Die Staatsschuldenkrise als Vertrauenskrise?
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Eine vergleichende Untersuchung der Sozialkapitalentwicklung im
Verlauf der Staatsschuldenkrise anhand ausgewählter Eurostaaten.
1. Auflage im Februar 2012
© Florian Philipp Ott
Universität Duisburg-Essen
Institut für Politikwissenschaft
Bachelor-Arbeit im Studiengang BA Politikwissenschaft
Erschienen bei GRIN Verlag GmbH 2012
Benotung: 1,0
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
3
1.
Einleitung
5
2.
Die Theorie vom sozialen Kapital
10
2.1
Begriffsentwicklung und theoretischer Ursprung
11
2.2
Putnams Konzept vom Sozialkapital
13
2.2.1 Die Bildung sozialen Kapitals
14
2.2.2 Die Wirkung sozialen Kapitals
15
2.3
Dimensionen des Sozialkapitals
17
2.3.1 Formelles und informelles Sozialkapital
17
2.3.2 Sozialkapital mit hoher oder geringer Dichte
17
2.3.3 Innenorientiertes und außenorientiertes Sozialkapital
18
2.3.4 Brückenbildendes und bindendes Sozialkapital
18
2.4
Kritik an Putnams Sozialkapitalkonzept
19
3.
Das Untersuchungsdesign
21
3.1
Fragestellungen und Vergleichsobjekte
22
3.2
Zusammenhangshypothesen
24
3.3
Fallkonstruktion und Fallauswahl
25
3.4
Datengrundlage
27
3.5
Operationalisierungen
29
3.5.1 Staatsschuldenkrise
29
3.5.1 Betroffenheit von der Staatsschuldenkrise
30
3.5.2 Vertrauen in das politische System
31
3.5.4 Soziales Kapital
32
3.6
Anmerkungen zum explorativen Charakter
34
4.
Politisches Vertrauen und Staatsschuldenkrise
35
4.1
Politisches Vertrauen im Verlauf der Staatsschuldenkrise
35
4.2
Politisches Vertrauen und Art der Krisenbetroffenheit
38
4.3
Politisches Vertrauen und Stärke der Krisenbetroffenheit
40
4.4
Zwischenbetrachtung
43
5.
Politisches Vertrauen und soziales Kapital
44
5.1
Generalisiertes Vertrauen und politisches Vertrauen
45
5.2
Soziale Netzwerke und politisches Vertrauen
48
5.2.1 Einbindung in informelle Netzwerke
48
5.2.2 Einbindung in formelle horizontale Netzwerke
51
5.2.1 Einbindung in formelle vertikale Netzwerke
54
5.3
Zwischenbetrachtung
57
6.
Fazit
58
Tabellen- und Darstellungsverzeichnis
67
Literatur- und Quellenverzeichnis
68
1. Einleitung
Mit dem Antrag auf Gläubigerschutz nach Chapter 11 des amerikanischen Insolvenz-
rechts durch die US-Investmentbank Lehman Brothers, fand die internationale Fi-
nanzkrise am 15. September 2008 ihren symbolträchtigen Höhepunkt. Der Konkurs
war unausweichlich geworden, nachdem die US-Regierung der Bank dringend benö-
tigte Liquiditätshilfen verweigert hatte, die zur Aufrechterhaltung der Geschäfte nö-
tig gewesen wären. In der Folge kam es zu einem massiven Vertrauensverlust inner-
halb des Finanzsystems, was wiederum zum faktischen Zusammenbruch des interna-
tionalen Interbankenhandels führte. Schon wenige Tage nach der Lehman-Pleite
mussten mit Goldman Sachs, Morgan Stanley und Merryll Lynch auch die verbliebe-
nen Investmentbanken ihren rechtlichen Sonderstatus aufgeben. Das Trennbanken-
system der Vereinigten Staaten war kollabiert. Einzig die staatlichen Zentralbanken
konnten noch für die Refinanzierung der international größten Geldhäuser sorgen.
1
Damit hatte die Krise zum ersten Mal ihr Gesicht dramatisch verändert: War in
den Monaten zuvor noch von einer reinen Subprime-Krise die Rede gewesen, die auf
steigende Ausfallraten im Geschäft mit Wohnungsbaudarlehen und sinkende Immo-
bilienpreise zurückging, war nunmehr klar, dass es um eine systemweite Krise der
internationalen Finanzmärkte ging.
