der „im Alter … über sein vergangenes Leben anstellte.“ 10 Jedoch ist der in der „Parabel“ 11 sprechende Großvater nicht der echte Großvater des Ich-Erzählers, der allerdings nur als latentes Ich erscheint, verborgen im Nominativ des Possessivpronomens „mein“, und ansonsten ohne jegliche Konturierung bleibt. Das in dem „mein“ verborgene fiktive Ich ist natürlich nicht Franz Kafka, gleichwohl stellt Schlingmann die Genealogie Kafkas mütterlicherseits dar. Er greift dabei zurück auf die Ausführungen Klaus Wagenbachs über Kafkas „Elternhaus und Kindheit“. 12 Die Mutter des Dichters, Julie, verheiratet mit dem Kaufmann Hermann Kafka, war eine geborene Löwy. Ihr Vater hieß Jakob Löwy und starb 1910 in Prag. Dessen Vater war ein Adam Porias aus Podiebrad/ Elbe. Dieser Adam ist also Julies Großvater und Franz Kafkas Urgroßvater. Franz ist der Urenkel dieses Mannes, der in der Erinnerung seiner Enkelin Julie Löwy, verh. Kafka, ein sehr gebildeter, frommer Jude gewesen ist. 13
Diesem Vorfahren nun legt der Narrator die bekannte Wahrheit in den Mund: „Das Leben ist erstaunlich kurz.“ Ihr liegt der dem griechischen Arzt Hippokrates zugeschriebene Ausspruch „vita brevis, ars longa“ zugrunde, der uns in Goethes „Faust“ zweimal begegnet: In der Szene „Nacht“ verwendet der Famulus Wagner diesen tradierten Aphorismus (Faust, V. 558), später, in der Szene „Studierzimmer“ weist Mephistopheles mit den Worten „Doch nur vor e i n e m ist mir bang:/ Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang“ (V. 1786 f.) Faust auf die Vergeblichkeit allen Strebens hin. 14 Neu oder überraschend ist dieses sprichwörtliche Allgemeingut also nicht, interessant wird es erst dadurch, dass der Ich-Erzähler des Erzählrahmens diese Worte seinem Großvater in den Mund legt. Der Ich-Erzähler versucht gewissermaßen durch den zweiten, den großväterlichen Ich-Erzähler eine eigene Erkenntnis glaubhafter zu machen: „Ich, der Enkel, gebe heute an meine Leser/ Hörer weiter, was mein Großvater damals, als ich noch jung war, zu sagen pflegte und was ich erst jetzt zu begreifen beginne, da auch ich diese Erfahrung mache.“ 15
Von den 14 im Landarzt-Band enthaltenen Texten sind einige bei den Interpreten besonders beliebt und werden auch, wie „Auf der Galerie“ im schulischen Unterricht behandelt, andere haben weniger Aufmerksamkeit gefunden (z. B. „Besuch im Bergwerk“, „Elf Söhne“ oder „Ein Brudermord“), ausgesprochene „Forschungslücken bestehen in Bezug auf die sehr kurze Erzählung „Das nächste Dorf“ und „Ein Traum“. 16 Die drei von mir benutzten Handbücher von Binder, Engel/ Auerochs und Jagow/ Jahraus erwähnen den Text nur am Rande. Die einzige, mir vorliegende Interpretation hat Carsten Schlingmann vorgelegt. 17
Hartmut Binder hat die Raum- und Figurenkonstellation untersucht und sagt dazu: „Als Bildsymbol erscheint der unüberwindliche, dann wieder märchenhaft sich verkürzende Raum im „Nächsten Dorf“, in der „Kaiserlichen Botschaft“, im „Landarzt“ und der „Alltäglichen Verwirrung“. 18 An anderer Stelle schreibt er: „Die Rede des Großvaters erfolgt innerhalb der Familie, aber sie ist frei von ödipalem Zwang; sie stellt zwar den Versuch, mit der außerfamilialen Nachbarschaft in Berührung zu kommen, in Frage, aber sie tut es nicht mit der Autorität des Vaters, der dem Sohn das Urteil spricht.“ 19 (Diesen Gedankenanstoß Binders habe ich in meiner Untersuchung nicht weiter verfolgt.)
