perspektiven der Arbeitsmarktbilanz
Die Veränderungen der Nachfrage nach Arbeitskräften aufgrund der demographischen Entwicklung müssen auf langfristige Zeit betrachtet werden. Unter Experten besteht zur Zeit diesbezüglich ein relativ großer Konsens dahingehend, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften in einer alternden Gesellschaft langfristig eher nicht das entscheidende Problem darstellt. In einer langfristig schrumpfenden Gesellschaft wird die Arbeitsnachfrage nicht so deutlich zurückgehen wie die Bevölkerungszahl. Zwar fragen weniger Menschen weniger Güter und Dienstleistungen nach. Dennoch wird es Tendenzen geben, die diesem Rückgang der Arbeitsnachfrage ein Stück weit
6 Vgl. Buck, Hartmut; Kistler, Ernst; Mendius, Hans: „Demographischer Wandel in der Arbeitswelt. Chancen für eine
innovative Arbeitsgestaltung“, Stuttgart 2002; S. 67.
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Arbeit zitieren:
Caterina Girardi, 2009, Demographischer Wandel - ein Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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