2
Doch diese Wendung sollte keinesfalls die einzi-
ge bleiben. Schon kurz nach der Insolvenz von Lehman Brothers wurde deutlich,
dass die Auswirkungen der Finanzkrise nicht auf das Finanzsystem beschränkt blei-
ben würden. Vielmehr zeichneten sich erste Symptome einer weltweiten Wirtschafts-
krise ab, die durch die starke Irritation des Finanzsystems ausgelöst wurde. So be-
fand sich beispielsweise Deutschland bereits 2009 in der stärksten Rezession seit der
Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Auch in vielen anderen Staaten wendete
sich die Finanz- zu einer ausgewachsenen Wirtschaftskrise. Das wiederum veranlass-
te zahlreiche Regierungen dazu, groß angelegte aber zumeist schuldenfinanzierte
Konjunkturprogramme aufzulegen, um den Wirtschaftseinbruch abzumildern.
3
1
Vgl. Rudolph, Bernd: Die internationale Finanzkrise. Ursachen, Treiber, Veränderungsbedarf und
Reformansätze, in: Zeitschrift für Unternehmens- und Gesellschaftsrecht, Heft 1/2010,
S. 22 ff
2
Vgl. Rudolph: Die internationale Finanzkrise,
S. 6 ff
3
Vgl. Roos, Michael W. M.: Die deutsche Fiskalpolitik während der Wirtschaftskrise 2008/2009, in:
Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Heft 4/2009,
S. 389 ff
Einleitung
5
Nicht nur, aber auch deswegen kam es zum dritten und bisher letzten Wandel des
Krisenzustands: Nachdem der ökonomische Einbruch in einigen Staaten bereits
überwunden schien, wurde die Last der durch die Konjunkturprogramme noch weiter
gestiegenen Staatsverschuldung andernorts immer präsenter. Die ursprüngliche Sub-
prime-Krise, die zur Finanz- und dann zur Wirtschaftskrise geworden war, entwickel-
te sich nun zu einer Staatsschuldenkrise. Bis heute sind davon insbesondere die süd-
europäischen Länder der Eurozone betroffen, die große Probleme haben, sich an den
Finanzmärkten zu refinanzieren. Die nordeuropäischen Staaten der Eurozone spüren
die Folgen der Schuldenkrise bisher hingegen eher indirekt, da sie sich selbst noch zu
gewohnten Konditionen mit Krediten versorgen können, aber gleichzeitig über Ret-
tungspakete für die Probleme der südlichen Eurostaaten mit einstehen müssen.
4
Obwohl die dargestellte Krisenverkettung unterschiedliche Staaten unterschied-
lich stark betrifft, besteht kein Zweifel daran, dass sich alle Länder der Europäischen
Union seit 2008 in einem permanenten, wenn auch differenzierten Krisenzustand be-
finden. Dessen ökonomische und finanzielle Ausprägungen werden von den natio-
nalstaatlichen Öffentlichkeiten ebenso kritisch beobachtet, wie die politischen Maß-
nahmen, die zur Lösung der jeweils aktuellen Krisensituation vorgeschlagen werden.
In der medialen Diskussion werden die Stimmen, die die Schuld für den Krisenzu-
stand nicht nur im internationalen Finanzsystem, sondern wahlweise auch bei der
europäischen oder der nationalen Politik suchen, immer häufiger. Nicht selten wird
dabei die These vertreten, dass die Menschen durch die Krise das Vertrauen in die
Politik rapide verloren hätten. So titelte Die Welt beispielsweise am 15. August 2011
,,Das Vertrauen schwindet" und resümierte: ,,Es gibt eine Krise der Staatsschulden in
Europa, und selbst Deutschland, das noch am besten dasteht, ist nicht ohne Fehl. Vor
allem aber gibt es eine Krise des Vertrauens nicht nur in die gemeinsame Währung,
sondern noch mehr in die Fähigkeit der Politiker, durch die Krise zu steuern."