Das Kafka-Handbuch von Jagow/ Jahraus 20 erwähnt „Das nächste Dorf“ nur sehr kurz. In dem Kapitel „Geschichtslose Zeit und ortloser Raum“ 21 bemerkt Els Andringa lediglich, der Großvater fürchte, „dass im Rückblick das ganze Leben zu kurz ist, um nur in das nächste Dorf zu reiten.“ 22 Als weitere Beispiele für diesen Zeitbegriff nennt
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er den Affen Rotpeter in „Bericht für eine Akademie“ und das Mäus-chen in der „Kleinen Fabel“. Er führt dazu aus: „Die Beispiele, in denen die Zeit zwar eine lange Dauer hat, aber nicht ausreicht, um das erhoffte, erwartete, manchmal so nahe Ziel zu erreichen, wären noch mühelos zu vermehren. Die messbare Zeitdauer wird annulliert, Jahrtausende oder ein ganzes Leben und Niemals fallen gleichsam zusammen und sogar die unendliche Zeit löst sich augenblicklich im Nichts auf. Ewigkeit und Augenblick berühren sich in der Aufhebung.“ 22 Andringa erwähnt in diesem Zusammenhang eine Untersuchung Beda Allemanns über die eigenartige Zeitstruktur Kafkas in Anknüpfung an dessen Aphorismus „Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend.“ 23 Andringa nennt solche „paradoxen Denkstrukturen“ wie den „immerwährenden Augenblick, das ewige Niemals, das Nichtausreichen der Ewigkeit“ 22 und urteilt, diese drei Zeitangaben zeigten, dass es für Kafkas Zeitbegriff keinen linear ablaufenden Fortschritt gebe, „Anfang und Ende und Bewegung auf ein Ziel hin sind meistens abwesend. Handlungen und Bewegungen führen zu keinem Ergebnis, ein Ziel ist, wie im „Aufbruch“, oft nicht einmal vorhanden.“ 23 Andringa führt dieses Fehlen „einer zeitlichen Reihenfolge“ 23 auf die durch Martin Buber an Kafka herangetragene fernöstliche Philosophie (Tao) zurück.
Ähnlich urteilt er auch über Kafkas Räume: seine Figuren verlören häufig die „räumliche Orientierung“ und irrten „durch Gänge, an Wänden entlang, durch unbekannte Städte, in Dachböden, Archiven“, so dass „die dargestellte Welt … sowohl räumlich als auch zeitlich unlokalisierbar“ werde. 24
Der Münchener Ordinarius Oliver Jahraus führt in seiner 2006 bei Reclam erschienenen Kafka-Monographie aus: „Die Unüberwindlichkeit des Raumes und die Unmöglichkeit, das eigene Leben sinnvoll zu führen, können also prinzipiell aufeinander projiziert werden. Dies lässt sich an der markanten Struktur der nur wenige Zeilen langen Erzählung „Das nächste Dorf“ erneut ablesen. Angesichts der Unzulänglichkeit eigener Möglichkeiten bzw. auf Grund der Kürze des eigenen Lebens bleibt sogar die verhältnismäßig kurze Distanz zum nächsten Dorf unüberbrückbar.“ 25
Ich habe mich in das von Oliver Jahraus gemeinsam mit Bettina von Jagow herausgegebene Kafka-Handbuch vertieft und auch seinen Reclamband 26 über Kafka und die Literaturtheorie zu verstehen versucht; diese Reclamausgabe bietet Deutungen aus dem Blickwinkel von Hermeneutik, Strukturalismus, Rezeptionsästhetik, Sozialgeschichte der Literatur, Psychoanalyse, Gender bzw. Queer Studies, Diskursanalyse, Systemtheorie, Intertextualität und Dekonstruktion. Wenn ich Jahraus richtig verstanden habe, dann „sind Kafkas Texte weitgehend autoreflexiv, eine stete Selbstthematisierung ihrer eigenen Unverstehbarkeit.“ 27 Jahraus stellt bei fast allen von mir im Unterricht besprochenen Parabeln die Autoreflexivitätsdiagnose. In dem grünen Reclamband offenbart er sich als Anhänger der gegenwärtig wohl modernen dekonstruktivistischen Denkschule, die „aller Literatur stereotyp Autoreflexivität im Sinne einer Selbstthematisierung hermeneutischer Unauflösbarkeit unterstellt.“ 28
Der langen Rede kurzer Sinn: ich habe diese Interpretationsrichtung im Unterricht der gymnasialen Oberstufe nicht vertreten, auch wenn ich manche Anregung mit Interesse aufgenommen habe. Ansonsten habe ich mich weniger auf d e k o ns t r u k t i v i s t i s c h e, sondern mehr auf k o n s t r u k t i v e Denkanstöße gestützt.
