Die Bildhälfte der Fabel hat dabei die Sachhälfte zu unterstützen, d. h. die Lehre zu veranschaulichen. Es soll also nichts verrätselt werden wie bei der Allegorie. Soweit die Hauptkennzeichen der Gattungsform! (sic!) Sie mögen Brod veranlasst haben, den Text als Fabel zu überscheiben.“ 8
Die Literaturwissenschaft sieht das heute anders als in den 70er Jahren: „Die Fabel ist eine … kurze Erzählung mit lehrhafter Tendenz, in der zumeist Tiere (aber auch Pflanzen usw.) menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen verkörpern.“ 9 Das der Handlung zu entnehmende „fabula docet“ kann erscheinen als „Epimythion“ (dem Fabelende angefügt), als Promythion (vorangestellt), als in das erzählte Geschehen eingebaut oder ganz fehlen. 10 Kennzeichnend für die Fabel ist des weiteren, dass ganz bestimmte Tiere handeln, „denen jeweils konstante menschliche Eigenschaften zugeordnet werden (der schlaue Fuchs, der gierige Wolf usw.)“, und dass diese Eigenschaften von zwei dialogisierenden Tieren verkörpert werden. 10 Die Forschung ist sich heute weitgehend einig, dass die „Kleine Fabel“ „nur der Form nach eine äsopische Tierfabel“ ist 11 bzw. dass Kafka hier „mit der Form“ sehr frei umgegangen ist. 12 Die von Max Brod gesetzte Überschrift ‚Fabel’ enthält zwar die Gattungsbezeichnung, aber abweichend von den traditionellen Tierfabeln beinhaltet der Text keine Lehre, keine aufklärerische Botschaft wie die didaktischen Fabeln. Ralf Sudau spricht von der „Hintersinnigkeit des Titels“, er schreibt, „wie Büchners Märchen im „Woyzeck“ im Grunde ein Anti-Märchen darstellt, so verkörpert auch diese Kafka’sche (sic!) Fabel eher eine Anti-Fabel.“ 13
Hartmut Binder hat in dem Kapitel über Kafkas literarisches „Schaffen in den ersten Jahren der Krankheit (1917-1920)“ 14 darauf hingewiesen, dass Kafkas Beziehung zu Frauen (Milena, Felice, Julie) häufig einen „literarischen Niederschlag“ gefunden habe. 15 In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass Kafka gerne „in einer vermeintlich gesicherten Tradition“ 16 stehende Motive oder Gattungen benutzt habe, um an ihnen zu rütteln; als Beispiele nennt er Odysseus, die Sirenen und Prometheus; er zerstöre in diesen Texten die gesicherte Tradition dieser Mythen. 16 Auch die „Kleine Fabel“ sei dann eine solche Entmythologisierung, falls wir „ihr die traditionelle moralische Fabel als hier zerstörtes Modell zugrunde legen.“ 17 Oder anders formuliert: „Kafkas Bildgebrauch desorientiert das Textsorten betreffende Vorwissen, das den Erwartungshorizont (…) des Lesers und damit die Formen seiner Bildauflösung bestimmt. … Das Zentralbild der „Kleinen Fabel“ widerspricht den Auflösungsanweisungen der Fabel.“ 18 Der Leser scheitere hier mit seinem auf eine Textsorte bezogenen Rezeptionsverhalten, er werde enttäuscht und irritiert. Gestützt auf Karlheinz Fingerhuts Aussage, „Kafkas „Kleine Fabel“ [sei] „keine Fabel, sondern eine Parabel“ 19 , habe ich den Text im Unterricht der Oberstufe meinen Schülern als Parabel vorgestellt. Für dieses Vorgehen hätte ich auch Ralf Sudau bemühen können, denn er konstatiert ohne lange Umschweife: „Die kleine Anti-Fabel ist Kafkas kleinste Parabel.“ 20 Den Umweg über die Diskussion einer Gattungsbestimmung hätte ich im Unterricht auch deshalb nicht eingeschlagen, weil meine Lerngruppe (Leistungskurs) natürlich Reclams blaue Reihe „Literaturwissen“ kennt. Carsten Schlingmann hält sich da auch nicht lange bei einer Fabelvermutung auf, sondern sagt für seinen Leserkreis klipp und klar, die „Kleine Fabel“ sei keine Fabel, sondern „ihre Radikalität und Struktur verweisen sie in den Zusammenhang der übrigen parabolischen Tiererzählungen, in denen es nicht um Lebensklugheit, sondern um existentielle menschliche Probleme geht.“ 21