5
Im Herbst 2008, also kurz nach der Lehman-Pleite, hofften zumindest die poli-
tisch Handelnden noch eine andere Entwicklung zu erkennen. So erklärte Bundes-
kanzlerin Angela Merkel am 14. November 2008 in der Süddeutschen Zeitung: ,,Ich
4
Vgl. Heise, Michael: Notwendigkeit und Ausgestaltung makroökonomischer Überwachung im Euro-
raum, in: Wirtschaftsdienst, Heft 1/2011,
S. 1 f
5
Stürmer, Michael: Das Vertrauen schwindet, in: Die Welt, vom 15. August 2011, S. 3
Einleitung
6
finde es ist eine beruhigende Erfahrung, dass die Politik in einer konkreten Krisen-
situation entschlossen reagiert und verantwortlich gehandelt hat. Der Staat hat sich
als die letzte Institution erwiesen, die handeln konnte, um den Bürgern und den Un-
ternehmen Sicherheit zu geben und Vertrauen zurückzugewinnen."
6
Zwei Jahre spä-
ter, im März 2010, ging Merkel noch weiter und forderte mit klaren Worten: ,,Es
muss das Primat der Politik über die Finanzmärkte geben. Das ist unser Anspruch."
7
Doch während die Politik selbst offenbar noch großes Vertrauen in ihre eigene
Gestaltungskraft hatte, war die Bevölkerung bereits deutlich skeptischer. Nach der
Veröffentlichung einer Studie der Bertelsmann Stiftung zu den mittel- und langfristi-
gen Auswirkungen der Finanzkrise, titelte beispielsweise die Welt am Sonntag vom
27. Dezember 2009: ,,Vertrauen können die Deutschen nur noch sich selbst und der
Familie." Untermauert wurde dieses Fazit von Umfrageergebnissen, nach denen da-
mals rund 70 Prozent der Deutschen weder Politik noch Wirtschaft trauten. Knapp 50
Prozent der Befragten zweifelten sogar offen an der repräsentativen Demokratie. Ein
Vertrauensdefizit, das zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg derart groß gewesen war.
8
Vor dem Hintergrund derartiger Veröffentlichungen stellt sich die Frage, ob das
Vertrauen der europäischen Bevölkerung in die politischen Institutionen während der
Krise tatsächlich gesunken ist und wenn ja, was dies für die nationalstaatlichen Ge-
sellschaften bedeutet. Zumindest der politikwissenschaftlichen Theorie nach liegt der
Verdacht nämlich nahe, dass sinkendes Vertrauen in das politische System mit spezi-
fischen Auswirkungen für das gesellschaftliche Zusammenleben verbunden ist. Diese
Vermutung geht auf die kontrovers diskutierte Theorie des Sozialkapitals zurück, die
der amerikanische Politologe Robert David Putnam mit seinem 1993 veröffentlichten
Werk Making Democracy Work in die akademische Debatte einbrachte.
Das Vertrauen in das politische System basiert Putnams Theorie nach auf sozia-
lem Kapital, das in formellen und informellen sozialen Netzwerken zivilen Engage-
ments entsteht. Innerhalb dieser Netzwerke treten Menschen in regelmäßigen Kon-
6
Fried, Nico et al.: Es darf keine blinden Flecken mehr geben, in: Süddeutsche Zeitung, vom 14. No-
vember 2008, S. 6
7
Zeise, Lucas.: Merkels denkwürdige Wende, in: Financial Times Deutschland, vom 16. März 2010,
S. 24
8
Vgl. Meyer, Simone: Vertrauen können die Deutschen nur noch sich selbst und der Familie, in: Welt
am Sonntag, vom 27. Dezember 2009
Einleitung
7
takt miteinander und entwickeln so gegenseitiges Vertrauen. Mit der Zeit wird aus
diesem spezifischen Vertrauen zu bestimmten Personen ein generalisiertes, interper-
sonelles Vertrauen zu Menschen im Allgemeinen. Dieses, in sozialen Organisationen
entstandene allgemeine Vertrauen, macht für Putnam den Kern seiner Sozialka-
pitaltheorie aus. Es steht dem politischen System als Ressource zur Verfügung und
senkt dadurch die Kosten für die Durchsetzung politischer Entscheidungen.
9
Wenn nun jedoch das Vertrauen in das politische System durch die Einbindung
von Menschen in soziale Netzwerke entsteht, müsste nach Putnam ein Rückgang des
Systemvertrauens im Umkehrschluss mit einer geringeren Einbindung der Bevölke-
rung in soziale Netzwerke einhergehen. Stimmt also die öffentlich so häufig ange-
führte These, dass die europäische Bevölkerung in der aktuellen Krisensituation ihr
Vertrauen in die Politik weitgehend verloren hat, so müsste die Netzwerkeinbindung
der Bevölkerung parallel dazu und empirisch nachweisbar zurückgegangen sein.
Diese Überlegungen sind Ausgangspunkt und Fragestellung der vorliegenden
Bachelorarbeit. Anhand von aktuellen Umfragedaten des Eurobarometers und vor
dem Hintergrund von Robert David Putnams Sozialkapitaltheorie, soll erstens ver-
gleichend geprüft werden, ob das Vertrauen der Bevölkerungen ausgewählter Euro-
staaten in die politischen Institutionen während der Staatsschuldenkrise tatsächlich
gesunken ist. Ergänzend dazu soll zweitens der Frage nachgegangen werden, ob Art
und Stärke der Krisenbetroffenheit eines Landes Auswirkungen auf den Umfang des
Vertrauensverlustes in das politische System haben. Drittens soll dann festgestellt
werden, ob ein Rückgang des Systemvertrauens tatsächlich mit einem Verlust von
sozialem Kapital etwa mit einem Rückgang der Einbindung in formelle und infor-
melle Netzwerke verbunden ist, wie es die Sozialkapitaltheorie nahe legt.
Die Beschränkung auf die Staatsschuldenkrise ist notwenig, da nur das Euroba-
rometer und auch nur für den Zeitraum zwischen 2009 und 2010 vergleichbare Um-
fragedaten zur Verfügung stellt, anhand derer soziales Kapital einigermaßen valide
operationalisiert werden kann. Da die Staatsschuldenkrise jedoch noch stärker als die
vorhergegangenen Krisenphasen den Fokus der Öffentlichkeit auf die Politik gelenkt
hat, muss diese Einschränkung nicht unbedingt von Nachteil sein. Dennoch ist klar,
dass die vorliegende Studie deshalb und aufgrund des Problems, dass das Eurobaro-
9
Vgl. Pickel, Gert & Pickel, Susanne: Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe,
Theorien, Methoden. Eine Einführung, Wiesbaden 2006, S. 140 ff
Einleitung
8
meter kein Survey ist, zu dessen genuinen Zielen die regelmäßige Erhebung von so-
zialem Kapital innerhalb der Europäischen Union gehört, lediglich explorativen Cha-
rakter haben kann. Eine umfangreichere Untersuchung erscheint derzeit jedoch noch
nicht möglich, da Daten aus dem Krisenzeitraum bisher von keinem der großen Sur-
veys, die Indikatoren zum Sozialkapital erheben, zur Verfügung gestellt werden.
Gleichwohl bietet diese Beschränkung auch analytische Vorteile. So kristallisier-
ten sich erst während der Staatsschuldenkrise mit Portugal, Italien, Irland, Griechen-
land und Spanien die sogenannten PIIGS-Staaten der Eurozone heraus, die durch ih-
ren hohen Schuldenstand relativ direkt von Finanzproblemen betroffen sind.
10
Ihnen
stehen mit Deutschland, Finnland, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden und
Österreich sechs Eurostaaten gegenüber, die an den Finanzmärkten von den Ratinga-
genturen mit der Bestnote Triple-A bewertet werden.
11
Sie sind von der Staatsschul-
denkrise nur indirekt betroffen und können sich relativ problemlos refinanzieren.
Diese beiden, sich im Allgemeinen sehr ähnlichen Staatengruppen der Eurozone
sind es, die aufgrund der Unterschiede ihrer Krisenbetroffenheit für die vorliegende
Analyse herangezogen werden. Warum eine solche Fallauswahl methodisch sinnvoll
erscheint, wie das exakte Untersuchungsdesign angelegt ist und auf welchem Wege
soziales Kapital anhand der Umfragedaten des Eurobarometers operationalisiert wer-
den kann, wird in Kapitel drei erläutert. Kapitel zwei gibt zuvor einen detaillierten
Einblick in Putnams Sozialkapitaltheorie sowie die daran anknüpfende akademische
Debatte. Außerdem stellt es die unterschiedlichen Formen und Dimensionen sozialen
Kapitals dar, die theoretisch denkbar oder empirisch nachweisbar sind. Kapitel vier
untersucht zu Beginn der empirischen Analyse den theoretisch vermuteten Zusam-
menhang zwischen der Krisenbetroffenheit sowie dem Vertrauen in das politische
System. Kapitel fünf betrachtet im Anschluss daran die Beziehung zwischen dem po-
litischen Vertrauen sowie den unterschiedlichen Dimensionen sozialen Kapitals. Ka-
pitel sechs fasst dann zum Abschluss noch einmal die zuvor gewonnenen Erkenntnis-
se zusammen, bezieht sie auf Putnams Sozialkapitaltheorie und unterzieht sie einer
kritischen Betrachtung aus methodischer sowie theoretischer Perspektive.
10
Vgl. Schlag, Carsten-Henning: Konjunktur- und Wachstumsanalyse für das Fürstentum Licht-
enstein. Verhaltene Dynamik der Liechtensteiner Wirtschaft, Vaduz 2011, S. 13 ff
11
Vgl. Tagesschau: Ratings im Überblick, Wie kreditwürdig sind welche Staaten?, in: tagesschau.de
(http://www.tagesschau.de/wirtschaft/ratings102.html), eingesehen am 16. August 2011
Einleitung
9
2. Die Theorie vom sozialen Kapital
,,Im Mittelpunkt der Theorie des Sozialkapitals steht ein außerordentlich schlichter
Gedanke: Soziale Netzwerke rufen Wirkungen hervor."
12
Zu dieser Erkenntnis ge-
langten die verschiedensten Wissenschaftler im Laufe der Geschichte immer wieder
aus den unterschiedlichsten Perspektiven. So betonte der französische Politikwissen-
schaftler Alexis de Tocqueville in seinem Werk Über die Demokratie in Amerika be-
reits 1835 die Bedeutung von informellen Netzwerken bei der Entstehung von Soli-
daritäts- und Reziprozitätsnormen. Er war fest davon überzeugt, dass in der Demo-
kratie kein Bürger Aussicht auf ein öffentliches Amt hat, wenn er sich nicht bei sei-
nen Nachbarn und Nächsten durch regelmäßige Gefälligkeiten und Hilfsdienste ei-
nen Ruf der Uneigennützigkeit erwirbt. Da in der Demokratie zahlreiche Positionen
durch Wahl besetzt werden und sich gleichzeitig viele Menschen wünschen gewählt
zu werden, sorge eine demokratische Struktur sowohl für Netzwerkbildung, als auch
für ein gesteigertes Interesse der Menschen am Wohlergehen ihrer Mitbürger.
13
Diese grundsätzlich positive Vorstellung von den Effekten sozialer Netzwerke ist
auch in Robert David Putnams Sozialkapitaltheorie zu finden. In der Tradition von
Tocqueville stehend, grenzt er sich damit von anderen Vorstellungen zum Sozialkapi-
tal ab, die hauptsächlich durch Pierre Bourdieu geprägt wurden. Anders als Putnam
geht Bourdieu davon aus, dass Sozialkapital nicht die gesellschaftliche Integration
fördert, sondern vor allem mit Exklusion einhergeht. ,,Durch Vernetzungen in ,exklu-
siven` Organisationen wird aus dieser Perspektive Sozialkapital gebildet, welches die
Desintegration fördert und für die Reproduktion sozialer Ungleichheit sorgt."
14
Bereits an diesen zwei Beispielen wird deutlich, dass der Sozialkapitalbegriff in
unterschiedlichen Kontexten verwendet wird und seine Bedeutung dadurch teils
mehrdeutig ist. Daher soll im Folgenden seine Entwicklung skizziert werden. Im An-
schluss daran wird Putnams Sozialkapitaltheorie dann ausführlicher dargestellt.