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Ich muss gestehen, ich konnte auch mit diesem Satz Peter-André Alts in seiner Kafka-Biographie wenig anfangen: „Kafkas Gleichnis liest sich wie eine Parabel auf Einsteins Relativitätstheorie, nach der die Messung von Raum und Zeit an die externen Parameter gebunden bleibt, die man benutzt.“ 29
Nützlicher erschien mir dagegen Binders Hinweis: „Es war wohl die beiden Erzählungen gemeinsame Vorstellung vom ablaufenden Leben und von der ihr Ziel nie erreichenden Lebensfahrt, die Kafka bewogen hat, die „Kaiserliche Botschaft“ mit dem „Nächsten Dorf“ in Zusammenhang [i. e. im oben erwähnten Inhaltsverzeichnis zum Landarzt-Band] zu bringen.“ 30
Ähnlich denkt Gerhard Kurz im Nachwort zu den Erzählungen Kafkas, die er mit Michael Müller in ihren Reclamband aufgenommen hat: „Zu den wichtigsten Motiven gehören das Motiv der Lebensreise, mit den Varianten der Wanderung, des Weges, des Ausflugs und Aufbruchs, des Ritts, der Fahrt …“ 31 Als Beispiel für die Lebensreise nennt er u. a. „Schakale und Araber“, „Der Jäger Gracchus“, „Ein Landarzt“, „Eine alltägliche Verwirrung“, „Der Ausflug ins Gebirge“ und natürlich „Das nächste Dorf“.
Doch bevor ich auf das von den beiden Germanisten Binder und Kurz angesprochene Motiv eingehe, möchte ich noch einmal den Inhalt des Prosatextes erläutern.
Er ist in der Ich-Erzählform geschrieben, jedoch ist dieses Ich weniger ein erzählendes, sondern mehr ein die Ergebnisse seines Nachdenkens mitteilendes Ich. Da kein Handeln einer erzählenden oder erzählten Figur und keine figurenunabhängigen Ereignisse mitgeteilt werden, also kein fiktives Geschehen und auch keine durch Figurenrede oder Erzählerbericht konturierten Orts- oder Zeitangaben, sollte man nur mit Einschränkung von einem Erzähler reden. Trotzdem lässt sich feststellen, dass sich Kafka bei den Texten des Landarzt-Bandes, abweichend von seiner früheren Werkphase, häufiger der Ich-Erzählform bedient. Juliane Blank sieht darin ein verstärktes „literarisches Selbstbewusstsein“. 32 Sie schreibt, von den 14 Erzählungen des Bandes seien nur vier in der 3. Person vermittelt worden; allerdings weise die „persönlichere Erzählform“ des Ich nicht immer auf „persönlichere Inhalte“ hin, weil, wie im „Nächsten Dorf“, der Erzähler zwar in der ersten Person spreche, aber dieser einen „Berichterstatter“ gegenüberstelle. Kafka nehme also vermittels des Großvaters „durch einen Rückzug des Ich-Erzählers in sichere Distanz zum Geschehen eine bewusste Entindividualisierung“ vor. Zudem seien die Erzählungen des Landarzt-Bandes „Muster antirealistischen Erzählens.“ 33
Mit der Aussage „Das Leben ist erstaunlich kurz“ legt der Narrator seinem Großvater einen von keinem bestrittenen Erfahrungssatz in den Mund. In einem mehrgradigen Satzgefüge (mit Konsekutiv- und Inhaltssatz und satzwertigen Infinitiven) teilt der Großvater dann in der Ich-Form seine überraschende Erkenntnis mit. Er hat sein Leben gelebt und blickt auf die vergangenen Jahre zurück. Dabei bleibe in seiner Erinnerung sogar von der „Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens“ so wenig übrig, dass diese kurze Zeitspanne „bei weitem nicht“ für einen Ritt ins nächste Dorf hinreiche.
Dieser Gedankengang des Großvaters mutet zunächst paradox an, weil er den Erwartungen des jungen Reiters zuwiderläuft. Der Widerspruch lässt sich aber erklären, wenn man den Konsekutivsatz „dass ich zum Beispiel kaum begreife“
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Arbeit zitieren:
Gerd Berner, 2012, Franz Kafka, Das nächste Dorf - Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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