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Wir haben daher im Unterricht zunächst den Parabeltext analysiert. Er beginnt mit einer Interjektion, die Schmerz, Kummer, Leid, Klage oder Bedauern ausdrückt: „Ach“, sagte die Maus.“ Damit gibt sie (narratologisch müsste ich von einem Ich-Erzähler sprechen, doch das klänge hier komisch; ich habe diesen Terminus der erzählten Wirklichkeit im Unterricht vermieden) ihre seelische Empfindung preis, und im gleichen Satz, sofern man das Ach nicht als Interjektionalsatz auffasst, nennt sie als Grund für ihren beklagenswerten Zustand das sie bedrohende tägliche Enger-Werden der Welt. Sie blickt dann zurück. Das temporale Adverb „zuerst“ (hier als adverbiale Bestimmung gebraucht) leitet dann den zweiten langen Satz ein, der zugleich der letzte der Mausrede ist. Der Rückblick der Maus auf ihr Leben vor dem „Jetzt“ ist erkennbar am Tempuswechsel und reicht von der ersten Verbform im Präteritum „war“ bis zu dem präteritalen „sah“ als Prädikatskern des dass-Satzes. Der ist grammatisch gesehen ein Inhaltssatz, nennt aber hier den Grund für ihr Glücksgefühl. Am Anfang ihres Lebens verstört sie die Breite der Welt, sie ist orientierungslos, weil sie sich noch keinen Überblick über den ihr nicht vertrauten Lebensbereich verschafft hat, der ihr unendliche viele, sie aber auch beängstigende Möglichkeiten bietet.
Von der scheinbaren Unbegrenztheit ihrer kleinen Welt wird sie daher in Angst versetzt. Sie versucht dem Bedrohlichen ihrer Mauswelt zu entkommen und läuft „weiter“. Das ursprüngliche Adverb weiter bezeichnet in Zusammensetzungen mit Verben die Fortdauer einer Bewegung; wenn die Maus also weiterläuft, setzt sie ihr Laufen nach einer Unterbrechung fort: sie läuft wieder vorwärts. 22 Über den kurzen Moment des Innehaltens vor dem Weiterlaufen sagt die Maus nichts. Wir erfahren nicht, ob sie diesen Augenblick zum Überlegen genutzt hat, denn anscheinend kopflos setzt sie, von Angst getrieben und von Hoffnungslosigkeit erfüllt, ihren Lauf fort. Der scheint sie in einen „glücklich[en]“ Zustand zu führen. Worin dieses Glück besteht, wird in dem dass-Satz gesagt, den ich hier kausal deute (weil sie die Mauern sieht).
„Die zu Beginn ihres Lebens orientierungslose Maus, die durch die scheinbare Unbegrenztheit und Konturlosigkeit der Welt - man könnte auch sagen, durch die Freiheit, die sie in ihr genießt - in Angst versetzt wird, nimmt also mit Erleichterung Grenzen wahr, die ihrem Lebenslauf eine Richtung zu geben scheinen, und lässt sich dadurch verlocken, sich in diese Art von Kanal, der durch die rechts und links aufragenden Mauern gebildet wird, hineinzuflüchten.“ 23 „Endlich“ sieht die Maus also eine Rettung. Das emotionale Adverb „bezeichnet das Ende einer als lang empfundenen Wartezeit.“ 24 Die lang ertragene Unbegrenztheit der Welt hatte die Maus geängstigt, die „in der Ferne“ sichtbare Begrenzung durch die Mauern scheinen sie von dieser Angst befreien zu können. Die Maus übersieht allerdings, dass der beglückende Vorteil der Begrenzung durch Mauern rechts und links nur so lange währt, wie die Mauern bloß „in der Ferne“ zu sehen sind, ihr also noch ein Spielraum oder eine Wahlmöglichkeit bleibt. Mit dem adversativen „aber“ ist die Maus nach ihrem Rückblick in die Vergangenheit wieder in der Gegenwart der „mit jedem Tag“ enger werdenden Welt angekommen. Auch der Tempuswechsel vom Präteritum (war, hatte, lief, sah) zum Präsens (eilen, bin, steht) zeigt eine Wendung zum Nicht-mehr-glücklich-Sein an. Auf eine weitere Veränderung hat Michael Müller hingewiesen. In einer anderen Fassung der „Kleinen Fabel“ heißt es: „dann lief ich weiter, da stiegen schon rechts und links in der Ferne Mauern auf, und jetzt - es ist noch gar nicht lange her, seitdem ich zu