12
Putnam, Robert D. & Goss, Kristin, A.: Einleitung, in: Putnam, Robert [Hrsg.]: Gesellschaft und
Gemeinsinn, Gütersloh 2001, S. 20
13
Vgl. Tocqueville, Alexis de: Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 2006, S. 242 ff
14
Berger, Maria et al.: Einleitung: Integration, Zivilgesellschaft und Sozialkapital, in: Berger, Maria et
al. [Hrsg.]: Zivilgesellschaft und Sozialkapital. Herausforderungen politischer und sozialer In-
tegration, Wiesbaden 2004, S. 9
Die Theorie vom sozialen Kapital
10
2.1
Begriffsentwicklung und theoretischer Ursprung
Obwohl bereits Tocqueville auf die positiven Auswirkungen sozialer Netzwerke für
die Zivilgesellschaft aufmerksam gemacht hatte, dauerte es noch mehr als 80 Jahre,
bis der Begriff des Sozialkapitals erstmals in der wissenschaftlichen Literatur ver-
wendet wurde.
15
Im Jahre 1916 verfasste der amerikanische Pädagoge Lydia Judson
Hanifan einen Aufsatz über die Entwicklung sozialen Kapitals in einem ländlichen
Schulbezirk von West Virginia. Darin definierte er soziales Kapital als ,,[...] that in
life that tends to make these tangible substances count for most in the daily lives of a
[sic!] people, namely, goodwill, fellowship, mutual sympathy and social intercourse
among a group of individuals and families who make up a social unit [...]."
16
So ge-
artetes soziales Kapital entsteht laut Hanifan durch den zwischenmenschlichen Kon-
takt einzelner, beispielsweise innerhalb einer Nachbarschaft. Gleichzeitig wohnt ihm
eine gesellschaftliche Dimension inne: So hat die Akkumulation von Einzelbezie-
hungen in der Regel auch Auswirkungen auf die Gemeinschaft, indem sie zur Ver-
besserung ihrer Lebensumstände beiträgt. ,,The community as a whole will benefit
by the cooperation of all its parts, while the individual will find in his associations
the advantages of the help, the sympathy and the fellowship of his neighbors."
17
Hanifans Definition vom Sozialkapital ähnelt den heute vertretenen Ansätzen in
zahlreichen Punkten. Trotzdem konnte sich der Begriff vorerst nicht durchsetzen und
verschwand wieder aus der wissenschaftlichen Diskussion. Zwischen 1950 und 1990
wurde er dann in den unterschiedlichsten Disziplinen und mit unterschiedlichen In-
terpretationen wieder entdeckt. So sprachen Soziologen, Politologen, Psychologen,
Kriminologen, Ökonomen und sogar Architekten in den mannigfaltigsten Zusam-
menhängen vom sozialen Kapital. Zu den wichtigsten Wiederentdeckern gehörten
die Soziologen John Seely und James Coleman, die Urbanistin Jane Jacobs sowie
der Ökonom Ekkehart Schlicht. Sie alle betonten den potentiellen Mehrwert sozialer
Netzwerke für eine Gesellschaft. Der Ökonom Glenn C. Loury war hingegen wie
Pierre Bourdieu eher von den negativen Effekten des Sozialkapitals überzeugt.
18
15
Vgl. Putnam & Goss: Einleitung, S. 16 f
16
Hanifan, Lydia Judson: The Rural School Community Center, in: The Annals of the American Aca-
demy of Political and Social Sciences, Nr. 67/1916, S. 130
17
Hanifan: The Rural School Community Center, S. 130 f
18
Vgl. Putnam & Goss: Einleitung, S. 17 ff
Die Theorie vom sozialen Kapital
11
Neben Coleman, der die Terminologie des Sozialkapitals in den 1980er Jahren
prägte, verhalf in jüngster Zeit der Harvard-Politologe Robert David Putnam dem
Begriff zum endgültigen Durchbruch. In seiner viel beachteten Monographie Making
Democracy Work stellte er 1993 einen Zusammenhang zwischen der unterschiedli-
chen Performanz von Regionalregierungen in Nord- und Süditalien sowie dem regi-
onalen Bestand an sozialem Kapital her. Mit seiner spezifischen Sozialkapitaltheorie
knüpfte er dabei an den republikanischen Strang der Diskussion um die Zivil- bzw.
Bürgergesellschaft an, der wiederum in der Tradition von Autoren wie Montesquieu,
Walzer und Tocqueville steht.
19
Damit verbunden ist eine normative Gesellschafts-
vorstellung, die sich klar vom liberalen Konzepten der Zivilgesellschaft unterschei-
det. So ist es für den republikanischen Ansatz charakteristisch, dass er anders als
liberale Theorien nicht von ursprünglich unpolitischen Bereichen innerhalb der Zi-
vilgesellschaft ausgeht, sondern jeder gesellschaftlichen Assoziation politischen Cha-
rakter zuschreibt.
20
Zwar gibt es auch hier ,,[...] unabhängige Vereinigungsformen,
aber ihre Bedeutung liegt nicht in der Bildung einer unpolitischen gesellschaftlichen
Sphäre, vielmehr bilden sie die Grundlage für eine Diversifizierung von Macht."
21
Putnams Studie war so einflussreich, dass die Zahl der Publikationen zum sozia-
len Kapital in den folgenden Jahren schlagartig zunahm. So brachte die internationa-
le Forschungsliteratur zwischen 1991 und 1995 bereits 109 Titel zum Thema hervor.
Zwischen 1996 und 1999 steigerte sich die Anzahl nochmals auf mehr als 1 000.
22
Zahlreiche Autoren griffen Putnams Konzept auf und übertrugen es in die unter-
schiedlichsten Kontexte. Dadurch etablierte sich der Begriff in der Wissenschaft
endgültig. Gleichzeitig blieb er nicht unumstritten und wurde teils heftig kritisiert.
23
Putnam selbst brachte sich auch weiterhin in die Diskussion ein und veröffentlich-
te im Jahr 2000 mit Bowling Alone eine zweite Länderstudie. Diesmal über die USA.
19
Vgl. Putnam, Robert D.: Making Democracy Work. Civic Traditions in Modern Italy, New Jersey
1993, S. 86 ff
20
Vgl. Seubert, Sandra: Das Konzept des Sozialkapitals. Eine demokratietheoretische Analyse, Frank-
furt am Main 2009, S. 23 ff & S. 32 ff
21
Seubert: Das Konzept des Sozialkapitals, S. 33
22
Vgl. Putnam & Goss: Einleitung, S. 18
23
Vgl. Newton, Kenneth: Social and Political Trust in Established Democracies, in: Norris, Pippa
[Hrsg.]: Critical Citizens. Global Support for Democratic Governance, NewYork 1999, S. 179 ff
Die Theorie vom sozialen Kapital
12
2.2
Putnams Konzept vom Sozialkapital
Konstitutiv für die Idee vom sozialen Kapital ist die Annahme, dass regelmäßiger
zwischenmenschlicher Kontakt etwa mit Freunden, in der Familie oder mit Be-
kannten für das Individuum einen wichtigen Wert darstellt. Dieser Wert wird inner-
halb von sozialen Netzwerken geschaffen und ist vielseitig einsetzbar. So ist bei-
spielsweise immer wieder zu beobachten, dass sich Familienmitglieder in Krisensitu-
ationen unterstützen, dass sich Bekannte bei der Arbeitsplatzsuche behilflich sind
oder dass Freunde schlichtweg die gemeinsame Zeit genießen. Aufgrund dieser Viel-
seitigkeit sind soziale Beziehungen häufig ähnlich produktiv wie monetäres Kapital
und sollten deshalb laut Putnam ebenfalls als Kapital bezeichnet werden.
24
Doch obwohl soziales Kapital durch den Kontakt zwischen Individuen entsteht,
die jeweils ihren eigenen Nutzen verfolgen, geht Putnam wie Hanifan davon aus,
dass es nicht nur mit positiven Effekten für den Einzelnen, sondern auch mit positi-
ven Wirkungen für die Gemeinschaft verbunden ist. In diesem Zusammenhang un-
terscheidet er zwischen internen und externen Effekten sozialen Kapitals. Erstere be-
günstigen lediglich jene Personen, die dem Netzwerk, in dem soziales Kapital produ-
ziert wird, direkt angehören. Von letzteren profitieren hingegen auch Dritte, die selbst
gar nicht ins Netzwerk integriert sind. Mit Blick auf diese externen Effekte kommt
Putnam daher zu dem Schluss, dass Sozialkapital in bestimmten Fällen ein öffentli-
ches Gut darstellt, von dessen Nutzen niemand ausgeschlossen werden kann.
