Inhaltsverzeichnis
Einf ührung Seite 1
Hauptteil : George Bryan Brummel:
Der Urdandy und seine gesellschaftlichen Einflüsse Seite 4
Schluss Seite 11
- 2 -
1. Einführung
„Die Anmut seiner Haltung war so staunenerrregend; seine Verbeugungen waren so exquisit. Alle anderen sahen neben ihm entweder protzig oder schlecht angezogen aus - einige geradezu schmutzig. Seine Kleider schienen mit der Vollkommenheit ihres Schnitts und der ruhigen Harmonie ihrer Farben ineinander zu verschmelzen. Ohne einen einzelnen Zug von Nachdrücklichkeit war alles vornehmvon seiner Verbeugung bis zu der Art, wie er seine Schnupftabakdose öffnete, ausnahmslos mit der linken Hand. Er war die personifizierte Frische und Reinlichkeit und Ordnung. Es ließ sich wohl vorstellen, daß er seine Sänfte in sein Ankleidezimmer bringen ließ und bei Almack’s abgesetzt wurde, ohne daß ein Windstoß seine Locken gestört oder ein wenig Schmutz seine Schuhe befleckt hätte. […] »Jene gewisse vortreffliche Schicklichkeit«, die Lord Byron an seiner Kleidung wahrnahm, prägte sein ganzes Wesen und ließ ihn kühl, kultiviert und charmant erscheinen […].“ 1 (Virginia Woolf über Beau Brummel)
Solche und ähnliche Einschätzungen lassen George Bryan Brummel (*1778 in London; † 1840 in Caen, Frankreich) in erster Linie als jemanden erscheinen, der als Dandy vor allem durch seine makellose Kleidung und durch seine Vornehmheit Wirkung erzielte. Gab es darüber hinaus weitere Gründe, die jenseits dieser äußerlichen und vor allem sichtbaren Eigenschaften anzusiedeln sind und die für den großen Einfluss Brummels und seine Bezeichnung als „Urdandy“ 2 mit verantwortlich sind? Gründe gesellschaftlicher Natur? Erschöpft sich das Phänomen Beau Brummel in seinem Kleidungsstil, oder repräsentierte er für viele seiner Zeitgenossen vielleicht mehr als ein makelloses Äußeres? Gibt es Zeichen in Brummels Erscheinung, die darauf hindeuten, dass er seine Individualität nicht unabhängig von damaligen gesellschaftlichen Tendenzen entwarf, sondern vielmehr in Abhängigkeit von diesen, auf diese durch seine Art zu sein reagierte und damit tiefer liegende Wahrnehmungsebenen ansprach als bloß den Sinn für Mode?
Hiltrud Gnüg stellt in Das Verschwinden des Dandys im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst 3 die These auf, dass der Dandy ein Phänomen des 19.
1 Virginia Woolf: Beau Brummel. In: Thomas Kastura: Dandys. München: Goldmann Verlag 2001. S. 62 f.
2 Hiltrud Gnüg: Kult der Kälte: Der klassische Dandy im Spiegel der Weltliteratur. Stuttgart: Metzler 1988. S. 9
3 in: Gnüg: Kult der Kälte. S. 313-320
- 3 -
Jahrhunderts sei, für das es im 20. Jahrhundert nicht länger die grundlegenden Möglichkeitsbedingungen gäbe. Insbesondere „das Konzept autonomer
Subjektivität“, das „die dandystischen Autoren in letzter Anstrengung noch entwickelten“ 4 und das Gnüg als Voraussetzung für Dandysmus und als „geistige Grundlage des ästhetischen Selbstentwurfs des Dandys“ 5 ansieht, sei heute (im 20. Jahrhundert) fragwürdig geworden.