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laufen angefangen habe - bin ich schon …“ 25 Kafka hat so eine frühere Variante korrigiert, die so lautete: „… weiter, da sah ich rechts und links in der Ferne langsam Mauern aufsteigen, jetzt bin ich schon …“ Müller bemerkt dazu, diese Korrektur vermöge „dem Leser einen Eindruck davon zu vermitteln, mit welch rasender Geschwindigkeit die Maus ihr Leben durchläuft.“ 26
Ich möchte noch auf einen anderen Umstand hinweisen. Die Prädikatskerne „lief“ und „sah“ gehören zu den sog. Tätigkeitsverben, mit denen ausgedrückt wird, dass „jd. etwas tut, […] es wird ein Tun bezeichnet, das beim Subjekt Tätigsein, Aktivität voraussetzt.“ 27 Außerdem ist das Genus verbi der beiden Verben das Aktiv, d. h. beim Laufen und Sehen ist die Maus noch Urheber des Geschehens, sie handelt noch. Nach dem „aber“ jedoch vollzieht sich eine Wendung; „diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu“ - Subjekt ist von da an nicht mehr die Maus, sondern die toten langen Mauern sind anthropomorphisiert und infolge der Personifikation aktiv tätig, so dass die Maus passiv etwas erleidet. Die
perspektivisch erst am Horizont zusammenlaufenden Parallelen der langen Mauern erlebt die Maus als wörtlich genommene Sinnestäuschung so bedrohlich, dass sie sich von ihnen in die Zange genommen glaubt, dass sie ihr jeden Ausweg versperren und ihr nur noch die Fortbewegung auf das „zu“ lassen. Deren Vollzug offenbart der Konsekutivsatz „dass ich schon im letzten Zimmer bin.“ Das Adverb „schon“ drückt aus, dass ihr (gedankenloser?) Lauf sie früher und schneller als erwartet und vorausgesehen in diesen Raum geführt hat, die adverbiale Bestimmung beinhaltet aber auch ein „Unbehagen“ 28 , welches verständlich ist, weil die beiden präpositionalen Adverbiale „im letzten Zimmer“ und „im Winkel“ erneut die perspektivische Engsicht der Maus zeigen und in ihrer Abfolge auf das Subjekt des letzten Hauptsatzes der Mausrede zulaufen: „dort im Winkel steht die Falle.“ Die Endstellung dieses Subjekts verstärkt die Todesahnung der Maus. Zudem ist das Maus-Ich syntaktisch der „Falle“ auch noch in einem attribuierten Relativsatz unter-geordnet, dessen Prädikatskern „laufe“ zwar im Präsens steht, aber futurisch verstanden werden muss: „in die ich laufen werde“ - es gibt also keinen Ausweg für die Maus.
Mit dieser unausweichlichen Gewissheit des Todes beim Zuschnappen der Falle könnte die „auf allerengsten Raum zusammengedrängte[n] Biographie“ 29 der Maus enden. Doch im Text folgt ein Gedankenstrich und danach überraschend die Anrede einer Katze an die auf die Falle zulaufende Maus: „Du musst nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie.“
Am Ende ist die Maus tot. Darin sind sich alle Interpreten einig. Keine Übereinstimmung gibt es dagegen bei der Beurteilung der Redeformen - die „Kleine Fabel“ hat „besonders krass kontrastierende Interpretationen gezeitigt.“ 30 Die beiden Inquit-Formen weisen das von der Maus und der Katze Gesagte jeweils als direkte Rede aus. Einige Interpreten haben daher die erste wörtliche Rede als Monolog der Maus und die gesprochenen Reden beider als Dialog bezeichnet. Ein Monolog (griechisch: hò lógos: Rede, mónos: allein) ist im Gegensatz zum Dialog (griechisch: hò diálogos: Gespräch) kein Wechsel- oder Zwie-, sondern ein Selbstgespräch, eine Ichaussprache, die Gefühle offenbart, über Situationen und Handlungen reflektiert u. v. m. 31
Doderer spricht von einem „kurzen Dialog“ 32 , einer „Wechselrede“ 32 und nennt die Katze den „Gesprächspartner der Maus.“ 33 Müller hingegen denkt, „die Katze, an die die Maus ihre Klage richtet, tritt erst ganz am Schluss unvermutet ins Blickfeld des
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Arbeit zitieren:
M.A. Gerd Berner, 2012, Franz Kafka, Kleine Fabel - Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag GmbH
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