25
Die öffentliche bzw. gesellschaftliche Wirkung sozialen Kapitals war es auch, die
er 1993 hervorhob, als er in Making Democracy Work erstmals sein spezifisches
Konzept vom Sozialkapital genauer skizzierte. Damals definierte er: ,,Social capital
here refers to features of social organizations, such as trust, norms, and networks,
that can improve the efficiency of society by facilitating coordinated actions."
26
Orientiert an dieser Definition, lassen sich zwei zentrale Aspekte der Theorie des
sozialen Kapitals differenzieren: Einerseits die Kapitalbildung durch Netzwerke,
Normen und Vertrauen sowie andererseits die gesellschaftlichen Auswirkungen sozi-
alen Kapitals. Beides soll im Folgenden getrennt voneinander beleuchtet werden.
24
Vgl. Putnam & Goss: Einleitung, S. 19 ff
25
Vgl. Putnam & Goss: Einleitung, S. 20 ff
26
Putnam: Making Democracy Work, S. 167
Die Theorie vom sozialen Kapital
13
2.2.1 Die Bildung sozialen Kapitals
Anknüpfend an Coleman, liegt der Ursprung sozialen Kapitals für Putnam in priva-
ten Assoziationen, in die Akteure aus rationalem Nutzenkalkül eintreten. Mit Hilfe
anderer möchten sie dadurch Ziele erreichen, die ohne derartige Beziehungsstruktu-
ren gar nicht oder nur schwer erreichbar wären. Damit ein Akteur jedoch auf die Un-
terstützung eines anderen Akteurs zurückgreifen kann, muss in der Regel einer der
beiden in Vorleistung treten. Im Sinne der Reziprozität verpflichtet eine solche Vor-
leistung den anderen Akteur idealer Weise zu einer ausgleichenden Gegenleistung.
Die kann häufig jedoch erst im Nachhinein erbracht werden. Deshalb ist das Erbrin-
gen einer Vorleistung individuell nur rational, wenn sich die Akteure sicher sein kön-
nen, für ihre Leistungen später auch entsprechende Gegenleistungen zu erhalten.
27
Wie die Spieltheorie vielfach gezeigt hat, ist derartige Sicherheit für Akteure in-
nerhalb einmaliger dyadischer Beziehungen jedoch ausgeschlossen. Schließlich wäre
es für jeden Akteur individuell rational, eine Vorleistung zu erhalten, ohne selbst eine
Gegenleistung dafür zu erbringen. Gleichzeitig schadet es jedoch allen Akteuren,
wenn es aufgrund solcher Unsicherheiten gar nicht erst zu Kooperationen kommt.
Die Reduktion von Unsicherheit ist für Putnam daher der große Mehrwert sozialer
Netzwerke. Durch die regelmäßige Interaktion und Kommunikation zwischen den
Netzwerkmitgliedern, werden Informationen über die Vertrauenswürdigkeit von Per-
sonen ausgetauscht. Dadurch steigen einerseits die Kosten für all jene Akteure, die
eine erhaltene Vorleistung nicht mit einer entsprechenden Gegenleistung ausgleichen
wollen. Sie werden durch die Netzwerkmitglieder entweder dazu gebracht die Rezi-
prozitätsnormen einzuhalten oder aber aus dem Netzwerk ausgeschlossen. Anderer-
seits sinken durch Netzwerke jedoch auch die gegenseitigen Unsicherheiten für jene
Akteure, die bisher noch nicht miteinander kooperiert haben. Sie informieren sich bei
den übrigen Mitgliedern über deren bisherige Kooperationserfahrungen mit einer be-
stimmten Person. Dadurch überträgt sich das individuelle Vertrauen eines Akteurs zu
einem anderen Akteur auf alle Netzwerkmitglieder.
28
Dies geschieht nach dem Mot-
to: ,,I trust you, because I trust her and she assures me that she trusts you."
29
27
Vgl. Seubert: Das Konzept des Sozialkapitals, S. 83 ff
28
Vgl. Putnam: Making Democracy Work, S. 168 ff
29
Putnam: Making Democracy Work, S. 169
Die Theorie vom sozialen Kapital
14
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