Als Beleg hierfür zieht sie zwei Werke der Weltliteratur heran, in denen sich diese Entwicklung widerspiegeln würde. In Marcel Prousts A la recherche du temps perdu drücke sich ein neues Verständnis des Subjekts aus, und zwar darin, dass Prousts „ausholender Stil, der immer neue Details notiert und durch seine subtile Genauigkeit der Beobachtung [...] die beschriebenen Personen geradezu in
Wahrnehmungspartikel“ 6 auflöse. Das Subjekt erscheine in diesem Werk nicht mehr als eine fest umrissene Persönlichkeit, sondern vielmehr als ein „Ensemble flukturierender, divergierender Seelenzustände. [...] Das Ich zerfällt in die Vielzahl seiner Rollen.“ 7 Ähnliches lasse sich am Werk James Joyces ablesen: Dieses sei „die Problematisierung eines geschlossen Subjekt-Entwurfs, der freien Subjektivität“, die, nach Gnüg, „der Dandysmus gerade voraussetzte.“ 8 Obwohl in Prousts Recherche (einem Werk des beginnenden 20. Jahrhunderts) mit dem Baron de Charlus noch „ein Dandy größten Formats“ 9 auftrete, lässt „der Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse“ dessen Dandytum als „antiquiert erscheinen, rückt es in ein komisches Licht.“ Er, der Baron de Charlus oder der Dandy ganz allgemein, stelle „immer mehr eine Kuriosität dar, ein interessantes Fossil einer vergangenen Zeit.“ 10 Welche Gründe gibt es für diese Veränderung? Welche Entwicklungen stellten jenes Konzept autonomer Subjektivität in Frage, das Gnüg als notwendige Bedingung für Dandytum ausmacht?
4 ebd. S. 320
5 ebd. S. 318
6 ebd. S. 313
7 ebd. S. 313 f.
8 ebd. S. 314
9 ebd. S. 315
10 ebd. S. 315
- 4 -
Als Ursachen für den Niedergang des Dandytums und die diesen bedingenden Veränderungen im Zusammenhang mit dem Subjektbegriff zieht Gnüg mehrere, parallel laufende Entwicklungen in Betracht. Zum Einen nennt sie den Wegfall bestimmter Institutionen wie Clubs, Salons, literarischer Zirkel, ja, einer ganzen Caféhaus-Kultur, mit denen auch das Publikum verschwunden sei, das der Dandy brauche, um sich zu entfalten. Dies erscheint einleuchtend, wenn man wie z. B. Michael Müller in seinem Aufsatz A Very Stylish Boy. Der Dandy Beau Brummel als Modellfall performativ realisierter Individualität öffentliche Anerkennung als „lebensnotwendig“ 11 für den Dandy erachtet und dieser sich einen Großteil seiner Zeit in Clubs und auf Bällen und Empfängen aufhielt. Zum Anderen hätten weitaus grundlegendere Prozesse wie z. B. die „Nivellierung der Gesellschaft“ seit dem 19. Jahrhundert „in radikalem Maße zugenommen“ 12 , was zur Folge gehabt hätte, das
„alles das, was den äußeren Habitus des Dandys ausmachte - die Distinktion durch elegante Outfits, erlesene Intérieurs, exquisite Dîners, elitärer Kunstgenuß, Reisen in exotische Fernen etc. - [...] heute weitgehend ›sozialisiert‹“ wurde und den Nimbus des Besonderen verloren“ 13 habe.
Der Dandy aber habe einen „rigiden Subjektentwurf“, der sich explizit gegen „Uniformierung und utilitaristische Wertvorstellungen“ 14 richte. Nivellierung, also das Einebnen von Unterschieden bedeutet allerdings gleichzeitig auch eine gewisse Art von Uniformierung. Andererseits stellt laut Gnüg der Dandysmus auch gewissermaßen die „geistesaristokratische Antwort [...] auf die nivellierende Wirkung einer Massengesellschaft“ 15 dar; in gewisser Hinsicht ist letzterer Prozess damit also auch eine der Möglichkeitsbedingungen des Dandytums. Als wesentlichere Ursache für das Verschwinden des Dandys erscheint mir das sich im Verlauf der beginnenden Moderne auflösende Konzept autonomer
11 Michael Müller: A Very Stylish Boy. Der Dandy Beau Brummel als Modellfall performativ realisierter Individualität. In: Performativität und Ereignis. Hg. v. Erika Fischer-Lichte [u.a.]. Tübingen; Basel: Francke 2003, S. 289
12 Gnüg: Kult der Kälte. S. 316
13 ebd. S. 317
14 ebd. S. 16
15 ebd. S. 318
- 5 -
Arbeit zitieren:
Christoph Eyring, 2010, George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur: neuer Titel erschienen: George Bryan Brummel: Der „Urdandy“ und seine gesellschaftlichen Einflüsse
Christoph Eyring hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare